Wolfgang hat Geburtstag.

Wolfgang hat Geburtstag. Eine angetrunkene Gesellschaft singt jedenfalls in der Bar eines Stuttgarter Kongresshotels lautstark ein Happy Birthday, lieber Wolfgang auf ihn. Wolfgang ist offensichtlich zusammen mit seinen Kollegen und ein paar Kolleginnen anlässlich einer Tagung in diesem Hotel. Wolfgang ist die Sorte schmächtiger Mittfünfziger mit Halbglatze und ohne Kinn. Dunkler Anzug und dezente Nickelbrille. Anzug und Auftreten nach ist er ungefähr Abteilungsleiter. Mittleres Management. Nichts ganz oben, das kann man ausschließen. Wolfgang hat lauter Lippenstiftabdrücke im Gesicht. Von den wenigen Frauen, die ebenfalls an der Tagung teilnehmen. Keine dieser Frauen wirkt, als hätte sie eine vergleichbare Stellung in der Firma wie Wolfgang. Und Wolfgang ist gerade nicht der Chef im Büro, sondern der, den sie alle in der Bar feiern, weil er Geburtstag hat. Das gefällt ihm. Er wischt sich auch nicht den Lippenstift aus dem Gesicht, im Gegenteil. Er lässt sich damit fotografieren. Es stört ihn nicht, dass der Barpianist zu etwas klimpert, das eine Alleinunterhalter-CD zu sein scheint, und außerdem nicht singen kann, es aber trotzdem leidenschaftlich tut. Es stört ihn auch nicht, dass der Geburtstagsgesang erst um zwanzig nach zwölf kommt, obwohl er schon ab Mitternacht ganz aufgekratzt mit dem Sekt auf die anderen gewartet hat.

Wolfgangs Gruppe wird immer größer. Ich ziehe mit meiner Begleitung ein paar Tische weiter, damit sie sich in Ruhe ausbreiten können. Ich habe sie aber weiter alle im Blick. Wolfgang versinkt in der Aufmerksamkeit, die man ihm schenkt. Er ordert noch eine Runde Sekt für alle nach. Die Gruppe wird wieder größer, die Gratulanten reißen nicht ab.

Unter ihnen sind nun auch drei Männer, die sich deutlich von Wolfgang und den anderen abheben. Sie fielen mir schon auf, als sie in die Hotelbar kamen. Drei Männer in teuren Anzügen mit einem Auftreten, das keinen Zweifel daran lässt, wer die Fäden in der Hand hält. Sie gehen zu Wolfgang und gratulieren ihm. Dabei schieben sie sich durch die Menge, als bestünde diese nicht etwa aus Kollegen, sondern aus Schilfrohren. Und die Herzlichkeit, mit der sie Wolfgang Dinge ins Ohr brüllen, während sich der Pianist an Tom Jones vergeht, ist so offenkundig gespielt, dass mir fast das Glas aus der Hand fällt. Wolfgang merkt es nicht. Er badet immer noch im Glück, vermutlich hat er gerade den schönsten Geburtstag seit fünfzig Jahren, seit damals, als ihm Omi und Opi eine elektrische Eisenbahn schenkten. Die drei sind mit dem Gratulieren durch und separieren sich an einem Tisch ganz in unserer Nähe, am äußersten Rand von Wolfgangs Party.

Diese drei trinken nichts von seinem Sekt. Sie bestellen sich Whisky. Sie lachen nicht so laut wie die anderen, sie reden leise und souverän, und ein Großteil ihrer Verständigung läuft über Blicke. Hätte Wolfgang zu ihnen geschaut, hätte er möglicherweise gemerkt, was da vor sich geht. Aber Wolfgang ist betrunken. Nicht schwer betrunken, eher angeheitert. Er ruft sogar zu ihnen rüber und will sie doch noch zu seinem Sekt überreden. Sie lehnen höflich ab. Als Wolfgang wegschaut, sieht man, wie sie sich ekeln. Vor dem Sekt, vor dem Abteilungsleiter. Die drei sind in der Hackordnung mindestens eine Stufe über ihm, auch wenn sie jünger sind als er. Sie sehen aus, als hätten sie Wolfgangs Zukunft längst beschlossen, jeder für sich, und gerade jetzt an seinem Geburtstag den Startschuss für seinen Untergang gegeben. Während am Tisch neben ihnen Wolfgangs Assistentin das Geschenk für den Chef verwaltet und noch emsig Geldspenden dafür eintreibt, gehen die Daumen der drei runter. Dabei hat Wolfgang wahrscheinlich noch nicht mal etwas falsch gemacht. Er ist einfach nur eben – Wolfang, keiner von ihnen. Er trinkt Sekt mit den Sekretärinnen und lässt sich von ihnen Lippenstiftkussabdrücke auf die Halbglatze drücken. Er lässt sich an seinem Geburtstag besingen. Er ist irgendwie – so ein Typ ohne Kinn eben, mit dem die drei nicht klarkommen. Wolfgang wäre in ihrer Runde der Spielverderber. Als die drei gehen, versucht Wolfgang, sie aufzuhalten. Sie schütteln ihm eifrig die Hände, umarmen ihn, als gäbe es kein Morgen mehr, tätscheln ihm die Wange und bewundern die Kussmünder. Wolfgang strahlt immer noch, da sind sie schon im Aufzug verschwunden. Was er doch für gute Karten bei den drei Entscheidern hat. Er gratuliert sich selbst dazu, indem er mit seinem Sektglas hinter ihnen herprostet. Er hat schließlich Geburtstag.

(Für die Sendung LiteraturEN, SWR2. Zum Runterladen und Nachhören der gesamten Sendung diesem Link folgen.)

Advertisements

2 Comments

  1. In diesem Text steht wirklich sehr viel Wahrheit. Vor allem bei kleinen Unternehmen ist dies bestimmt richtig zu spüren. Man denkt an nichts böses und schon ist man raus, weil einigen anderen die Nase nicht passt. .

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s