Die eigene Stimme

Die BücherFrauen Berlin organisierten letztens einen Stimm-Coaching-Workshop. Eine kleine Gruppe, ausschließlich Frauen, fand sich für ein Wochenende zusammen und nahm – wie ich hoffe – Wissen, Anregungen und nachhaltige Übungen mit.

Ich hatte zu diesem Workshop angeregt, weil ich am Weltfrauentag im letzten Jahr bei einer Veranstaltung der Speakerinnen viele interessante Frauen kennenlernen durfte. Auf der Bühne sowieso, aber auch abseits der Bühne. Diese Frauen abseits der Bühne erzählten mir von ihren Jobs und ihren Engagements und ihrem Privatleben, sie erzählten unglaublich beeindruckende Dinge, und ich fragte, weil es die Veranstaltung ja nahelegte: „Ihr seid also auch bei den Speakerinnen registriert?“ Die meisten sagten: „Nein. Worüber soll ich denn reden? Ich bin doch keine Expertin.“
Das tat mir weh. Vor allem auch deshalb, weil direkt gegenüber eine andere Veranstaltung zu beobachten war, man konnte sehr gut durch die großen Glasscheiben rüberschauen, auf der sich lauter gut geOLYMPUS DIGITAL CAMERAlaunte, Anzug tragende Männer tummelten, zwischendrin die ein- oder andere dekorative Dame, körpersprachlich deutlich nur das schmückende Beiwerk der dominanten Männer. Ich dachte: Da drüben wird keiner jemals den Satz sagen: Ich bin doch kein Experte.

(Und, um vorzugreifen, tatsächlich winselten wir bei dem Stimm-Coaching – ich nehme mich da explizit mit ein – oft genug „Aber das kann ich doch gar nicht!“. Es erwies sich übrigens jedes Mal als falsch. Wir konnten.)

((An dieser Stelle fällt mir immer ein, was eine Personalberaterin einmal gesagt hat: Eine Frau, die sehr gut Italienisch spricht, würde sich nicht als „verhandlungssicher“ einstufen, sondern sagen, sie hätte „Grundkenntnisse“. Ein Mann, der gerade mal die Pizza auf Italienisch bestellen kann, würde seine Sprachkenntnisse als „fließend“ bezeichnen. Ja, das ist grob verallgemeinernd, wir kennen alle arrogante Frauen und schüchterne Männer. Aber bleiben wir mal bei den gesellschaftlich verorteten Tendenzen, und da ist es mehrheitlich so, dass Frauen sehr viel selbstkritischer sind.))

Ich stand dort also mit lauter spannenden Frauen, die spannende Themen hatten, sich aber allesamt als bühnenuntauglich empfanden, und einige rückten dann auch damit heraus, dass sie Bühnenangst hätten, ihre Stimme nicht mochten, das übliche. Ich dachte: Das geht so nicht.

OLYMPUS DIGITAL CAMERANun wohnt bei mir im Haus eine wunderbare Sängerin und Gesangslehrerin, die auch für Nicht-Singende Stimm-Coaching macht. Sie ist eine sehr selbstbewusste, einfühlsame, energische, witzige, motivierende, inspirierende Frau, die sofort wusste, was ich meinte, und anbot, einen solchen Workshop zu halten. Dank der BücherFrauen kam er also zustande.

Wir lernten, nach unserer Stimme zu suchen. Sie einzusetzen. Wir lernten, wie wichtig unser Körper ist, unsere Körperhaltung, – und nebenbei bemerkt: wie unpraktisch und limitierend Kleidung, von der Frauen glauben, dass sie in gewissen Kontexten gern mal erwartet wird (hohe Absätze, enge Sachen, kurze Röcke), wie unpraktisch und limitierend also diese Kleidung nicht nur im Alltag, sondern vor allem auch beim Einsatz der Stimme ist.

Jede hatte einen kleinen Text mitgebracht, und es war inspirierend zu sehen, wie sich die einzelnen Mini-Vorträge in so kurzer Zeit klanglich veränderten, wie sich die Vortragenden entspannten und sicher fühlten. Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich denke, dass doch die meisten durchaus gestärkt aus dem Workshop gingen. Und das freut mich.

Es ist so wichtig, dass wir unsere Stimme nutzen, dass wir sie einsetzen und erheben und selbst für uns sprechen, statt es anderen zu überlassen. Dass wir die Angst verlieren, unsere Stimme zu gebrauchen. Dass wir aufhören zu sagen: Was zählt schon meine Stimme. Dass wir uns Gehör verschaffen.

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