Ode an Rosita

Es gibt in meinem Leben einen Menschen, der mir zuverlässig zur Seite steht und ohne den ich oft nicht weiterwüsste. Dieser Mensch ist mir sehr wichtig und kommt in der Liste der wichtigsten Menschen noch vor meiner Agentin und meiner Buchhalterin und steht damit auf Platz 1. Ich rede von Rosita, der Haushaltshilfe. Am liebsten ist es ihr, wenn man sie als Perle bezeichnet. Seit sie das mal von einer sehr alten Dame gehört hat, würde sie es am liebsten auch beim Finanzamt als Berufsbezeichnung angeben.

Rosita rettet mich jede Woche davor, Opfer meiner eigenen Unzulänglichkeiten zu werden. Sie schickt mich ins Bett, wenn ich krank bin; sie schreibt mir auf, was eingekauft werden muss, wenn Kühlschrank und Speisekammer leer sind; sie sagt mir, ob ich für einen Termin das richtige Outfit trage und dass ich mal wieder zum Friseur müsste. Zwischendurch macht sie natürlich die Wohnung sauber und räumt auf, wobei ich ja glaube, dass sie das per Zauberei erledigt, ich sehe sie nämlich nie wirklich bei der Arbeit. Wenn ich sie sehe, sitzt sie irgendwo und seufzt. Oder macht sich einen Tee. Manchmal telefoniert sie mit ihrem Mann. Von meinem Festnetz aus, weil sie kein Handy hat. Gern singt sie, und man muss betonen, dass sie eine ganz herrliche Singstimme hat. Meine Freundin, von Beruf Gesangslehrerin, ist ganz neidisch auf Rositas Stimme. Es kommt vor, dass sie den Besenschrank öffnet und hineinstarrt, minutenlang, und dann murmelt sie etwas, das ich nicht verstehen kann. Obwohl ich sie also nie bei den Tätigkeiten sehe, für die sie bezahlt wird, ist die Wohnung nach ihren Besuchen so sauber und ordentlich, dass ich es kaum wage, mich darin zu bewegen, aus Angst, diesen wunderbaren Anblick zu zerstören.

Rosita hat sich schon am ersten Tag unsterblich in meinen Britisch-Kurzhaar-Kater verliebt. Oscar wurde bei ihr zu Oscarek. Diese große Liebe beruht leider nicht auf Gegenseitigkeit. Sobald der Kater merkt, dass Rosita, die Perle, sich im Landanflug befindet, macht er sich platt wie ein Pfannkuchen und verschwindet unter einem Möbel. Rosita verbringt dann den größten Teil ihrer Arbeitszeit damit, nach Oscarek zu rufen und ihn mit Zischlauten zu locken. Es sind genau die Zischlaute, die dazu führen, dass Katzen das Weite suchen, aber Rosita hält sie für zärtliche Lockrufe. Während Oscar also mit riesigen Augen unter einem Möbel versteckt sitzt und darauf wartet, dass die Frau, die ihn mit ihrer Zischerei verschreckt, wieder geht, fragt sich Rosita laut klagend, warum denn ihr kleiner Liebling nicht zu ihr kommen möchte. Hinterher macht mir das Tier jedes Mal schreckliche Vorwürfe, und Rosita hat ein gebrochenes Herz. Jede Woche.

Ich liebe meinen Kater sehr. Wirklich. Er bekommt alles, was er will, von mir. Aber es gibt Grenzen, und eine Grenze heißt Rosita. Oscar hat solche Angst vor ihr, dass er sich einmal sogar hinter das Büchereckregal gestürzt hat, um ihr zu entkommen. Das Regal musste abgebaut werden, um ihn zu retten. Ein anderes Mal musste ich ihn aus der Tonne für dreckige Wäsche befreien, ich weiß nicht, wie er da reingekommen ist. Oft finde ich ihn gar nicht, bis er Stunden nach Rositas Verschwinden aus dem Nichts auftaucht.

Es heißt ja, man könne sich auf den Instinkt von Tieren verlassen. Grundsätzlich mag das stimmen. In Rositas Fall muss etwas schief gelaufen sein, sonst würde Oscars Instinkt nicht so versagen. Oder er ist wegen übergroßer Liebe verschreckt, da wäre er ja nicht der erste. Wie auch immer, verstörter Kater hin oder her: Rosita, die Perle, bleibt, ich finde nämlich so schnell keine neue Rosita, die so ist wie Rosita. Und ich brauche eine Rosita in meinem Leben, diese Rosita, die meine Wohnung besser kennt als ich, die immer genau weiß, was wo liegt, die mir manchmal die Schokolade wegisst und die Kola wegtrinkt, heimlich, weil sie keinen Zucker essen soll, hat ihr der Arzt gesagt. Rosita, die jeden Schnipsel Papier aufmerksam durchliest und gleichzeitig zu diskret ist, um mich auf etwas anzusprechen, die ihr eigenes, sehr klares System hat, mir auf winzigen Zetteln knappe Nachrichten zu hinterlassen, die ich sofort verstehe. Und die eben dafür sorgt, dass ich wenigstens diesen Bereich meines Lebens in Ordnung habe. Da kann sich mein Kater noch so oft hinter dem Klavier verstecken oder versuchen, Türen aufzubrechen. Da muss er durch.

Wobei ich manchmal schon darüber nachdenke, was los sein könnte. Vielleicht kann Rosita wirklich zaubern und der Kater weiß es.

SWR Kolumne für die Sendung LiteraturEN, gesendet am 27.5.2014

Advertisements

3 Comments

  1. danke, sehr schön. in meiner vergangenheit gab es auch eine solche perle, die anscheinend nur durch die wohnung gehen musste, ach es genügte ihr anwesend sein, und aller schmutz, alle unordnung löste sich auf. menschen, die absolut den richtigen beruf haben. aber warum bekommen wir sie nicht in die politik?
    verbiete ihr doch mal dieses zischen.

  2. Meine Rosita heißt Mama und macht das in ihrer Mittagspause, nachdem sie mit dem Hund draußen war. Anders könnten wir den kleinen Stinker nicht hier haben. Aber das Aufräumen usw. kann man ihr leider nicht ausreden. Wie oft ich das schon versucht habe geht auf keine Kuhhaut. Ich kann deine Rosita aber verstehen. Oskar ist ja auch Zauberhaft! Denn könnte ich einpacken und mitnehmen 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s