Bluten.

Wenn es soweit ist, fühlt es sich gar nicht so schlimm an. Schlimm ist nur, wenn man Zeit hat, darüber nachzudenken.

Die hatte ich vorher wochenlang gehabt. Erst hieß es: Das sieht nicht gut aus. Und dann: Es ist vorbei, wir haben den Tod rausoperiert, alles gut. Und es war für ein paar wenige Wochen auch alles gut, bis die Wunde aufplatzte. Dass der Tod so kommen würde, hätte keiner gedacht.

Man denkt dann an alles, nur nicht ans Sterben. Man denkt daran, dass die Kleidung vollblutet und der Teppich, und man entschuldigt sich höflich bei den Sanitätern im Blaulichtwagen. Man möchte nicht, dass sie sehen, wie es einem geht, man fragt sie sogar nach der Strecke, die sie fahren, und in welches Krankenhaus, und wie dumm, dass so etwas mitten in der Nacht geschehen musste. Man hat sogar an die Handtasche gedacht und die Krankenkassenkarte dabei, die ist wichtig, vor sieben Jahren waren auch die zehn Euro noch wichtig. Man bittet das Pflegepersonal und den Arzt, möglichst nicht die Kleidung zu zerschneiden, Blut kann man rauswaschen, aber zerschnittene Kleidung ist später so schwer zusammenzunähen, man denkt ja, dass man wieder rauskommt, dass es noch ein Später gibt. Man erklärt dem Arzt, der Notdienst hat und nicht vom Fach ist, wie das passieren konnte, und man sieht auch, wie sie im Neonlicht alle ernst schauen, versucht, ihnen die Sorge zu nehmen, eine Schwester kippt um, weil sie noch nie so viel Blut gesehen hat.

Man sorgt sich über die Blutspur auf dem Krankenhausflur und entschuldigt sich beim Operateur, der aus dem Schlaf gerissen wurde, für die Unannehmlichkeit, nicht tagsüber aufgeplatzt zu sein, klärt Details für den Fall, dass beim Operieren etwas schiefgeht, unterschreibt sogar noch Papiere, ist eigentlich recht ruhig, fragt nur danach, wie viel Blut möglicherweise schon verloren gegangen ist. Man stellt klar, dass man keine Blutkonserven möchte, wenn es sich denn vermeiden ließe, aber versprechen kann einem das natürlich niemand, und immer noch schauen sie alle so ernst, dass man sagt: Hey, das klappt, wir kriegen das hin. Und dann reißt man noch ein paar selbstironische Witze auf dem Weg in den OP, so dass alle die Köpfe schütteln, aber sie schauen nicht mehr ganz so ernst, und schließlich schläft man ein, ohne darüber nachzudenken, ob man noch einmal wach wird. Obwohl, ganz kurz denkt man darüber nach, aber es ist schöner, einschlafen zu dürfen, es war doch alles irgendwie anstrengend, die letzten zwei Monate, die letzten zweiunddreißig Jahre besonders, und schlafen, das wäre was, die anderen, die um einen herumstehen, sollen sich kümmern, schlafen, Todes Bruder, dagegen wehrt man sich nicht, das ist willkommen. Es fühlt sich nämlich alles gar nicht so schlimm an, Blut zu verlieren tut nicht weh. Man schläft auch ganz schnell ein, und es wäre alles ebenso schnell vorbei gewesen.

Sie haben mich dann aber doch gerettet.

 

AUS: 1000 Tode, Hg. Christiane Frohmann. 
‘Tausend Tode schreiben (Version 1/4)’ ist die erste Fassung eines groß angelegten Projekts. Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.
‘Tausend Tode schreiben’ ist ein work in progress. Die jetzt vorliegende Version 1/4 versammelt 135 Texte. Zwei weitere Versionen folgen am 16.1.2015 (2/4) und 16.2.2015, die endgültige und vollständige Fassung (4/4) erscheint am 13.3.2015 zur Leipziger Buchmesse. Käufer*innen älterer Versionen bekommen die jeweils neuen gratis.

Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

Erwerben kann man das epub zum Beispiel hier. DRM-frei und ohne Datenspeicherung. 

Advertisements

5 Comments

  1. Ein sehr eindringlicher Text.
    Was ich besonders mag, ist, wie sich die Angst auf einmal auflöst, diese Angst vor dem Ende. Genauso stelle ich mir sterben vor.

    Als 107 in diesem Buch bin ich sehr berührt darüber, wie unterschiedlich wir uns alle diesem Thema annähern und dem Tabu aussetzen.
    Gespannt bin ich auch auf all die neuen Texte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s