Die Welt spiegeln – die Welt verändern #lar16

Ich fasse hier noch mal ungefähr zusammen, worüber ich bei der Leipziger Autorenrunde 2016 gesprochen habe. (Und wenn ich daran denke, wie das Geschlechterverhältnis dort in den vergangenen Jahren war, frage ich mich, warum es nicht Leipziger Autorinnenrunde heißt?)

 

Autor*innen erzählen oft sehr viel mehr, als ihnen möglicherweise bewusst ist. Jede Geschichte bildet eine erzählerische Wirklichkeit ab, und die Autor*innen setzen diese. Vieles davon geschieht bewusst, vieles unbewusst. IMG_20130128_193245Nicht selten werden diese Wirklichkeiten in den Geschichten auch sehr bewusst von den Verlagen gesetzt, indem beispielsweise in Richtlinien für gewisse Romanreihen (z.B. Heftchenromane und deren Nachfolge) genau vorgegeben ist, welches Alter die Protagonist*innen haben sollen, welche Berufe erwünscht sind und welche nicht, dass der Mann beruflich und sozial über der Frau zu stehen hat, bis hin zu Warnhinweisen, dass bestimmte Nationalitäten, Hautfarben, Religionszugehörigkeiten etc. nicht erwünscht sind. Alles im Namen der Lesenden, oder im Namen des Marktes, der Verkäuflichkeit, will sagen: Möge sich bloß niemand an etwas Fremdartigem stoßen, sollen alle bitteschön beim Lesen unfallfrei über die Buchstaben segeln.

IMG_20130413_225224Dadurch werden bestimmte Gesellschaftsbilder, Verhaltensweisen, Meinungen usw. gesetzt, verfestigt, behauptet. Wenn bei Kinderbüchern angefangen bis ins Primetimeprogramm der Öffentlich-Rechtlichen stets der Arzt neben der Krankenschwester steht und nur in Ausnahmefällen die Ärztin neben dem Krankenpfleger, dann prägt das unsere Wahrnehmung. Alles fängt schon beim Sprachgebrauch an: Es gibt Untersuchungen dazu, dass Mädchen sehr viel eher bereit sind, sich für einen Beruf zu interessieren, wenn bei der Berufsbezeichnung auch das -in angehängt wird. Wissenschaftlerin. Automechanikerin. Richterin. Rechtsanwältin. Polizistin. Sanitäterin. Professorin. Soldatin. Kapitänin. Busfahrerin. Je häufiger die weibliche Form benutzt wird, desto selbstverständlicher wird sie, und desto normaler wird es irgendwann für uns alle, einer Feuerwehrfrau zu begegnen statt immer nur Feuerwehrmännern.

Ich bin deshalb dafür, die „klassischen“ Zuschreibungen im literarischen Text
IMG_20130218_195528aufzubrechen. Das muss nicht auf jeder einzelnen Seite und mit jeder Figur durchdekliniert werden, aber wir können ja sicherlich alle einmal schauen, ob und wo es sich anbietet. Wo es vielleicht auch gewollt stört, in seiner Beiläufigkeit. Auch wenn es um Verhaltensmuster von Figuren geht, sollten sich Autor*innen verdeutlichen, ob sie gerade in die „typisch weiblich/typisch männlich“-Falle tappen. Ist Weinen, Ohnmächtig werden, Klamotten kaufen, Kinder betreuen, Prosecco trinken wirklich ein reines Frauending? Ist es überhaupt ein Frauending? Muss es thematisiert werden, wenn eine Frau nicht diese angeblichen Frauendinge tut? Und wie beschreiben Autor*innen ihre Figuren? Braucht es die detaillierte Beschreibung der Äußerlichkeiten samt Zuschreibung, ob nun jemand „attraktiv“ ist oder nicht? Und wenn, warum sind Frauen mit Kleidergröße 36 attraktiv und Frauen mit Kleidergröße 42 „trotzdem“ attraktiv? Die Beispiele sind endlos, und ich will vor allem sensibilisieren. Wann in welchem Text welche Figur wie besetzt und wie beschrieben wird, hängt von so vielen weiteren Faktoren ab, dass ich keine Generallösung geben kann.

IMG_20130722_154253Über die Genderthematik hinaus gibt es noch sehr viel mehr Bereiche, über die sich Autor*innen Gedanken machen sollten. Haben alle Figuren einen deutschen Namen? Wenn ja, warum? Ich gehe ja gern über Friedhöfe und suche mir da Namen zusammen. Man staunt manchmal, was einem da alles ganz selbstverständlich begegnet. Sind denn wirklich alle Menschen in unserem Umfeld Biodeutsche mit urdeutschen Namen? Nein. Eben. Fragen wir sofort jeden Menschen mit deutlich dunklen Augen oder sehr blonden Haaren, woher die Eltern denn stammen mögen? Selbstverständlich gibt es Geschichten, bei denen Diversität nicht unbedingt zur Debatte steht. Bei einer reinen Dorfgeschichte im tiefsten Niederbayern, die von den Erbstreitigkeiten zweier Bauernsöhne erzählt, muss nicht zwanghaft jede IMG_20121224_094402Nebenfigur einen Migrationshintergrund haben. (Überhaupt, zwanghaft. Zwanghaft ist gar nicht gut.) Wenn es wichtig für die erzählte Wirklichkeit ist, dass ein Zimmermädchen aus Rumänien kommt, dann muss dieses Klischee bedient und nicht gebrochen werden. Wenn die Homosexualität der Nachbarstochter irgendwas mit dem Thema der gesamten Erzählung zu tun hat, kann sie nicht unkommentiert stehenbleiben. Aber wie oft ist genau das möglich – im Nebensatz zu erwähnen, dass eine Frau mit einer anderen Frau verpartnert ist, und daraus eben keine große Sache zu machen, sondern es als Normalität mitzuerzählen. Oder dass die Nachbarsfamilie vor zwanzig Jahren aus Nigeria gekommen ist. Oder dass der Türke mal keinen Gemüseladen und keine Dönerbude hat, sondern Bankkaufmann oder Optiker ist. Selbst wenn ich nun eine Geschichte schreibe, in der es um mafiöse Strukturen bei Sportwetten innerhalb der russischen Community geht, habe ich zwar eine Menge krimineller Russinnen und Russen, aber auch da gibt es Möglichkeiten, am Ende nicht so aus der Geschichte herauszugehen, dass die Message lautet: alle Russen sind kriminell. Oder: Wettbetrüger sind immer nur die Russen.

IMG_20121222_190135Ein sehr gutes Beispiel für diversity ist die Netflix-Serie „Orange Is The New Black“: Hautfarbe, Herkunft, sozialer Status, Bildungsgrad, Alter, sexuelle Orientierung, Gender, Gewicht, Körpergröße, Religion, was hab ich vergessen? Nun können nicht alle Themen immer überall in der vollen Bandbreite abgedeckt werden. OITNB geht nun in die vierte Staffel und funktioniert über die Bandbreite des Ensembles. Eine Kurzgeschichte hat dafür keinen Platz. Nicht mal ein Roman. Aber wenn wir die Serie eine Weile schauen, bemerken wir doch, wie sich unser Blick ändert. Schalten wir danach in eine ordentliche deutsche Serie, wundern wir uns über die vielen weißen Gesichter, die vielen dünnen Menschen aus der Mittelschicht. Noch etwas, das OITNB gut kann: Figuren nicht klar als Gut oder Böse abbilden. Die einzelnen Figuren sind in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich sympathisch. Redet der homo- und xenophobe Wärter mit einer weißen Hetera, kann er hinreißend nett und hilfsbereit sein. Kommt eine lesbische Insassin zu ihm, war’s das mit nett und hilfsbereit. Und dann ist er wieder total unterstützend und hilft einer anderen Figur, so dass man ihn umarmen möchte. Obwohl wir wissen, dass er total fies zu der anderen Insassin war. Jetzt mal ganz vereinfacht runtergekocht.

IMG_20130927_160105Menschen mit Behinderung kommen in Geschichten häufig auch nur dann vor, wenn diese Behinderung dramaturgisch wichtig ist oder aus irgendwelchen Gründen thematisiert werden muss. Auch da ist mehr Selbstverständnis wünschenswert. Wenn alle Menschen, die eben nicht der vermeintlichen Norm entsprechen, in Geschichten wie Paradiesvögel auftauchen, macht das was mit unserem Blick im Alltag, wir empfinden jede Normabweichung als noch krasser. Je selbstverständlicher die Vielfalt, die das Leben in der Wirklichkeit nun mal mit sich bringt, auch abgebildet wird, desto normaler wird eben diese Vielfalt. Desto breiter die Definition der Norm. Und davon haben wir wirklich alle was.

IMG_20130125_185018Jemand fragte mich, ob denn immer alles dann auch ganz politisch korrekt be- und geschrieben werden müsse. Ich bin ja immer dafür, dass alle Menschen nett miteinander umgehen und sich nicht gegenseitig verletzen, auch nicht mit Sprache. Beim literarischen Schreiben aber müssen Autor*innen natürlich beachten: Wer spricht? Ist es die Perspektive einer Figur? Dann wird die Sprache, die Haltung dieser Figur wiedergegeben. Ist es ein*e Erzähler*in? Welche Haltung soll da gezeigt werden? Und ganz wichtig: Erzähler*in ist nicht Autor*in. Logisch. Wird aber gern immer wieder von Lesenden verwechselt. Bei ganz radikalen politischen oder sonstigen Haltungen der Figuren oder in der Erzählstimme sollten sich Autor*innen bewusst sein, dass sie sich später solchen Verwechslungen stellen müssen. Da hilft es, sich genau anzuschauen, was man vorhat, was man sagen will, wie man sich als Erschaffer*in abgrenzt. Was ist das Ziel der Figuren, der Geschichte. Welches Weltbild soll da eigentlich gezeigt werden.

IMG_20121224_000850Darum geht es mir ja die ganze Zeit. Weltbilder. Sehen wir uns Agatha Christie an, die sehr klare Moralvorstellungen und spätviktorianische Werte in ihren Geschichten transportierte und auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch ein Gesellschaftsbild zeichnete, das geprägt war von imperialistischer Sehnsucht und der Angst vor dem Niedergang des Commonwealth, oder eigentlich des British Empire.

IMG_20130430_003814Man kann alle Autor*innen dahingehend untersuchen. Bei John Grisham zum Beispiel ist in jedem Buch klar, dass er Demokrat ist, ebenso wie Stephen King oder Elmore Leonard. Sara Paretsky steht auch eindeutig links. James Patterson ist, wie auch Dean Koontz oder Tom Clancy, deutlich Republikaner, und deren Wertevorstellungen bekommt man eben entsprechend untergejubelt. In TV-Serien wie „Law and Order“ ist man häufig so darauf fixiert, dass die Handlung weitergeht und die Bösen gefangen werden, dass man Bürgerrechtsverletzungen schulterzuckend hinnimmt.

Das war jetzt alles nur ein sehr oberflächlicher Durchlauf und ist tatsächlich, wie schon erwähnt, nur als Anschubser gedacht: mehr Mut zu Diversität, zu einer anderen Norm. Mehr Sensibilität und Bewusstsein dafür, dass alle Autor*innen mit den Welten, die sie entwerfen, auch eine (gesellschaftspolitische) Aussage über ihre eigenen Gesellschaftsbilder treffen. Wir haben mit unseren Texten dann doch mehr Verantwortung, als wir uns das so bewusstmachen. Ich lerne auch immer noch dazu. Was ich übrigens gut finde.

EDIT: Das * stört? Mich nicht, im Gegenteil, ich finde es schön, dadurch die Möglichkeit zu haben,  (fast) alle Menschen anzusprechen. Aber wenn es stört, ist das vielleicht erstmal ganz gut so. So kommt Nachdenken zustande. Hier steht was über Sternchen und Binnen-Is und so.

Alle Fotos (c) Zoë Beck

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8 Comments

  1. In der Tat ein oberflächlicher Durchlauf. Frauen sind übrigens zum Dienst bei der Feuerwehr rein körperlich nur sehr bedingt geeignet. Es wäre schön, wenn all die Genderbegeisterten wenigstens Tatsachen als solche akzeptieren könnten.

    1. liebe mitlesende, das ist ein schönes beispiel für die notwendigkeit, vorurteilen zu begegnen. wer sich dafür interessiert, wie feuerwehrfrauen in ihrem beruf klarkommen (denn das tun sie), mit welchen vorurteilen (s.o.) und problemen (akzeptanz durch kollegen etc.) sie zu kämpfen haben, kann sich im netz u.a. hier informieren. begeisterte grüße: zoë

      1. Meine Schwester ist Feuerwehrfrau 😀 Sie ist ziemlich klein und die einzige Frau im Team. Sie hat damals vor der Aufnahmeprüfung ein halbes Jahr trainiert und ist jetzt seit geraumer Zeit fertig mit der Ausbildung und ich finde es darf ruhig noch vielmehr Feuerwehrfrauen geben, is niemlich nicht so einfach in so einer Männerdomäne.

    2. Das jemand Frauen die körperliche Eignung für den Feuerwehrdienst heutzutage noch abspricht kann nur bedeuten, dass er selbst so gar nicht in dem Thema drin ist oder in einem zutiefst heteronormativen Kaff lebt – Ich kenne einige Feuerwehr- (und THW-)Frauen, einige davon in Führungspostitionen, das ist bei uns ganz normal und nichts besonderes mehr. Die Eignung zählt, nicht das Geschlecht. Und da gibt es nicht viele Unterschiede zwischen den Geschlechtern, egal ob Atemschutzgeräteträger*in, Kraftfahrer*in oder sonstige Positionen.

      Viele Grüße von einer THW-Helferin, in Funktion einer Melderin (d.h. u.a. Funkerin) und Kraftfahrerin in einer Führungseinheit.

      1. wo ich einen Unterschied sehe das ist in der Passform der Uniformen, also dieser Ausrüstung, bei meiner Schwester sieht das immer etwas unförmig und zu groß aus, fänd ich gut wenn das mal angepasst werden würde

  2. Hat dies auf Herland rebloggt und kommentierte:

    Zoë Beck fasst hier kurz zusammen, was sie in Leipzig in einem kurzen Vortrag als Denkanstoß den anderen Autor*innen mit auf den Weg geben wollte: mehr Diversität in unseren Texten.

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