Toleranzgrenzen

Dass das “rechte Pack” “einfach nur dumm” sei, ist mal eine schöne, einfache Erklärung. Sie greift natürlich nicht nur viel zu kurz, sie impliziert noch so vieles mehr. Die (verharmlosend so genannten) “besorgten Bürger” gehören schließlich nicht zum “rechten Pack”, die (noch sehr viel verharmlosender so genannten) “Asylkritiker” ja auch nicht, “Pack” sind vor allem die anderen, und “dumm” – wie definiert sich “dumm”? Handelt es sich um unwissende Menschen, die keinen Zugang zu Fakten haben, und wenn doch, ziehen sie daraus die falschen Schlüsse? Weil sie es nicht besser wissen oder nicht besser können? Kann man dieser “Dummheit” beikommen? Meint “dumm” nicht eigentlich ignorant, intolerant, voreingenommen, stur? “Dumm” ist keine Antwort auf das, was gerade geschieht. Zu sagen: “Wir müssen mit den besorgten Bürgern reden” wirft die Frage auf, wie viel Toleranz gegenüber dieser Intoleranz, die sich breit gemacht hat (oder jetzt erst sichtbar zeigt) überhaupt zielführend ist. Oder weise. Oder richtig. Und was dann mit dem “rechten Pack” ist. Oder mit den “Asylkritikern”.

Diese Menschen, egal welches Stempelchen man ihnen gibt oder welches sie sich selbst aufdrücken, liegen falsch. Sie verbreiten Lügen, nachweislich. Sie bedrohen andere Menschen, nachweislich. Sie rufen zu Mord und Totschlag auf, nachweislich. Sie sind voller Unzufriedeheit und Hass und nicht bereit, mit irgendjemandem zu reden, der nicht dieselben Parolen plärrt. Sie verwechseln das Recht zur freien Meinungsäußerung damit, dass jeder ungestraft pöbeln und beleidigen dürfe. Sie glauben, zu sagen, alle Asylsuchenden gehörten vergast, sei freie Meinungsäußerung. Sie akzeptieren Gewalt gegen andere Menschen. Sie heißen sie sogar gut. Manchmal insgeheim, manchmal ganz offen.

Ich habe mit einigen geredet bzw. ihnen geschrieben.

Einer, nennen wir ihn Jimmy, weil er amerikanische Namen so cool findet, bezeichnete tote Asylanten als “Gammelfleisch”. Das hatte er irgendwo auf Facebook gelesen und fand es superwitzig. Sein Musik- und Filmgeschmack ist eher, sagen wir, international. Er findet viele schwarze Musiker super. Ich – unter falschem Namen und Besorgnis vorschützend – fragte ihn, wie das zusammenginge. Jimmy schrieb, dass diese Leute ihm ja nichts wegnehmen würden. Das sei etwas anderes. Außerdem hätten die dieselbe attitude. Hass und so. Die seien auch unterdrückt.

Jimmy geht es nämlich weniger um Nationalitäten, vermutlich weiß er das nur nicht so genau. Jimmy fühlt sich irgendwie schlecht behandelt, das ganze System ist gegen ihn. Jimmy will reich und cool sein, nur klappt es nicht, und schuld sind da mal die anderen.

Karlheinz, ich nenne ihn einfach mal jetzt so, weil er schon wert auf seinen urdeutschen Namen legt, Karlheinz hat etwas andere Probleme. Anders als Jimmy hat er Abitur, und irgendwann hatte er auch mal einen Job. Seine Rechtschreibung ist einwandfrei, artikulieren kann er sich auch. Ich stoße auf ihn, weil ich auf der Suche nach jemandem bin, der mir den Begriff “Überfremdung” in Ruhe erklärt. Karlheinz ist nicht der erste, bei dem ich es versuche, ein AfD-Anhänger wollte es mir auch schon nicht erklären. Besagter AfD-Anhänger nannte erst die Frage, dann mich “dumm”. Meine international aufgestellte Familie führte ich ins Feld, weshalb ich den Begriff “Überfremdung” definiert haben wollte. Karlheinz wollte sofort wissen, ob denn “Andersgläubige” und “Andersfarbige” dabei seien, der AfD-Anhänger konterte mit seiner eigenen internationalen Familie, schwieg sich über deren Herkunft aber aus. Karlheinz sagte, solange keine Araber oder Schwarzen dabei seien, müsse ich nicht von Überfremdung reden, das sei dann okay, da müsse man sich nicht schämen oder sorgen. (Needless to say, ich schäme und sorge mich kein Stück.) Mit beispielsweise Asien oder Südamerika wusste er nicht so genau, das müsse man “im Einzelfall” entscheiden, und “wer sich anpasst”, der dürfe ja ruhig kommen. “Asiaten passen sich ja gut an”, schob er nach, er kenne da jemanden mit einer Frau aus Thailand. Der AfD-Anhänger währenddessen blieb dabei: Wer den Begriff “Überfremdung” hinterfragt, ist – dumm.

Karlheinz rückte bald damit heraus, dass ihm “deutsche Werte” einfach wichtig seien. So ein schönes Land, da dürfe doch nicht einfach jemand anderes herkommen. Ich fragte, bei so viel Stolz auf sein Land sei es doch eine schöne Sache, wenn andere sich auch drüber freuen? Karlheinz antwortete, er habe Angst, dass man ihm etwas wegnähme. Die Sprache. Die Kultur (Essen, Bier). Die Arbeit (er hat aktuell keine). Die Wohnung. Kurz: Karlheinz hat vor allem Angst davor, dass sein sozialer Abstieg weitergeht. Er sucht nach vermeintlich Schwächeren, die er verantwortlich machen kann. Die und “die da oben”, meint: die Regierung, die zu lasch sei. Grenzen zu und gut. Erstmal um die kümmern, die im eigenen Land schlecht dran sind. Die Obdachlosen? Die Rentner? Karlheinz meint sich selbst. Wie Jimmy will er mehr vom Leben, mehr Wohlstand, mehr Sicherheit, und deshalb denkt er: Erst mal bin doch ich dran. Wenn hier jemand was kriegen soll, dann doch ich. Ob er nicht selbst etwas dafür tun könne, im Leben besser da zu stehen? Nein, er hat ja mal gearbeitet, es hat nicht geklappt.

Da können wir jetzt drüber reden, wie Nationalismus die letztmögliche Identifikationsebene ist, weil sonst nicht mehr viel übrig ist. Oder wie man solche Menschen dazu bringt, Empathie zu lernen. Oder erstmal Eigenständigkeit? Ich weiß es nicht.

Detlef ist Elektriker, und ich traf ihn im Real Life, passend wenn auch ungeplant zu meiner kleinen privaten Studie. Ich verwickelte ihn in ein Gespräch, während er den Boiler austauschte. Er findet, dass Menschen mit anderer Hautfarbe, anderer Nationalität eine Zumutung sind. Er weiß es sogar mit Sicherheit, er geht ja ständig in Wohnungen, da hat er schon wirklich schlimme Dinge gesehen. Bei Deutschen nie?, fragte ich. Das sei was anderes, das sei dann halt irgendwie – asoziales Pack. Aber grundsätzlich sei der Deutsche ja reinlicher als der Ausländer. Und die “Überfremdung” führe dazu, dass immer mehr unordentliche Menschen ihre Sitten und Gebräuche einführten. Dann zog er über den Nachbarsjungen her, der ihm im Treppenhaus begegnet war. Bei dem Jungen liegt eine leichte geistige Behinderung vor. Ich sagte Detlef, dass der Junge eine besondere Art habe, sich auszudrücken. Detlef lachte mich aus und sagte, der Junge sei vor allem eins, ein “dreckiges Negerkind”. (Seine Mutter stammt aus Jamaika.) Von denen könne man nichts anderes erwarten. Ich warf Detlef, den Elektriker aus der Wohnung, er schimpfte mich natürlich Gutmensch und orakelte, ich würde es noch vor mir finden.

Detlef hat Arbeit und scheint recht zufrieden mit seinem Leben. Wovor er Angst hat, weiß ich nicht. Wie man an jemanden wie ihn herankommt, weiß ich auch nicht.

Gestern Abend saß ich im Biergarten, und ein Pärchen ging vorbei. Die Frau zeigte auf den neuen Italiener ein Gebäue weiter und sagte zu ihrem Partner: “Da war doch früher ein Schlitzauge drin.” (Sie meinte den Inder.)

Wo fängt man da die Gespräche an? Die Frau würde sagen: “Ach, das war doch nur ein Spaß. Und privat.” Aber was Sprachgebrauch mit der Wahrnehmung macht, wissen wir.

Ich habe keine Ahnung, wo man anfangen soll und muss und kann.

Ich glaube vor allem aber, dass diese Intoleranz, diese Ignoranz auf keinen Fall toleriert (meint: stillschweigend gut geheißen, meint auch: ignoriert) werden darf.

Advertisements

28 Comments

  1. Danke für diesen Beitrag!

    Ich stoße mit meinem Einfühlungsvermögen ebenfalls an die Grenze zur intellektuellen Hilflosigkeit. Mir fällt kein Umgang mit dieser Art des Denkens ein, ohne mich gefühlt selbst zu verraten.

    Was macht man mit diesen Menschen? Ich weiß es nicht. Und bis ich es weiß, werde ich wieder und wieder meinen Mund aufmachen und vielleicht finde ich es irgendwann einmal per Zufall heraus. Die magische Formel, sozusagen…

    Liebe Grüße Ralph

  2. Danke an Mario Sixtus!
    Dank ihm hab ich zu dir gefunden.
    Schade, das die Verblendung der Allgemeinheit mittlerweile zu weit fortgeschritten ist.
    Und, sehr schade, das diesen Beitrag zu wenige Menschen lesen werden.

  3. Danke für diesen wirklich tollen und ehrlichen Beitrag.
    Es wird sich zwar auch damit nichts ändern, aber Du sprichst mir aus der Seele.
    Man kann nur immer wieder hinterfragen und wird auch immer wieder erkennen, dass diesen Leuten irgendwann die Argumente für ihre Ablehnung ausgehen. Sei es mangels Bildung oder einfach, weil sie nur nachplappern, was ihnen vorgesagt wird. Also haben die keine eigene Meinung. Traurig finde ich das. Zumal sich auch sehr oft in Gesprächen herausstellt, dass sehr viele dieser Leute selbst von ehemaligen Flüchtlingen, Heimatvertriebenen usw. abstammen. Wobei von deren Vorgängern sicherlich auch nicht jeder zur Flucht gezwungen war, sondern aus wirtschaftlichen Gründen Deutschland den Vorzug gab.
    Bis diese Leute das verstehen, wird es noch dauern. Hoffentlich nicht zu lange, denn das könnte der Untergang sein

  4. Ja, es ist echt öde. Bloß, – sie waren immer da, diese Dumpfbacken. Wenn sie etwas finden, woran sie sich reiben können, werden sie laut. Ich glaube nicht an Umerziehen, aus einem Hund macht man keine Katze und vice verses . Dieses Projekt ( Verein) für politische Schönheit z. B. ist auf einem guten Weg.
    UND : Ironie ist die stärkste Waffe.
    Ich setze auf Handeln, öffne eine Tür, ein Zimmer für einen Menschen der hier her kam, weil er seine Heimat verlor und eine neue braucht.

  5. Sehr interessante Einsichten! Wieder einmal der menschliche Egoismus (samt der Angst selber zu kurz zu kommen), der zu Problemen/negativen Ansichten oder Verhaltensweisen führt, wie so oft im Leben.

  6. „Ob er nicht selbst etwas dafür tun könne, im Leben besser da zu stehen?“

    Das ist ein Ansatz: Deren Argumente entlarven. Es geht nur um sie selbst. Wie viele von denen, die jetzt schreien, man solle das Geld doch lieber für Obdachlose ausgeben, haben in ihrem Leben überhaupt jemals einem Obdachlosen geholfen? Wenigstens im Kleinen (Wie viele geben dem Mann, der vor dem Supermarkt steht, den Euro vom Einkaufswagen?), wo es wirklich niemandem wehtun würde. Wie viele?

    Was mir auf Twitter an Hetze begegnet, erschreckt mich jeden Tag. Dank Web 2.0 finden sie Gleichgesinnte, glauben sie dank Filterblase, sie seien viele (gar das Volk). Also sollten wir vielleicht unsere Blasen miteinander vermischen, statt sofort zu blocken, und argumentieren und entlarven. Aber: Ich weiß es auch nicht. Und ja, die Auseinandersetzung mit den Rechten tut weh.

    1. Ja, ich glaube auch, dass es in erster Linie um Eigenverantwortung geht, uns nicht in diese Angst und Neid und Abgrenzungsdebatte verwickeln zu lassen und eben die Fragen zu stellen, die hier gestellt werden. Was kann ich tun, aber auch wie kann ich mich auseinandersetzen und wie reagieren auf eine Art von Gewalt (körperlich oder verbal), die einfach kriminell ist.

  7. Ich wollte auf Facebook antworten, aber unerklärlicherweise funktioniert dort die Kommentarfunktion nicht. Du schreibst sehr plastisch, wie es ist, im Dialog mit Leuten Rassismus zum Thema zu machen. Um schnell zu merken, dass du dir die meisten nicht zu Freunden machst, wenn du sie nur dazu bringst Farbe zu bekennen. Jetzt fragst du dich, wie du diese Leute erreichen kannst, wie man Gespräche mit bewussten und unbewussten Rassisten beginnen kann.

    Also, das was ich auch nicht. Doch einen Teil der Antwort hast du schon selbst geliefert. Du hast deine Versuchspersonen dazu gebracht, ihren Sprachgebrauch zu hinterfragen. Etwa indem die sich genötigt sehen, Begriffe wie „Überfremdung“ einfach nur zu definieren. Das kann ein erster Schritt sein, Nutzer solcher Begriffe ein Quentchen unsicherer, vielleicht sogar nachdenklicher zu machen.

    Das ist dir nicht genug? Recht hast du, denn wenn das alles ist, ist es zu wenig. Nur: Rassisten in Menschenfreunde und Humanisten zu verwandeln, dürfte den wenigsten gelingen. Aber Menschen, die noch kein fest gefügtes Rassistenbild in sich tragen, sondern nur gedankenlos von Überfremdung plappern und rechte Parolen unreflektiert mitnehmen, diese Menschen dazu zu bringen, einen Schritt hinter ihre Äußerungen zu treten und ein paar wenn auch holprige Definitionen ihrer Begrifflichkeiten anzustrengen – das kann schon der erste Schritt zu mehr Besonnenheit sein. So gesehen: Mach weiter mit deinen privaten Feldstudien – die Richtung stimmt!

  8. @Andrea Hübner; da hat sich so ein fieser Aber-Satz in deinen Kommentar geschlichen: „Es wird sich zwar auch damit nichts ändern, aber …“
    Bitte glaub das nicht. Vielleicht kann nicht ein Blogbeitrag die Attitüde so vieler Angstbürger modifizieren; wahrscheinlich werden ihn nicht mal viele von denen lesen. Aber (!) wenn jedem rassistischem Kommentar ein vernünftiger entgegengesetzt wird; wenn jedem aufhetzendem Blogbeitrag ein aufklärender begegnet, dann gelangen wir zumindest in ein Gleichgewicht, in welchem sich jede Seite bestärkt und unterstützt fühlt. Denn wie schrecklich demotivierend wäre es, wenn wir Asylkritikerkritiker uns allein fühlten.

  9. „Ich habe keine Ahnung, wo man anfangen soll und muss und kann.“
    Zum Beispiel mit einem solchen Artikel. Du hast schlüssig auf den Punkt gebracht, dass es viele, vielleicht ähnliche Gründe für Fremdenfeindlichkeit gibt, dass es sich überwiegend auf einem niedrigen Bildungsniveau abspielt und dass man nur eins machen kann: Immer wieder darauf hinweisen, wie schwachsinnig diese Parolen sind. Damit nicht der Eindruck entsteht, die Deutschen denken alle so. Zum Glück ist es nicht so. Danke für diesen Artikel.

  10. Vielen Dank für diesen Text, für diese Fragen. Ja, letztlich ist es eine große Frage, auch in mir: Wie kann es ein Aufeinanderzu geben? Geht das überhaupt? – Mit dem Versuch nichtwertend zu leben und zu schauen, bin ich hier, bei solchen Menschen, schon längt am Ende angekommen. In mir ist Wut auf diese und das, was geschieht … und die Frage, wie sich die Wut nichtschlagend in Konstruktives verwandeln lässt. Ließe. Ob das überhaupt möglich ist …

  11. Vielen Dank für diesen Text und deine Fallstudien im erlebten Alltag. Es erfordert Mut, Leute direkt auf ihre Worte anzusprechen. Und auch Mut, nachzuhaken, wenn so was kommt wie: „Das war doch nur ein Witz.“ – Nein, es ist eben kein Witz, denn die Würde des Menschen wird bereits mit Worten – im Grunde ausschließlich mit Worten, verletzt. Worte formen sich durch Gedanken. Und die Gewalt formt sich in Gedanken. Im Kopf. Die geballte, ja drohende Faust ist erst der allerletzte Ausdruck einer Geistesformung, die zuvor lange, lange in vielen Dellen des Gehirns vor sich hin reifte. Natürlich ist offene Gewaltandrohung, nicht zu erwähnen, -anwendung schlimmer, als eine Beleidigung, was ja schon das dafür geltende Strafmaß beschreibt. Aber Worte schaffen den Raum, den Gewalt benötigt, um sich auszudehnen, zu entwickeln. Und wenn viele Menschen viele Worte fallen lassen, ja , dann formen sich eben auch viele Fäuste, die viele Ziele finden. Und genau darum muß die Sensibilität für derlei verbale Ver-form-ungen auch früh ansetzen. Es ist eben nicht witzig, sich darüber zu erfreuen, daß es anderen schlechter geht, daß sie anders sind, daß sie Ziele bilden. Es gab früher mal Witze über Contergan-Kinder, dann über hungernde Äthiopier, natürlich über Schwarze, über Juden, über Schwule, über Italiener, campende Niederländer und, und und…ja. Das wird’s auch immer geben. Und bis zu einem gewissen Punkt kann das auch witzig sein, denn jeder von uns findet sich in der einen oder anderen Gruppe, über die sich lustig gemacht werden kann, stets im Leben wieder. Spätestens im Alter. Den Übermenschen gibt’s eben nicht. Aber es ist halt nur ein schmaler Grat vom Witz zum Spott, vom Schalk zur Häme, vom Auslachen zum Anspucken, und, und, und… Was also die beinah dämonische Hassspirale und den Geifer einiger bitterböser Kommentare betrifft: Hier gibt’s kein Entschuldigen und Erklären mehr. Doch, sicher, man kann vieles erklären. Und? Das berechtigt keine Tat. Und als Tat, als Straftat können derlei Kommentare geahndet werden. Das Internet macht die Identifizierung dieser latent Kriminellen – ja, Kriminelle – gut möglich. Die Reaktion muß nur auf dem Fuße folgen. Erst, wenn sich Menschen darüber bewußt werden, daß ihr Tun und Handeln bereits im Ausdruck, im gesprochenen Wort beginnt, begreifen sie die Grenzen. Das ändert vielleicht nicht ihre Gesinnung, doch es zügelt ihren Schaum vorm Mund. Wenn also irgend etwas Positives aus all dem Haß, der sich da im Netz und auf der Straße Bahn brach, abgerungen werden kann, dann, daß nun doch mehr Menschen dagegen halten, Kante zeigen, für Würde und Toleranz eintreten, helfen. Sich zeigen. Und die Straße zurück erobern. Den Raum dicht machen. Keinen Raum zum Formen von Gewalt stellen. Nicht mal im Kopf. Manchmal muß Toleranz bei Intoleranz aufhören. Gesetz der Mathematik: Positiv auf Negativ wird negativ. Negativ auf Negativ wird Positiv. Zur Wahrung der Würde bin ich gerne intolerant. Das heißt nicht, selber ausfällig zu werden. Aber Grenzen zeigen.

  12. Der Hass mag nicht tolerierbar, die Wortwahl und der Humor für gebildetere Schichten unerträglich sein.
    Die Angst, die diesen Leuten im Nacken sitzt, ist allerdings real.
    Für jemand, der H4 bezieht und ständig liest und hört, dass er damit allen auf der Tasche liegt und dass für Sozialleistungen gar nicht mehr so viel Geld da ist: Die Sorge, dass mit mehr Empfängern der Topf noch kleiner wird und die nächste Sozialreform ihn komplett aus der Kurve trägt ist erstmal keine Verschwörungstheorie.
    Für den Boiler-Austauscher sieht es ähnlich aus.
    Gedankenexperiment: Was wenn die Flüchtlingswelle aus exzellent deutsch sprechenden, exzellent ausgebildeten Juristen, Programmierern, Medienschaffenden, Ärzten, Psychologen etc. bestünde, die sofort hier im Arbeitsmarkt *hit the ground running* spielen könnten. Wäre da nicht manchem Kommentator mulmig zumute?
    Aber die Töpfe und Jobs um die hier jetzt und längerfristig konkurriert wird (Stichwort: Baugewerbe) betreffen nunmal das „Pack“. Das sich nicht anders zu wehren weiss. Mangels Lobby in braune Gefilde abdriftet. Das Gefühl, dass hier etwas auf ihrem Rücken ausgetragen und ausgeteilt wird mag diffus sein, inakzeptabel, aber ganz falsch ist es auch nicht.
    Darüber kann man sprechen, man kann Sorgen nehmen oder zumindest ernst nehmen. Bizarre von realen trennen. Versuche ich zumindest, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

    1. Dieser Kommentar zeugt von Empathie und einem Maß an Sozialverständnis, dass dem Artikel leider fehlt. Natürlich darf Fremdenhass nicht toleriert werden. Die Abschirmung der nach Selbstauskunft Toleranten jedoch wird dem Problem ganz sicher keine Lösung bieten. Auch die Toleranten bewegen sich doch nur unter ihresgleichen, indem sie immer wieder Das Pack und die Intoleranten als irgendwie minderbemittelt (ob intellektuell oder informationell) von sich wegschieben.

      Und da sehe ich das Problem. Die Unterschicht Deutschlands wird seit Jahren durch Politiker, Medien und die Seligen, die ein Level weiter oben leben, deutlich stigmatisiert. Wer diesen Sachverhalt locker-flockig erläutert haben möchte, möge sich an Max Uthoff wenden, der diesen gesellschaftlichen Missstand dankenswerterweise genau so thematisiert hat wie z.B. Georg Schramm oder Volker Pispers. Denn es ist so: Die armen Menschen sind Teil unserer Gesellschaft. Und Das Pack kommt ja meist aus der unteren sozialen Schicht, ist also selten gut betucht, selbst wenn es Arbeit hat wie der Elektriker. Und nun, liebe Frau Beck und alle anderen, die das Pack doof finden, kommt der springende Punkt: Die Flüchtlinge/Asylbewerber/Asylanten/Migranten nehmen Dem Pack tatsächlich etwas weg. Mitgefühl nämlich. Seit Tagen, Wochen, Monaten nichts anderes als das öffentliche Weinen. Das Mitgefühl mit dem Flüchtlingen ist groß. Das Mitgefühl mit Menschen der eigenen Gesellschaft, die weniger haben, ist verschwindend gering. Man bekommt auch beim Lesen des Artikels das kalte Gefühl, Frau Beck könne sich die Hähme nicht verkneifen. Jimmy, Karlheinz, Detlef – sie wünschen sich mehr vom Leben, aber es hat halt nicht geklappt. Das ist ja gesellschaftlicher Konsensus: Wer unten ist, der hat sich halt nicht genug Mühe gegeben. Mit harter Arbeit kommt man halt hoch. Das gilt für alle Deutschen, aber irgendwie gilt das nicht für Flüchtlinge. Die waren zu arm, die hatten schlechte Bedingungen, da gibt es Korruption, … Fundamentaler Attributionsfehler. Beim Pack liegt die Ursache für seine Probleme im Individuum, beim Flüchtling wird external attribuiert. Die einen sind des Mitgefühls würdig, die anderen nicht.

      Sie glauben mir nicht? Man versuche mal für Sozialhilfeempfänger Taschengeld einzuführen, Spendenaufrufe zu starten oder Willkommenspartys zu halten.

      Da darf sich die deutsche Gesellschaft ruhig für schämen. Denn dass man Solidarität mit Out-Group Mitgliedern empfindet und herumposaunt, während In-Group Mitglieder als „Hartzer“ etc. entmenschlicht werden, ist ein Zeichen für einen ernst zu nehmenden Riss in der Gesellschaft. Keine Gruppe kann auf Dauer überleben, wenn sie sich mehr um Außenseiter kümmert als um Gruppenmitglieder. Da hat Karlheinz natürlich recht. Als Bundesbürger steht ihm die Fürsorge des Staates selbstverständlich zuerst zu. Und für all jene, die das mit dem Nationalismus noch nicht so ganz verstanden haben: wir haben auf unserer Erde keine andere Möglichkeit, regierbare Gruppierungen zu schaffen als unsere Nationalstaaten, denn eine Gruppe braucht gemeinsame Identität. Nicht umsonst fällt uns Europa so schwer. Das ist vielleicht nicht hipp, aber es ist menschlich.

      Schließen wir den Kreis: Den Zuspruch, den Das Pack momentan findet, hat es nur, weil die Gesellschaft nicht mehr gesund ist. Sie ist zerklüftet, und nicht nur „die da oben“, sondern auch „die in der Mitte“ schauen voll Arroganz auf „die da unten“. Auch Sie, Frau Beck, und ein Großteil der Kommentatoren. Auch hier hat Karlheinz ironischeweise Recht: in der deutschen Gesellschaft muss für Genesung gesorgt werden. Geht es ihr wieder gut, dann ist Fremdenhass nicht nur nicht mehr profitabel, sondern auch überflüssig. Nur was knapp ist, mag man nicht teilen. Das ist nicht hipp, aber es ist menschlich.

      Viele Grüße, Uma

  13. so ist das halt, wenn menschen aus ihrer mentalen infantilität nicht rauskommen und auch nicht wollen; könnte ja anstrengend werden.

    ps. „Aber die Töpfe und Jobs um die hier jetzt und längerfristig konkurriert wird (Stichwort: Baugewerbe) betreffen nunmal das “Pack”.“

    was alles ja nicht schlimm wäre, würde das system nicht immer weiter die soziale schraube (ALG2) gen nullpunkt drehen, oder mit sowas hier

    http://www.heise.de/tp/artikel/45/45884/1.html

    weiter benzin ins feuer pumpen. es ist immer der profit und nur der profit, der zählt. echt super, wenn die verzweiflung der vertriebenen zur agitation genutzt werden kann, damit sklaven auf andere sklaven einprügeln können und keiner mehr die ursachen hinterfragt. es.ist.schlicht.zum.kotzen.

  14. Vielen Dank für die ganze Mühe hinter dem Beitrag, war bestimmt nicht einfach, diese Gespräche zu führen. Mir fällt so etwas jedenfalls sehr schwer, aber ich komme zu demselben Schluss, dass das Ignorieren und dadurch stillschweigende Gutheißen keine Lösung ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich wenigstens manche Menschen, wenn man sie auf ihre fremdenfeindlichen Äußerungen anspricht oder ihnen widerspricht, ertappt fühlen, weil sie eigentlich wissen, dass es nicht korrekt ist, aber sich im Vorfeld mit ihren vereinfachten Schuldzuweisungen und Erklärungsmustern wenn schon nicht in guter, so doch wenigstens in irgendeiner Gesellschaft wähnen. Wenn man da ansetzen kann, ist das vielleicht ein Anfang. Aber ich arbeite weiter an mir, mich mehr zu trauen – damit die anderen sich nicht mehr trauen.

  15. Ich will nicht nur ein „Gefällt mir“ hinterlassen. Den jeder/jede der oder die dagegen anschreibt und öffentlich in Erscheinung tritt um diesem dumpfen Hass die Stirn zu bieten hat mein Respekt und virtuelles Schulterklopfen verdient. Danke. Gut gemacht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s