Vielleicht sogar

Letztens ging ein Artikel rum über Duftstoffe, die vielleicht sogar gegen Krebs helfen können. Ich habe nur die Überschrift gelesen, mehr muss ich nicht wissen. Aromatherapie gegen Krebs, wie wunderbar wäre das, wie sehr würde ich mir das wünschen. Überhaupt, sanfte Allheilmittel. Überhaupt, eine Welt ohne Krankheiten. Nehm ich sofort.

Ich reagiere nur nicht gut auf solche Artikel. Sie begleiten mich schon mein ganzes Leben. Meine Mutter sammelte sie. Sie sammelte alles über Krebs. In meiner kindlichen Vorstellung war Krebs eine grundsätzlich und immer tödlich verlaufende Krankheit. Dass verschiedene Arten unterschiedliche Verläufe nehmen konnten, lernte ich erst später, das kindliche Gefühl blieb: Krebs, das ist der Tod.

Meine Mutter, wie gesagt, sammelte Artikel über Krebs, und zwar ausschließlich solche, in denen geschrieben stand, welche Lebensmittel oder anderen Stoffe in Verdacht standen, Krebs zu erregen, und welche möglicherweise vor Krebs schützten. Kaum etwas davon war besonders wissenschaftlich, vielmehr bewegte sich das meiste in der „vielleicht sogar“-Liga. Ich erinnere mich, dass manche Verdächtigungen, was Gut und was Böse sein könnte, nach Jahren revidiert wurden. Meine Mutter sammelte trotzdem immer weiter.

Sie bekam eines Tages Krebs, obwohl sie immer alles getan hatte, was in ihren Artikeln stand. Sie bekam Krebs, und sie reagierte auf diese Nachricht so, wie es abzusehen war: Sie nahm sie als Todesurteil. Bald darauf starb sie.

Ein paar Jahre später bekam ich Krebs. Eine andere Art, aber der Ablauf und wie ich davon erfuhr und wie die Ärzte reagierten, all das ähnelte zunächst stark dem Verlauf, den die Dinge bei meiner Mutter genommen hatten. Ich dachte an ihre Artikel, die sie gesammelt hatte, und ging im Kopf alles durch, was ich möglicherweise falsch gemacht hatte. Ich dachte darüber nach, was ich tun könnte, um Krebs vorzubeugen, und irgendwann wusste ich gar nicht mehr, was ich noch essen oder trinken und tun oder lassen sollte. Ich dachte an das Buch „Zwei Frauen“, das ich als junges Mädchen gelesen hatte, bei dem die Protagonistin nach den langen Monaten der Bestrahlungen und Chemotherapien und Operationen gesagt bekommt, was sie alles nicht essen soll, und sie denkt sich, scheiß drauf, ich geh jetzt einfach mal ne Runde leben, und ich dachte beim Lesen, hey, was macht die da, die muss sich da doch dran halten. Die Protagonistin in dem Buch hatte allerdings etwas verstanden: Leben. Viel wichtiger, als haargenau auf jede Kleinigkeit zu achten. Was nicht heißt, dass man sich jedem Risiko aussetzen soll. Was nicht heißt, dass man nicht auf die Gesundheit achten soll. Aber das sklavische Vermeiden von Dingen, die man eigentlich liebt? Das krampfhafte Befolgen von Ratschlägen, die „vielleicht sogar“ eine Krankheit verhindern? Bleibt da genug Zeit für das Leben, wenn der Kopf ständig mit diesen Ängsten und Eventualitäten jongliert?

Wenn es eine Strategie gäbe, wie alle Menschen grundsätzlich und garantiert Krebs meiden könnten – schön wäre das, gibt es aber nicht. Dafür gibt es immer wieder diese vagen Meldungen, die keine Meldungen im eigentlichen Sinne sind. Dafür gibt es Heilsversprechen, die vor allem denen, die sie verkünden, Geld bringen, aber niemandem die Garantie auf ewige Gesundheit.

Ich mache bestimmt vieles falsch, und ich achte trotz allem nicht genug auf mich. Ich bin so dankbar, überlebt zu haben und nicht vor über acht Jahren gestorben zu sein, aber es gibt oft genug Zeiten, in denen ich mir genau das bewusstmachen muss – dass alles ganz anders hätte kommen können.

Ich will nichts mehr von diesen falschen Hoffnungen hören, mit denen sich Menschen den Verstand vernebeln, nichts von den vagen Behauptungen, die Ängste schüren, die dazu führen, dass wir dem inneren Kompass misstrauen, was gut für uns ist. Ich kenne niemanden, dessen Krebs auf „sanfte Art“ geheilt worden wäre. Ich weiß, dass Chemotherapien, Bestrahlungen, Operationen helfen. Nicht immer, leider. Aber wenn etwas hilft, dann diese Verfahren. Das Spiel mit der Angst und der „vielleicht sogar“-Hoffnung macht eher krank. Es zielt auch besonders auf diejenigen ab, die noch nie Krebs hatten. Und am Ende bleibt ohnehin die Frage: Wozu all diese Vorkehrungen treffen, die das Leben vielleicht sogar verlängern, wenn wir darüber vergessen, wie wir es uns lebenswert machen?

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2 Comments

  1. Du hast mich mit diesem Artikel sehr berührt. Gerade hatte wir noch über Krebs und andere oft tödlich verlaufende Krankheiten gesprochen, über Intervention, Akzeptanz, die Angst vor dem Sterben, den Sinn hinter allem – und dann lese ich das hier.
    Besonders die Schlusszeilen sprechen mich an, sagen sie doch genau das, was wir vorhin auch geschlussfolgert haben. Letztendlich ist die Lebensqualität und Haltung wertvoller als die Lebensdauer.
    Danke dir.

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