Weihnachtsgeschichte (passend zum Wetter)

(gesendet auf SWR2, Weihnachten 2014:)

Ich kann nachts nicht schlafen. Das war schon immer so. Erst wenn die Sonne langsam sinkt, fühle ich mich wach, und damit ich schlafen kann, muss sie wieder aufgehen.
Ich bin nicht allein damit. Solche wie mich gibt es überall, besonders in den Städten. Sie sind am liebsten in den Städten, weil sie dort nicht so auffallen.
Der alte Mann, zum Beispiel, der durch die Schanze streift. Ich bin auf dem Weg ins Hotel. Die Weihnachtsfeier ist vorbei, zu früh für mich. Ich lasse mir Zeit mit dem Rückweg.
Der alte Mann jedenfalls ist so einer wie ich. Wer um diese Zeit ohne Hund und ohne betrunken zu sein durch die Straßen der Schanze streift, schläft nachts nicht. Er nickt mir zu, wissend. Ich nicke zurück. Er hebt etwas auf, betrachtet es und steckt es ein.
„Geld gefunden?“, frage ich. Er ist froh, mit jemandem sprechen zu können. Er erzählt mir von den Sachen, die die Menschen verlieren. Er hebt sie auf und sammelt sie. Keine wichtigen Papiere und auch keine Schlüssel, so etwas gibt er ab. Aber alles andere nimmt er mit und sammelt es.
Ich frage ihn nicht, was er macht, wenn er Geld findet.
Schuhe, erzählt er weiter. Einzelne Schuhe, man möchte es gar nicht glauben, wie viele Leute mit nur einem Schuh nach Hause gehen. High Heels, davon hat er eine ganze Sammlung, alles einzelne. Die meisten verlieren den rechten Schuh, sagt er.
Ich sehe immer nur einzelne Handschuhe, sage ich.
Er nickt, winkt ab. Handschuhe, das ist etwas für Anfänger. Er ist zwar schon stolz auf die einzelnen Schuhe, aber er hat noch vieles andere: Gürtel, Tupperware, Bücher, früher auch CDs, aber heute nicht mehr so, Handschellen, Schals, Jacken, Mützen, Lippenstifte, Puderdosen, Taschenmesser, Klappmesser, Pfeffersprays, Plastikpistolen, Kerzenständer, Krawatten, Glühbirnen (neue), Krippenfiguren, Baumständer, Christbaumkugeln, Raclette-Schäufelchen, Serviettenringe, Eheringe, Türknäufe. Die Leute verlieren alles. Nur keine Handys, sagt er, Handys haben sie früher öfter verloren, heute sind die festgewachsen, da verliert niemand mehr sein Handy. Früher waren mehr Handys. Was er da schon für Anrufe bekommen hat. Natürlich hat er die Handys dann zurückgegeben. Wenn es sich ergeben hat.
Er bleibt stehen und zieht einen Schuh unter einem parkenden Wagen hervor. Sehr spitzer Absatz, bestimmt zwölf Zentimeter, silberne Pailletten. Könnte Ihre Größe sein, sagt er zu mir, siebenunddreißig. Ich lehne dankend ab und denke an Aschenputtel. Ich würde den Schuh vollbluten.
In einem Laden, der die ganze Nacht offen hat, kaufe ich eine Flasche Kola. Der alte Mann wartet vor der Tür auf mich. Ich frage ihn, ob er manchmal auch Sachen verkauft, die er findet, aber er murmelt nur etwas von seiner Rente, und dass seine Frau vor sieben Jahren gestorben ist.
Er geht mit mir zur U-Bahnstation, vorbei an einer Frau, die Flaschen aus einem der Mülleimer zieht. Der alte Mann hat den Paillettenschuh in einen Stoffbeutel gesteckt, den er immer bei sich trägt. Die Nacht ist noch jung, sagt er. Ich wünsche ihm frohes Jagen. Oder Sammeln. Beim Weggehen schaut er in den Mülleimer. Die Flaschensammlerin stellt sich neben ihn und starrt ihn weg, bevor er etwas herausnehmen kann.

Der Mann am Bahnsteig ist vielleicht um die fünfzig und wirkt verloren. Er sieht sich mit staunenden Augen um: die Anzeige, auf der steht, wann die nächste Bahn kommt, die betrunkenen Menschentrauben nur ein paar Meter von ihm entfernt, irgendwie sieht man sofort, dass die Sternschanze nicht seine Welt ist. Als er mich die Treppe runterkommen sieht, sagt er: Pünktlich auf die Minute! Weil die Bahn in einer Minute kommt. Ich nicke nur und will an ihm vorbei. Er sagt: Ich habe die davor ganz knapp verpasst und musste warten. Die fahren nachts nicht mehr so oft. Aber sie fahren.
Ich sage: Ja, und da kommt sie auch schon, die Bahn.
Alle Abteile sind voll. Die meisten Leute feiern noch. Einige sind verkleidet, als Weihnachtsmänner oder Weihnachtsengelchen. Der Mann kommt mir nach. Wir haben Glück, hier sind Plätze freigeworden. Er setzt sich mir gegenüber.
Ich darf doch, fragt er, nicht, dass Sie denken, ich wollte Sie … Es ist hier nur so … Er beendet den Satz nicht, sieht sich aber verwirrt um.
Ich sage: Schon gut, ich passe auf Sie auf.
Dann trinke ich meine Kola leer.
Er kichert ein bisschen. Hier ist so viel los. Wohl wegen der Feiertage. Oder? Er sagt auch, dass das zu seiner Zeit einmal alles ganz anders war, damals, als er noch in einem Alter war, in dem man um diese Uhrzeit ausging. Dann fragt er mich, wie er nach Allermöhe kommt, ich schaue mir den Netzplan an und finde es für ihn heraus. Nach zwei, drei Stationen leert sich die Bahn, und ich muss auch gleich raus, zum Hotel. Ich sehe jetzt, dass die Flaschensammlerin im selben Wagon ist. Sie schaut in die Abfalleimer, bevor sie aussteigt. Ich gebe ihr meine leere Kolaflasche. Sie nickt, ohne mich anzusehen. Der Mann mit Ziel Allermöhe sagt: Das hab ich jetzt nicht kapiert.
Sie sammelt Flaschen, sage ich.
Warum?, fragt er.
Sie sammelt sie und holt sich das Pfandgeld, sage ich.
Das sind keine zehn Cent für Glasflaschen, sagt er.
Ja, keine zehn Cent, sage ich.
Warum haben Sie ihr denn nicht einfach Geld gegeben?, fragt er.
Sie hätte es nicht genommen, sage ich.
Warum nicht? Das wäre doch viel einfacher, sagt er.
Ich muss jetzt raus, sage ich und erkläre ihm zur Sicherheit noch einmal, wo er umsteigen muss.
Wenn sie bettelt, bekommt sie bestimmt mehr, sagt er, bevor ich aussteige.
Ich weiß, dass er es irgendwann verstehen wird, aber heute Nacht wohl noch nicht. Heute Nacht muss er erst noch umsteigen und Allermöhe finden.

Der Nachtportier hat genau den richtigen Job für Leute, die nachts nicht schlafen. Ich rufe ihn von meinem Zimmer aus an, und er klingt genauso wach wie ich.
Es gibt eine Nachtkarte, sagt er mir. Mit Essen.
Deshalb rufe ich ihn ja an.
Was würden Sie nehmen?, frage ich ihn. Können Sie etwas empfehlen?
Er empfiehlt die Pizza und sagt etwas von Extrakäse extra für mich. Ich ahne, dass es ein Fehler ist, die Pizza zu bestellen, ich möchte eigentlich nur eine Kleinigkeit, aber ich weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll. Irgendwie klingt er so begeistert von dem Gedanken, mir eine Pizza mit Extrakäse bringen zu lassen.
Aus dem Zimmer nebenan weht regelmäßiges Schnarchen herüber. Ich mache den Fernseher an, damit ich es nicht hören muss. Auf Hotelfluren hört man nachts aus jedem zweiten Zimmer den Fernseher, und nicht selten läuft der Pornokanal. Entweder wollen die Leute den Schnarcher aus dem Nebenzimmer ausblenden, das sind dann die, die wie ich irgendeinen freien Sender laufen lassen, oder sie sind beim Pornokanal eingeschlafen.
Jedenfalls denke ich mir, dass sie eingeschlafen sind, wenn morgens um fünf immer noch gestöhnt wird.
Eine Frau bringt mir die Pizza. Ich setze Extratrinkgeld auf die Rechnung und unterschreibe. Unter dem Extrakäse ist extrasteinharter Boden. Ich habe Angst, die Pizza zu essen und überlege, ob sie wohl durchweicht, wenn ich sie noch einen Moment stehenlasse. Der Nachtportier scheint keinen besonders guten Geschmack zu haben, oder einfach nur einen ganz anderen als ich. Er ruft an und fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll. Er wirkt so nett und bemüht und hat für Extrakäse, den ich gar nicht wollte, gesorgt. Draußen blinken Weihnachtsdekos um die Wette. Ein paar Möwen sind zu hören. Ich überlege, was ich mit der Pizza machen soll. Es kommt mir unhöflich vor, sie nicht zu essen. Aber ich kann nicht. Ich gehe noch mal raus, zu einem letzten Spaziergang, bevor die Nacht ganz vorbei ist.
Beim Rausgehen fragt der Nachtportier wieder nach der Pizza. Langsam glaube ich, er hat sie selbst gebacken. Ich gehe die leeren Straßen um das Hotel herum ab. Hier in der Ecke gibt es wenige, die nicht schlafen können. Es sind fast keine Fenster in den oberen Stockwerken der Jugendstilhäuser erleuchtet.
Vielleicht sind sie auch gerade schlafen gegangen, ich gehe ja auch gleich wieder zurück.
Die Schaufenster erzählen eine Geschichte von teurer Langeweile. Manche sind vergittert, dahinter dann Schmuck oder Pelze oder Kleidung, die mindestens vierstellig kostet. Zwei berittene Polizisten kleppern vorbei und reden über Möwenschiss auf der Uniform.
Auf dem Rückweg sehe ich die Flaschensammlerin. Sie steht vor einem Supermarkt und wartet. Sie bewegt sich nicht, steht nur da. Sie wird sich erst dann bewegen, wenn der Supermarkt um sechs öffnet. Ich gehe zu ihr, keine Ahnung, ob sie mich erkennt, warum sollte sie auch. Ich halte ihr einen Fünf-Euro-Schein hin. Vielleicht macht sie eine Ausnahme, weil gleich Weihnachten ist. Sie sieht den Schein an, nimmt ihn nicht, wartet weiter.
Im Hotel übergibt der Nachtportier seine Schicht. Er begrüßt mich, als wären wir bereits gute Freunde. Tablett dann einfach auf den Flur, sagt er und lässt es nach Insiderbemerkung klingen, damit klar ist: Wir teilen ein Erlebnis. Eine bestellte Pizza mit Extrakäse. Ich lege den Geldschein auf die Rezeption.
Tag- und Nachtschicht greifen beide danach, sehen mich entrüstet an, damit ich ihnen sage, für wen der Schein ist. Ich sage gute Nacht. Nicht mehr lange, und ich kann schlafen.

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