Die (un-)sichtbaren eBooks

Nach einem Jahr CulturBooks und über fünfzig Veröffentlichungen können Jan Karsten und ich glücklich sagen, dass wir eine Menge erreicht haben. Und eine Menge gelernt. Zum Beispiel, dass der stationäre Buchhandel vor allem auch deshalb nicht so gern eBooks verkaufen möchte, weil die einzelne Buchhandlung daran nur 12% (statt sonst ca. 40%) Rabatt hat, dafür aber nicht nur inhaltliche Beratung, sondern häufig auch technischen Support leisten muss. Für uns wie auch andere Digitalverlage heißt das natürlich, dass im Buchhandel kaum Veranstaltungen mit unseren Autor*innen stattfinden werden. Ausnahmen wie das Büchereck Niendorf Nord, die sogar ihren White Label-Shop soweit modifiziert und individualisiert haben, dass sie eine eigene eBook-Sparte präsentieren, oder Osiander, die unabhängige Digitalverlage in ihrem Online-Shop vorstellen, freuen uns gewaltig. (Simone Dalbert, selbst Buchhändlerin, fragt sich übrigens in ihrem Blog Papiergeflüster auch, warum nicht mehr Buchhandlungen eBooks verkaufen.)

Wir mussten auch feststellen, dass sich trotz höherer Preise unsere eBook-Lizenzen der Verlage Ariadne oder Weidle gut verkaufen. Diese Romane haben neben der Präsenz im stationären Buchhandel (abseits der Ketten) auch Aufmerksamkeit in der Presse. Die Aufmerksamkeit haben wir als Verlag, als Phänomen sozusagen, auch – Radio, Print, Fernsehen, wir können nicht klagen -, aber unsere Einzeltitel blieben meist ignoriert mit den Hinweisen: „Interessant, schön, toll, aber leider haben wir keinen Platz, um eBooks vorzustellen.“ (Hier sind wir zuversichtlich, dass sich das bald ändert: Das Missy Magazine hat als erstes Printmedium eine eBook-Kolumne, und auch von einer sehr großen, sehr überregionalen deutschsprachigen Tageszeitung bekamen wir deutliche Signale, es täte sich bald etwas.)

Wir denken als Verlag natürlich darüber nach, wie wir mehr Aufmerksamkeit für die reinen Digitaltexte erzeugen können. Wir predigen, dass das Trägermedium egal sein und die Qualität des Textes zählen muss. Das Vorurteil, etwas hätte es „nicht ins Print geschafft“, wird sich irgendwann bestimmt erledigt haben, aber bis dahin dauert es noch. Bis dahin müssen wir genau daran arbeiten, dass es sich etwas schneller erledigt haben wird.

Wie also Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit, Discoverability erzeugen, wenn für digitale Literatur so wichtige Kanäle wie Buchhandel und Presse noch nicht ganz bereit sind?

Wir tun, was naheliegt. Leserunden, Preisaktionen, Metadatenoptimierung, Social Media, Social Reading, Newsletter, usw. Wir sprechen Blogger*innen an. Wir planen eine eigene Veranstaltungsreihe. Wir arbeiten mit den anderen Indie-Verlagen zusammen. Wir sind mit dabei, wenn neue digitale Strukturen für Vertrieb und Vermittlung der Literatur entstehen, wie Flipintu, Sobooks … Es ist noch viel Luft nach oben.

Was bei allem Engagement bleibt, ist die ernüchternd riesige Menge an Angebot. Noch bevor eBooks relevant wurden, hieß es: Es gibt viel zu viele Bücher jedes Jahr. Jetzt gibt es ungleich mehr Texte im Digitalen. Auf der Plattform Blurb wird alle 2,1 Sekunden ein neuer Text hochgeladen. Wie soll man sich da orientieren – als Presse, als Buchhandel, als Leser*in? Wie sich als kleiner Verlag durchsetzen, mal ganz abgesehen von den Kurzgeschichten einer nicht unbedingt weltberühmten Autorin, beispielsweise?

Eine Plattform nur für eBook-Only, war unsere erste Idee. Die stellten wir nach ausführlichem Draufrumdenken erst einmal zurück. Interessant wäre diese für Presse, aber nicht für Leser*innen, denen es egal sein kann, ob es die Produkte auch in anderer Form gibt oder nicht. Warum sollten sie eine solche Plattform auch nur aufsuchen? Was wäre der Anreiz? Das Trägermedium allein wohl kaum.

Wir entschieden uns, für Presse und Buchhandel eine Verlagsvorschau zu machen, was ein wenig unserer bislang sehr spontanen Programmplanung entgegensteht, aber – digitale Vorschauen lassen sich im Zweifel bearbeiten. Wir kriegen das hin.

Unser Hauptanliegen muss also weiterhin sein, mit Textqualität, mit guten Geschichten zu überzeugen. Genau darum geht es: Inhalte. Sie müssen kuratiert vermittelt werden, wofür wir uns die Buchhandlungen wünschen würden, aber das Thema hatten wir ja gerade. Dafür haben wir im Netz schon einen hervorragenden Kurator: minimore.de, die eBook-Boutique. Sie kommt unserer Idee vom eBook-Only-Portal sehr nahe, ist aber zurecht nicht ausschließlich auf eBook-Only-Produkte konzentriert. Frank Maleu und Marc Degens von minimore.de bieten eBooks aus Indie-Verlagen an, die kein DRM haben. Sie bieten auch das Format für den Kindle-Reader an. Sie sammeln keine Daten, sie sammeln keine Kundenbewertungen ein, sie nerven mit nichts. Sie sind dazu angenehm übersichtlich. Ich nenne sie gern: den Demeter-Onlineshop für Fairtrade-eBooks. Auch minimore.de können mehr Aufmerksamkeit gebrauchen, auch darüber denken wir gerade alle gemeinsam nach.

Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass die Stärkung der Indie-eBook-Szene der richtige Weg ist und über die Positionierung der einzelnen Verlagsmarken am besten funktionieren kann, indem wir uns auf unsere inhaltlichen Stärken konzentrieren. Das oft zitierte Prinzip der Qualität statt Quantität, Klasse statt Masse, das Gegenteil von dem, was die Konzernverlage tun. Unsere Marken haben Wiedererkennungswert, so wie die Cover bestimmter Subgenres auch einen Wiedererkennungswert haben, der zum Kauf animiert und die Kundschaft dahin lenkt, wo sie hinmöchte.

Wir fragen allerdings nicht: Was wollen die Leute eigentlich?, um dann unsere Textproduktion daran auszurichten. Das widerspricht all unseren Überzeugungen und Zielen. Nein, wir bieten etwas an, von dem wir überzeugt sind, und suchen dafür ein Publikum.

Unser Publikum, das ist auch ein interessanter Punkt, hat statistisch gesehen Angst vor diesem Digitalzeugs. Die Statistiken sagen, dass sich gewisse Genres im Digitalen am besten verkaufen. Am schlechtesten die Nichtgenreliteratur mit einem gewissen inhaltlichen und ästhetischen Anspruch, der sich eben unterscheidet von s.o. Ich meine es nicht wertend, es ist nur eben ein anderer Anspruch.

Unser Publikum kommt zu den Veranstaltungen und sagt: Ich möchte digital lesen, habe aber Angst, mit dem Gerät etwas falsch zu machen. Oder: Ich will mich Amazon nicht ausliefern. Oder: Ich will, dass die Datei mir gehört. Oder: Sind Digitalausgaben nicht immer voller Fehler? Und so weiter. Das heißt, wir klären bei all unseren Veranstaltungen erst einmal sehr viel auf. Das ist und tut gut. Unser Publikum liebt auch das gedruckte Buch als schön gestalteten Gegenstand und hegt noch gewisse Vorurteile, was die digitalen Gestaltungsmöglichkeiten angeht. Wir können sie im Gespräch überzeugen. Einmal war unsere Herstellerin mit dabei. Sie hat alle Zweifelnden um den Finger gewickelt. Es war toll.

Wir werden noch eine Menge Veranstaltungen haben und Gespräche führen müssen. Wir sind vorbereitet.

Das alles hilft nun nicht bei der großen Frage danach, wie eBooks breitflächig eine höhere Sichtbarkeit bekommen. Ich habe aber einige Vorschläge gesehen, wie Buchhandlungen die eBook-Verkäufe besser handhaben könnten, und wenn dann noch die Gewinnspanne entsprechend angeglichen wird, sollte sich in dem Bereich einiges tun. Auch das Thema Mehrwertsteuer wird sich bewegen müssen. Gerade haben wir von CulturBooks uns zusammen mit unseren Autor*innen gegen eine Präsenz unserer Texte bei den Streamingdiensten entschieden, weil sie uns nicht weiterbringen. Wir arbeiten an einer Alternative.

Vor allem aber müssen wir alle in der Branche im Denken weg vom gegenständlichen Buch und stärker hin zum Text. Ich habe in den letzten Monaten immer wieder versucht, den Buchhändler*innen, mit denen ich gesprochen habe, klarzumachen, dass sie Geschichten verkaufen und kein Papier. Dass deshalb auch die digital gespeicherten Geschichten in ihren Aufgabenbereich fallen. Im Grunde wissen sie das.

Jan und ich und unser Team bleiben weiter dran und kämpfen mit und für die Texte unserer Autor*innen. Wie gern hätte ich jetzt die große Branchenlösung für die Sichtbarkeit von eBooks gehabt. Aber ich komme immer wieder zur kuratierten Auswahl zurück, eben weil es viel zu viel gibt, da draußen. Jetzt und schon immer.

Weshalb wir weiter an unserem Programm arbeiten und weiter daran glauben. Wir freuen uns nämlich über jeden einzelnen unserer Texte.

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5 Comments

  1. Wow … tolle neue, genderfreundliche Schreibweise! Als Mann lese ich die Passage: „… mit unseren Autor*innen stattfinden “ so: „… mit unseren Autor stattfinden …“, also nicht so ganz korrekt. Mein Vorschlag: „… mit unseren Autor*innEN“. Allerdings irritiert die Großschreibung, so dass Autor eher mit den Damen identifiziert wird, was mich als Mann beleidigt. Die Schreibweise AUTOR*innEN bevorzugt mich als Mann, was natürlich mein emanzipatorisches Bewusstsein beleidigt. Gut, gut, gut, ich weiß, man kann seinen Genderfinger auch an einer Körperöffnung abbrechen, die für den Aufenthalt von Fingern keinesfalls vorgesehen ist, es sei denn man ist Urologe bei der Vorsorgeuntersuchung eines reifen Mannes.
    Im ernst: für mich sind weibliche Autoren auch Autoren. Was in der Hose ist, sollte nur für Aktivitäten eine Rolle spielen, die direkt oder indirekt etwas mit Fortpflanzung zu tun haben. Seien wir progressiv, akzeptieren wir die geschlechtsneutrale männliche Anrede, wenn es denn auch nicht ideal ist. Aber wo, außer in der Welt der Philosophie, gibt es schon das Ideal?

  2. Ein ganz toller Artikel! Ebenso informativ und über den Tellerrand schauend wie die eigene „Sache“ (ist ein Text eigentlich eine Sache?) sehr gut vertretend. Meine Lieblingsstelle ist natürlich: „Das oft zitierte Prinzip der Qualität statt Quantität, Klasse statt Masse, das Gegenteil von dem, was die Konzernverlage tun. (…) Wir fragen allerdings nicht: Was wollen die Leute eigentlich?, um dann unsere Textproduktion daran auszurichten. Nein, wir bieten etwas an, von dem wir überzeugt sind, und suchen dafür ein Publikum.“ Jaha! Das ist verlegerische Courage, die den Hunger nach kultureller Güte ernst nimmt. Finde ich absolut super.

    Noch eine Anmerkung zum vorhergehenden Kommentar, die ich mir nicht verkneifen kann. Schöne Glosse, Peter, ich habe sehr geschmunzelt. Nur, wenn wir alle so progressiv sind – wieso bekomme ich jedesmal eine Flut von Protesten aller Couleur, wenn ich in öffentlichen Texten „Autorinnen“ oder „Leserinnen“ schreibe und beide Geschlechter meine? (Auch nach 25 Jahren dieser Praxis noch!) Ist es wirklich so eine Zumutung, sich als Mann mal unter einer weiblichen Form mit zu subsumieren? Nichts für ungut, aber „das Progressive“ scheint da an eine gewisse Grenze zu stoßen …

    Jedenfalls bin ich glücklich, dass auch im Medium eBook Kulturschaffende mit Herz, Verstand und Liebe zum Text am Werk sind. Das macht Hoffnung.

  3. „Wir predigen, dass das Trägermedium egal sein und die Qualität des Textes zählen muss.“

    Das Seinmüssen von etwas zu predigen, verhehlt seinen frohbotschaftlichen Charakter nicht; vorallem aber liegt der moralische Charakter oben auf. Wer sagt, dass und warum etwas MUSS? Was wäre die Begründung für diese Geforderte Geringschätzung des Trägers?

    Die moralische Strategie ist doch folgende: Es darf nicht so sein dass – wie es faktisch sich darstellt und worauf Gewohntheit aus guten Gründen beharrt — Trägermedien eben nicht egal sind, nicht unverzichtbare Grundlagen, die aber in ihrer Dienstbarkeit gefälligst völlig in den Hintergrund zu treten haben. Die materielle (oder gar, altmodisch: materialistische) Dimension wird bei solchem Denken weggeschwindelt zugunsten einer Chimäre „freier Information“, die es als solche nicht gibt. Eine Welt, wo der konkretistische Fetisch „Inhalte“ undialektisch von Formen oder Stoffen abgelöst gedacht wird, derer sie zwangsläufig bedürfen, wäre (wenn wir nicht je schon in ihr leben) die bornierter Trägervergessenheit (und: sind nicht alle Gesellschaftsformationen im diesem Sinne Sklavenhaltergesellschaften, dass sie die „Träger“ für austauschbar und unerheblich halten?) Insofern wundert mich die etwas gedankenlose Zustimmung angesichts solcher Forderungen schon sehr und ängstigt auch ein wenig.

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