Ein ganz normaler Abend

Eine Konferenz in London, ich bin nur Zaungast, nur Zufall, vor allem aber eine Frau, die lesend und essend zwischen vielen Männern herumsitzt, und weil Frauen offenbar nicht alleine lesen und essen können (viele Männer sitzen alleine lesend und essend herum), befinde ich mich schon bald in Gesellschaft, um die ich nicht gebeten habe.

Dave und Paul sind sales managers. Sie sind wichtig und verantwortlich für Dinge, die auf der Welt passieren, sagen sie mir. Sie verdienen Geld, das sie nach Hause zu ihren Frauen bringen, die es dann für Schuhe und Kosmetik ausgeben. Das finden sie witzig, sie lachen darüber, und ich frage besser nicht nach ihren Frauen. Ich frage überhaupt sehr wenig, weil ich hoffe, schnell wieder in Ruhe lesen und essen zu können. Dave fragt mich, ob ich auch das Geld meines Ehemanns für Schuhe und Kosmetik ausgebe, und der Umstand, dass ich unverheiratet und selbst erwerbstätig bin und dazu noch mein Geld für andere Dinge ausgebe, verwirrt Dave. Er möchte ab sofort eigentlich nicht mehr so gern mit mir reden, aber Paul hat irgendwas nicht so ganz mitbekommen und löchert mich mit Fragen über München, da war er schon mal, „Helles“ kann er unfallfrei sagen, „Schmetterling“ auch fast, „Theresienwiese“ nicht wirklich, aber „Grüß Gott“ geht dann wieder ganz gut. Er ist nachhaltig von „Schweinshaxen“ fasziniert und würde mich gern im Dirndl sehen. Eine Weile erklärt er mir, was die Deutschen alles besser machen als die Briten. Fahrradwege zum Beispiel, und Krankenversicherung, er hat deutlich keine Ahnung, wovon er redet, aber er glaubt mir nicht, wenn ich ihm die deutsche Realität zu schildern versuche. Also kontere ich und frage dann doch etwas, ich frage, was er vom Brexit hält, einfach, weil ich es wissen will und im britischen Fernsehen sowieso gefühlt nichts anderes kommt als Theresa May, die über ihre geplanten Brexit-Pläne spricht. Ich gebe mich völlig neutral, vor allem, weil ich mir schon denke, dass ich mit Leave-Wählern spreche, und tatsächlich nehmen die Herren Haltung an (beide waren früher beim Militär, erfahre ich) und sprechen darüber, wie großartig ihr Land ist.

15940693_10158025300255371_7559857094934236874_nRassisten, sagen sie, sind sie keine. Dave sagt: Ich habe nichts gegen Ausländer, einige meiner besten Freunde sind Ausländer, aber sie arbeiten wirklich sehr hart, und was ich nicht will, sind Ausländer, die alles geschenkt bekommen, so wie in Deutschland, da schenkt Merkel den Ausländern alles, drei Millionen sind es mittlerweile, alles Flüchtlinge, die alles geschenkt bekommen. Er sagt: In England schenken sie den Ausländern aus der EU ganze Häuser, meine Tochter muss 60.000 Pfund anbezahlen für ein Haus, und die EU-Ausländer kriegen die Häuser geschenkt, wenn sie ins Land kommen, das ist nicht richtig. Er sagt: Meine Steuergelder gehen nach Rumänien und Bulgarien, an Leute, die noch nie hier im Vereinigten Königreich waren, aber sie bekommen meine Steuergelder, weil sie in der EU sind.

Paul sagt, die Ausländer seien ihm egal, er hätte da eher andere Gründe. Zum Beispiel wolle er, dass das Vereinigte Königreich wieder eigene Gesetze erlassen könne. Paul sagt: Die EU hat uns alles diktiert, wir waren als Staat handlungsunfähig. Er sagt: Die EU hat den NHS ausbluten lassen, deshalb haben wir kein Gesundheitssystem mehr. Er sagt: Wir sind eine Insel, wir wollen eine Insel bleiben, was haben wir mit anderen Ländern zu tun?

Ich stelle noch eine Frage, ich will wissen, was sie von Theresa May halten, ob sie glauben, dass sie einen guten Job machen wird. Paul und Dave sind sich einig: Theresa (sie nennen sie beim Vornamen) ist nicht die Richtige, sie steht nicht wirklich hinter dem Brexit. Sie war vor dem Referendum dagegen. Jetzt sagt sie, sie wolle den Brexit durchführen, weil er der Wille des Volkes sei, aber das reicht Paul und Dave nicht. Sie wünschen sich jemanden, der voll und ganz dahintersteht. Keine Frau, die tut, was sich das Volk wünscht, sondern jemanden (einen Mann, wenn sie ehrlich sind), der einen eigenen Willen hat und den durchzieht.

Ich denke kurz darüber nach, darauf einzugehen, bin aber mit dem Essen fertig und verspüre den deutlichen Drang, woanders weiterzulesen. Ich will mich höflich verabschieden, als Dave mit einer Anekdote aus seiner Zeit in Hong Kong kommt. Das erste, was er auf Chinesisch lernte, war: Du bist hübsch. Das zweite: 15970168_10158028744170371_738298360_nWie viel? Das dritte: Du bist zu teuer. Er findet das wahnsinnig lustig, vor allem, weil er es dann an der chinesischstämmigen Bedienung ausprobiert, die augenrollend den Tisch abräumt. Ich habe das Gefühl, mich bei ihr entschuldigen zu müssen. Sie winkt ab und entschuldigt sich bei mir, dass sich die beiden zu mir gesetzt haben. Dave ist überzeugt, dass die Bedienung ein Auge auf ihn geworfen hat, und will sich mit ihr verabreden. Vor allem auch deshalb, weil ihn, wie er Paul anvertraut, die Assistentin eines Kollegen hat abblitzen lassen. Er nennt sie stunner, sie hat keinen Namen, die Berufsbezeichnung kommt nur auf, weil Paul erst nicht kapiert, wen Dave meint.

Bis ich bezahlen kann, ist noch Zeit für ein paar Fragen von Dave und Paul. Sie sind etwas unglücklich, als sie erfahren, dass und wo ich studiert habe, aber sie versichern mir, dass ein Studium auch seine Berechtigung hat, fast wie eine Berufsausbildung. Gerade für Frauen sei so ein Studium eine hübsche Sache, ein Zeitvertreib quasi. Irgendwann wird ja dann geheiratet, sagt Dave, und ich komme gerade noch rechtzeitig weg, bevor er mir einen Klaps auf den Hintern geben kann.

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6 Comments

  1. Es gibt ein saublödes Wort: „Fremdschämen“. Das will ich nicht, weil ich mich für derartige „Geschlechtsgenossen“ und Chauvinisten nicht schämen will. Sie zeigen ein unmögliches Verhalten. Ich dachte immer, dieses Balzverhalten, diese uncharmante Pseudowitzigkeit, dieses lästige und verachtende und zu verachtende Auftreten solcher „tollen Hechte“ wäre mit meiner Generation (70+) am Aussterben. Aber die Verhältnisse sind offenbar nicht so.

  2. Ich kenne solche Gespräche leider auch. Und ja, sie sind ermüdend und auch erschreckend. Man fragt sich dann, was genau in den letzten Jahrzehnten passiert ist. Man fragt sich, was das für Frauen sind, die dort zu Hause sitzen und ob sie eine Ahnung haben. Man fragt sich, ob das schlicht Mann ist oder ob das Individuen sind, die einfach schrecklich sind. Je öfter man es erlebt, desto mehr tendiert man zu einer Seite. Und doch möchte ich nie eine derer sein, die sagt: Männer sind so. Das sind sie nicht. Es gibt ja auch genug Frauen, die diese Spiele mitspielen, sonst würden sie nicht mehr gespielt.

  3. Hach, ist das toll geschrieben! Danke!!!

    Jede, die viel in der Welt unterwegs ist, kennt diese Situationen. Sie sind so absurd wie frustrierend. Das einzige, was unsereins dabei für sich herausholen kann, ist die gut geschliffene Waffe Humor. Und den finde ich hier göttlich poliert.

    Schon klar, unser Gelächter tut solchen Spinnern nicht groß weh. Aber uns tut es wohl, und es bewirkt mehr als das, denn Spott ist erhellend, kann beleuchten wie eine Taschenlampe. Frigga Haug hat das mal so ausgedrückt: „Die Allgegenwart von Patriarchat macht allgegenwärtig. Geistesgegenwart ist gefragt, um das selbstverständlich Männliche als Alarmzeichen zu hören. Aus der Lähmung gilt es aufzuwachen und mit Spott und Gelächter die Anmaßung wieder und wieder vorzuführen. Nutzen wir Humor als Waffe, Zorn als Tugend. Gehen wir durch unseren Alltag mit Erstaunen. Halten wir das Unmögliche fest, stellen wir es aus, geben wir es allgemeinem Gelächter preis.“ (F. Haug: Nachrichten aus dem Patriarchat)

    Insofern stelle ich mir als mein persönliches Happy End vor:
    Nachdem sie sich beieinander für den Auftritt der Männer zu entschuldigen versucht haben, wälzen sich die Verfasserin und die chinesischstämmige Kellnerin gmeinsam vor Lachen brüllend am Boden, während die Jungs betreten davonschleichen.

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