Das Märchen vom anekdotischen Einzelfall

Es gibt Ereignisse in meinem Leben, über die ich nur ungern spreche. Ich werde auch heute nicht darüber sprechen, es reicht mir, dass ich seit über zwanzig Jahren mit der Erinnerung daran leben muss. Der erste Vorfall war übrigens auch in einer Silvesternacht, und ich gehöre zu den Frauen, die fragen müssen, warum sich so viele Menschen Anfang Januar 2016 für härtere Strafen bei sexualisierter Gewalt einsetzen, die sich vorher nicht wirklich für das Thema interessierten. Damit gehöre ich auch gleich zu den Frauen, denen man vorwerfen wird, die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht instrumentalisieren zu wollen. Oder kleinreden zu wollen. Nichts davon trifft zu.

Mir wurde in den letzten Tagen von mir unbekannten Menschen – in der Hauptsache von Männern – vorgeworfen, ich wüsste wohl nicht, wie sich die Frauen in Köln gefühlt haben. Es folgte nicht selten der Wunsch, mir möge so etwas doch auch mal zustoßen. Wie erwähnt ist es das bereits, in unterschiedlicher Form zu unterschiedlichen Gelegenheiten (wenn auch fast ausschließlich von deutschen Männern), und ich wünsche es weder mir, noch anderen Menschen, gleichzeitig weiß ich aber, dass es ständig irgendwo passiert.

Ich habe miterlebt, wie sich in den vergangenen Tagen Frauen, die auf die unzähligen Fälle von sexualisierter Gewalt vor Silvester 2015/Neujahr 2016 hinwiesen, anhören mussten, dass es sich bei ihren Geschichten um „anekdotische Einzelfälle“ handele (wenn die Gewalt von einem deutschen Mann ausging), oder dass es sicherlich „nicht so schlimm“ gewesen sein könne, sonst hätten sie ja Anzeige erstattet. An den Menschen, die so reagierten, gingen offensichtlich die Aktionen #ichhabnichtangezeigt und #whyisaidnothing vorbei. Vielleicht gingen die Aktionen auch nicht an allen vorbei. Vielleicht gehörten sogar einige von ihnen zu jenen, die sich über die jeweiligen Aktionen lustig machten. Die Menschen (in der Hauptsache Frauen, aber nicht nur!), die ihre Geschichten aufschrieben, wurden außerdem bedroht, gedemütigt, in den Dreck gezogen. Als sei das, was ihnen im Leben zugestoßen war, nicht schon schlimm genug. Es zeigte sich also genau dadurch einmal mehr, warum so viele Menschen schweigen oder nicht anzeigen, wenn sie Opfer sexualisierter Gewalt werden.

Ich habe bei #ausnahmslos mitunterzeichnet, schon bei den ersten 300. #ausnahmslos wendet sich gegen sexualisierte Gewalt und gegen Rassismus. Weil sich gerade sehr viele, zu vielen Menschen auf die Fahne schreiben, sie seien gegen sexualisierte Gewalt und – gegen Ausländer. Bestimmte Ausländer. Nordafrikaner. Araber. Diese Richtung. Weil ja diese Sorte Ausländer grundsätzlich Vergewaltiger seien.

Gegen solche Verallgemeinerungen stellt sich #ausnahmslos, und ich möchte betonen: Es geht nicht darum, die Opfer der Silvesternacht zu instrumentalisieren, es geht nicht darum, kleinzureden, was dort geschehen ist, und es geht auch nicht darum zu leugnen, dass es Menschen mit einem inakzeptablen Frauenbild gibt.

Es geht allerdings darum zu differenzieren. Nicht zu sagen: alle Männer aus dieser einen Region. Oder überhaupt: alle Männer. Sondern: Menschen, die solche Taten verüben oder auch nur billigen, gegen solche Menschen müssen wir uns stellen.

Natürlich ging die Aktion von Feminist*innen aus, natürlich stehen Frauenverbände dahinter. Ich bitte auch hier um Differenzierung: Wo Feminismus draufsteht, ist nicht zwingend die Meinung einer Alice Schwarzer drin. Auch Feminist*innen sind keine homogene Gruppe. Ich kenne beispielsweise nur sehr, sehr wenige erklärte Männerhasserinnen. (Das wird ja von Ahnungslosen gern mal gleichgesetzt, Feminismus = Männerhass von frustrierten Frauen.) Und es geht auch nicht darum, die Bevorzugung von Frauen durchzusetzen. Es geht darum, dass Menschen nicht wegen ihres Geschlechts diskriminiert werden, es geht um Toleranz, um Anerkennung der unterschiedlichsten Lebensmodelle.

Der Feminismus, wie ich ihn verstehe, hat sehr viel mit Respekt, Menschenwürde und Gesellschaftskritik zu tun. Vor dem Hintergrund, dass wir alle, egal zu welchem Geschlecht wir uns zählen oder gezählt werden, mit den Strukturen einer patriarchal geprägten Gesellschaft zu kämpfen haben, mit patriarchalen Religionsgemeinschaften, die unsere besonders in den letzten Wochen und Monaten von besorgten Bürger*innen viel gepriesenen Werte prägen.

Niemand weiß so genau – oder will so genau formulieren -, was diese Werte eigentlich sind, und wenn wir näher hinschauen, dann mag es sein, dass „wir“ hier in Europa in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter oder Akzeptanz von nicht-heterosexuellen Lebensgemeinschaften ein Stückchen weiter sind als andere so genannte Kulturkreise, aber es ist eben nur ein Stückchen, es ist nicht so, dass wir schon den ganzen Weg gegangen wären. Einige Menschen, die der katholischen Kirche in welcher Form auch immer nahestehen, sollten sich eigentlich mit dem Bild, das manche Geflüchtete von Frauen und Homosexuellen haben, ganz gut verstanden fühlen. Was übrigens auch für Menschen gilt, die der CSU nahestehen. Ich sage nicht, dass es für alle gilt. So wie es eben nicht für alle Geflüchteten gilt, dass sie ein niederträchtiges Frauenbild haben oder Schwule steinigen wollen.

Weil es eben diese homogenen Gruppen nicht gibt. Nicht bei den Geflüchteten, nicht bei den christlich geprägten Menschen, nicht mal bei der CSU. Selbst die Gruppe der „Männer, die Frauen sexuell belästigen“ ist nicht homogen in all ihren Eigenschaften. Eins ist ihnen natürlich gemein: Sie gehören bestraft, ungeachtet ihrer Herkunft. Sie gehören nicht härter bestraft, weil sie aus einem anderen Land kommen. Sie gehören auch nicht weniger bestraft, weil sie aus einem anderen Land kommen. Sie haben ziemlich sicher noch eine Gemeinsamkeit: Sie betrachten Frauen als Objekte.

Interessanterweise zogen in den vergangenen Tagen gleich wehrhafte deutsche Männer (was ich gelesen und gehört habe, waren es ausschließlich Männer) los, um die deutsche Frau zu verteidigen. „Unsere Damen“, und wie sie „uns“ noch so nannten. Es wurden wahllos „Ausländer“ angegriffen. Alles, um die Ehre der deutschen Frau zu retten.

Was bei genauerer Betrachtung unfassbarer Blödsinn ist. Die einzige Ehre, die diese Herren retten wollen, ist ihre eigene. Jemand hat sich an ihrem vermeintlichen Eigentum vergriffen, an der „deutschen Frau“. Auf in den Krieg, auf zum Duell. Scheiß drauf, was die Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, im Moment wirklich brauchen. Hauptsache im Testosteronrausch die Wut auf die ausländische Konkurrenz rauslassen. Frauen sind auch für diese Gruppierung – bestehend aus den rachsüchtigen deutschen Männern – Objekt. Frauen dürfen sich aussuchen, ob sie belästigt werden vom „Ausländer“, oder verteidigt vom „deutschen Mann“. Frauen sind in den Augen beider Seiten passiv.

Das sind die Strukturen, die ich meine, die eben auch in unserer angeblich vom Untergang bedrohten abendländischen Gesellschaft vorherrschen, die patriarchalen Muster – was sind denn hundert Jahre Frauenwahlrecht? Was sind denn ein paar Jahrzehnte, in denen Frauen frei ihren Beruf wählen dürfen? Was sind denn weniger als zwanzig Jahre, in denen Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand zählt? Nicht viel.

Die christlichen Glaubensgemeinschaften basieren ebenfalls auf deutlich patriarchalen Strukturen. Sie mögen da und dort aufgeweicht sein, aber sie sind nicht verschwunden.

Deshalb ist es so wichtig, darauf zu verweisen: dass es sexualisierte Gewalt überall gibt und schon immer gab. Wie sie eingesetzt wird und wurde. Im Krieg, im Frieden. Im Bekanntenkreis, in der Ehe, im öffentlichen Raum. Keine Frage, dass einige Gesellschaften auf einem anderen Stand sind. Keine Frage, dass unter den Geflüchteten einige sind, die keinen Respekt vor Frauen haben, die sich in der Öffentlichkeit frei bewegen. Aber diese vereinfachten Weltbilder? Ernsthaft? Jetzt, 2016, wo wir Zugang zu so vielen Informationen haben wie noch nie in der Geschichte der Menschheit? Da wird mit ganz groben Strichen schwarz und weiß gemalt?

Es gibt keine Entschuldigung für die Übergriffe in Köln und in anderen Städten. Aber eben auch keine Entschuldigung für all das, was (in der überwiegenden Mehrzahl) Frauen vorher angetan wurde und auch weiterhin angetan werden wird, egal welcher Nationalität oder welchen Glaubens die Täter (überwiegend Männer) waren oder sind. Gewaltopfer zu sein ist furchtbar. Opfer sexualisierter Gewalt zu sein, ist furchtbar. Opfer zu sein ist immer auch demütigend. Opfer sexualisierter Gewalt zu sein, trägt noch eine weitere Form der Demütigung in sich. (Was nicht qualitativ wertend gemeint ist. Kein Gewaltopfer hat es besser oder schlechter als ein anderes. Darum geht es nicht.)

Es darf nur nicht sein, dass wir, gesamtgesellschaftlich gesprochen, unsere Menschlichkeit abgeben. Wenn wir die Taten eines geringen Prozentsatzes der extrem heterogenen Gruppe  der Geflüchteten der gesamten Gruppe anlasten, was ist dann mit „uns“ als Gruppe? Ja, eben. Niemand will für das mitverantwortlich sein, was Menschen aus der Nachbarschaft angestellt haben. Oder gar aus der eigenen Familie. Sippenhaft? Wirklich? Nein. Aber Menschlichkeit. Sich offen und menschlich zu verhalten heißt nicht, Täter*innen straffrei davonkommen zu lassen. Es heißt auch nicht, Opfer zu verhöhnen oder sie nicht ernst zu nehmen. Ich nehme die Opfer sehr ernst, weil ich eine sehr konkrete Ahnung habe, wie es ihnen gehen mag. Wie schon erwähnt, so etwas wünscht man niemandem. Aber ich habe in den letzten mehr als zwanzig Jahren gelernt, dass ich meine Menschlichkeit trotzdem behalten kann, dass ich trotzdem differenzieren kann, statt zu pauschalisieren.

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24 Comments

  1. „Was bei genauerer Betrachtung unfassbarer Blödsinn ist. Die einzige Ehre, die diese Herren retten wollen, ist ihre eigene. Jemand hat sich an ihrem vermeintlichen Eigentum vergriffen, an der „deutschen Frau“. Auf in den Krieg, auf zum Duell. Scheiß drauf, was die Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, im Moment wirklich brauchen. Hauptsache im Testosteronrausch die Wut auf die ausländische Konkurrenz rauslassen. Frauen sind auch für diese Gruppierung – bestehend aus den rachsüchtigen deutschen Männern – Objekt. Frauen dürfen sich aussuchen, ob sie belästigt werden vom „Ausländer“, oder verteidigt vom „deutschen Mann“. Frauen sind in den Augen beider Seiten passiv.“ – DANKE! Das ist genau das, was mich bei der ganzen Brüllerei der Herren Primaten am meisten stört. Wenn es ihnen um Hilfe und Unterstützung für Frauen ginge, würden sie helfen und unterstützen, statt sich in die nächste Schlacht zu stürzen. WIR sind mal wieder nur die Weibchen, die am Rand warten sollen, bis der Sieger blutbefleckt zurückkommt und „sein Recht“ fordert.

    1. Genau! Es geht nirgends um die Gewalt, die Frauen erfahren – das ist anscheinend unwichtig – wichtig ist für gewisse „Primaten“ (nein – sicher NICHT alle Männer) nur, dass man sich an „ihrem Eigentum“ vergriffen hat…

  2. …nur so als weiterführenden Gedanken eingeworfen: will ich als Frau wirklich vielzitierten christlichen Brüllaffen auf deutschem Boden als Verteidiger, wenn er seine drei Wochen Jahresurlaub jedes Jahr aufs neue zur Erholung in asiatischen Freudenhäusern mit kleinen Mädchen verbringt? Und folgt daraus nicht – mit gleichem Tunnelblick gemessen – der Umkehrschluss, dass der christliche Kulturkreis nicht weniger frauenfeindlich gesehen werden kann? hmmmm
    Danke für diesen differenzierten Blockbeitrag.

  3. Toller Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Mir gefällt die Ausgewogenheit und Komplexität, mit der Sie das Thema reflektieren – und differenzieren. Dankesehr!

  4. Ich, als Mann teile diese sehr ausgwogene Sicht auf die Situation hundertprozentig. Vielen Dank für diesen, in dieser scheinbar aktuell sehr einseitigen Debatte.

  5. Danke für diesen Artikel! Er kommt sicher vielen direkt aus dem Herzen!
    Es kann nicht angehen, dass rechte Idioten, die sich sonst einen Dreck um Frauenrechte scheren, nun die Opfer von sexueller Gewalt für ihre Propaganda missbrauchen. Bodenlos.

  6. @Zoë Beck Ein paar Gedanken zu Deinem Text. Mir ist bewusst, dass Dein Blogbeitrag auf die Ereignisse von Köln fokussiert und trotzdem bin ich der Ansicht, ist er sehr einseitig geschrieben.
    Es gibt sicherlich Frauen, die schweigen und nicht anzeigen, wenn sie Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, weil sie noch in den Dreck gezogen werden etc. Aber es gibt sicherlich auch das Gegenteil, dass Männer falsch beschuldigt werden und die Unschuldsvermutung in den Dreck gezogen wird, sie vorverurteilt werden oder eben völlig zu Unrecht verurteilt werden; da wäre es m.E. hilfreich gewesen, wenn man diese Seite auch aufzeigen würde.
    Gibt es eigentlich auch Frauen und Männer mit einem inakzeptablen Männerbild oder nur Männer, mit einem inakzeptablen Frauenbild? Oder gibt es ev. auch etwas, das Christoph Kucklick „das verteufelte Geschlecht“ nennt und er hier die Männer meint?
    http://www.zeit.de/2012/16/DOS-Maenner

    Den Feminismus wie ich ihn immer wieder erlebe, betreibt m.E. vielfach eine einseitige Geschlechterpolitik und Geschlechterforschung, weil er sich vielfach nur auf das konzentriert, wo Frauen die Benachteiligten oder Opfer sind, aber nicht sieht oder sehen möchte, wo Männer benachteiligt, diskriminiert oder Opfer sind.

    Könntest Du mir einmal sagen, wie diese „Strukturen einer patriarchal geprägten Gesellschaf“ genau aussehen? Was muss ich mir darunter genau vorstellen? Was sind eigentlich genau Strukturen und was sind patriarchalische Strukturen? Wie sehen diese in Deutschland aus, wo finde ich diese, woran kann ich sie erkennen, wer produziert diese und von wem werden sie reproduziert?
    Wo in Deutschland gibt es zumindest bei Männern und Frauen keine Gleichberechtigung? Also in welchen Bereichen werden Frauen diskriminiert und hier meine ich, wo genau nachgewiesen ist, dass eine Diskriminierung vorliegt?
    Du sprichst von Männer, die Frauen sexuell belästigen. Werden Männer nicht auch sexuelle belästigt? Also ich würde hier mal auf folgende Studie verweisen:
    http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Umfragen/Umfrage_sex_Belaestigung_Los_1.pdf?__blob=publicationFile&v=1

    Da steht z.B. geschrieben, dass insgesamt 56 Prozent der Männer schon einmal in ihrem Berufsleben eine Situation erlebt, die gesetzlich als sexuelle Diskriminierung gilt, bei den Frauen ist der Anteil bei 49%.
    Und wenn Frauen Männer sexuell belästigen, betrachten dann Frauen die Männer auch als Objekte? Im öffentlichen Raum sind Männer zu 60% Oper von Gewaltdelikten: werden dann Männer nicht auch zu Objekten gemacht, wenn sie in einem noch höheren Ausmass Opfer von Gewalt im öffentlichen Raum sind im Vergleich zu Frauen?
    Woher weisst Du, dass die Herren, die sich für die Frauen einsetzen, einzig und allein ihre Ehre retten wollen? Gibt es dazu repräsentative empirische Untersuchungen dazu, die alle zu diesem identischen Schluss kommen? Oder ist das einfach mal eine intuitive Vermutung von Dir, ohne irgendwelche belastbare Fakten?
    Und wer genau zwingt die Frauen in die angeblich passive Rolle? Gibt es Gesetze in Deutschland, die sagen, dass Frauen nichts sagen oder Initiativen ergreifen dürfen, wenn sie sexuell belästigt werden oder von sexualisierter Gewalt betroffen sind? Könnte es nicht sein, dass Du Frauen vor allem gerne als Opfer und Machtlose sehen möchtest?
    Du sprichst von 100 Jahren Frauenwahlrecht. Wie lange gibt es denn das allgemeine Männerwahlrecht? Das erste mal gibt es so etwas in der US-amerikanischen Verfassung von 1787 – ist jetzt auch noch nicht sooo lange her und in anderen Staaten hat es entsprechend länger gedauert. Auch die Männer konnten je nach Schicht, Stand, Ethnie etc. nicht schon immer wählen und auch nicht immer einen Beruf frei wählen, auch das hing stark von der sozialen Stellung oder der Ethnie ab. In den westlich industrialisierten Staaten haben hier Männer ev. ein paar Jahrzehnte bis ein, zwei Jahrhunderte Vorsprung gegenüber Frauen, aber auch das ist eine relativ kurze Zeitspanne in der Menschheitsgeschichte. Es mag sein, dass sexualisierte Gewalt eher Frauen trifft, es trifft aber eben auch Knaben, Junge und Männer: auch Männer werden also sexuell belästigt, auch häusliche Gewalt geht zumindest quantitativ fast gleich viel von Männern und Frauen aus: Opfer und Täter sind hier Frauen und Männer und zwar in analoger Häufigkeit. Und noch einmal: bei Gewaltdelikten im öffentlichen Raum sind Männer zu 60% Opfer und Frauen offenbar zu 40%.

  7. Obwohl oder auch weil ich ein Mann bin, kann ich vieles, was in dem Artikel beschrieben wird, verstehen und nachvollziehen. Ich kenne die männlichen Sprüche über Frauen und ihre Einschätzungen der „Damen“. Und ich kenne auch meine eigenen Entwicklungsphasen vom Jungmann mit flotten Sprüchen und dunklen Ängsten bis zum Mann, der zumindest einiges reflektieren gelernt hat, verbunden mit Windungen und Wendungen, Selbstvorwürfen und auch oft der Ohnmacht, Einstellungen praktisch ändern zu können.

  8. Wer den qualitativen Unterschied der Situation der Frauen in Deutschland und dem muslimischen Raum, speziell dem arabischen nicht versteht war vermutlich noch nie vor Ort.
    Ich empfehle es ihnen wärmstens einige Monate in Ägypten, Marokko oder vielleicht Saudi Arabien zu arbeiten, dann klärt sich dieses Missverständnis hurtig auf.
    Es werden bis Ende 2016 mehr als eine Million junge Männer zwischen 15-35 mit eben diesem Gesellschaftsbild zu uns kommen.
    Daher wäre es wichtig und hilfreich wenn Sie verstehen würden wovon sie reden bevor sie politisch agitieren.

      1. Sehr gut, dann sollten sie doch bemerkt haben, dass es einen gesamtgesellschaftlichen qualitativen Unterschied in der Stellung der Frau gibt im Vergleich zu Deutschland. Also warum leugnen und händeringend so tun, als ob es nicht vollkommen erwartbar ist, dass sich das Lebensgefühl der Frauen in unserer Gesellschaft notwendigerweise verändern wird wenn über ein paar Jahre verteilt Millionen junger Männer aus diesen Gesellschaften zu uns kommen.
        Es ist heute im migrantischen Milieu schon so und das wird auf den Rest der Gesellschaft ausstrahlen, einfach weil die Anzahl der derart sozialisierten Menschen steigen wird.

    1. natürlich gehen sie von der homogenen masse der tumben, unbelehrbaren, nicht reflexionsfähigen, integrations- und denkunwilligen männer aus. wäre mir so nicht begegnet, vor ort in marokko, auch wenn durchaus ein anderes frauenbild unübersehbar war, wenngleich ich mich nie bedroht gefühlt habe. wie auch immer, sie wollen recht behalten, egal wer was sagt, aber nur, um das abzuschließen: diesen homogenen mob gibt es nicht. es gibt selbstverständlich probleme, die müssen wir angehen, aber kein grund, alle ausländer zu verdammen. oder verdammen sie nur die muslime? wenn ja – dann gleich alle? oder nur nordafrikanische muslime? oder nur männlich nordafrikanische muslime aus einer so genannten unteren gesellschaftsschicht? und die sind dann alle gleich? egal. sie denken, wie sie denken und müssen sich den vorwurf gefallen lassen, den sie anderen machen: nicht bereit zu sein, vorurteile abzubauen und sture denkstrukturen aufzuweichen. vor diesem hintergrund ist es natülrich klar, dass sie glauben, niemand sei in der lage, sich anderswo anzupassen oder dinge zu überdenken. es tut mir für sie leid, dass das ihr menschenbild ist.

  9. Ein Berber aus Marokko, muslimisch und praktizierend war lange Zeit eine große Inspiration und mein Mentor. Wissen, wovon man redet, ja, aber nicht, bevor man alle Schubladen beseitigt hat. Eine muslimische Person als Motivator, die zu Leistungen anspornt ist für mich nichts Außergewöhnliches, nichts Irres, nichts, was nicht passt, sondern real. Ich finde es traurig, dass hier vor Menschen aus bestimmten Regionen gewarnt wird.

  10. Gewinnt man den Dingen stets etwas Positives ab, statt die Sachverhalte zuerst einmal negativ zu durchleuchten, eine Gesamtanalyse ist immer möglich, aber dabei frage ich mich, ob hier überhaupt eine Trennung in schwarz und weiß, bzw. gut und böse angebracht sein kann. Millionen junge Männer aus diesen Gesellschaften – es sind wahrscheinlich die durch den Islam geprägten Gesellschaften gemeint. Wenn man von dem Allgemeinen ausgeht, so ist das etwas, was nicht trennt, im Gegenteil, der Monotheismus verbindet mehrere Kontinente, der Umgang der Institutionen, die auf den monotheistischen Lehren gründen, mit der Rolle der Frau in den jeweiligen Gesellschaften weist sowohl im Christentum als auch in den anderen monotheistischen Gesellschaften Ähnlichkeiten auf. Hier früher, dort vielleicht später oder gerade jetzt, man kann nicht erwarten, dass alles stockt, die Dinge ändern sich, je früher, desto vielleicht besser, wie das ausgeht, wohin es führt, wird man sehen. Aber man kann nicht erwarten, dass es nie und nirgendwo zu Veränderungen kommt, dass alle dort bleiben, wo sie geboren wurden. Die Zeiten der Herren und Vasallen sind vorbei, die Knechte können reisen, wohin sie wollen.

  11. Vielen Dank für Deinen Artikel, Zoe. Ich habe mehrmals nickend gelesen – und dieser Artikel hat mir geholfen, noch besser zu verstehen, warum auch die Rechtsnationalen ein patriarchales Frauenbild nach außen tragen. Danke!

  12. Differenzierung. Sie muss sogar noch weiter gehen, nämlich in die zeitliche Achse: Kein Mensch ist nämlich andauernd Gewalttäter, sondern jeder ist in bestimmter Situation einer! Daher kann kein Mensch verurteilt werden, sondern nur eine Tat.

  13. Ziemlich schlauer Artikel. Abgesehen natürlich von dem Binnensternchen, das sich mitten im Wort in etwa so geschmackvoll ausnimmt wie ein Betonhochhaus in Venedig (für das ein paar Palazzi eingeebnet und ein paar Kanäle zugeschüttet wurden).

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