Leben ohne Träume

(Dieser Text entstand ursprünglich für die Salzburger Straßenzeitung „Apropos“. In Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus werden Schriftsteller*innen gebeten, sich mit Verkäufer*innen zu treffen und sie zu porträtieren. Ich traf Gabriela im Oktober 2014.)

Zu den Dingen, die man einer jungen Frau Anfang zwanzig wünscht, gehört vor allem: Träume zu haben. Gabriela hat keine Träume. Sie hat zwei Kinder, die bei ihrer Mutter in Rumänien leben, während sie selbst mit ihrem Freund, dem Vater der beiden, in Salzburg ist. Sie ist hier, ich würde nicht sagen, dass sie hier lebt, aber dazu kommen wir gleich noch. Gabriela wünscht sich etwas: bei ihren Kindern sein zu können. Mehr nicht. Ein bisschen mehr Geld haben, sagt sie, damit es reicht, um mit den Kindern leben zu können. Gabriela ist das älteste Kind ihrer Mutter, ihr jüngster Bruder ist so alt wie ihr eigener ältester Sohn.

Es ist kein Pragmatismus, der Gabrielas Wünsche im Leben so sehr auf das Wesentliche reduziert hat. Gabriela hat sich noch nie weggeträumt, fortgewünscht, woanders gesehen. Sie sagt, sie sei gern zur Schule gegangen. Jedes Fach hätte ihr Spaß gemacht. Aber dann sei die Schule eben vorbei gewesen. Sie sagt, in Rumänien gäbe es keine Arbeit, Schuld daran sei der Zusammenbruch des kommunistischen Systems und der Zuzug ausländischer Firmen, aus China zum Beispiel. Ich frage sie, ob denn ausländische Firmen nicht auch neue Arbeitsplätze bedeuteten. Sie überlegt, findet erst keine Antwort, spekuliert dann, dass die Chinesen möglicherweise ihre eigenen Leute mitbrächten. Ihre Eltern, erzählt sie, seien schon lange arbeitslos wegen der ausländischen Firmen und des verschwundenen Kommunismus. Irgendwann einmal war alles besser in Rumänien. Da hatten alle Arbeit, und alle konnten lesen und schreiben. Heute sei das anders. In den Schulen würden die Kinder bevorzugt, deren Eltern den Lehrerinnen und Lehrern Geld zustecken. Dass reiche Kinder mehr Aufmerksamkeit und bessere Noten bekommen, bestätigt unsere Dolmetscherin. Der Rest lässt sie die Stirn runzeln. Ich glaube, sie ist nicht der Meinung, dass früher alles besser war. Aber auch nicht, dass heute alles gut ist.

Ich möchte wissen, wie Gabriela als Kind war. Es war schön, sagt sie. Ich erzähle ihr von einer finnischen Fotografin, die Kinder aus einem Heim so fotografiert hat, wie diese sich sehen wollten. Wie hätte sich Gabriela damals fotografieren lassen? Gabriela kann mir nichts erzählen. Sie hat das Leben genommen, wie es war, sagt sie. Nein, ihre Eltern hätten ihr nie etwas vorgelesen oder Geschichten erzählt. Ihre Eltern seien Analphabeten.

Gabriela hat keinen und hatte nie einen Berufswunsch, oder nennen wir es einmal Berufsziel. Sie würde alles machen, sei sich für nichts zu schade, sagt sie. Ich denke, sie hat meine Frage falsch verstanden. Die Dolmetscherin erklärt mir aber, dass sie schon genau nachgehakt hat. Die Dolmetscherin hat mich sehr gut verstanden. Gabriela sah sich nie als Ärztin, Pilotin, Lehrerin. Auch nicht als Verkäuferin, Köchin, Schneiderin. Ich merke, dass es nicht nur mir schwer fällt, sich dieses Fehlen von Visionen vorzustellen. Auch unsere Dolmetscherin wirkt ratlos. Gabriela lächelt schüchtern.

Sie sagt, die Menschen sind immer nett zu ihr. Nett, aber eigentlich doch auch kühl. Sie steht trotzdem gern vor dem Supermarkt. Dort steht sie zusammen mit ihrem Freund, der jetzt auch zu uns kommt und sich ohne große Worte an den Tisch setzt. Er ist länger in Salzburg als sie, seit drei Jahren. Sie versteht deutlich mehr Deutsch als er. Sie haben einmal in der Woche für eine Stunde Deutschunterricht. Das reicht natürlich nicht. Sie haben keine Gelegenheit, das Gelernte anzuwenden. Sie haben keine engeren Kontakte zu deutschsprachigen Menschen, dafür zu anderen Rumänen.

Natürlich wollen sie zurück. Schon wegen der Kinder. Das Paar lebt in einem Caritaswohnheim. Kleidung besorgen sie sich, wenn sie in Rumänien sind. In Salzburg könnten sie nichts bekommen. Keine Wohnung, keine bezahlbare Kleidung. Die Dolmetscherin schüttelt den Kopf, erklärt den beiden, an wen sie sich wenden müssen. Ich kann an Gabrielas lächelndem Gesicht nicht ablesen, ob sie mit diesen Informationen etwas anfangen wird.

Morgens stehen die beiden auf, gehen an ihren Stammplatz, versuchen, die Zeitungen zu verkaufen, kommen abends nach Hause, essen, schlafen. Sonst macht ihr nichts? Unternehmt ihr nichts?, will ich wissen. Kopfschütteln. Sie seien zu müde. Sie könnten nichts tun. Und dann wäre da ja noch die Sprache. Fernsehen oder Kino sei nicht möglich. Wo solle man außerdem hin.

Gibt es denn nichts, frage ich, was sie gern tut? Hat sie kein Lieblingsessen, zum Beispiel? Gabriela sagt, sie müsse essen, was sie sich leisten könne. Ich sage: Wenn du dir alles leisten könntest? Sie weiß es nicht. Sie kann so nicht denken. Ich verstehe langsam, dass sie es nicht gelernt hat, sich Dinge zu wünschen. Sie hat nur gelernt, das Schicksal zu akzeptieren. Egal, ob es ihr gefällt oder nicht.

Ich muss sie und ihren Freund überreden, sich etwas in dem Café, in dem wir uns treffen, zu bestellen. Der Kellner braucht mehrere Anläufe, um die Bestellung überhaupt aufzunehmen, dann muss er noch mehrfach daran erinnert werden. Erst als ich ihm sage, dass ich die Rechnung übernehme, bringt er ihr den Cappuccino und ihm den Orangensaft. Das Café befindet sich direkt am Bahnhof. Wahrscheinlich wird hier öfter die Zeche geprellt. Trotzdem schäme ich mich dafür, wie der Kellner uns behandelt. Wie er allen klarmacht, dass ich diejenige mit dem Geld bin und deshalb bedient werde.

Was ist das Schöne in ihrem Leben? Woran erinnert sie sich gern? Was tut sie gern? Irgendetwas muss es doch geben. Sie sagt, dass sie ihren Freund kennengelernt hat, das war das Schönste. Und die Kinder. Die übrigens beide Wunschkinder sind.

Was sind die negativen Erfahrungen, was würde sie im Leben ändern? Gabriela weiß nichts wirklich darüber zu sagen, man gewinnt den Eindruck, ihr Leben sei ein steter, ruhiger Fluss. Die Reise darauf ist oft kalt und ungemütlich, aber so ist es nun mal, dieses Leben. Glaubt sie an Gott? Ja, das tut sie. Und Gott wird immer für sie da sein.

Will sie ihre Kinder nicht nach Salzburg holen, wenn die Umstände in Rumänien, was Schule und Ausbildung angeht, so schlecht sind? Darüber hat sie noch nicht recht nachgedacht. Auch da fehlt ihr die Fähigkeit, sich Dinge für die Zukunft auszumalen, sich etwas zu wünschen, daraus Energie zu ziehen und ein Ziel zu haben. Gabriela hat keine Fragen an mich. Die üblichen sozialen Codes sind ihr und ihrem Freund fremd. Sie trinkt nur, wenn ich sie auffordere zu trinken. Sie hat einen schwachen Händedruck, und nachdem ich die Verabschiedung einleite, bleibt sie unsicher sitzen, holt sich die Erlaubnis, aufzustehen und zu gehen.

Gabriela ist eine hübsche junge Frau. Sie hat die ungewöhnlichsten Augen, die ich je gesehen habe: grün mit braunen Streifen, die sternförmig von der Pupille abstrahlen. Sie weiß gar nicht, wie schön ihre Augen sind. Ich glaube auch, dass sie clever ist. Sie hat nur eben nie gelernt, für sich selbst etwas erreichen zu wollen. Ein besseres Leben. Eine Ausbildung. Eine Reise irgendwohin. Demut, denke ich. Eine Tugend? Ihre Demut macht mich wütend. Nicht weil ich denke, dass junge Frauen vom Ehrgeiz zerfressen sein sollten. Sondern weil ich mir für Gabriela wünsche, dass sie ein gutes Leben hat. Sie und ihr Freund und ihre Kinder, vielleicht will ich es vor allem für ihre Kinder. Ich wünsche mir für Gabriela, dass sie Interesse am Leben entwickelt. Freude. Es ist keine buddhistische Gelassenheit, die sie so sein lässt, wie sie ist, sondern die Resignation der Elterngeneration. Wahrscheinlich bin ich deshalb so wütend. Weil man ihr keine Wahl gelassen hat und sie offenbar nie eine Chance hatte, aus dieser Resignation – zumal sie ihr Schicksal auch noch als gottgegeben hinnimmt – auszubrechen.

Ich hätte sie übrigens fast nicht erkannt, aber das sage ich ihr nicht. Das Foto, das man mir von ihr geschickt hatte, zeigte sie mit einer Baseballkappe. Darunter war ein starkes, schönes Gesicht. Ich stellte mir eine rebellische junge Frau vor, die im Leben Pech hatte, aber jetzt erstmal schaut, wo sie bleibt, und weiß, wohin sie will.

Ich wünsche ihr seit unserer Begegnung jeden Tag, dass sie anfängt zu träumen. Und dass sie rebelliert gegen diese Resignation, gegen dieses „Es ist, wie es ist“. Ich will mit dem Eindruck von dem Foto richtig liegen. Ich wünsche es ihr.

Advertisements

6 Comments

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s