Aus: „Brixton Hill“. Weil jemand gesagt hat, ich soll es bitte für alle lesbar online stellen. Mach ich.

10.

Die wenigsten Stalker werden gewalttätig, sagen die Statistiken. Nur dass man nicht über Statistiken nachdenkt, wenn man gestalkt wird. Stalking beginnt schleichend und leise. Man bemerkt es erst, wenn es schon zu spät ist. Jemand schreibt Mails. Oder ruft an. Oder begegnet einem zufällig. Erkundigt sich bei Freunden. Weiß, wo man wohnt, und steht auch mal auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Eines Tages ist die Grenze dann überschritten. Und diese Grenze definiert jeder für sich selbst, was es schwierig macht zu erkennen, wann es dazu kommen wird. Oder ob überhaupt. Wenn sie überschritten ist, gibt es kein Zurück. Für beide nicht.

Und so ist es auch mit der Angst. Anfangs denkt man noch: Es ist normal, Angst zu haben. Oder: Es geht auch wieder vorbei mit der Angst. Irgendwann hat sie sich ganz heimlich in einer Ecke im Gehirn festgesetzt, ganz tief und im Dunkeln, von wo sie ab sofort immer öfter hervorkriecht. Sie lässt sich nicht aufhalten. Die Angst wird zum ständigen Begleiter. Sie agiert aus dieser stillen, dunklen Ecke. Sendet Signale, dass es gleich wieder losgeht. Man lernt, die Signale zu erkennen, und man weiß, dass man nichts tun kann. Der Herzschlag verändert sich. Die Atmung wird schneller und flacher. Die Magennerven reagieren. Alle physischen Funktionen sind auf Flucht geschaltet. Adrenalin wird ausgeschüttet, zu viel davon. Aber fliehen geht nicht. Es gibt kein Wohin. Oft nicht einmal ein erkennbares Wovor. Ein Blumenstrauß, eine Mail, ein Anruf – wie soll man sich da entziehen? Die Angst bekommt nicht, was sie dem Körper abverlangt. Sie will mehr. Aus Angst wird Panik. Panik lässt sich nicht kontrollieren.

Es sei denn, man lässt sich behandeln.

Dabei ist es der andere, der Unnachgiebige, der die Therapie bräuchte.

Manche Leute sagen: Geh hin und rede mit ihm. Das lässt sich doch klären.

Nichts lässt sich klären.

Diese Leute hatten noch nie Angst. Sie wurden noch nie gestalkt. Sie bekommen keine Magenschmerzen, wenn auf einem Briefumschlag kein Absender steht. Sie haben kein Herzrasen, sobald das Telefon klingelt und auf dem Display eine unbekannte Nummer angezeigt wird. Ihnen bricht bei dem Gedanken, die Mails zu checken und auf eine dieser Nachrichten zu treffen, nicht der Schweiß aus.

Solche Leute sagen: Na ja, Angst kenne ich auch … wenn nachts komische Geräusche in der Wohnung zu hören sind … oder im Treppenhaus das Licht ausgefallen ist, und jemand kommt einem entgegen …

Aber das ist nicht dasselbe.

Angst hat eine Funktion für den Menschen: Bei Gefahr soll er zur Flucht bereit sein, gewarnt sein, geschärfte Sinne haben. Wenn sich die Angst verselbständigt, spielen Kopf und Körper verrückt. Und für jeden, der zuschaut, ist man verrückt.

Weil sonst niemand sehen kann, wovor man Angst hat.

Und selbst wenn – da ist immer noch die Statistik.

Es gibt keinen Grund für die Angst.

Heißt es.

 

Brixton Hill
Brixton Hill
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