„Und wenn du einfach unter einem Männernamen schreibst?“

Gerade ging wieder durch die Presse, dass eine Frau ihr Manuskript unter männlichem Pseudonym einreichte und sehr viel positivere Rückmeldungen bekam als unter ihrem echten Namen/Geschlecht.

Seitdem schreiben mir erstaunlich viele Menschen, ob ich das denn selbst schon mal ausprobiert hätte. Oder ob ich das denn nicht mal machen möchte. Außerdem: Ein männliches Pseudonym würde doch viel besser zu meinen Büchern passen, nein?

Ich bekomme seit Jahren gesagt, ich würde zu „unweiblich“ schreiben. Zu kühl, zu sachlich, die Figuren seien nichts, womit sich Frauen identifizieren könnten. (Gesellschafts-)politische Hintergründe würden gerade das weibliche Lesepublikum überfordern bzw. abschrecken. Als Frau wolle man beim Lesen abschalten und sich nicht mit Problemen auseinandersetzen. Einige Männer, mit denen ich beruflich zu tun hatte, rieten mir zu „ansprechenderen“ Fotos, zu einem „weiblicheren“ Auftreten, einer „zugänglicheren“ Attitüde (ich sei “zu spröde für die Branche”), nicht zuletzt auch zu Themen, mit denen ich mich „besser auskenne“. Letzteres traf mich wirklich. Ich recherchiere genauso wie die männlichen Kollegen. Ich habe genauso meine Kontakte, meine Prüfinstanzen, ich gehe genauso Risiken bei den Recherchen ein. Aber ich als Frau habe offenbar trotzdem nicht den Zugang zu gewissen Themen. Weil ich mich qua Geschlecht damit nicht auskennen kann.

Natürlich reizt es mich entsprechend auch schon seit Jahren, diesen Test zu machen: Wie käme derselbe Text an, stünde ein Männername drauf? Das Experiment müsste aber noch weitergehen: Gäbe es andere Vorschüsse? Andere Werbemaßnahmen? Würde der Buchhandel anders vorbestellen? Sähen die Verkaufszahlen anders aus?

Eins ist sicher: Niemand würde mehr fragen, wie man als Frau auf diese Themen kommt.

Es ist mal untersucht worden, dass Menschen einem Nachrichtensprecher mehr vertrauen als einer Nachrichtensprecherin. (Überhaupt, Vertrauen.) (Überhaupt, Selbstvertrauen.)

In letzter Zeit las ich auf Facebook ausschließlich bei Frauen, die sich zum Flüchtlingsthema äußerten, Aussagen wie: „Normalerweise bin ich ja nicht politisch, aber jetzt muss ich auch mal was sagen.“ Das habe ich bei keinem Mann gesehen, diese Rechtfertigung, nun doch auch mal was zum Weltgeschehen sagen zu wollen. Natürlich ist das jetzt nicht repräsentativ, weil meine Beobachtung, aber wir können ja alle mal drauf achten.

Ich weiß, wie sehr viele Menschen vom Feminismus gelangweilt sind, wenn nicht gar genervt. Ich weiß, dass viele Menschen vor allem denken, es ginge grundsätzlich gegen Männer und überhaupt darum, dass Frauen immer recht hätten. Ich weiß, dass viele Frauen sagen, sie bräuchten keinen Feminismus, weil sie keine Probleme mit Männern hätten. Es ist schade. Dieses Nicht-Verstehenwollen macht mich wahnsinnig müde.

Verhaltensweisen, die bei Männern positiv beurteilt werden („meinungsstark“), werden Frauen negativ ausgelegt („aggressiv“). Es gibt viele Studien dazu, aber ach, was sind schon Studien, wenn man sagen kann: „Ich seh das aber nicht so.“ Meinung vs. Fakten, so what. Worum es doch geht: Mal vorurteilsfrei miteinander umzugehen. Obwohl sich Mann einer Frau gegenübersieht. Oder umgekehrt. Oder Frau einer Frau. Und so weiter.

Von Frauen werden andere Themen erwartet, ein anderer Schreibstil, ein anderer Umgang mit den Figuren. Warum? Weil man uns erst seit hundert Jahren studieren lässt?

Wie gesagt, der Gedanke, einfach mal unter männlichem Pseudonym zu publizieren, ist reizvoll. Wäre letztlich aber nur die Wiederholung eines längst mehrfach bestätigten Experiments. Schau mal, wenn ich die Brausetablette ins Wasser werfe, dann bitzelt es! – Ach echt? Ich mach das auch mal! – Wow, es bitzelt! Wissen wir. Gab es schon. Wird es weiterhin geben. Ist leider so. (Und, ja, bei gewissen Genres ist es sinnvoll, unter weiblichem Pseudonym zu publizieren, auch das, auch das. Aber das ist im Moment nicht die Textsorte, um die es mir geht.) Ich habe nicht vor, dieses Experiment zu machen. Ich habe nicht vor, unter Männernamen zu publizieren. Ich mache einfach so weiter, weil sich sonst nichts ändert, weder für mich, noch für andere.

Advertisements

35 Comments

  1. Das. Und zusätzlich natürlich: Als Frau schreibst du natürlich für ein ausschließlich weibliches Publikum. Männer schreiben dagegen für alle. Keine Pointe.

  2. Als Mann muss man unter weiblichem Namen kommentieren, um sich überhaupt zum Thema Geschlechtergerechtigkeit äußern zu dürfen, ohne als Sexist beschimpft zu werden.

    Deiner Einschätzung zum Feminismus stimme ich zu. Vielleicht erreicht einfach jede Ideologie irgendwann einen Punkt, an dem die Fehltritte einiger Teilnehmer in der Außenwahrnehmung das Gesamtbild so trüben, dass der Name der Bewegung verbrennt. Feminismus steht heute halt nicht für Gleichberechtigung, sondern Frauenförderung und #killAllMen.

    Deshalb müssen sich auch die letzten endlich von diesem Term „Feminismus“ lösen und eben „Humanisten“ o.ä. nennen.

    1. nein, meine einschätzung des feminismus ist, dass die bewegung gern missverstanden wird. wie sich gerade wieder schön gezeigt hat. und nein, mann muss sich nicht als frau ausgeben. das ist unfug. (oder gibt es deshalb angeblich so viele frauen, die antifeministisches posten, weil es männer hinter weiblichen avataren sind? … egal.) ich weiß, eine umbenennung wird immer wieder gefordert, aber wie wäre es denn einfach mal mit einem umdenken. feminismus richtet sich nicht gegen männer. ganz und gar nicht. aber männer fühlen sich offenbar schnell ausgeschlossen …? http://blogs.taz.de/onlinebunker/2015/08/21/wenn-sich-maenner-nicht-mitgemeint-fuehlen/

      1. Feminismus richtet sich natürlich nicht gegen Männer – aber er greift bestehende (männliche) Privilegien an. Möglicherweise ist der Widerstand oft nicht auf Missverständnisse zurückzuführen, sondern eben auf den Angriff auf diese Privilegien. Natürlich kann damit argumentiert werden, dass eine Gleichstellung letztendlich allen nutzt, weil damit auch Rollenzuschreibungen beseitigt werden und so alle freier agieren können. Der „Preis“ für diese Freiheit ist aber für Männer ein Privilegienverlust. Ich als Mann habe dann eben bei Beförderungen in den Chefetagen keinen Geschlechtsvorteil, muss um ein höheres Gehalt mehr kämpfen als bisher, bekomme nicht mehr automatisch mehr Aufmerksamkeit als Frauen und ich bin auf dem Arbeitsmarkt stärkerer Konkurrenz ausgesetzt.
        Das ist selbstverständlich fair und alleine deswegen erstrebenswert. Dass ein Angriff auf Privilegien von etlichen Privilegierten nicht mitgetragen wird, halte ich aber für wenig überraschend.

      2. Zu dem gendergerechten Sprachdings eine Anekdote:

        Eine Texterin eines Lebensmittelkonzerns, die keinen Wert auf gendergerechte Sprache legt, entschied sich in einem Newsletter zum Thema Schwangerschaft und Baby für die weibliche Form. Daraufhin beschwerten sich Männer…

    2. So ein Unsinn. Der Begriff Feminismus sagt wunderbar, dass es um die gesamtgesellschaftliche Benachteiligung eines Geschlechts geht; der Begriff hat eine lange Tradition, der viel erreicht hat und auch weiterhin sichtbar macht, wo Diskriminierung verläuft. Ja, das gefällt Männern nicht, weil es unweigerlich bedeutet, dass sie weniger Privilegien und Macht haben sollen als heute. Das IST Feminismus und das soll so.

      Zweitens ider Humanismus eine Bewegung, die sich ganz bemerkenswert dadurch auszeichnete, quasi überhaupt nichts für die Gleichberechtigung von Frauen getan zu haben. Wenn man damals von Menschen sprach, meinte man Männer. Das belegt sich schon alleine dadurch, dass alle bekannten und zitierten Humanisten eben Männer sind, die natürlich aus einer männlichen Perspektive schrieben.

      Man kann gerne diskutieren, ob neben Frauen auch andere unterprivelegierte Gruppen im Begriff sichtbar gemacht werden. Die Bewegung nennt sich in den USA „social justice“, kümmert sich auch um z.B. die Themen Rassismus und Cissexismus. Verschrien wird auch dieser Begriff von Männern und Weißen als „social justice warriors“.

      Kritiker an diesen Begriffen“ aocial justice“ und „Feminismus“ zeigen nur, dass sie etwas gegen den radikalen Einsatz für soziale Gerechtigkeit haben. Die Bewegungen werden sich nicht spalten lassen, nur um hipper zu klingen. Das Problem sind nicht einzelne, das Problem für diese Menschen ist insgesamt die klare message: wir kommen und holen uns unsere faire Stellung in der Gesellschaft. Eure Hegemonie ist bald vorbei, weiße Cismänner. Wenn ihr euch davon bedroht fühlt : well, you should! :3

    1. natürlich. frau rowling war zu der zeit allerdings schon seit jahren weltberühmt und damit eine gesetzte größe. im übrigen hatte sie „j.k.“ auf dem cover stehen, weil der verlag fand, es sei besser, wenn das geschlecht unklar bliebe, meint: wenn man erstmal nicht weiß, dass sie eine frau ist. frau passt nicht zu dem genre.

  3. Ich hab mal ein Buch geschrieben über meine Auseinandersetzung mit Ernährung, Massentierhaltung, Tierleid – und den Web hin zu vegetarisch und weitgehend vegan beschrieben. Dass es ein Buch wurde, war nicht meine Idee, es war zunächst „nur“ ein Blog – und mehr hatte ich eigentlich nicht vor. Doch die Programmplanerin eines renommierten Verlags sprach mich an, knetete meine eigentlich unwillig Seele und ein guter Vorschuss war auch drin – also ok, 3 Monate Arbeit, druckreifes „Manuskript“ abgegeben.

    Fürs Marketing wurde mir allerdings dann eine Art „Demo-Figur“ vorgestellt, die die Zielgruppe repräsentieren sollte: Frauen 50plus mit viel Zeit, die gerne kochen und essen gehen… und illustriert wurde das Buch (jede Menge Info, aber auch Philosphisches, Wut über die Zustände, gut belegt, alle erdenklichen Abgründe und Grausamkeiten der Tierhaltung… nix Heididei-wie-unterhaltsam!) mit „witzigen“, locker-leichten Illus – schön gemacht, durchaus – aber ich fühlte mich in eine komische Ecke gestellt! Nichts an dem Text selbst war nur für Frauen oder eine bestimmte Frauengruppe… aber der Verlag positionierte es so und nahm ihm damit in gewisser Weise die Ernsthaftigkeit.

    Fazit: Ich bleibe beim Bloggen!

  4. Da kann ich mich freistellen, als der zu antworten, der ich vornehmlich bin, und müsste mich nicht verstellen, als wäre ich Marsianer und hätte, um in der Menge nicht aufzufallen, die Sprache der Menschen anzunehmen. Also sage ich, der Fehler, Frau oder Mann kann nur sein, überhaupt auf externe Meinung zu achten, sofern es die eigene Ausdrucksweise und eigene Themen angeht; ich schreibe worüber ich will, wie ich es will und so gut ich es kann, also nach den Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen, als ich selbst.
    Und lese das und finde es gut, wo mir ein Mensch (Großwort) entgegentritt, der es genauso hält, Frau, Mann, Marsianer.

    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

  5. Nimm doch dem Menschen die Angst – Angst vor Veränderungen im Gefüge, Angst vor Fremden, Angst, etwas zu verlieren, … Denn ein Mann zu sein, empfinde ich per es nicht als Privileg, brächte es auch vermeintliche Vorteile mit sich, denn die Nachteile wiegen es unweigerlich auf, das Kämpfen müssen, sich behaupten, die Erwartung an Initiative und Handlung(sfähigkeit), Schmerz wegstecken müssen, ohne Zuneigung auszukommen, ohne Liebe, oder sich genau damit erpressbar machen.

    Also bleibt die Angst vor der Veränderung, die es Mann wie Frau manchmal schwer macht, Veränderung zu akzeptieren, oder besser: sich zu verändern, und natürlich die Anstrengung, aus der Gewohnheit auszubrechen. Da scheint es doch oft leichter, sich mit Händen und Füßen aufzulehnen und sich gegenanzustemmen gegen die sich ändernde Umwelt…

    Wie können wir besser mit unserer Angst umgehen? Wie können wir mehr Vertrauen haben in die (Um-)Welt, das sehe ich als die drängenden Fragen, und hast du eine Antwort, dann schreib!!

  6. Das ist doch alles eine Bullshit-Diskussion von Vorgestern.
    Frauen stellen den Großteil der Käuferschicht und mittlerweile auch den Großteil der Autorenschaft. Glaubt ihr wirklich, dass irgendein Verleger denkt, er könnte mehr Bücher verkaufen, wenn der Autor ein ausgewiesener Schwanzträger ist?
    Eher das Gegenteil ist der Fall – wenn das Geschlecht überhaupt ausschlaggebend ist.
    Aber auch Männer schreiben nicht mit ihrem Pimmel, wenn es auch viele gibt, die das anders sehen.
    Ehrlich, 2015 und noch so ein bräsige akademische Grundsatzdiskussion.
    Warum unterhalten wir uns stattdessen nicht lieber über Farbvorlieben? Blau, das neue rot? Mehr Power dank gelb? Wie konnte ich mich irren, grün ist doch viel besser!

    1. es geht nicht darum, wer wann am meisten bücher verkauft. es geht um spezielle ausrichtungen, die als „männlich“ oder „weiblich“ eingestuft werden. es geht um den umgang mit texten und ihre wertschätzung. und warum heute diese „grundsatzdiskussion“? weil sie täglich stattfindet. täglich. 2015. danke für ihr verständnis, herr schulze.

    2. Bitte nicht cissexistisch davon ausgehen, dass „Mann sein“ und „Penis haben“ etwas miteinander zu tun hätte. Es gibt haufenweise Männer ohne Penis und es gibt ne Menge Schwanzträger, die keine Männer sondern z.B. Frauen sind.

  7. Hat dies auf Carmilla DeWinter rebloggt und kommentierte:
    Via Nina. C Hasse muss ich das hier auch noch mal rebloggen, weil es so wahr ist. Die Diskussion „darf ich als Frau unter Männer-Pseudonym M/M schreiben“ ist ja noch mal eine andere, aber eh. Obwohl mein Publikum alles außer cis-Männer ist, finde ich es nicht gut, dass bei weiblichen Schreibenden automatisch davon ausgegangen wird, dass sie ausschließlich für Frauen schreiben.

  8. Super, Frau Beck! Gut erkannt, schön gesagt, alles richtig gemacht. Die Deutungshoheit darüber, was männliche/weibliche Schreibe sein soll, sollten wir nicht dem „Markt“ überlassen – der hängt da weltbildlich noch mitten im letzten Jahrhundert.

  9. Jeder bzw. jede, die im Kultur- und Mediengeschäft über viele Jahre gearbeitet hat, gar publiziert, sei es per Buch, im Film oder in der Musik oder bildenden Kunst kommt früher oder später mit der Thematik „Bücher für Frauen oder Bücher für Männer“ genau so in Berührung wie „Musik für Jungs und Filme für Mädels“.

    Diese Zielgruppendefinition ging mir schon immer auf den Keks. Um nicht zu sagen, Sack. Da bin ich Kind der 80er: Welche Zielgruppe? Ich war früher Schlagzeuger. Da habe ich nie an Zielgruppen gedacht, nur ans Trommeln. Gut, ich war jung und unbedarft. Aber heute würde ich genau so weiter trommeln. Und das war damals Punk Rock. Da hieß es von den kopfschüttelnden Lehrern: „Du machst das doch nur, um den Mädels zu gefallen“ Ach, echt? Und warum kommen so viele Jungs auf die Konzerte? – „Na, das ist ja auch typisch männlich, so aggressiv und laut!“ – Ach so. Ich mache also Musik, um Frauen zu imponieren und ziehe lauter Typen mit Nietenlederjacken an. Hm. Was grundlegend falsch gemacht. Nun, tagsüber war ich im Schulorchester, trommelte Jazz und Klassik zusammen. Nicht ganz mein Ding, war aber eine gute Möglichkeit, sich als Schlagzeuger zu entwickeln, denn selbstverständlich erforderten Béla Bartok und Duke Ellington andere Virtuosität als The Clash und Joan Jett. „Du machst das doch nur, um den Lehrern zu gefallen“ – Äh, wie? Ja, jaja…

    Viele Jahre später ging es in der Arbeit weiter, Zielgruppe, Männer, Frauen, Werbung, Junge, Alte. Gott sei Dank gab es noch die Literatur. Und die Presse. „An welche Zielgruppe dachten Sie denn bei ihrem Artikel?“ – Hm? – „Na, ist das eher was für den ergrauten Lehrer oder die noch jung gebliebene Lehrerin?“ – Keine Ahnung, es ist ein Bericht über frustrierte Werftarbeiter an der Costa del Sol, welche den Tourismus dort mit ihrem Dauerstreik lahmlegen. „Ah, OK, komplizierte Sache, das…dann also für den ergrauten, weit gereisten Lehrer.“ – Spätestens an der Stelle muß ich Zoe Recht geben: Es existiert dieses Schubladendenken, auch und gerade in der Presse, im Buchmarkt, beim Film, in der Musik. Wie Männer und Frauen schreiben. Für Männer und Frauen. Was ein Blödsinn. Gerade in diesem Fall: Ein Streik ist ein Streik ist ein Streik! Und ich bin mir sicher, daß der ergraute Lehrer mit seiner jung gebliebenen Gattin zusammen in den Urlaub flog und wegen des Streiks am Airport fest saß – was höchstvermutlich BEIDE sehr genervt hat. Ergraute und jung Gebliebene gleichermaßen.

    Um den Beitrag in seiner bevorstehenden Publikation nicht zu gefährden, entschied ich mich damals, dem Redakteur einer großen Tageszeitung noch ein paar wirtschaftliche Fakten beizulegen, damit er eben noch sachlicher und neutraler gehalten werden könne und bloß nicht die Wahl zwischen „Reisebeilage und Urlaubsmode“ oder „Tagespolitik und „Meinung“ fände. Nun, ich machte damit alles nur noch schlimmer. „Oh, das sind ja wertvolle Zahlen“, frohlockte mein Redakteur, „8% Umsatzminus alleine in Málagas Hotels wegen laufender Stornierungen in den ersten zwei Juliwochen! Und Tendenz steigend. Das ist was für die TUI, die Lufthansa, Air Berlin. Das kommt in den Wirtschaftsteil. Nix für Frauen, lauter Zahlen.“ Ich war konsterniert. Noch mehr in dem Brei rumrühren wollte ich auch nicht mehr. Jedenfalls ahnte ich, daß der ergraute Lehrer nun ganz alleine den Beitrag im Wirtschaftsteil lesen würde, während seine jung gebliebene Frau, auch Lehrerin, völlig ahnungslos an den Fenstern eines klimatisierten Airport – Terminals kratzen mußte, um sich ihre Meinung von den streikenden Menschen da draußen zu bilden. Sie wird es nie erfahren haben, was die zwei Übernachtungen am Flughafen verursachte. Es sei denn, ihr intellektuell offenbar überlegener Gatte (Achtung, Ironie!) hat sie über die Vorgänge dank des Männern vorbehaltenen Wirtschaftsteils aufgeklärt.

    Was ich mit dieser Anekdote erzählen möchte ist, daß es im Grunde genommen nur eine Beschreibung von Vorgängen, seien es reale wie der geschilderte Streik oder fiktive, wie z.B. ein Krimi, keine primär männliche oder weibliche Schreibe gibt, es sei denn, wir assoziieren gewisse Attribute wie „laut“ mit männlich oder wie „sanft“ mit weiblich. Dann wäre aber die Sängerin Patti Smith sehr männlich und der Sänger Prince sehr weiblich. Das wird ja auch so von den Musikmedien kolportiert. Wegen der Zielgruppen. Markt. Absatz. Dennoch bleibt Patti Smith eine Frau und bleibt Prince ein Mann und die Liste ähnlicher Künstler/-innenvergleiche ginge noch ellenlang weiter. Soll heißen, es gibt eine offenkundige Diskrepanz zwischen kreativem Ausdruck und Regeln der Arbeit, des Marktes, der Vermarktung. Die ist heute sicherlich anders, als noch vor hundert Jahren:

    Mein Buchregal aus dem 18. Jahrhundert (ja, ich ordne nach Jahrhunderten) hat sehr wenig Frauennamen aufzuweisen. Im 19. Jahrhundert sind’s schon deutlich mehr. Und nach dem ersten Weltkrieg richtig viele. Das hat weniger mit Geschmack, als mit der Tatsache zu tun, daß Frauen, auch im aufgeklärten Europa, erst im Laufe der Zeit, langer Zeit, Wege und Möglichkeiten fanden, sich künstlerisch, medial, schriftstellerisch auszudrücken. Erst durch Rang und Adel, dann durch Wissenschaft, endlich durch ihr eigenes Sein. Männer hatten viel früher Zeit, sich künstlerisch auszutoben. So entstand, ganz zwangsläufig, ein Vorsprung in der Erfahrung des Marketings und der Selbstdarstellung.

    Den Vorsprung haben Frauen etwas aufgeholt. Aber noch nicht lange. Und das schränkt, da hat Autorin Zoe Beck Recht, Frauen immer noch in ihrer Wahrnehmung und in ihrer Transmission, weniger in ihrem Ausdruck, ein. Gerade im Buchmarkt. Bei der Musik, in der Kunst, im Film – als Regisseurin, nicht Schauspielerin – geht das rein formal etwas besser, da die Produkte subtiler, emotionaler, direkter rezipiert werden – doch in den genannten Genres gelten wieder andere Gesetze, braucht’s spitze Ellenbogen, viel Show, Platzhirschmoral. Bei Männern ist es aber nicht wahnsinnig anders in der Wahrnehmung und Transmission: Männer schreiben ja auch Sachbücher, wenn sie was mitteilen sollen. Nein, dem ist eben nicht so, es muß nicht immer, gottverdammt, ein Sachbuch sein. Außer es ist dem Hautberuf des Autors, als Ökonom, Arzt, Dozent, Jurist, Koch oder sonstwie für die eigene Karriere dienlich. Bleiben wir bei der Prosa: Es gibt Kollegen von mir, die schreiben Männerthemen für Frauen. Und Männerprobleme, die Frauen erheitern. Also schreiben sie für den Frauenmarkt. Sagen Sie. Mir ist das alles ziemlich gleich. Entweder die Geschichte, in beide Fällen Romane, ist gut und packend. Oder eben nicht. Eine der genannten Geschichten war packend. Die andere nicht. Ein Buch floppte. Das andere nicht. Obwohl beidmals von Männern für Frauen. „Mit Männerproblemen, die Frauen erheitern“ (laut Buchrücken). Der eine schrieb eine humorvolle Geschichte. Der andere eine Geschichte. Voll mit Humor. Hm.

    Kurz: Konstruiert für die Zielgruppe nach Vorstellungen des Verlagsmarketings geht eben nicht. Es soll authentisch bleiben. Und deshalb sollte jeder und jede so schreiben, wie’s ihm oder ihr der Schnabel will: Frei, ohne Zielgruppendruck, gut und packend.

  10. Hat dies auf rebloggt und kommentierte:
    Tja, wie soll ich sagen. Von dem Virus, das, was Männer schreiben, irgendwie ernster zu nehmen, bin ich erst seit den Zeiten des Selfpublishing befreit 🙂 Vermutlich sind wir alle einfach nur die Opfer von Marketingstrategien die auf Annahmen aus den 50ern beruhen …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s