Tante Ilse

Tante Ilse wohnte direkt gegenüber von unserem Garten. Wenn ich Milch holte, ging ich immer durch den Garten, dann rechts die steile Straße runter, und am Ende der steilen Straße war der Bauernhof. Ich holte oft Milch, ich trank viel Milch als Kind, und immer die frische Kuhmilch direkt vom Bauern, die ich in einer zerbeulten, silbernen Kanne nach Hause schleppte. Ich ging gern zum Bauern, obwohl ich entsetzlich schüchtern war und mich mit Menschen nicht sehr wohl fühlte. Aber der Bauer sprach nicht viel, er zeigte mir die Kälber und Ferkel, und ich durfte manchmal auf den Heuboden, um mit den Katzen zu spielen.

Ich ging überhaupt oft an Tante Ilses Haus vorbei, der Weg durch den Garten war mir lieber als der normale Weg zur Haustür hinaus. Aber ich blieb immer auf der anderen Straßenseite, auf „unserer“ Seite, weil Tante Ilse einen Hund hatte, einen Dackel, der im Todesfall immer gegen einen identischen Dackel ausgetauscht wurde. Egal welcher Dackel es gerade war, er bellte fürchterlich, und ich mochte keine bellenden Hunde. Ein paar Meter weiter musste ich die Straßenseite wechseln, weil dort jemand mit einem sehr viel größeren, ebenfalls bellenden Hund wohnte. Meine Wege durch den Ort verliefen in einem genau geplanten Zickzack wegen bellender Hunde.

Tante Ilses Haus kam mir immer recht wundersam vor, was nicht nur am jeweiligen Dackel lag. Sie hatte viele Pflanzen, einen ganzen Wintergarten voll, und hinterm Haus gab es noch ein kleines Gewächshaus. Sie hatte auch Hühner, und ich weiß noch, wie sie manchmal ein Huhn auf dem Arm hatte und mich fragte, ob ich es nicht einmal streicheln wolle (ich wollte nicht). In meiner Erinnerung steht Tante Ilses Garten in voller, üppiger Blüte, es duftet so intensiv, dass es fast etwas Toxisches hat, und riesige Schmetterlinge schweben herum. Vielleicht ist es ein bisschen Rappaccini’s Daughter, was sich in die Erinnerung mischt, wer weiß.

Wenn ich an Tante Ilse denke, muss ich auch an ihre beiden Nichten denken. Sie sind einiges älter als ich, aber die jüngere spielte trotzdem mit mir, wenn ich zu Besuch kam. Monopoly vor allem, und ich durfte mir ihre Asterix-Hefte ausleihen. Von ihrem Zimmer aus konnte ich in unseren Garten und auf unser Haus sehen. Diese verschobene Perspektive fand ich manchmal etwas unheimlich.

IMG_20130831_155449Bei Tante Ilse stand auch ein etwas verstimmtes Klavier. Sie hatte ihre beiden Nichten, wenn ich mich recht erinnere, zum Klavierunterricht ermuntert, und sie unterstützte deren Studium und Promotion. Tante Ilse hatte keine eigenen Kinder, sie hatte ihre Nichten, und sie sprach von ihnen immer mit großem Stolz und viel Wärme. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber mein Eindruck war, dass ihr die Ausbildung der beiden sehr am Herzen lag, weil sie wollte, dass die beiden jungen Frauen unabhängig waren.

Tante Ilse war ihr Leben lang auch unabhängig gewesen. Sie hatte bis zum Rentenalter eine Festanstellung bei einer Bank gehabt, soweit ich weiß (in meiner Familie ist die Informationsvergabe häufig etwas vage), und sie war nie verheiratet, hatte nie die Ehe als Versorgungseinrichtung in Anspruch genommen. Sie hatte trotz dieser für ihre Generation (zu alt für die 68er) und die kleine Stadt (zu weit weg für die 68er) ungewöhnlichen Umstände immer etwas hoffnungslos Altmodisches an sich, ich sah sie nie Hosen tragen, immer nur Röcke, und meistens noch eine Schürze, damit sie sich im Garten nicht schmutzig machte. Manchmal kamen Tante Ilse und ihr jeweiliger Dackel auch zu Sonntagsspaziergängen mit, aber nicht sehr oft, was vielleicht an dem Dackel lag. Alle ihre Dackel waren schrecklich schlecht erzogen, ich erinnere mich an eine sehr unkomfortable Autofahrt, nach der eine komplette Innenreinigung des Wagens nötig war.

Ich dachte immer, wenn jemand hundert Jahre alt wird, dann Tante Ilse. Aber sie schaffte nicht ganz die Hundert. Sie starb im Oktober, es gab keine lange Leidenszeit, keine schrecklichen Dramen. Wenn ich sie mir vorstelle, sehe ich sie immer mit dieser heiteren Gelassenheit vor mir, die sie ausstrahlte. Ich denke an die vielen Pflanzen in ihrem Wintergarten und das verstimmte Klavier, an die Fensterläden und die altmodische Küche. Und ich denke, dass ich so vieles über sie nicht weiß, dass mich meine Erinnerung trügt, aber dann – ist das schlimm? Ich denke gern genau so an sie.

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