Nachbarn, unbekannte

Es ist gar nicht so lange her, da fiel mir Herr Riese vor die Füße. Herr Riese ist ein älterer Herr, der ein paar Straßen weiterwohnt und den ich vorher noch gar nicht kannte. Er stand an einer dieser engen, vollgeparkten Kreuzungen in der Dunkelheit. Die Berliner Straßenbeleuchtung, auch und besonders abseits der Hauptverkehrsstraßen, zeichnet sich durch bemerkenswerte Schummrigkeit aus. Das abgestrahlte Licht erreicht mit etwas Glück eine nah vorbeifliegende Motte. Im Übrigen nieselte es noch leicht, und kalt war es außerdem. Nun sind Dunkelheit, unebenes Kopfsteinpflaster, Feuchtigkeit und Kälte schon nicht die besten Bedingungen, zu denen man sich aus dem Haus traut. Schon gar nicht, wenn man über achtzig ist und eher schlecht zu Fuß. Herr Riese aber war da draußen. Er stand am Bordstein und schien auf Verkehr zu warten, den es an dieser Kreuzung erfreulich selten gibt, weil sie mitten in einem sehr ruhigen, mit schönen alten Mietshäusern aus der vorletzten Jahrhundertwende bebauten Wohngebiet liegt. Herr Riese stand also dort und stierte in die Gegend. Ich war auf dem Weg zum Einkaufen, eine halbe Stunde vor Ladenschluss. Ich hätte noch wunderbar alles erledigen können, hätte Herr Riese – dessen Namen ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kannte – bei dem Versuch, vom Bordstein auf die Straße zu steigen, nicht angefangen, gefährlich zu schwanken.

Ich konnte mich gerade noch so zwischen ihn und das Kopfsteinpflaster werfen. Herrn Riese gefiel das gar nicht. „Was machen Sie denn da, es ist doch nichts passiert“, sagte er, als er wieder halbwegs regelmäßig atmete. Ich stützte ihn so ab, dass sein Kopf nicht in einer Pfütze ruhte.

Die große Herausforderung bestand nun im Aufrichten. Ein junges Mädchen, das den Vorfall beobachtet hatte, half uns, und die Erinnerung an einst im Physikunterricht durchgenommene Themen wie Hebelwirkung erwies sich als ausgesprochen hilfreich. Der nunmehr annähernd senkrecht stehende Herr Riese teilte uns seinen Namen mit, sein Alter (zweiundachtzig, nächste Woche) und dass seine Frau zu ihrer Freundin gefahren sei. Wir versuchten zu verhandeln: Konnte er ein paar Schritte zur nächsten Bank gehen, um sich zu setzen? Gab es jemanden, den wir anrufen sollten? Brauchte er einen Arzt? Nein, Herr Riese wollte nach Hause, vielen Dank, auf Wiedersehen. Er stützte sich, völlig entkräftet, mit seinem ganzen Gewicht auf das dünne junge Mädchen und mein nicht erwähnenswert kräftigeres Ich. Wir wuchteten ihn bis zum nächsten Laternenpfosten, an den er sich krallte wie eine Stangentänzerin: den Kopf im Nacken, den Oberkörper zurückgeworfen. Wir schoben unsere Oberschenkel unter ihn, damit er darauf sitzen konnte. Dann rief ich gegen seinen erklärten Willen einen Rettungswagen.

Das Mädchen machte große Augen, hielt sich aber tapfer. Ich hatte Angst, sie würde einfach in der Mitte durchbrechen, wenn Herr Riese noch mehr Gewicht auf uns verlagerte.

Der Rettungswagen kam, und zwei unerschrockene Rettungshelfer von der Berliner Feuerwehr hoben Herrn Riese von unseren Oberschenkeln in einen Rollstuhl.

„Ich bin Herr Riese“, sagte Herr Riese laut und deutlich. „Und ich bin zweiundachtzig, nächste Woche.“

Die Rettungshelfer zeigten sich wenig beeindruckt.

„Meine Frau ist bei ihrer Freundin.“ Es klang nach dem, was es war: einer Anklage.

Er wollte nicht ins Krankenhaus. Er wollte nach Hause gefahren werden.

„Wir sind kein Taxiunternehmen“, sagte einer der Retter.

„Hundert Meter“, sagte Herr Riese und wollte dann doch laufen.

„Das will ich sehen“, war der einzige Kommentar seitens der Feuerwehr.

Herr Riese beschloss, es den beiden Herren zu zeigen, hatte dann aber schnell Einsicht und ließ sich, schimpfend wie ein Rohrspatz, ins nächste Krankenhaus bringen. Das Mädchen und ich sahen dem Blaulicht hinterher, dann uns an.

„Ich geh dann mal heim“, sagte das Mädchen.

„Ich auch“, sagte ich. Aber erst ging ich noch bei dem Haus vorbei, in dem Herr Riese wohnt, und sagte den Nachbarn bescheid. Sie wirkten kein bisschen überrascht.

Manchmal sehe ich Herrn Riese auf der Straße – mittlerweile mit einer Gehhilfe. Er sieht mich dann auch und schaut gleich wieder weg. Das erste Mal habe ich noch überlegt, ihn anzusprechen, aber er hat sich schneller abgewandt, als ich Luft holen konnte. Es ist ihm peinlich, mir zu begegnen, ich glaube es zu verstehen und bin ihm nicht böse. Ich bin froh, dass es ihm besser geht. Seine Frau habe ich bis jetzt noch nicht bei ihm gesehen. Ich frage mich, ob sie immer noch bei ihrer Freundin ist.

(Als Kolumne für die Sendung LiteraturEN auf SWR2 gesendet am 28.1.14)

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