Frauen und ihre Literatur.

(Artikel für: Publik Forum, Dezember 2014)

Es ist erst wenige Jahrzehnte her, da hatte der Begriff Frauenliteratur den Klang von Gleichberechtigung und politischem Aktivismus. In dieser Zeit gab es in vielen Städten Frauenbuchhandlungen. Viele öffneten sich im Laufe der Zeit einem breiter interessierten Publikum, sehr viele mussten trotzdem schließen. Weil viele Buchhandlungen schließen mussten. Aber auch, weil etwas mit dem Begriff Frauenliteratur passiert war: Was in den Regalen der Buchkaufhäuser unter dem Schlagwort „Frauen“ angeboten wird, ist eine Kehrtwende weg vom politischen Anspruch. Historisch gesehen hatte Frauenliteratur von Beginn an deutlich negative Konnotationen. Literatur von Frauen für Frauen bedeutete seichte Unterhaltungsliteratur ohne Relevanz. Eine gewollte Ächtung durch die männlichen Protagonisten im Literaturbetrieb, die allerdings nie in Gänze zutraf. Im 20. Jahrhundert änderte es sich mit der Wahrnehmung der Literatur von Frauen langsam zum Guten, und die Frauenbewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre münzte den Begriff wie eingangs beschrieben. Heute aber sind wir begrifflich damit wieder weitgehend beim Liebesroman.

Das sehr breit aufgestellte Genre des Liebesromans erstreckt sich von romantischen Komödien über Schicksalsdramen in vergangenen Jahrhunderten bis hin zu Vampir- und anderen Sexgeschichten. Die einzelnen Subgenres und wie hoch Romantik- und Erotikanteile sind, das lässt sich klar am Einband erkennen und unterscheiden. Die Buchbranche ist ein Markt wie alle anderen Märkte auch. Wer Bücher schreibt und verlegt und vertreibt, will damit meist Geld verdienen. Wer sie kauft, will für sein Geld das Gewünschte bekommen. Alle könnten damit zufrieden sein. Wäre da nicht das Frauenbild.

Die Lektorate geben es ihren Autorinnen oft deutlich in Auftrag. Für manche Buchreihen existieren sogar schriftlich hinterlegte Vorgaben: Die Protagonistin ist am besten jung und unerfahren, auf der Suche nach sich und dem, was sie im Leben will, und sie trifft auf einen Mann, der ihr nicht nur die Welt zeigen kann, sondern der auch finanziell und gesellschaftlich mehr zu bieten hat. Frau sucht Prinzen, sucht Mr. Darcy, nur dass sie sich anders als noch bei Jane Austen heutzutage erst zur Idiotin macht und die Leserin aufatmet, wenn das ungeschickte Ding (mit dem sich die Leserin identifizieren soll) unwürdige Dinge getan hat und den Kerl endlich abbekommt (z.B. „Schokolade zum Frühstück“ von Helen Fielding). Die erotisch aufgeladene Variante will, dass sich die Praktikantin (oder Assistentin o.ä.) in den Vorgesetzten verliebt und ihm dabei hilft, mit seiner dunklen Seite klarzukommen, was für sie sexuelle Hörigkeit bedeutet (z.B. „Fifty Shades of Grey“ von E.L. James).

Mag sein, dass diese fiktiven Frauen in dem Moment genau ihr Ding gefunden haben. Wunderbar. Kritisch daran ist allerdings, dass es sich eben nicht um einzelne Geschichten, sondern um grundlegende Erzählmuster handelt, wodurch diese Rollenbilder stetig wiederholt werden und Normalität suggerieren. Eine Normalität, von der man sich eigentlich verabschiedet haben sollte.

Da Frauen nicht nur Liebesromane lesen, sondern auch im Krimigenre sehr gern ihr Geld lassen, setzt man in großen Verlagen auf Frauenspannung, die nichts mit den politisch gedachten Frauenkrimis aus der zweiten Welle der Frauenbewegung zu tun haben. Der Bereich Frauenspannung definiert sich über Emotionalität, keinesfalls über gesellschaftskritische Auseinandersetzung. Frauenspannung darf auch viel Blut und sehr viel Gewalt haben. Aber immer in der Beschreibung nah an dem, was die Protagonistin gerade denkt und fühlt. Tauchen Frauen lieber in Gefühlswelten ab, als sich mit der kalten Realität gesellschaftspolitischer Fragestellungen zu befassen? Verlegerin Else Laudan vom Hamburger Ariadne Verlag sieht das anders und startete deshalb die Veranstaltungsreihe „Der Krimi ist politisch“: Doch, Frauen verstehen die Welt und setzen sich mit ihr auseinander, vielen Dank.

Die schottische Krimischriftstellerin Denise Mina sagt in einem Interview: „Ich sehe mich weniger in der Krimitradition als in der von feministischen Autorinnen. […] Das Problem ist nur, wenn ich zu laut sage, dass ich feministische Krimis schreibe, stellen sie mich in der Buchhandlung in ein anderes Regal, und ich verkaufe nichts mehr.“ So furchtbar, so wahr. Und sie sagt weiter: „Es ist so wichtig, politisch zu sein und das auch zu zeigen. Die meisten Krimis sind politisch, und man bekommt es nicht mit. Du wirst in eine spannende Geschichte reingezogen, du willst wissen, wie es weitergeht, du merkst gar nicht, wie manipulativ die Sache gerade ist.“ Die Manipulation, die sie meint, bezieht sich nicht nur darauf, dass man zugunsten der schnellen Auflösung, der Bestrafung des Verbrechers in Kauf nimmt, wie die Polizei Menschenrechte verletzt. Die Manipulation kann auch so aussehen: Wenn Frauen immer nur als Aschenputtel oder im gern bemühten krassen Gegensatz als toughe Alleskönnerinnen gezeigt werden, dann bleibt die Möglichkeit auf der Strecke, sich mit den tatsächlichen Problemen der Frauen in unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Ganz egal, um welches Literaturgenre es sich handelt. Weshalb jede Entscheidung seitens der Schriftstellerinnen und der Lektorinnen für eine bestimmte Protagonistin und ihr Schicksal eine politische ist, nicht nur eine merkantile.

Aber: Es geht auch anders, keine Sorge. Innerhalb der kommerziell erfolgreichen Genres ist noch viel Raum für Frauenfiguren, die selbstbestimmt und kämpferisch sind, ohne eine unrealistische Superfrau sein zu müssen. Interessanterweise zeigt sich das seit einer Weile häufig bei den historischen Stoffen, wofür ausgerechnet der Erfolg von Iny Lorentz‘ „Die Wanderhure“ gesorgt hat. Micaela Jary suchte sich nicht nur für ihre Familiensaga „Das Haus am Alsterufer“ kluge, finanziell unabhängige Frauenfiguren, die gegen die Konventionen der Zeit verstoßen. Wie so einige ihrer Liebesromane schreibenden Kolleginnen setzt auch sie in den derzeit so beliebten Love and Landscape-Büchern auf Protagonistinnen, die sich ihrer Probleme ebenso bewusst sind wie ihrer Stärken und für ein weibliches Selbstverständnis kämpfen.

Das herrschende Gesellschaftsbild bzw. dessen Wahrnehmung schreibt sich häufig bewusst, viel häufiger aber unbewusst in fiktionale Texte. Das populäre Sachbuch ist ergänzend dazu recht aufschlussreich, wenn aktuelle gesellschaftliche Diskurse entziffert werden wollen, wenn man der Frage nachgehen möchte, welche Rolle der Frau heute zugeschrieben wird. Bücher wie „Die neue F-Klasse“, „Wir Alphamädchen“, „Neue deutsche Mädchen“ machten in den Nullerjahren noch von sich reden. Jetzt redet man über „Deutschland von Sinnen – der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ von Akif Pirinçci oder findet hämische Titel wie „Tussikratie – Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können“ von Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling in den Verlagskatalogen. Kaum droht das weibliche Selbstverständnis Normalität zu werden, halten sogar Frauen dagegen. Peter Modlers Anleitung „Das Arroganz-Prinzip: So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf“ liest sich in diesem Kontext wie ein Plädoyer für die Frauenquote.

Der Feminismus ist aber keinesfalls tot. Er ist nur kein Mainstream. Die aktive Szene hat sich weitgehend ins Internet verlagert. Dort bloggen Feministinnen, tauschen sich in Facebookgruppen, Foren und auf Twitter aus. Besonders Twitter ist ein hervorragendes Medium, um breitenwirksam zu agieren: Anfang 2013 entstand dort der #aufschrei: Frauen und Männer berichten in 140 Zeichen von Alltagssexismus – von vergangenen Erfahrungen bis hin zu Situationen, die sie live erleben mussten. Das Internet bietet auch die notwendige Anonymität für Frauen, die sich unter ihrem echten Namen nicht äußern können oder wollen. Und für junge feministische Aktivistinnen wie die Britin Laurie Penny, deren Bücher in deutscher Übersetzung bei Edition Nautilus erscheinen, ist das Internet der ideale Ort, um ein breites Publikum mit ihren Ideen zu erreichen.

Auch der Frauenbuchladen lebt im Netz weiter: Die Berlinerin Doreen Heide gründete FEMbooks.de, eine Online-Buchhandlung für feministische, emanzipatorische und lesbisch_queere Bücher und Medien. So hat sie weniger Fixkosten als mit einem Ladengeschäft und erreicht Menschen auch weit außerhalb ihres Kiezes.

Der Begriff Frauenliteratur wurde in seiner gesamten Geschichte vermutlich noch nie für ein so breites, heterogenes Feld verwendet wie heute. Die Suche nach Literatur, die ein Frauenbild vermittelt, das nicht diskriminiert, nicht in Rollenklischees steckengeblieben ist, ist dadurch nicht einfacher geworden, lohnt sich aber, und das interessanterweise tatsächlich in allen Genres. Manchmal eben auch, obwohl ein Buch als „Frauenliteratur“ verkauft wird.

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6 Comments

  1. Schon der Begriff „Frauenliteratur“ ist sexistisch. Die Spitze des Sexismus sind „Frauenbuchläden“. Aus einem solchen wurde ich schon hinausgebeten. Man stelle sich die Begriffe „Männerliteratur“ und „Männerbuchladen“ vor. Ginge das?

    In der sog. Frauenliteratur kommen nicht nur die Frauen „dumm“ weg. Das Männerbild, das dort über die Protagonisten verbreitet wird, ist – gelinde gesagt – zum sich Übergeben.
    Ich, als Mann, kaufe kein Buch mit dem Aufdruck „Frauenliteratur“ und muss dennoch gestehen, dass ich „Bridges in Madison County“ (James D. Waller), die Bücher von Jane Austen und von Kresley Cole liebe.
    Wir sollten weg vom männlichen Sexismus, aber auch weg vom weiblichen Chauvinismus. Erst dann können wir von „Emanzipation“ reden.

    1. natürlich ist der begriff sexistisch weil herablassend, so war er ja von anfang an gedacht. ein schimpfword, sozusagen. zwischendurch ein kurzer versuch, ihn positiv umzudeuten, zu erobern. aber das hielt nicht lange. dass gerade und besonders die frauen bei dieser art sexismus, der sich gegen frauen richtet, mitmachen, finde ich persönlich erschütternd. wohingegen ich da keinen sexismus gegen männer sehe – vielleicht, weil ich zu wenig dieser literatur im detail kenne – und abgesehen davon, nach jahrtausenden weiblicher diskriminierung, die ja weiterhin anhält, dürfen frauen doch bitte weiter dafür kämpfen, dass sie ordentlich behandelt werden, ohne dass schon wieder die männer überall im mittelpunkt stehen. die kommen so schnell nicht zu kurz. no worries.

      1. WER bitte wollte Frauen das Recht absprechen, sich gegen diskriminierende Frauenbilder zu wehren? Und das Argument „jahrhundertelang“ ist wirklich schwach! Die jetzig lebende Generation junger Männer soll dafür bluten, dass ihre Großväter, Urgroßväter, Ur-Urgroßväter usw. schreckliche Sexisten waren??? Wäre das nicht generationenübergreifende Kollektivhaftung? Männer haben das Recht, sich gegen sexistische Frauen zu wehren. Frauen haben das Recht sich gegen sexistische Männer zu wehren. Gemeinsam sollten wir endlich uns für Emanzipation einsetzen und das wäre mehr als ich in dem Blogbeitrag erkennen kann.

      2. es geht darum, dass in dem moment, in dem sich frauen ein feld erobern wollen, sofort gesagt wird: aber das ist sexistisch gegen uns männer. und der backlash, den man hier beobachtet, spricht doch auf für sich, nein? im übrigen sprach ich von jahrtausenden, im vergleich dazu sind die wenigen jahrzehnte, in denen frauen versuchen, gleich behandelt zu werden, ein witz. ich sehe immer noch keinen sexismus gegen männer in diesen dingen. und gemeinsam, ja, unbedingt. was aber hat nun dieser artikel (siehe ganz oben, im blog nur die zweitverwertung), der sich mit der frage beschäftigt, was aus dem begriff „frauenliteratur“ geworden ist, mit der sehr viel größeren frage nach allgemeiner gleichberechtigung, von der wir noch sehr weit entfernt sind, zu tun?

      3. Es macht mich zutiefst traurig, dass Männer und Frauen nicht gemeinsam für etwas eintreten können und Sensibilität füreinander entwickeln. Ich denke, von meiner Seite hat es wenig Sinn, das Selbstverständliche erklären zu wollen und werde mich deshalb aus diesem Blog zurückziehen, wünsche euch aber noch viele fruchtbarere Diskussionen als diese.

  2. Ja, das Frauenbild, das streckenweise immer noch in Film und Literatur vertreten wird, finde ich auch erschreckend! Das Männerbild ist allerdings auch nicht immer ganz realistisch. Frauen zwischen Rette-mich-Mädchen-Rolle und Kampfweib, Männer zwischen Allesversteher und Arschloch-Rolle. Die Grauzonen sind zum Glück bunt! Ich ermutige alle, die in diesen Bereichen arbeiten und ein moderneres, bunteres Selbstverständnis haben: schreibt und zeigt es. Es wird wirklich gerne genommen, gesehen, gelesen.

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