Wir sind mehr!

Der Kassierer im Supermarkt hat gute Laune. Er plaudert mit seinem Kollegen, scherzt mit der Kundschaft. Der elegant gekleidete Mann, der als nächstes dran ist, legt noch eine Plastiktüte zu seinen Einkäufen aufs Band. Er kommt mir vage bekannt vor, vielleicht aus dem Fernsehen. Der Kassierer zieht seine Sachen über den Scanner und fragt: „Sicher, dass Ihnen eine Tüte reicht?“ Er fragt es freundlich. Der Mann antwortet: „Du quatschst zu viel.“ Er verwendet noch eine Beleidigung, die sich auf das dunklere Äußere des Kassierers bezieht.

Der Kassierer kontert: „Das war nett gemeint, und Sie beleidigen mich?“ Und der Mann verkündet: „Weißt du eigentlich, wer ich bin?“ Der Kassierer reagiert großartig: „Mir egal, wer Sie sind. Ich war höflich. Sie nicht.“

Spontaner Applaus von den Menschen in meiner Schlange. Der möglicherweise Prominente packt finster seine Sachen ein. Mit bewundernswerter Ruhe zieht der Kassierer den Rest über den Scanner. Der junge Mann von der Security stellt sich neben den wichtigen Herrn, wartet, bis er gezahlt hat, und begleitet ihn ohne weiteres Theater hinaus.

13227176_10156907009645371_5672021484407339075_nJetzt, wo der andere weg ist, sackt der Kassierer sichtlich in sich zusammen. Wir, die wir noch in der Schlange stehen, versuchen, ihn zu trösten. Auch aus der anderen Schlange kommen Menschen und reden ihm gut zu.

Pegida, Brexit, AfD und nicht zuletzt Trump haben dafür gesorgt, dass Dämme des Anstands gebrochen sind, heißt es. Und ja, es stimmt, der Ton ist schärfer geworden. Aber es gibt überall Menschen, die sich dagegenstemmen. Sie sind vielleicht nicht immer so laut, aber ich denke, sie sind immer noch in der Überzahl.

(Erschienen in den Tageszeitungen des RedaktionsNetzwerks Deutschland am 6.2.2017)

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15 Comments

  1. Die Frage ist: Hat das wirklich mit Trumps Wahlsieg oder mit dem Erstarken der AfD zu tun? Solche idiotischen Verhaltensweisen hat es schon immer gegeben. Und sie kommen wirklich nicht nur von »rechts«.

  2. Sehr geehrte Frau Beck, Danke für die schöne Geschichte über Menschlichkeit und die Wahrung des Anstands im Umgang miteinander. Allerdings irritiert mich die Bebilderung: „FCK AFD“ … sind Sie wirklich der Meinung, es ist angebracht, die AfD (samt ihrer Mitglieder und Wähler) pauschal zu verunglimpfen? Ist das die Form, die Ihrer Meinung nach der Widerstand gegen den Verlust des Anstands einnehmen sollte?

    1. pauschal? nun. wer immer noch nicht weiß, was das für eine partei ist, scheint mir naiv. allerdings bitte ich zu beachten, dass ich zwar das foto gemacht, nicht aber die aufkleber hergestellt habe. wichtig ist natürlich durchaus die frage, ob man gewaltsamen ideologien und gewaltsamer sprache auch mit gewaltsamer sprache begegnen darf oder muss oder es eben besser sein lässt. die unterzeile „kein raum für nazis und rassisten“ unterschreibe ich sofort. auch im zusammenhang mit der AfD. es gibt genügend belege, nicht erst seit den reden von herrn höcke, in welcher ecke diese partei steht.

      1. Sehr geehrte Frau Beck, vielen Dank für Ihre Antwort! Ich bin mir nicht sicher, was Sie genau unter „gewaltsamer Sprache“ verstehen – aber ich bin grundsätzlich der Ansicht, man sollte mit anderen Menschen genau so umgehen, wie man will, dass diese auch mit einem selbst umgehen – unabhängig von Aussehen, Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung, religiösem Bekenntnis oder – horribile dictu – politischer Überzeugung. Das verstehe ich unter Anstand im zwischenmenschlichen Umgang – und genau das habe ich aus Ihrer Geschichte gelesen, auch wenn ich mir inzwischen nicht mehr sicher bin, ob sie auch genau so gemeint war.

        Und was den politischen Umgang mit der Partei AfD angeht: Wie wäre es mit Argumenten an der Stelle von Beleidigungen?

    2. Eine brauchbare Übersetzung für „F*ck AFD“ wäre wohl „Die AFD kann mich mal“. Ich kann darin keine Verunglimpfung erkennen; ich halte den Text für eine Beschreibung des Verhältnisses zwischen Klebendem und der Partei – die ich übrigens gerne teile. Was mich irritiert, Herr Stephan, dass Sie versuchen, hier eine Benimmregel zu etablieren. Mit welchem Recht?, frage ich…

      1. Sehr geehrter michib, Danke für Ihre Anmerkungen.
        Zu Ihrer Einschätzung: Sowohl die direkte Aufforderung zu Geschlechtsverkehr („FCK“), als auch die Aufforderung, jemandem den Anus zu lecken („kann mich mal“) sind offensichtlich beleidigend und sind als solche auch justiziabel, sofern sie sich auf eine Einzelperson oder eine hinreichend bestimmte Gruppe von Menschen beziehen.
        Was die „Etablierung von Benimmregeln“ betrifft (und es irritiert mich, dass es nötig sein sollte, das so explizit schreiben zu müssen) steht es Ihnen, geehrter michib, völlig frei, sich aus meinen Kommentaren zu nehmen, was auch immer Sie sich daraus nehmen wollen.

        Mit freundlichen Grüßen
        Stephan

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