Hinter „Schwarzblende“

(Geschrieben für Claudias Bücherregal)

Vor zwei Jahren töteten zwei Männer in Südlondon den Soldaten Lee Rigby. Erst überfuhren sie ihn, dann hackten sie mit Messern auf ihn ein. Einer der Täter überquerte die Straße und gab einem Passanten eine Art Interview. Oder vielmehr, er sprach seine Rechtfertigung der Tat in dessen Handykamera. Er war sich bewusst, dass er gefilmt wurde. Er wollte gefilmt werden. Er hatte das Messer noch in der Hand. An seinen Händen und am Messer: das Blut von Lee Rigby. Nicht ein paar Spritzer, sondern so viel, als hätte er die Unterarme in seinem Blut gebadet. Im Hintergrund sah man den Toten auf der Straße liegen.

Ich sah das Video, das sich schnell im Netz verbreitete, am Tag der Tat. Mittlerweile sind die blutigen Hände und Rigbys Leiche unkenntlich gemacht worden. Damals war noch alles zu sehen, ungeschnitten und unbearbeitet. Man findet auch Videomaterial von der Festnahme.

Ich weiß noch, wie ich einen Freund anrief, um es ihm zu zeigen. Ich wollte an der Echtheit zweifeln, obwohl mir klar war, dass es echt war. Ich wollte mit jemandem darüber reden, obwohl ich nicht wusste, was ich sagen sollte.

Einerseits war da also die Sprachlosigkeit darüber, fast live fast einen Mord gesehen zu haben, andererseits der Umstand, selbst zum Voyeur zu werden, indem ich das Video teilte, nicht öffentlich, aber immerhin mit einem Freund. Ich machte an dem Tag nichts anderes mehr als nachzusehen, ob es neue Informationen über diese Tat gab.

Beides legte sich, die Sprachlosigkeit und der Voyeurismus. Irgendwann beschäftigte mich das Ganze als Phänomen. Ich schaue mir nun nicht aus Begeisterung brutale Videos an, im Gegenteil muss ich wegsehen, sobald irgendwo (Film-)Blut fließt. Es war tatsächlich weniger das Interesse an einem Mord, als die Frage, was die mediale Vermittlung mit mir macht. Mit mir, mit anderen. Warum ich da hängenbleibe. Auf dem Video sieht man Menschen, die stehen geblieben sind und nichts tun. Man sieht Menschen, die direkt an dem Mann mit dem blutigen Messer und den blutverschmierten Händen vorbeigehen. Sie nehmen keinen Umweg, sie weichen nicht aus. Voyeurismus bei den einen, Desinteresse (?) bei den anderen. Ist es so einfach? Ich weiß es nicht. Warum filmt der Typ, der da gerade filmt, überhaupt? Warum gehen die einen weiter und bleiben nicht stehen? Warum bleiben die anderen stehen und sehen zu?

Ich wollte mich aber vor allem damit auseinandersetzen, was Bilder und Videos mit uns machen. Helmut Lethen schrieb zu der Zeit gerade an seinem Buch „Der Schatten des Fotografen – Bilder und ihre Wirklichkeit“, in dem es u.a. darum geht, wie irreführend ein Foto sein kann, welche Emotionen es erzeugt im Gegensatz zu den wahren Umständen seiner Entstehung. Ich hatte Susan Sontags „Das Leiden anderer betrachten“ gelesen, Carolin Emckes „Weil es sagbar ist“ uvm. Ich beschäftigte mich mit Kriegsfotografie, u.a. mit James Nachtwey. Einiges davon findet sich wahrscheinlich in „Schwarzblende“, jedenfalls habe ich es versucht.

All das fand zu einer Geschichte zusammen, das und die Videos vom und über den Islamischen Staat, die sich nach und nach verbreiteten, sowie die Meldungen über geköpfte Journalisten und andere Geiseln. Eine wichtige Überlegung dabei war, welche Perspektive ich wählen müsste. Ich kann mich nicht in einen IS-Kämpfer hineinversetzen. Ich war nicht in Syrien oder in einem der IS-Ausbildungslager, dort zu recherchieren war nicht möglich. Ich konnte mich dem allen nur annähern, mit Leuten reden, die von ihren Erlebnissen sprachen. Ich musste die Perspektive wählen, die die meisten von uns haben: hier im Westen Europas, alles durch die Distanz einer Kameralinse betrachtend, weiter distanziert durch ein Display, auf dem es abgespielt wird. Wir betrachten Objekte, Motive, und doch sind wir nicht ungerührt, weil wir wissen, dass das, was wir sehen, echt ist. Ganz real, in unserem Wohnzimmer, auf unserem Handy, und zugleich ganz weit weg. Wie nah kommen wir an einen IS-Kämpfer? Die allermeisten von uns werden ihn nur durch die Linse eines Kameramanns sehen.

Es gibt diese ungeschnittenen Bilder. Es gibt aber vor allem zensierte Versionen. Nicht nur die Presse greift ein, wenn es darum geht, was wir sehen und wie wir uns dabei fühlen sollen. Auch YouTube, Twitter, Facebook usw. sperren User, die Material verbreiten, das nicht im Sinne der Plattformenbetreiber ist. Zu unserem Schutz. Und zugleich auch zu unserer Entmündigung vielleicht, wissen wir denn nicht selbst, was wir uns zumuten können? (Nein, wissen wir nicht, jedenfalls nicht immer, und trotzdem ist Zensur nun einmal Zensur.) Wer entscheidet über unsere Mündigkeit, wenn es um das Betrachten realer Ereignisse geht?

Ebenso schwierig die anderen Fragen, mit denen ich mich beim Schreiben konfrontiert sah: Wie viel Freiheit sind wir bereit, für vermeintliche Sicherheit zu opfern? Wie schnell sind wir bereit, fundamentale Menschenrechte über Bord zu werfen, wenn wir gesagt bekommen, unsere Sicherheit hinge davon ab, dass wir es tun?

Und wie beeinflussen uns die Bilder, die wir täglich zu sehen bekommen, bei diesen Überlegungen? Zumal, wenn sie manipuliert sind? Verfremdung ist Manipulation, auch die Wahl des Bildausschnitts, des Filmausschnitts ist (notwendige) Manipulation, Nachrichten können nicht endlos sein, ein Journalist soll das Wichtigste zusammenfassen. Die Presse hat eine Verantwortung, der sie nachzukommen versucht. Neutrale Berichterstattung, soweit möglich. Bilder zeigen, soweit möglich. Aber auch uns schützen. Aber auch die Opfer schützen. Die Rechte der mutmaßlichen Täter wahren. Wie gehen Journalisten, Fotografen damit um? Wie entscheiden sie, was in einen Beitrag einfließt und was nicht?

Im nächsten Schritt dann die Überlegungen, welche Rolle bei terroristischen Anschlägen neben Presse und Internet natürlich der Staat und seine verschiedenen Organe spielen. Ich habe also versucht, daraus eine Geschichte zu machen, ich erzähle sie über einen Kameramann, der die Hintergründe des Terroranschlags beleuchten will und dadurch eine Perspektive hat, wie wir alle sie haben könnten. Er sieht vieles nur als Video, und trotz der räumlichen, zeitlichen Distanz zum Geschehen, nimmt es ihn mit. Eben weil er weiß, dass es real ist, ungeschnitten, nicht manipuliert.

Der Kameramann ist meine Hauptfigur, er heißt Niall Stuart. Er nimmt uns mit in die Geschichte. Er beginnt mit etwas ganz Krassem: Er filmt einen Mord statt wegzulaufen.

Ich höre immer wieder: Sowas würde niemand tun. Doch, sowas machen Leute. Nicht nur bei Lee Rigby sind sie stehen geblieben und haben gefilmt. Und dann werde ich gefragt: Was hätte ich getan? Ich weiß es nicht. Vielleicht wäre ich weggelaufen, ich denke immer von mir, ich sei feige. Vielleicht hätte ich es auch gefilmt oder wäre einfach nur stehengeblieben. Ich weiß es nicht. Weiß es irgendjemand sicher, was er oder sie getan hätte? Niall jedenfalls – filmt. Und das verändert sein Leben. Das ist der Einstieg in die Geschichte.

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2 Comments

  1. Wo viele Männer viele Hunde beißen, könnten Zyniker das als lustige Spiele begreifen. Die Kamera kann Sinn aus der zufälligen Realität destillieren, gute Propagandisten wissen und nutzen das…

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