Schwarzblende. Warum das Buch verschoben wurde.

Das Buch ist fertig, ich jetzt allerdings auch. Und ich habe den Eindruck, dass ich diesmal sehr viel länger brauchen werde, um mich zu erholen, als sonst. Ich habe auch sehr viel länger zum Schreiben gebraucht, und sehr viel mehr umgeschrieben als sonst.

Umgeschrieben, weil mich immer wieder die Realität eingeholt hat. Länger gebraucht, weil mich die Recherche doch mehr vereinnahmt hat, als ich vorher wissen konnte.

Die Idee zum Buch basiert auf dem Mord an Lee Rigby. Ich wollte mit einer vergleichbaren Situation beginnen: Zwei junge Männer begehen in aller Öffentlichkeit einen Mord. Ein Kameramann, gerade wegen etwas völlig anderem vor Ort, zeichnet das Geschehen mit seinem Handy auf, bekommt sogar noch eine Art Interview von den Tätern, und wird beim Eintreffen der Polizei fälschlicherweise zusammen mit ihnen ins Gefängnis geworfen.

Die beiden Attentäter haben, wie bei Lee Rigby, das, was man als islamistischen Hintergrund bezeichnet. Meine beiden Figuren sind in England, in London geboren und aufgewachsen. Irgendwann nehmen sie die falsche Abzweigung im Leben und landen im Trainingscamp des Islamischen Staats. Sie kommen zurück, weil sie dort doch nicht klar gekommen sind. Aber sie sind nicht etwa reuige Heimkehrer, sie sind immer noch frustriert, mehr eigentlich als zuvor, und sie haben mittlerweile gelernt zu töten.

Ich habe bei der Recherche relativ harmlos angefangen und mich mit James Nachtwey und anderen Kriegsfotografen und embedded journalists beschäftigt. Was sehen sie, wie sehen sie es, wie gehen sie damit um. Ich habe mit Kriegsflüchtlingen gesprochen, Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen im Gefängnis waren, Menschen, die (angeblich oder ziemlich sicher) mit Geheimdiensten zu tun hatten. Ich habe eine Menge gelesen und mit noch mehr Leuten unterschiedlicher Religionsgemeinschaften, Herkunft, politischer Gruppierungen gesprochen, was man eben so tut. Man sucht sich ein Thema aus, weil es einen interessiert und man mehr darüber wissen will. Zwingt einen ja niemand. Man recherchiert immer sehr viel mehr, als man letztlich braucht. Unmengen mehr.

Ich war nicht in Syrien oder im Irak. Ich habe mir nicht den IS von innen angesehen. Ich hoffe, das ist nachvollziehbar, ich möchte noch eine Weile leben. Meine Hauptfigur war auch nicht in Syrien oder im Irak. Seine Perspektive ist vergleichbar mit der, die die meisten von uns haben: Er sieht die Ereignisse auf einem Bildschirm. Gefiltert, distanziert. Selbst als er mitten in eine hochgefährliche Situation gerät, hat er noch die Linse zwischen sich und der Realität. Er wird sie ablegen müssen.

Ich habe eine Menge Nächte im Internet verbracht und mir die Videos der Menschen angesehen, die für den IS rekrutieren. Die im IS leben und Teil davon sein wollen. Ich habe auch die Videos gesehen, für deren Verbreitung man aus den sozialen Netzwerken geworfen wird. Man findet alles im Netz, wenn man nur will, und ich wollte, dachte ich jedenfalls. Ich hab es mir angetan, es hat mir nicht gut getan, aber das war vermutlich nicht anders zu erwarten.

Nur lässt sich dann ein Buch eben nicht ganz so flockig schreiben, wie man es vielleicht gern hätte oder müsste, Abgabetermin und so. Wenn man die halbe Nacht kotzt, kann man nicht mehr so viel schreiben. Es entstand ein anderes Buch als geplant. Lektorinnen freut so etwas häufig nur mäßig, aber hier war klar, dass diese Änderungen sein müssen. Was nun bleibt ist eine große Angst davor, was mit der Geschichte geschieht, wenn sie erst einmal da draußen ist. Das ist immer so, jedenfalls bei mir.

Gelernt hab ich aber eine Menge. Als nichtreligiöser Mensch (was bei mir so weit geht, dass ich auch Weihnachten ignoriere) möchte ich unter Religiosität etwas verstehen, das sich mit dem philosophischen Gedanken vereinen lässt, die Freiheit des einen möge dort aufhören, wo die des anderen anfängt. In diesem Kontext halte ich Religionsfreiheit für unbedenklich.

Was man in den Videos des IS sieht, sind – so empfand ich es – verstörte, zornige, frustrierte Menschen, die irgendwo dazugehören wollen. Sie suchen nach einer Heimat, unvoreingenommener Akzeptanz, nach einer Aufgabe, bei der sie nicht versagen. Sie missbrauchen Macht, sobald sie welche erlangen, sie übernehmen keinerlei Verantwortung für ihr Handeln. Nichts davon ist ein Alleinstellungsmerkmal der Anhänger des IS.

Religion kann Heimat sein, Glaube dem Menschen Stärke verleihen. Als den Mördern von Lee Rigby der Prozess gemacht wurde, verurteile der Richter nicht deren Religion. Er sagte zu ihnen, sie hätten den Islam mit ihrer Tat verraten. Es kam daraufhin zu einem schweren Handgemenge zwischen den Angeklagten und dem Sicherheitspersonal. Das Urteil musste in ihrer Abwesenheit verkündet werden: einmal lebenslänglich ohne Möglichkeit auf Bewährung, einmal mindestens fünfundvierzig Jahre Haft.

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6 Comments

  1. innerhalb der von dir verlinkten definitionen ist selbstverständlich eine religionsfreiheit denkbar. das problem mit den religionen liegt nun darin, dass sie mit glauben zu tun haben. diese indifferente geistige struktur stellt sich über die vernunft und ist extrem mit dem ego verknüpft. wir glauben ja über religionen hinaus alle an irgendwas, an die freie marktwirtschaft oder an verschwörungstheorien, an das wissenschaftliche denken oder einhörner, feeen und baumgeister. zumindest glauben wir an die welt. sobald ein glaubenssystem in frage gestellt wird, fühlen sich seine anhänger persönlich in frage gestellt. und deshalb ist glauben an sich, und religion ist seine edelste form, in frage zu stellen.

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