Kindchen.

Letztens war ich im Kongress-Stress. Ich hatte bereits einige Diskussionsrunden hinter mir, durchweg mit dem Grundton „Früher war alles besser“. Sie wurden in der Mehrzahl dominiert von älteren Herren, die das Internet und die Digitalisierung in der Buchbranche für eine flüchtige, dennoch ärgerliche Modeerscheinung halten. Kein Wunder, dass ich mit Begeisterung zu einer davon unabhängigen Abendveranstaltung eilte, bei der ich garantiert keinem dieser Herren über den Weg laufen würde. Eingeladen hatte nämlich ein, sagen wir mal, größerer Internetkonzern, und das Programm verhieß aktuelle, zukunftsweisende Themen. Oh, wie ich mich darauf freute, in den kommenden Stunden endlich wieder nach vorn schauen zu können. Oder wenigstens im Jahr 2014 bleiben zu dürfen.

Umso überraschter war ich, als mich ein Mitarbeiter des Veranstalters mitten im ansonsten netten Gespräch mit den Worten bedachte: „Aber um zu wissen, wie Berlin vor zehn Jahren aussah, sind Sie noch zu jung.“

Ich hatte mir von den vergangenheitsverliebten Herren auf dem Kongress schon tagelang ähnlichen Unsinn anhören müssen. „Kindchen“, hatten sie zu mir gesagt, oder „Als ich noch in Ihrem Alter war“. Nun ist es so: Ich weiß, es gibt eine ganze Menge Dinge, die ich noch lernen muss und will, keine Frage, ich bin neununddreißig und hatte nicht vor, mit dem Leben und Lernen abzuschließen. Das Problem ist nur, dass die besagten Herren es anders meinen.

Wenn sie so etwas sagen, sagen sie in Wirklichkeit: „Egal, wie alt du bist, du wirst nie dort sein, wo wir sind.“

Ich bin nämlich – na ja, eben kein älterer Herr. Kein Mann, was wohl das Hauptproblem ist. Und dieses Problem hätte ich bei dieser auf die Zukunft ausgerichteten Veranstaltung nicht erwartet. Ich hakte also bei meinem Gesprächspartner nach, der, wie sich herausstellte, fünf Jahre älter war als ich, und er versuchte, sich mit der Ausrede, ein Kompliment gemacht zu haben, herauszuwinden. Wäre der Abend anders verlaufen, ich hätte es vergessen. Auf der Bühne sah ich allerdings ausschließlich Männer. Mit Ausnahme der Moderatorin, die die männliche Dominanz versuchte, scherzhaft aufzunehmen und auf das Publikum zurückzuspielen. Überflüssig zu sagen, dass das Publikum fast ausschließlich aus Männern bestand. Natürlich hielt man mich beim geselligen Ausklang stets für die Begleitung des jeweiligen Herrn, neben dem ich zufällig stand. Dass ich auf der offiziellen Einladungsliste war wie alle anderen, auf die Idee kam kaum jemand.

Ich besinne mich in solche Situationen gern darauf, was einmal eine Soziologieprofessorin gesagt hat: „Frauen, wenn ihr mitspielen wollt, müsst ihr euch mit Autos und Fußball auskennen.“ Ich schaffte es bei den Internetmännern mit meinem Wissen über Star Trek und diverse Smartphone-Apps, die anwesenden Herren aus der Politik überzeugte ich als lebendes Whiskylexikon und mit meinem Mitgliedsausweis für einen englischen Debattierclub. Männerthemen kann ich. Und das noch nicht mal aus Berechnung. Sondern einfach so. Wie übrigens sehr viele Frauen.

Und genau deshalb habe ich nie verstanden, warum es so läuft, warum es heute immer noch so läuft. Vor zwanzig Jahren, als ich mit dem Studium anfing, war ich davon überzeugt gewesen, dass sich diese Diskussionen um „Männer sind so, Frauen so“ irgendwann erledigt haben würden. „Irgendwann“ im Sinne von: spätestens, wenn ich mit dem Studium fertig sein würde. Das bin ich nun seit fünfzehn Jahren. Und dann steht heute jemand neben mir, nennt mich „Kindchen“ und hält es für ein Kompliment.

Wie auch immer, ich brachte den Abend doch noch ganz gut über die Bühne. Ich war ja nicht zum ersten Mal eine von fünf bis zehn Prozent Frauen. Ich habe darin jahrzehntelange Übung. Halbwegs versöhnt wollte ich gerade die Veranstaltung verlassen, als mir ein Herr sein leeres Weinglas hinhielt und sagte: „Hier, Fräulein, bitte.“ Er brauchte zehn Sekunden zu lang, um zu merken, dass ich nicht die Bedienung war. Und ich konnte ihm fast nicht böse sein, weil die meisten der anwesenden Frauen Tabletts mit sich herumtrugen und Getränke verteilten. Ich sagte: „Schaun Sie mal, da vorn ist die Theke. Schaffen Sie das allein? Sie sind doch schon groß.“ Das fand er nicht lustig. Seine Kollegen schon. Das machte mir Hoffnung.

Advertisements

15 Comments

  1. Tough. Aber genau so sieht es aus. Gib die Hoffnung nicht auf, wunderbar. Und: Männer, die anders als diese „alten Männer“ sind, bitte nicht anpassen! Wir brauchen mehr davon. Danke für deine Sicht darauf, Zoe.
    Su

  2. Sehr feine Schlußpointe. Und davor gibt es Wahrheiten, die der eine oder andere besser mal an sich ranließe, wenn er den Sprung in dieses Jahrhundert langsam mal beginnen möchte.

  3. „Vor zwanzig Jahren, als ich mit dem Studium anfing, war ich davon überzeugt gewesen, dass sich diese Diskussionen um „Männer sind so, Frauen so“ irgendwann erledigt haben würden.“

    Davon bin ich „damals“ (bei mir sind es noch nicht ganz zwanzig Jahre) auch ausgegangen und wurde auch mit schöner Regelmäßigkeit desillusioniert. Und ich hätte jetzt beinahe – einfach aus Reflex – gesagt, dass mich das gar nicht so sehr betrifft, weil ich keine Frau bin. Aber das ist ein Irrtum. Es betrifft Männer ebenfalls. Denn gerade unsere Branche braucht Köpfe mit neuen Ideen, Männer als auch Frauen. Und wenn letztere durch „Altherrengehabe“ benachteiligt oder ausgeschlossen werden, schadet das uns allen. Beruflich. Gesellschaftlich. Selbst privat.

    Nur kapiert das leider die Mehrheit der alten Herren nicht mehr, und es frustriert, wenn man versucht, an dieser Sicht etwas zu ändern (was man sich als „jüngerer Mann“ anhören muss, wenn man über das Problem spricht … „Ja, du has noch Ideale, aber wenn du mal meine Lebenserfahrung hast, wirst du sehen, das das Leben einfach so ist“ …). Aber man kann das Thema immer wieder präsent halten, damit die Männer, die noch nicht so sind – volle Zustimmung für meine Vorkommentatorin – das nicht aus den Augen verlieren. Denn als „jüngerer Mann“ (mit über 30 auch eine eher fragwürdige Bezeichnung ;-)), der versucht beruflich vorwärts zu kommen, ist man immer wieder mit diesen veknöcherten Strukturen/Weltbildern konfrontiert und lebt mit der Sorge, sich irgendwann davon korrumpieren zu lassen. Und gerade deshalb sollte eigentlich jeder (unabhängig von Geschlecht und Alter) für solche Beiträge dankbar sein.

  4. Danke für diesen Beitrag, der mich ein bisschen aus meiner „Ist-Ihr-Chef-da?“ Verzweiflung herausholt … und während ich das hier schreibe, fachsimpeln meine Sekretärinnen lautstark auf dem Flur über die Fußball WM und die Schiedsrichterentscheidungen

  5. Ich war neulich auf einer Veranstaltung, auf der die gut ausgebildeten und sehr erfolgreichen Frauen auf dem Podium allen Ernstes vom Moderator gefragt wurden, was denn ihr letzter Luxuskauf gewesen sei.
    Ich habe immer noch nicht entschieden, was ich schrecklicher fand: die Frage des Moderators oder die Tatsache, dass jeder der Frauen darauf im heiteren Plauderton geantwortet hat.

  6. Vielleicht werde ich alt. Auf jeden Fall gibt es immer öfter Fälle, in denen ich feststelle, dass die Jüngeren ganz anders denken, und ihnen manche Erfahrung fehlt – das ist mehr oder weniger zwangsläufig, die haben bestimmte Dinge einfach (noch) nicht erlebt.

    Auf der anderen Seite ist es mit den älteren Ebenso – die haben Dinge erlebt, die mir fehlen, und verweisen immer mal wieder darauf, dass ich das eben (noch) nicht erfahren konnte.

    Ich glaube nicht, dass das ein geschlechtsspezifisches Problem ist, sich also besonders Frauen gegenüber zeigt. Es ist das ewige und altbekannte Generationenproblem – wenn mal 10 oder 20 Jahre Unterschied zwsichen zwei Leuten liegen, dann hat sich die Welt soweit verändert, dass der Jüngere mit ganz anderen Erfahrungen aufwächst als der Ältere, und dass eben der Ältere 20 Jahre mehr Lebenserfahrung sammeln konnte. Das Problem ist nicht neu, nicht geschlechtspezifisch, und wird vermutlich bestehen bleiben, weil es einfach so ist – wer schon mehr Jahre auf dem Buckel hat, hat merh erfahrungen sammeln können, und ab einem bestimmten Punkt merkt er, dass die Jüngeren sich in Weltbild und Erfahrung von ihm unterscheiden.

    Dass eine Frau jünger geschätzt wird, als sie ist, kann passieren. Wenn ich mir die Werbung für Pflegeprodukte anschaue mit all den „lässt sie 10 jahre Jünger wirken“ Versprechen, dann vermute ich mal, der Effekt ist sogar gewollt. Das jetzt dem Mann zum Vorwurf zu machen, dass die Mittelchen tatsächlich wirken und die Frau jünger geschätzt wurde, empfinde ich als nicht ganz fair.

  7. Ja.
    Ja.
    Aber sowas von. Und werd das noch nicht selbst erlebt hat, sollte bitte lieber Kresse halten.

    Mein persönlicher Favorit: 3x auf Konferenzen, die ich durchgeführt habe auf dem Weg zum Panel freundlich darauf hingewiesen zu werden:
    „Also die Dolmetscherinnen-Kabinen sind da hinten.“
    Natürlich auch
    „Holen Sie gleich den Kaffee?“

    Was sich verbessert: Es gibt mehr Männer, die sich in solchen Momenten fremdschämen.

  8. Salut, Zoe.
    Ein Charakteristikum nicht weniger „älterer Herren“ dürfte wohl sein, daß sie irgendwann (vor Jahren bis Jahrzehnten) ihren persönlichen Anker geworfen haben. Scheuklappen, Ressentiments oder schlichte Blödheit von damals als universell gültig erachten.

    Vorsintflutlich bleibt immer noch der elitäre „Standesdünkel“ besagter Mannen, jede Art von Erfahrung, Wissen, Können habe etwas mit dem Geschlecht zu tun. Diese „Herren“ haben in besonders dichtem Nebel geankert. 🙂

    Gosh, der erwähnte Gesprächspartner war jetzt aber ausgesprochen eingebildet auf seine lächerlichen 5 Jahre mehr Leben. Allein jeder Grundsatz von Etikette, Anstand oder nur Höflichkeit schließt aus, eine Frau mit „Kindchen“ anzusprechen. „Jungchen“ wäre da dann wohl die passable Antwort – „Bengel“ die treffende.

    Touchè kann ich zu der treffgenauen Replik auf „Mr. Rotwein“ nur sagen; das Gesicht danach sollte Gold wert gewesen sein!

    bonté

  9. Komisch, in meinem Leben sind die Männer, die ich privat kenne, alle absolute Kindsköpfe geblieben. Da frage ich mich, ob sie beruflich den alten Mann raushängen lassen, oder ob ich noch zehn Jahre warten muss, eh sie einen ebensolchen Stock im Po haben.
    Das Bild, dass Sie zeichnen ist jedenfalls sehr eindrücklich und macht mich nicht unbedingt neidisch auf Ihr Umfeld. Andererseits wird’s nicht besser werden, wenn es nicht mehr von Ihnen gäbe, die solche Retouren geben.
    Lieber Gruß!

  10. … und was mich dann (in Kenntnis und ausreichend Erfahrungswissen in diesem Thema) zur Raserei bringt, sind die Absolventinnen, die meinen, dass sie keine Frauenquote brauchen, das sei doch „echt gestern“. Aua, schade dass das offenbar nur über Selbsterfahrung zu vermitteln ist…
    Und ja, Quote ist keine alleinige Lösung! Aber sehr wohl eine begleitende…
    DANKE!
    Iris

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s