Friedhofsmoden

Ich weiß noch genau, wie es war, wenn ich als Kind mit meiner Großmutter auf den Friedhof gegangen bin. Ich war gern auf dem Friedhof und sah mir die Gräber an. Die unterschiedlichen Grabsteine. Die fremden Namen. Die sorgfältige Bepflanzung. Besonders schön fand ich nicht die Gräber mit den ordentlichen Blumenreihen, sondern jene mit Efeu und anderem schlecht kontrollierbarem Bewuchs. Ich mochte die Stille und das Licht, das durch die hohen, alten Bäume fiel. Ich mochte die ritualisierten Abläufe, mit denen sich meine Großmutter um die Gräber ihrer Verwandten kümmerte, über die ich so gut wie nichts wusste und auch bis heute nichts erfahren habe. Meine Großmutter sagte immer, wenn ich nach den Menschen fragte, deren Gräber sie pflegte: Über Tote spricht man nicht.

Dann kamen Jahre, in denen ich Friedhöfe gar nicht mehr mochte. Das fing mit der ersten Beerdigung an, zu der ich mitgenommen wurde, die meiner Tante. Es folgten meine Großmütter, meine Mutter, Freunde, Verwandte, irgendwann fast auch ich, aber dazu kam es dann doch nicht. Möglicherweise bin ich seitdem auch wieder mit Friedhöfen versöhnt, jedenfalls bin ich heute gern dort. Und ich mag es, wie anders die Friedhöfe in den Großstädten sind. Dort, wo ich mit meiner Großmutter immer hinging, gab es zum Beispiel keine Ehrengräber. Und der Grabschmuck war vergleichsweise unaufgeregt. Vielleicht fehlen mir auch ein paar Jahrzehnte Auseinandersetzung mit Friedhofsmoden, aber in letzter Zeit fiel mir doch einiges auf, das vor dreißig Jahren so noch nicht da war. Weihnachtsschmuck, beispielsweise. Oder laminierte Fotos von den Verstorbenen. Kleine Schreine, in denen die Lieblingsgegenstände der von uns Gegangenen aufbewahrt sind. Ja, ich rede von Erwachsenengräbern.

Während die Geburtsjahrgänge bis ungefähr 1930 noch darauf achteten, den vollständigen akademischen Titel oder gern auch den Dienstgrad des Militärs oder den Beamtenstatus in Stein gemeißelt zu bekommen, scheinen die neuerlich Verblichenen genaue Anweisungen hinterlassen zu haben, wie ihr Lebenswerk seinen Weg etwas plastischer auf das Grab finden kann. Der Architekt plante ein kleines Türmchen vor seinem ebenfalls kunstvoll entworfenen Grabstein. Der Komponist hätte, wäre es erlaubt, vermutlich noch seine Kompositionen am Grab von Band ertönen lassen, beschränkte sich aber auf das Abmeißeln einer Notenseite auf die Grabplatte. Der Fußballtrainer hat einen steinernen Fußball neben dem Strauß Tulpen. Einer hat seinen in Stein gehauenen Hund auf der Erde liegen, die seinen Sarg bedeckt. Die exzentrischen Gräber sind tatsächlich in der Mehrzahl von Männern. Bei den Frauen finde ich stets Bescheideneres, vielleicht mal einen ungewöhnlichen Spruch auf dem Grabstein, aber nicht diese Dokumentation des im Leben Erreichten.

Ich mag Friedhöfe, weil sie eben so friedlich sind. Sie verlangen danach, die Ruhe zu respektieren, das Handy auszuschalten und die Schritte zu verlangsamen. Die Stimme zu senken, besser noch zu schweigen, und an das zu denken, was uns alle betrifft: unser Leben, aus dem wir irgendwann scheiden müssen.

Als mein Onkel im Sterben lag, plante er sehr sorgfältig seine Beerdigung. Er schrieb seinen Nachruf selbst, ebenso die Reden, die seine Freunde bei der Trauerfeier halten sollten. Seiner Tochter trug er auf, eine bestimmte Musik spielen zu lassen, und meine Tante bekam einmal wöchentlich eine neue Liste mit den Namen derer, die zur Beerdigung geladen werden sollten. (Mein Onkel war in der Frage, wen er am offenen Grab stehen haben wollte, etwas wankelmütig.) Und so ähnlich stelle ich es mir vor, wenn ich diese aufwändigen, außergewöhnlichen Gräber sehe: dass da jemand war wie mein Onkel, der nicht sterben wollte, der ewig leben wollte, der am liebsten der ganzen Welt seine Existenz mitgeteilt hätte. Ich mag diese sehr persönlichen Gräber. Ich mag Friedhöfe ja auch deshalb, weil sie etwas über die Gegend, in der sie sich befinden, erzählen. Bei meinem letzten Spaziergang über den Waldfriedhof schloss ich Freundschaft mit einem Eichhörnchen. Wir mochten beide einen Grabstein gern, auf dem der Name der Verstorbenen als ziemlich unleserliche Unterschrift eingemeißelt war. Eine charaktervolle Unterschrift. Wir sahen sie uns lange an, sie hatte einen schönen Schwung.

Ich weiß heute, dass meine Großmutter über vieles einfach nicht reden konnte. Sie hat mir beigebracht, Respekt vor der Stille zu haben. Ich habe auch Respekt vor ihrem Wunsch, ihre Familiengeschichte ruhen zu lassen. Sie hatte ihre Gründe, nichts zu hinterlassen außer einem sehr schlichten Grab. Ihr Geburtsdatum, ihr Geburtsname, dass nichts von ihr bleiben sollte – das sagt so viel über sie. Und damit erzählt auch ihr Grab eine Geschichte, vielleicht mehr noch als das des Architekten oder des Komponisten oder des Fußballfreunds.

(Kolumne für SWR2 LiteraturEN, gesendet am 25.3.2014)

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