Schwarz, innen.

Ich kannte weder Chester Bennington noch Chris Cornell persönlich, aber dass sie nun tot sind, wie sie gestorben sind, macht mich extrem unglücklich. Ich kannte und mochte die frühen Texte von Linkin Park, diese brachialen, plakativen, als teenage angst belächelten Songs, die sie machten, bevor der große Hype sie in eine ganz andere Richtung führte und ich mir die Musik nicht mehr antun konnte. Ich mochte bestimmte frühe Soundgarden-Songs besonders gern, so gern, dass ich mir die Texte abschrieb und an die Wand hängte, in jungen Jahren macht man so etwas, und ich hatte schon immer diesen Hang zum Düsteren und Schwarzen, zur Melancholie und zur tiefen Verzweiflung. Ich glaubte, in diesen Texten etwas von mir zu erkennen. Jetzt sind diese beiden Musiker tot, nachdem sie jahrzehntelang dieselbe Krankheit mit sich herumschleppten wie ich, und ich frage mich, wie ich damit umgehen soll. Warum? Weil es mir wieder zeigt, wie hinterhältig diese Krankheit ist, und dass man sie nicht so einfach loswird.

Nicht-Betroffene äußern gern mal – und das ist kein Vorwurf – in ihrer Rat- und Verständnislosigkeit Dinge wie: Aber der/die hatte doch alles. Talent. Erfolg. Familie. Geld. Es gab doch gar keinen Grund …

Genau da liegt das große Missverständnis, weshalb sich viele so schwertun, eine Depression wenigstens annähernd zu begreifen: Es gibt keinen äußeren Grund. Es gibt eine Hirnchemie, die nicht das tut, was sie tun sollte. Hormone, die in die falsche Richtung flitzen. Manchmal werden solche Zustände von außen verstärkt, aber diese Verstärker sind nicht die Gründe für die Krankheit.

Die Behandlung ist auch nicht supereinfach. Therapien? Kommen bei allen Patient*innen sehr unterschiedlich an, und erstmal Therapeut*innen zu finden, die zu einem passen – schwer genug. Wegtherapieren geht bei depressiven Verstimmungen und gewissen Verlaufsformen, aber dann gibt es Formen, die bleiben einfach ein Leben lang. In unterschiedlichen Auswüchsen. So eine Depression, die ist dann nun mal da. Die geht mit einem spazieren, die legt sich mit einem ins Bett, die geht mit ins Kino und auf die Party und zur Arbeit, wie so eine Wolke schwebt sie einfach mal mit. Manchmal ist die Wolke ganz klein und weiß und fluffig, und manchmal ist sie eine beschissene Gewitterwolke, die einem tagelang ihre Ladung auf den Kopf kotzt. Ohne Pause. Tabletten? Ja. Nun. Jedes Medikament wirkt irgendwie bei jedem anders. Das, was mir prima hilft, gibt meiner einen Freundin das Gefühl, ein emotionsloser Zombie zu sein, eine andere nahm davon zwanzig Kilo zu. Was mir nicht geholfen hat, macht andere wiederum sehr zufrieden. Aber dann kommt noch der komplizierte Hormonspiegel hinzu, wenn der nämlich mal irgendwie aus dem Lot gerät, wird alles wieder schwierig, und man rennt von einem Menschen, der Medizin studiert hat, zum nächsten, und überall hört man vages Gemurmel von „Ausprobieren müssen“ und „Wird sich zeigen“ und es werden doch recht viele Schultern gezuckt. Wie gesagt, die Behandlung ist jetzt nicht so wirklich einfach.

Mein Vater nannte meine Phasen früher in seiner Hilflosigkeit immer „Weltschmerz“. Ich wusste als Kind nicht, was mit mir los war. Er wusste es auch nicht so ganz genau. Ich weiß jetzt, dass es in meiner Familie einige Fälle wie mich gab, und ich wünschte, man hätte offener darüber geredet, es hätte sehr vieles einfacher gemacht. Unter anderem die Diagnose, die sich über Jahre hinzog, die verworfen und dann wieder bestätigt und dann wieder verworfen usw. wurde. Von „Teenager sind nun mal so“ über „Was stellen Sie sich eigentlich so an“ bis „Frauen in Ihrem Alter haben sowas nun mal gelegentlich“ habe ich schon alles vom medizinischen Fachpersonal mit und ohne Doktortitel gehört. Man riet mir zu Sport, Johanniskraut, Lichttherapie, Urlaub, Hormonen, keinen Hormonen, Tabletten, keinen Tabletten, mehr schlafen, weniger schlafen, zu bestimmten Tees und Vitaminen und Ölen und Duftkerzen. Man riet mir so viel.

Ich hatte Phasen, da konnte ich nicht vor die Tür gehen. Ich hatte Phasen, da konnte ich mein Spiegelbild nicht ertragen. Ich hatte Phasen, da wollte ich mir die Haut abreißen, weil ich diesen namenlosen inneren Druck nicht länger spüren wollen.

Niemand redet gern darüber, weil es so schwer ist, anderen verständlich zu machen, was da in einem vor sich geht. Es ist unlogisch, irrational. Aber vor allem redet niemand gern darüber, weil die Reaktionen auf diese Krankheit fürchterlich sind. Dass Menschen, die nicht selbst betroffen sind, Schwierigkeiten haben, diesen Zustand nachzuvollziehen – geschenkt. Ich weiß nicht, wie sich ein gebrochener Arm anfühlt, ich hab mir noch nie was gebrochen. Wovor ich Angst habe, wenn ich darüber spreche: dass man mich für „schwach“ hält. Dass man mich abschreibt. Dass ich keine Jobs mehr bekomme. Dass man mich behandelt, als wäre ich nicht zurechnungsfähig. Solche Sachen. Es hilft nämlich nichts zu sagen: Aber ich habe Abi gemacht und studiert und x Bücher geschrieben und übersetzt und redigiert und bla, obwohl ich diesen Scheiß seit gut dreißig Jahren habe. Es hilft nichts. Man wird abgeschrieben, eine gewisse Verachtung für die gezeigte Schwäche schwingt mit.

Natürlich habe ich auch genau jetzt diese Angst. Be- und verurteilt zu werden. Mich verletzlich und angreifbar zu machen. Und dann denke ich: Gut, ich bin verletzlich und angreifbar, und man be- und verurteilt mich so oder so.

„Weltschmerz“, sagte mein Vater damals, ich war wirklich noch ganz klein, ich weckte ihn oft mitten in der Nacht, um ihm zu sagen: Ich weiß nicht, was los ist, aber ich fühle mich so komisch. Damals konnte ich es nicht in Worte fassen, bis heute ist es schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt. Er sagte mir dann eines Nachts, dass es wohl ein Teil von mir sei. Er sagte mir, manche Menschen hätten so etwas nun mal. Er hatte auch kein Wort dafür. Ich wusste nicht, dass er dabei an bestimmte Menschen dachte. Diese Menschen sind tot, ich wünschte, wir hätten alle viel mehr geredet.

 

 

 

 

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26 Comments

  1. Liebe Zoë,
    vielen Dank für deinen Mut.
    Vielleicht müssten alle mehr Weltschmerz empfinden – selbst, wenn sie ihn so wenig erklären könnten, wie dein Vater, der traurig menschlich eindringlich geschildert zeigt, wie schwer es ist, diesen Weltschmerz zu sehen, erkennen und zu erklären. Neben dem Damit Umgehen und Leben können.

    Su

  2. Als nicht Medizinrelevanter Mensch wollte ich dir nur mal ein paar Ideen zukommen lassen.

    Beim lesen deiner Gefühle erinnert mich Depression an ein kleines Kind (ich hab ein Mädchen im Sinn). Evtl nicht ein Kind sondern dein Kind. Dein weggefährte von Anfang und wohl bis Ende (würde man sie vermissen wenn sie sich ewig nicht bemerkbar macht?)
    Gefühlsverstärkend, gefühlshemmend, gefühlstötend.
    Medikamente wirken auf das Kind wie Spielzeug. Mag das Kind das Spielzeug ist die Beschäftigung hoch und das Kind lässt deine Gefühle in Ruhe. Läuft das dann quer mit deinen eigenen Ritualen/Tricks aufkommenden Veränderungen zu unterbinden sind komplett neue Methoden notwendig. Hier spielt wohl Zeit den Endgegner.
    Du erinnerst dich schon als Kleinkind daran. Meds kommen dann 10jahre später zum Einsatz und dann sollst du das was du dir selber dein Leben angeeignet hast innerhalb von ein paar Monaten neu interpretieren, neue Tricks aneignen.
    Das kleine neu verstehen.
    Dein Punkt das die Depression mit dir lebt kommt dem wohl punktgenau. Nur was machen die Meds bzw was soll ihr Zeil sein das du als Mensch glücklich bist. Was soll schon Glück sein wenn man es noch nie verstanden hat.
    Oder sollen die Meds nur dafür sein das man wieder Gesellschaftsakzeptabel agiert.
    Du liebst mit dem Kind und das wird nicht gehen. Du liebst es sogar auch wenn es dich hasst, liebt, dich hassen lässt, anders fühlen lässt, gefühllos (muss man Gefühle haben wenn in sich gekehrt sein will? Auch wenn’s Mal Tage dauert und die Zeit nur nicht akzeptiert wird) erscheinen lässt. Kann der Zombie Modus nicht auch mal erleichtern sein. Die anderen finden dem halt nicht gesund.
    Dein Kind lebt aber auch ohne essen, Licht und Liebe.
    Ob Chester ein inselexil noch hätte leben lassen ist nur Spekulation. Das er vor allem aber Funktionen sollte lässt es möglich erscheinen.

    Lg

  3. Liebe Zoe!

    Das war unglaublich mutig von dir, den Menschen einmal sehr ungeschönt aufzuzeigen was Depression ist und was sie mit einem macht. Leider wird dieses Thema, genau wie andere psychische Erkrankungen oft noch negiert, belächelt oder die Menschen werden, wie du gesagt hast, abgeschrieben. Ich kenne es leider nur zu gut, da ich diplomierte Krankenschwester bin. Viele denken immer noch, wenn sie sich mehr zusammenreißen würde usw, dabei hat sie sich ja schon zusammengerissen, sonst wäre sie gar nicht aufgestanden. Und die Leute übersehen gerne, dass diese heimtükische Krankheit jeden aus dem nichts treffen kann. Von den verschiedenen Verläufen gar nicht zu reden

  4. Vielen, vielen Dank für diesen Beitrag. Du hast es geschafft, das Gefühl perfekt einzufangen und es stimmt. Wir sollten viel mehr darüber reden.

  5. Vorgestern, am Wannsee, wollte ich Dein Gespräch mit Doris nicht stören. Heute habe ich mit Ansgard noch darüber gesprochen, wie diese Begegnung war. Jetzt kann ich dieses Gefühl von Nichtwissen wie es war einordnen, oder besser, ich hatte das Gefühl, dass etwas dahintersteht, was so sein könnte. Es ist in jedem anders schwarz, aber die Fragen sind doch ähnlich, und sie sind hungrig und verschlingen viel. Ich glaube manchmal, das Leben ist ein Spinnennetz, so wie die große Spinne auf dem Spielplatz, und manchmal ist man einfach an anderen Orten, und es sind andere Dinge im Leben im Vordergrund, auch wenn immer noch alles miteinander verbunden ist. Vielleicht bist Du bei diesem Konzert heute am Brandenburger Tor, vielleicht ich auch, einen herzlichen Gruß.

  6. Oh, du auch?! Danke für diesen Text, der so vieles in Worte fasst, wofür mir die Worte fehlen (insbesondere der Teil mit der Therapierbarkeit).

    Immer wieder dieser Erklärungsbedarf, ja, dieser Versuch, mich für mein Sosein rechtfertigen zu müssen.

    Danke!

  7. Liebe Zoe,
    vielen herzlichen Dank für Deinen Mut und die Offenheit.
    Wie Du es schaffst dieses Gefühl zu beschreiben, ich habe es oft versucht für Außenstehende und bin meist gescheitert. Deinen Text sollte jeder Psychologie- und auch Medizinstudent lesen.
    Mir hat es sehr geholfen zu wissen, dass ich die Depris von meiner Mutter geerbt habe.
    Ach ja, und die „Du musst Dich nur ein bißchen zusammenreißen“-Ratschläge kenne ich zu gut, genauso wie die Tabletten die mich zum Zombie machten.
    Aber als kleiner Lichtblick, mir geht es seit zwei Jahren wirklich gut (bei mir half wenig Schlafen 😉 )
    Ich wünsche Dir niedliche weiße Wölkchen oder am besten gleich einen strahlend blauen Himmel.
    Danke!!!

  8. Liebe Zoe!
    DANKE! Danke für deine offenen Worte und den Mut, der definitiv dazu nötig ist. Ich habe selber auch mit Depressionen zu kämpfen und kenne die Vorurteile leider nur zu gut. Ja du hast Recht auf einmal zählt nicht mehr was man bis dahin geleistet, geschafft hat, weil viele Leute nur noch die Tatsache vor Augen haben. Ob sie einfach nicht anders damit umgehen können? Ich weiß es nicht. Ich wünsche dir immer Menschen an deiner Seite, die da sind, an guten und an schlechten Tagen.
    Liebste Grüße, Petra

  9. Danke für diesen Text und die Offenheit. Ich erlebe es genau so, deswegen wage ich es selten offen darüber zu reden … und ich denke immer, ich bin allein damit, gut zu wissen, dass es nicht so ist.

  10. Ich hatte acht schwere Fußoperationen und bin dadurch bereits mein ganzes Leben mal mehr und mal weniger eingeschränkt. Auch ich hatte viele depressive Phasen. Ärzte haben mir damals kein bisschen geholfen, von „stell dich nicht so an“, bis „ja bei der Krankengeschichte ist es kein Wunder, dass du Depressionen hast“ war alles dabei. Ich sah einfach keinen Sinn in meinem Leben, denn außer Leid war da nicht sehr viel.

    Heute führe ich ein glückliches Leben ohne Depressionen und das nun seit einigen Jahren. Ich würde mich als stabil bezeichnen. Wie habe ich es geschafft? Indem ich aufgehört habe darauf zu warten, dass die Krankheit schon irgendwie wieder verschwinden wird. Indem ich aufgehört habe zu warten, dass Leute im Außen mir auf Biegen und Brechen, Verständnis zukommen lassen. Dumme Sprüche? Wir allein entscheiden ob wir uns davon runterziehen lassen oder ob wir einfach darauf einen dicken Haufen setzen. Meiner Meinung nach entstehen Depressionen durch eine Hilflosigkeit. Man fühlt sich hilflos und vorallem man sieht keinen Ausweg. Wenn der Vater also noch bestätigt, dass es eben zu einem gehört denkt man doch automatisch man kann eben wie bei einer schiefen Nase nichts dagegen tun. Es drückt einen in Hilflosigkeit und Passivität.

    Man sitzt wie eine Maus in der Falle ohne Aussicht auf ein Entkommen. Denn würde man den Ausweg sehen, würde man sich nicht hilflos fühlen und das Leben würde nicht so sinnlos aussehen. Wer Lösungen für Probleme sieht, fühlt sich nicht hilflos sondern hat die Kontrolle. Wer die Kontrolle hat ist meiner Meinung nach nicht depressiv. Das ist meine eigene Erfahrung.

    Mancher mag sein Problem vielleicht nichtmal bewusst sehen, aber doch scheint eines da zu sein. Etwas was uns psychisch nicht gefällt, denn eine Depression kommt nicht grundlos. Anstatt zu sitzen und darauf zu warten, dass Leute unsere Depression (die Falle in der wir sitzen) anerkennen sollten wir lieber aktiv werden und nach dem Ausweg suchen. Ich weiß es ist leichter gesagt als getan, denn während wir da drin sitzen und keine Hoffnung auf Auswege haben sind wir wie gelähmt. Therapeuten und Ärzte, da hab ich auch so einiges durch, zeigen einem diesen Ausweg meiner Erfahrung nach nicht. Sie sagen der Maus die in der Falle sitzt, dass sie in der Falle sitzt. Sie suchen nach Gründen WARUM sie in diese Falle geraten ist. Was aber bringt uns das? Einen Ausweg finden wir dadurch nicht. Und hier ist für mich das allergrößte Problem. Studierte Mediziner und Therapeuten lassen einen noch hilfloser dastehen, denn wenn nichtmal sie eine Lösung haben?

    Wer dem ganzen wirklich entkommen will, der muss selbst aktiv werden. Der muss selbst die Verantwortung dafür übernehmen. Denn niemand, außer wir selbst können uns letztendlich aus der Falle befreien. Nur wir, können unser Leben in neue Bahnen lenken. Wir sollten uns niemals davon abhängig machen, dass jemand kommt und uns aus der Falle holt. Übernimm selbst die Kontrolle.

    Ich persönlich sehe Coaches als die bessere Wahl und das nicht nur weil ich inzwischen selbst einer bin. Ein Coach ist eine Prozessbegleitung der helfen kann einen wieder auf die Spur zu bringen. Selbst neue Kraft und Motivation zu finden um den Ausweg zu erkennen und ihn auch zu erreichen. Im Rahmen meiner Persönlichkeitsentwicklung habe ich viele früher depressive Menschen getroffen. Teils waren sie jahrelang in Therapien. Nichts hat es ihnen gebracht außer in ihrer Hilflosigkeit zu verweilen. Und ich habe auch selbst schon einige Menschen begleitet, die plötzlich wieder Lebensfreude verspürt haben weil sie die Kontrolle über ihre Situation zurückerlangt haben.

    Klar kann es passieren, dass auch für mich wieder einmal eine Zeit kommt wo es vermeintlich keinen Ausweg mehr gibt. Es kommen immer wieder Probleme im Leben auf uns zu. Ich bin aber inzwischen selbst so überzeugt davon, dass es IMMER Löusungen gibt, dass mir das keine Angst mehr macht. Denn ich weiß, ich werde da auch wieder rauskommen. Wer anfängt Probleme nicht als Probleme zu sehen sonern als Herausforderung der kann persönlich sogar enorm daran wachsen und stärker werden!
    Alles Gute Euch

  11. Ich bin als Nichtbetroffene jedes Mal erneut dankbar, wenn ich etwas lesen/hören darf, dass mir hilft, zu verstehen.
    Vor langer Zeit habe ich mal etwas zum Thema Übergewicht etwas gelesen, dass mir seither auch als passend in Bezug psychischen Erkrankungen erscheint und meine Sichtweise ganz entscheidend erweitert hat: Beim Übergewicht ging darum, wie beim Sport Leistungen erzielt werden – wie leicht es dünnen, sportlichen Menschen fällt, auf einen Berg zu joggen, und wie schwer es übergewichtigen Menschen fällt. Ist ja auch kein Wunder: Wenn man nur 50 – 60 Kilo wiegt, trägt man auch nur die 50 – 60 Kilo nach oben, wenn man 90 – 150 Kilo wiegt, trägt man diese 90 – 150 Kilo nach oben. Das müssen einem die Leichteren erstmal nachmachen.
    Und so scheint es mir auch mit dem Leben mit psychischen Erkrankungen zu sein: Es ist eine anständige Leistung, einen Schulabschluss zu machen, wenn man psychisch gesund ist, aber mit einer psychischen Erkrankung ist viel viel schwerer – es zu schaffen, bedeutet, mehr geleistet zu haben! Das halte ich mir stets vor Augen, wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die an psychischen Erkrankungen leiden – dass sie für die gleichen Ziele, die ich erreicht habe, viel mehr tun, viel mehr kämpfen, viel mehr leisten mussten. Jemandem zu unterstellen, er oder sie sei schwach, weil eine psychische Erkrankung vorliegt, erscheint mir so unendlich falsch.
    Deshalb: Danke für das, was du leistest, danke für das, was du mit uns teilst, danke daüfr, DASS du es mit uns teilst und ermöglichst, zu verstehen.

  12. Liebe Zoë
    Danke für deinen Mut und deine Offenheit. Ich verstehe die Angst. Ich kenne sie. Auch die Aussprüche vom Weltschmerz vom mangelnden Talent, glücklich zu sein, von Launen und Zickigkeit, Aussagen wie: „Steh auf oder bleib liegen!“, „Nun hab ich dich nicht so!“, „Hör ein bisschen fröhliche Musik, dann bist du wieder fröhlich.“ – und so viele mehr.

    Danke!

    Liebe Grüsse
    Sandra

  13. was mir (manchmal) hilft:
    mich hinsetzen oder legen. wenn „nichts“ da ist, „nichts“ spüren. wenn schmerz oder trauer da ist (yeah!), dies spüren. alles in mir ausbreiten lassen, vor allem in den kopf steigen lassen, in die arme in die beine.
    das so oft und so lange ich kann. wenn ich kann. sonst …

  14. Ich gehöre zu denjenigen, die Schwierigkeiten haben, den Zustand nachzuvollziehen. Das liegt aber nicht nur daran, daß ich den Zustand selbst nicht erlebe, sondern daß ich so wenig darüber weiß.

    Wenn jemand einen Arm gebrochen hat, dann habe ich eine recht konkrete Vorstellung davon, was da genau abläuft. Meinst kann der Betroffene auch genau sagen, was nun passieren wird, wann der Arm geheilt sein wird, welche Therapie zum Muskelaufbau sich daran anschließt, zu welchen Zeitpunkt er wieder voll genesen sein wird. Es kann also über sich selbst Auskunft erteilen, und es hört sich für mich als Außenstehenden (der selbst noch nie einen gebrochenen Arm hatte) schlüssig und logisch nachvollziehbar an.

    Bei Depressionen habe ich kaum eine Vorstellung, was da eigentlich abläuft und wie sich das entwickelt. Die Erklärung, daß Depressionen durch ein Problem des Stoffwechsels im Gehirn entstehen, erscheint mir logisch nachvollziehbar. Aber ich habe den Eindruck, die meisten Menschen lehnen diese Erklärung ab. Statt dessen habe ich schon mehrfach gehört, daß Depressionen durch die Gesetzgebung zum Thema Hartz IV erzeugt werden. Andere berichten, daß sie depressiv geworden sind, weil die Eltern gestorben sind. Eine Bekannte aus meiner Nachbarschaft ist wegen Depressionen ins Krankenhaus gegangen, nachdem sie Kontoauszüge verbummelt hat und sich deswegen geschämt hat. Das klingt für mich alles nicht so schlüssig und logisch nachvollziehbar. Vor allem fehlt mir die Schätzung völlig, wie es sich in Zukunft weiterentwickelt.

    Ich habe auch schon Menschen durch Suizid verloren. Es gab da einen Bekannten aus der Nachbarschaft, den traf ich immer wieder bei bestimmten Veranstaltungen. Wir waren nicht befreundet, aber wir haben uns immer mal wieder unterhalten, und das waren durchaus interessante Gespräche. Manchmal tauchte er für einige Monate nicht auf, dann hatte er gerade eine depressive Phase, das ging immer wieder vorbei. Aber eines Tages bekam ich von anderen Menschen mitgeteilt: Er hat sich umgebracht. Er kommt also nie wieder. Da war ich wütend, da habe ich gedacht: Der Schuft! Der ist einfach abgehauen! Dabei wollte er mir doch noch dieses-und-jenes zeigen!

    Ja, ich kenne das nicht und ich kann es nicht nachvollziehen. Aber ich würde es gerne verstehen. Deshalb sauge ich quasi alle Texte auf, die sich mit dem Thema befassen. Aber trotzdem bekomme ich nicht so richtig Logik und Struktur da hinein.

  15. Mir gefällt dieser Beitrag, weil er ganz gewiss vielen Betroffenen hilft, Symptome bei sich wiederzuerkennen. Ein sensibler Text, der Trost und Mut spendet. Ich möchte die Gelegenheit aber nutzen, um als ehemalige Tour-Managerin und selbst unter Depression leidende Künstlerin zu ergänzen, dass die im Text erwähnten Musiker nicht tot sind, weil sie under Depression litten, sondern weil sie über Dekaden harte Drogen und Alkohol mit entsprechenden Medikamenten leichtfertig vermischten. Selbst wenn sie causal mit der Diagnose Depression oder depressive Verstimmung leben „mussten“, ist es absolut wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht jeder Erkrankte auch suizidgefährdet ist. Statistisch ist etwa jeder 10te Patient mit Selbstmordabsichten erfasst; ob es tatsächlich mehr sind, die diese Gedanken hegen, bleibt unsichtbar. Persönlich kann ich sagen, ich hatte wohl einmal ein Szenario im Kopf, in dem Leben keinen Sinn mehr ergab, hatte aber keine Absicht zu sterben. Denke, das ist entscheidend, denn viele Betroffene erklären auch, dass das Umfeld ihnen in keinster Weise eine Hilfe gewesen sei/wäre. Mir ging es genauso. Ich war weder an Unterhaltungen, noch Mutmachungen interessiert, allein die Therapie mit Spezialisten hat mir den richtigen Impuls gegeben, wieder Freude zu empfinden und Leben zu genießen.
    Die Erscheinungsformen der Depression sind vielfältig, es gibt eigentlich kein Patentrezept; aber die Mischung von Medikamenten und/oder Alkohol/Drogenkonsum triggern die Symptome und erhöhen das Suizidrisiko erheblich, dazu gibt es diverse Studien im Netz und bestätigende Expertenmeinungen.
    Mir selbst geht es zur Zeit gut, ich benötige keine Psychopharmaka, aber ich bin überzeugt, dass mein physisch gesunder Lebenswandel (nie geraucht – nie getrunken – keine Drogen) den Grundstein für eine erfolgreiche Therapie gelegt hatte. Meinen Job in der Musikszene konnte ich auch nur aus diesem Grunde so lange durchhalten; und ich war für meine Newcomer Bands und Künstler ein wichtiges Vorbild, dass Musik und Kunst auch ohne Dröhnung funktionieren.
    Allerdings muss man bei Prominenten auch den Leistungsdruck und den leider in den U.S. sehr verbreiteten Hang zum Seelen-Striptease in der Öffentlichkeit bedenken.
    Dir, liebe Zoë, alles Beste, bleib weiterhin so kreativ und lebensmutig!
    Freue mich auf neue Texte!

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