Eine Liebeserklärung

Frau K. ist leider nicht im Internet. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sie schon achtzig ist. Sie hat einfach zu viel anderes zu tun, und vor allem redet sie nicht so viel über das, was sie tut. Sie macht einfach.

Frau K. war meine Nachbarin, jetzt ist sie ein paarhundert Meter die Straße raufgezogen und wohnt zwischen der Turnhalle und der Kirche. In der Turnhalle sind aus Syrien geflohene Familien untergebracht. In der Kirche sind Menschen, die ähnlich wie Frau K. nicht viel reden, sondern machen. Frau K. ist nun selbst nicht gerade gläubig, aber sie findet es gut, dass die von der Kirche das machen, was sie auch macht: helfen, ohne viel zu fragen.

Frau K. kümmert sich darum, dass ihr gesamter Freundeskreis den syrischen Familien hilft. Mit Sachspenden, mit Zeit, mit Kuchenbacken. Sie lacht, wenn sie sieht, wie sich die Männer aus der Unterkunft Berge von Kuchen auf die Teller packen, und wenn dann die anderen älteren Damen, die wie sie selbst die Nachkriegszeit miterlebt haben, mit den Zähnen knirschen, weil nicht alles aufgegessen wird.

Letztens stand eine junge Frau in Frau K.s Vorgarten und wollte ihrem Baby die Windeln wechseln. Frau K. hatte keine Ahnung, warum die Frau ausgerechnet in ihrem Vorgarten stand, aber sie verfrachtete sie in ihre Wohnung und erklärte ihr in allen ihr zur Verfügung stehenden Sprachen, dass ab sofort Windeln bitteschön jederzeit bei ihr im Haus gewechselt werden können. Frau K. meckert auch nicht über den Müll, den die Geflohenen manchmal achtlos auf die Straße werfen. Da ist sie sich mit der Nachbarschaft und mit den Menschen, die in der Kirche mithelfen, einig: Die kennen das nun mal nicht anders, aber irgendwann lernen sie’s, und die jüngeren Generationen lernen es noch viel schneller.

Frau K. weiß auch, dass öfter mal die Polizei anrückt, weil irgendwas in der Unterkunft los ist. Sie sagt, so ist das nun mal, so viele unterschiedliche Menschen auf einem Haufen, und die sind ja schon seit September da, natürlich kracht es dann. Die sind sich ja nicht alle einig, und selbst wenn sie’s wären, nach so langer Zeit auf engstem Raum, da streitet sich jeder irgendwann. Sie erzählt dann von damals, nach dem Krieg, als sie mit ihren Eltern aus Ostpreußen geflohen war und in Berlin auch erstmal im Schankraum einer Gastwirtschaft zusammen mit fünfundzwanzig anderen Menschen wohnen musste. Sie fand das interessant, aber als Kind findet man so einiges interessant, was man später nicht mehr so interessant findet.

Frau K. ist auch dafür, den Menschen, die Hartz IV bekommen, einfach mehr Geld zu geben, statt ihnen ständig die Bezüge zu kürzen. Die können ganz oft nicht arbeiten, viele haben psychische oder andere Probleme, warum quält man die? Wer arbeiten will, wird sich auch etwas suchen, wenn es mehr Geld gibt, und wer nicht arbeiten kann, wird in Ruhe gelassen. Woher das Geld kommen soll? Weniger Verwaltung, dieser ganze beschissene Verwaltungsapparat verschlingt viel zu viel Geld. Das Geld haben andere Menschen viel nötiger als dieser sich selbst erhaltende Apparat. Bedingungsloses Grundeinkommen für alle, sagt sie, und erzählt von den Menschen aus ihrem Bekanntenkreis, die Hartz IV bekommen und die sie betreut.

Frau K. ist kein naiver Mensch mit zu großem Herzen. Frau K. ist unheimlich klug und gebildet, sie weiß immer genau, was auf der Welt passiert, sie liest viel und schaut viele Filme und geht ins Theater und trifft die unterschiedlichsten Menschen und ist Mitglied in Sportvereinen. Frau K. sagt immer, was sie denkt, das ist nicht zwingend das Schmeichelhafteste, aber man weiß, woran man bei ihr ist. Sie würde sich nie als Gutmensch bezeichnen, eher als realistisch.

Frau K. sagt, ihre Enkel und Urenkel werden lesbisch und schwul sein und mit Menschen aller Hautfarben Beziehungen haben und niemand wird das erwähnenswert finden. Frau K. sagt auch, wie schwachsinnig diese Leute sind, die von “den Muslimen” sprechen, als ob es das gäbe, “die Muslime”, das wäre ja, wie wenn jemand von “den Christen” spricht, und wenn sie sich anschaut, allein die Leute von der Kirche nebenan, und dann diese anderen Leute von der anderen Kirche eine Straße weiter, die sind sowas von unterschiedlich und haben gar keine Gemeinsamkeiten, theologisch gesprochen, obwohl sie dasselbe Buch haben, auf das sie sich beziehen, und überhaupt, was sind denn westliche Werte, so ein Scheißdreck, wir sind alle irgendwann mal von irgendwo geflüchtet oder ausgewandert, und der Welt schadet es nicht, wenn sie bunt ist, ganz im Gegenteil, aber dieses dumme Gerede mit den Werten, wer hat die besseren, wo es doch nur darum gehen sollte, den Menschen zu helfen, wenn sie Hilfe brauchen, und alle brauchen Hilfe, auf ganz unterschiedliche Art, also sollte man einfach erstmal helfen, und dann sieht man weiter.

IMG_20130414_202231Ich hätte ja gern, dass Frau K. einen eigenen YouTube-Channel startet, aber ich glaube nicht, dass sie das will. Sie hat außerdem zu viel zu tun, und bevor jetzt jemand sagt, na ja, die ist ja auch alt, die hat Zeit – sie macht das schon ihr ganzes Leben so, und sie hat außerdem Kinder großgezogen und gearbeitet. Jedenfalls, wenn Frau K. schon nicht selbst im Internet ist, muss ich das für sie übernehmen. Es gibt so viele Menschen wie Frau K., von denen man viel zu wenig mitbekommt.

 

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20 Comments

  1. Danke für diesen Text! Wunderbare Liebeserklärung an all die vielen Frau K.’s dieser Welt – ja, es gibt sie überall und ich glaube, es sind noch viel mehr als wir meinen. Und wir sollten viel öfter von ihnen erzählen, immer wieder und wieder.

  2. Ja, möge es viele solcher K’s geben, ob weiblich oder männlich, ob jung oder alt, ob atheistisch, christlich oder buddhistisch oder, oder… Möge die Welt zusammenwachsen mit all der unterschiedlichen Kulturen. Wir befinden uns in einem Raumschiff, das Erde heißt – wir sind aufeinander angewiesen, die „Wahrheit“ werden wir in der Verschiedenheit finden und die Lüge in dem nur Einen.

  3. Es sollte mehr von diesen Menschen geben, die nicht ständig über dies und das lamentieren, sondern einfach etwas tun. Die Frau K’s versuchen es wenigstens, die Welt im Rahmen ihrer Möglichkeiten jeden Tag ein bisschen besser zu machen. Ich finde, das ist ein schöner, sehr tröstlicher Gedanke…

  4. Hat dies auf allesaufnull rebloggt und kommentierte:
    Zoe Beck schreibt diesen wundervollen Text über Frau K., ihre Nachbarin, weil sie selbst nicht im Internet ist. Ich hoffe so sehr, dass dieser Text nicht fiktiv ist. Dass es Menschen wie Frau K. mit all‘ ihren menschlichen Gedanken wirklich da draußen gibt.

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