Das Sofa.

Als mein Onkel aus Deutschland wegzog, veranstaltete er eine Party, oder eher ein großes Sommerfest mit Spanferkel und anderen exotischen Speisen, die er bald nicht mehr so leicht bekommen würde. Die meisten seiner Habseligkeiten waren zu dem Zeitpunkt schon verpackt, die Möbel standen abholbereit, in der Garage waren große Kisten mit Kram, den er loswerden wollte. Meine Tante lud meinen Käfer mit Büchern voll, die sie einerseits nicht mehr brauchte, andererseits aber auch in guten Händen wissen wollte.
Ich stolperte auf dem Weg in die Küche über ein Biedermeiersofa, das mir vorher noch nie aufgefallen war. Es stand dort einfach rum, so als wisse man nicht, was damit zu tun sei.
Mein Onkel fragte: Willst du es haben?
Ich brauchte kein Sofa. Aber es war ein wunderschönes Sofa. Es schien zu sagen: Hallo. Ich bin dein Sofa.
Zu meinem Onkel sagte ich: Nein, ach was, das kannst du doch auch nicht einfach verschenken.
Und er sagte: Ich glaube, es will nicht mitkommen.
Ich fand das eine schöne Formulierung, eine eigentümliche, dass er glaubte, das Sofa wolle nicht mitkommen. Er hatte es in den letzten Jahrzehnten einmal um den Globus geschleppt. In Frankreich gekauft, dann mitgenommen nach Südafrika, Vietnam, Mosambik, irgendeine Station habe ich jetzt bestimmt vergessen, und dann eben Berlin.
Mein Onkel zieht oft um, das hat berufliche Gründe, und er macht das auch sehr gern. Er wird nervös, wenn er länger als fünf Jahre an einem Ort sein muss.
Ich fragte, ob er wirklich dieses Sofa rausrücken wolle, und wir einigten uns darauf, dass ich es mir als so eine Art Dauerleihgabe mitnehme. Mit der Option für ihn, es sich jederzeit zurückholen zu können. Falls er es vermissen würde.
Er meinte aber, das Sofa hätte keine Lust mehr auf ihn. Es würde ständig einfach auseinanderfallen.
Ich sah es mir an. Es war gar nicht kaputt. Mein Onkel setzte sich drauf. Die Rückenlehne kippte weg. Wir bauten es wieder zusammen. Ich setzte mich drauf. Alles war gut. Ich hopste testweise ein wenig drauf herum. Das Sofa hielt. Meine Tante setzte sich dazu. Nichts passierte. Mein Onkel näherte sich dem Sofa. Es fiel auseinander.
Es mag mich einfach nicht mehr, sagte er. Meine Tante nickte traurig und verabschiedete sich von dem Stück, indem sie ihm die Armlehne freundschaftlich tätschelte.

Eine Spedition brachte es mir am nächsten Tag vorbei. Die schleppenden Herren wollten wissen, wo sie es abstellen sollten. Ich wusste es nicht. Ich hatte nämlich gar keinen Platz. Es mag eine Berufskrankheit sein, aber ich habe schon überproportional viele Sofas, so im bundesdeutschen Haushaltsschnitt gesprochen. Wahrscheinlich hätte ich meine Sofas nie alle gleichzeitig kaufen können, weil es dann geheißen hätte, es seien nicht handelsübliche Mengen, die ich da mitnehmen wolle. Aber es schreibt und liest sich nun mal ganz hervorragend auf Sofas. Während ich noch mit einem der Herren diskutierte, ob vielleicht sogar die Küche eine Möglichkeit sei, hatte sich das Sofa längst seinen Platz ausgesucht. Im Flur ließ es an einer bestimmten Stelle die Rückenlehne fallen. Die Herren Spediteure und ich sahen uns an. Ich glaube, es will hier stehenbleiben, sagte ich und hörte mich schon an wie mein Onkel.
Wir parkten das Sofa also im Flur, wo es sich überraschend gut einfügte. Als hätte es niemals woanders gestanden. Jeder, der hereinkommt, findet es absolut normal, dass in meinem Flur ein Biedermeiersofa steht.
Mein Onkel erkundigte sich dann per Mail nach seinem Möbel. Ob es ihm gut ginge. Ich sagte: Es steht im Flur. Und er meinte: Ah, das ist gut, es war schon immer ein Flursofa. Bei uns stand es zuletzt im Schlafzimmer, aber das hat ihm nicht gefallen. Es wollte wohl wieder in den Flur, und es wollte hierbleiben.
Jetzt steht das fast zweihundert Jahre alte Stück bei mir, fühlt sich wohl und lässt auch seine Rückenlehne nicht mehr fallen. Ich nenne es das Botswana-Sofa. Weil es nicht mit meinem Onkel nach Botswana wollte. Und das Botswana-Sofa mag seinen Namen.

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7 Comments

  1. Eine so schöne Geschichte! Ich bin sehr froh, dass ich, wenn auch erst nach über einem Jahr, entdeckt habe, dass Sie wieder bloggen.

  2. Ein Sofa, dass, wenn es bleiben möchte, die Rückenlehne runterklappt. Das ist echt rührend. Sofas haben ihre eigenen Geschichten. Es gibt auch eine Tatortreiniger Folge, in der es um ein Sofa geht. Bei einer älteren Dame wurde eingebrochen. Sie hat den Täter auf frischer Tat ertappt. Er hatte ihr ehrwürdiges Sofa aufgeschlitzt. Sie fand das so dermaßen respektlos, schließlich hätten da eine Reihe berühmter Persönlichkeiten einst Platz genommen, dass Sie einen Golfschläger nahm – Eisen 7 – um den Einbrecher damit den Schädel einzuschlagen.

  3. Schöne Geschichte. Erinnert mich an meinen alten roten Ohrensessel aus Leder der im Flur vor dem Badezimmer steht. Meist sitze ich dort und warte lesend darauf, dass mein Sohn das Badezimmer verlässt. Oft sitzt er im Badezimmer und liest un d ich davor. Früher habe ich alle 5 Minuten geklopft und nach dem Ende des Aufenthalts gefragt. Heute vergesse ich manchmal lesend die Zeit. Der Sessel steht also genau richtig, genau wie das Sofa.

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