Über-setzen.

Vordergründig mögen sich die Wogen wieder geglättet haben, die Thomas Wörtches Polemik gegen die Krimimimi und ihre Aussage, Übersetzer*innen seien, wie beispielsweise die Partner*innen von Autoren*innen, kaum wahrgenommene Geburtshelfer*innen der Werke und damit für die Leserschaft irrelevant, hervorrief. Natürlich tut Polemik weh, soll sie ja auch. Die unbedachte Äußerung bezüglich des Stellenwerts, den Übersetzer*innen haben, tut uns, die wir übersetzen, allerdings auch weh, und nicht erst seit Krimimimi meint, wir seien in der Wahrnehmung der Lesenden so wichtig wie die Haustiere der Autor*innen, weshalb niemand so etwas wie eine*n Lieblingsübersetzer*in habe. Was natürlich Quatsch ist. Als Harry Rowohlt starb, ließ sich das sehr schön besonders in den sozialen Medien nachlesen. Da ging es nicht nur darum, wie er Texte übersetzt und vorgetragen hat, sondern vor allem auch um die Vermittlung eines Irlandgefühls für viele. Aber nun, das war Harry Rowohlt, und ansonsten müssen die Übersetzer*innen wirklich immer sehr um ihre Wahrnehmung kämpfen.

Die läuft ganz tief unter dem Radar, und das, obwohl Menschen mit auch nur einem Funken Sprachgefühl schnell merken, ob ein Text sich gut liest oder nicht. Leider wird dies dann als Leistung der Autor*innen angesehen, ist in Wirklichkeit aber die Leistung der Übersetzer*innen. Umgekehrt gilt das allerdings auch: Landet ein Buch in der Ecke, weil es sich schauderhaft liest, werden die Autor*innen dafür geschimpft, obwohl es möglicherweise an der Übersetzung liegt. Strenggenommen müsste man sich die Qualität einer Übersetzung genau ansehen, wenn man übersetzte Literatur bewertet, oder zumindest darauf verweisen, welche Fassung vorliegt und was daran auszusetzen oder zu loben ist. Inhalt ist eine Sache, Struktur und Aufbau die nächste, und der Stil trägt genauso dazu bei, ob einem ein Buch gefällt oder nicht. Man liest aber meist in den Bewertungen: „Der Autor/die Autorin hat einen grandiosen/fluffigen/außergewöhnlichen Schreibstil.“ Es müsste natürlich heißen: „Die Übersetzung liest sich … (s.o.).“

Ich arbeite ja auch für Film und Fernsehen, und dort nun seit vielen Jahren im Bereich der Synchronisation. Ungefähr das Undankbarste, was man in der Branche machen kann (macht aber grandios viel Spaß). Früher mal gab es noch einen Abspann, in dem Synchronbuch, -regie, -stimmen usw. genannt wurden. Heute längst nicht mehr. Die Tätigkeiten im Synchron gelten als und sind meist nur Dienstleistungen. Gewisse Sprecher*innen haben ihre Fangemeinden, aber oft hört man nur von dem Thema Synchron reden, wenn etwas schiefgelaufen ist. Oder wenn wieder alle sagen: „Ach nee, sowas schau ich immer nur im Original, bei der Synchronisation geht so viel verloren.“

Natürlich geht viel verloren, allem voran die Originalstimmen, das liegt in der Natur der Sache.

Man muss bei Texten nicht nur darauf achten, dass der Inhalt transportiert wird, sondern auch der Ton, der zur Figur passt. Die Wortwahl muss stimmen. Der Text sollte auch noch möglichst lippensynchron sitzen, was zu Kompromissen führt, und dann müssen es die Sprecher*innen entsprechend hinbekommen. Die haben nicht nur den Text, sondern spielen die Emotionen und Bewegungen der Darsteller*innen im Originalfilm mit … Ach. Es ist anstrengend. Es macht Spaß. Ich liebe es. Auch wenn hinterher immer alle meckern. Immer. Alle.

Ja, es gibt schauderhafte Synchronisationen mit unfassbar vielen Fehlern. Das hat oft Zeit- und Geldgründe, und manchmal ist es einfach Schlamperei. Von diesen Produktionen will ich aber nicht reden. Auch nicht von den hastig hingeschmierten Übersetzungen, die schlecht redigiert wurden. Dahinter stehen oft Menschen, die Zeitdruck haben und unverschämt wenig Geld bekommen, oder eben keine Ahnung haben, ja, auch das.

Ich möchte lieber davon reden, wie es sein sollte, weshalb nämlich das Übersetzen so toll und wichtig ist. Denken wir an Harry Rowohlt, der nicht nur einzelne Wörter oder Sätze oder Geschichten ins Deutsche geholt hat, sondern, wie erwähnt, für viele die Liebe zu einem ganzen Land.

Gerade las ich darüber, was für ein Unglück es sein kann, wenn Texte wörtlich übersetzt werden und die Idiomatik, die umgangssprachliche Verwendung oder die kulturelle Bedeutung von Floskeln nicht berücksichtigt wird. Das ist nämlich auch Aufgabe beim Übersetzen: die Intention zu erkennen. Die unterschiedlichen Sprachstile zu vermitteln. Das, was zwischen den Zeilen passiert, einzufangen. Und natürlich der übliche anstrengende Kram: alles richtig zu recherchieren, die historischen, regionalen usw. Bezüge zu erkennen, Fachsprachen richtig hinzubekommen, was nicht noch alles. Als Übersetzer*in muss man einmal die Originalsprache gut drauf haben, aber vor allem braucht man ein sehr gutes Gefühl für die deutsche Sprache.

Übersetzen ist genau deshalb eine verdammt große Verantwortung. Wir haben beim Übersetzen nicht unseren eigenen, selbst erdachten Text vorliegen, sondern einen fremden, und dem müssen wir gerecht werden. Daraus sollen wir einen neuen Text in unserer Sprache machen, der dem entspricht, wie der Autor oder die Autorin des Originaltexts ihn möglicherweise geschrieben hätte, wenn er oder sie unserer Sprache fließend – nein, muttersprachlich! – mächtig wäre. Wir sind, um wieder zu dem schiefen, eingangs erwähnten Bild, das nicht nur mich wütend gemacht hat, zurückzukommen, damit doch schon etwas mehr als Geburtshelfer*innen. Wir sind für die komplette Erziehung zuständig, auch wenn wir nicht die Eltern sind.

Texte, die ich selbst übersetzt habe, lese ich leichter vor als Fremdtexte. Obwohl die Inhalte nicht von mir stammen. Sie haben aber einen von mir gewählten Ton. Ich lese ja häufig für Autor*innen aus dem Ausland, da fällt es mir immer wieder auf. Einige Texte muss ich intensiver vorbereiten, weil sie mir in ihrer Tonalität nicht so leicht fallen. Ich hätte sie so nicht geschrieben. Ich muss mich erst an sie gewöhnen. Jede*r Übersetzer*in hat eine eigene Sprache. Die Lesenden nehmen das mindestens unbewusst wahr.

Zurück zum Thema Verantwortung: Als ich letztens den Debutroman von Pippa Goldschmidt übersetzte, konnte ich vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, wochenlang kaum richtig schlafen. Ich kenne Pippa seit Jahren, und ich weiß, wie wichtig ihr dieser Roman ist. Außerdem hat sie einen grandiosen Stil. Ich wollte das Beste für sie herausholen und es auf keinen Fall versauen. Ich habe keine Ahnung, ob ich es geschafft habe, aber ich habe mich zumindest wahnsinnig angestrengt. Wir haben ganz oft winzigen Kleinkram besprochen. Wo im Haus das Telefon steht, zum Beispiel. Ob die Protagonistin irgendetwas total Irrelevantes gern mag oder nicht. Weil ich mir das alles vorstellen wollte und musste. Weil ich auch in die Vorstellungswelt der Autorin kriechen musste. Es reicht oft nicht, nur den blanken Text anzuschauen. Ich beschäftigte mich außerdem monatelang mit Astronomie, weil die Protagonistin Astronomin ist und ständig an irgendwelchen Sternwarten arbeitet und sich Bilder von Galaxien ansieht. Wenn ich nicht weiß, wovon die Rede ist, kann ich den Text nicht übersetzen. Oder nur so ungefähr. Aber ungefähr reichte mir nicht, eben weil Pippa meine Freundin ist und weil sie es verdient hat, dass der Roman auch im Deutschen so toll wie möglich wird und so weiter. Und das haben doch im Grunde alle Autor*innen verdient – gut übersetzt zu werden. Wenn es möglich ist. (Zeit, Geld, usw.)

Danach arbeitete ich an der Übersetzung des Romans von Sînziana Păltineanu, deren Muttersprache Rumänisch ist, aber sie schreibt auf Englisch. Eine ganz besondere Erfahrung, weil ich dazu noch eine andere Ebene mitdenken musste, nämlich die eines Menschen, der in einer fremden Sprache schreibt und dadurch auf Idiome usw. der Muttersprache verzichten muss, möglicherweise aber neue Sprachbilder erfindet durch die Beschränkung, die die fremde Sprache bedeutet. Ist ein bestimmter Satz nun absichtlich so hochsprachlich/lässig/irgendwieanders formuliert oder liegt es an mangelnden Sprachkenntnissen? Das musste ich bei jedem Satz überprüfen und entscheiden.

Und ach, das sind jetzt nur zwei kleine Beispiele von meinen Übersetzungen. Wirklich interessant wird es, wenn die neue Ulysses-Übersetzung nächstes Jahr erscheint. Da bleibt, was man vorab so hört, kein Stein auf dem anderen, im Vergleich zur Wollschläger-Übersetzung von vor mittlerweile vierzig Jahren. Jeder Satz, jedes Wort wurde noch mal überprüft. Ich freue mich sehr darauf.

Noch mal kurz zu den Synchronisationen, die doch ach so überflüssig sind. Hätten wir sie nicht, müssten wir die Untertitel lesen. Die Stimmung und Intensität hätten wir über die Originaldarsteller*innen, den Inhalt in Buchstabenform eingeblendet. Und wenn der von schlechten Übersetzer*innen käme, wäre uns der Film verleidet. Dann würden wir schimpfen auf Buch und Regie und Produktion. Dabei läge die Ursache für unseren Unmut doch woanders. Die mögliche Fehlerquelle bleibt. Jetzt sind wir wieder bei der Verantwortung, die Übersetzer*innen haben. (Und bei schlechten Produktionen, von denen ich gar nicht reden wollte.)

Verantwortung also. Die haben wir in beide Richtungen: gegenüber dem Originalwerk und den Urheber*innen wie auch den Leser*innen und Zuschauer*innen aus unserem Sprachraum. Und ich glaube, worum es Übersetzer*innen geht, ist nicht mal, dass unsere Namen dick auf dem Cover gleich neben den Autor*innen stehen oder dass in sämtlichen Rezensionen unsere Tätigkeit besungen wird. Verständnis für die Arbeit, die wir haben und uns machen, reicht völlig. Wahrgenommen zu werden wäre schon viel. Danke.

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9 Comments

  1. Vielleicht lässt sich das mit der Interpretation eines Musikstückes vergleichen. Die Noten hat der Herr Bach mal aufs Papier geschrieben – aber es ist eben klar und deutlich zu hören, ob Herr Gould oder ein Anfänger die Tasten des Klaviers strapaziert.

  2. Es ist ein Leichtes jetzt zuzustimmen und „ja“ dazu zu sagen, dass die Übersetzungskunst unsere aller Anerkennung verdient. Das tue ich hiermit gerne und ohne jegliche Zweideutigkeit.

    Doch möchte ich auch in Rückblick auf die Reaktionen zur Polemik veranschaulichen, warum Übersetzungskunst weitgehend nicht vom Leser oder Zuschauer honoriert wird. Es ist sicherlich nicht die unterstellte Ignoranz, sondern die Unkenntlichkeit. Denn darin liegt die hohe Kunst der Übersetzung. Umso besser, also kunstfertiger ein Text oder eine Synchronisation verfertigt wird, desto unkenntlicher wird sie für den Leser bzw. Zuschauer. Nur dort, wo es „Ungereimtheiten“ gibt, fällt sie auf. Das ist das Dilemma, mit dem der Übersetzer leben muss.

    Es ist auch ein Dilemma mit dem viele Kreative leben müssen. Ein nahe liegendes Beispiel ist der Webdesigner, der dieses Theme hier oder mein Theme entworfen hat. Wenn von 1000 Nutzern einer Interesse hätte, über die Person etwas in Erfahrung zu bringen oder ihr gar dafür zu danken, dass sie ihm den gefälligen Rahmen für das Blog gestaltet hat, wäre dies schon sehr optimistisch geschätzt.

    1. (seltsamerweise bin ich mir durchaus bewusst, dass jemand das layout erdacht und zur verfügung gestellt hat. ich habe es ja bei vollem bewusstsein ausgewählt.) wie kann man denn nicht wissen, dass man eine übersetzung liest? man weiß doch mindestens etwas über die autorin/den autor, und dass sie oder er nicht auf deutsch schreibt, nein?

      1. Wer ein Buch liest, Kunstwerke betrachtet, einen Filmen schaut oder Musik hört macht dies selten mit Interesse seiner Entstehungsgeschichte. Auch wenn ich weiß, dass die Kompostion oder der Text eines Liedes von jemand anderem kommt als vom Interpreten, thematisiere ich das üblicher Weise nicht.

        Aber egal, war nur ein Versuch, den meines Erachtens üblichen Blick der Rezipienten zu veranschaulichen.

  3. Es gab zwei entscheidende Momente, in denen mir die Wichtigkeit von guten Übersetzern/Synchronsprechern bewusst wurde.

    1. Die deutsche Synchronisation der Simpsons. Es geht gar nicht um schwer oder gar nicht übersetzbare Wortspiele. So etwas ist völlig klar und viele US-typischen Redewendungen, Bräuche oder Alltagssituationen sind dem deutschen Durchschnittsbürger gar nicht bekannt.
    Aber wenn eine „bottomless BBQ-Bar“ als „Unten-ohne-BBQ-Bar“ übersetzt wird …

    2. Als ich das Buch „Die Welt der tausend Ebenen“ von P.J. Farmer las, welches eigentlich 5 Bücher in einem beinhaltet. Die ersten drei Bücher lesen sich locker leicht und flüssig. Ab Buch 4 wechselte der Übersetzer und man denkt, man liest das Buch eines völlig anderen Autors. Unterste Umgangssprache wechselt sich mit Wörtern die es laut Duden überhaupt nicht gibt ab. Wirklich grauenvoll.

    Nach diesen zwei Schlüsselerfahrungen bin ich für jede gelungene Übersetzung dankbar. Viel mehr noch, weiß ich die wirklich mühselige Sisyphosarbeit zu schätzen. Ich hätte keine Geduld dafür.

    Also … Danke!

    1. ja, nun, fehlübersetzungen beim synchron: es gibt – häufig – eine rohübersetzung. die rohübersetzungen sind nicht immer fehlerfrei. leider müssen sich die synchronautor*innen darauf verlassen, wenn sie die originalsprache nicht verstehen. rohübersetzungen sind auch so elend schlecht bezahlt, und man bräuchte eigentlich spezialist*innen für die jeweiligen regionen, gerade und besonders im englischen, aber zu viele menschen glauben dann wieder, englisch zu beherrschen … ja. ich weiß.
      ich arbeite gerade an netflixserien, da wird der deutsche text in den USA noch mal von language specialists überprüft auf fehlübersetzungen, um das möglichst einzudämmen.

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