Der Musikant

(Kolumne für die Sendung LiteraturEN auf SWR2)

Mein neuer Nachbar. Er ist gar nicht mehr so neu, eigentlich. Immerhin wohnt er schon über ein Jahr unter mir. Aber ich habe ihn noch nie gesehen. Sonst kennen sich im Haus alle, nur ihn kennt tatsächlich niemand.

Ihn nie zu sehen, wäre gar nicht mal so schlimm, wenn ich ihn nicht dauernd hören würde. Mein neuer Nachbar ist nämlich ein sehr musikbegeisterter Mensch. Er spielt mindestens Klavier, Hammond-Orgel, Akkordeon, Gitarre, Schlagzeug, Mundharmonika, häufig singt er, vorzugsweise zur Gitarre, und einmal glaubte ich, so etwas wie ein Didgeridoo zu hören. Hin und wieder hat er Besuch, dann spielen sie zu mehreren Akkordeon, und an einer A cappella-Formation hat er sich auch schon versucht, aber das schlief wohl nach einer Weile wieder ein.

Es ist nun so: Ich bin ein sehr musikalischer Mensch. Ich habe mit drei angefangen, Klavier zu spielen. Mit Wettbewerben und Konzerten und allem, was dazugehört. Ich habe ein absolutes Rhythmusgefühl. Menschen, die auf Tanzflächen am Takt vorbei zappeln, machen mich wahnsinnig. Menschen, die falsche Töne brummen, während sie dem Irrglauben erliegen, sie würden ein Lied mitsingen, beschwören bei mir Mordfantasien herauf. Ich bin da wirklich sehr, sehr speziell, wenn es um Musik und deren Wiedergabe geht.

Leider beherrscht mein Nachbar nicht ein einziges seiner Instrumente. Er kann auch nicht singen. Und seine Freunde sind vergleichbar unmusikalisch. Er dilettiert täglich im Schnitt drei Stunden vor sich hin und hat es schon geschafft, die Werbeagentur nebenan zu vertreiben. Zuletzt standen die Mitarbeiter Kette rauchend im Hof, stopften sich Taschentücher in die blutenden Ohren und weinten.

Niemand, wirklich niemand kann sich vorstellen, was mein Nachbar aus „La Paloma“ auf dem Akkordeon macht. Oder aus „Angie“ auf der Gitarre. Einen Tag hatte ich sowas ähnliches wie Ruhe, das war der Tag, an dem Paul Kuhn starb. Mein Nachbar ließ zwei Stunden lang alte Paul Kuhn-Platten laufen. Darauf folgte Metallica, zum Glück ebenfalls vom Tonträger und nicht von Hand. Tags drauf war alles wieder beim Alten, er verhunzte die Beatles, anschließend quälte er mich durch das „Girl from Ipanema“.

Seit über einem Jahr also lasse ich mich von ihm für die Stunden seiner akustischen Folter an den Punkt meiner Wohnung vertreiben, an dem ich ihn kaum noch hören kann. Im Allgemeinen ist Hausmusik ja auch eine schöne Sache und rechtlich erlaubt und natürlich nichts, was man unterbinden möchte. Daher meine übermenschliche Selbstdisziplin und Geduld. Okay. Ich gebe zu, es gab diese Tage, an denen ich mit Holzclogs über das Parkett bretterte. Oder stundenlang Ravels „Alborada del Gracioso“ bei geöffnetem Deckel auf meinem Klavier sezierte. Nichts half.

Als er drei Tage am Stück versucht, „Lola“ einzustudieren, und mich meine Katzen anflehen, sie auf der Stelle ins Eisfach zu sperren, platzt mir der Kragen.

Ich hämmere so lange gegen seine Tür, bis er endlich aufmacht. Ich sage: „Ich wohne über Ihnen“, und sehe ihn bedeutungsvoll an. Ich erwarte, dass er sich erkundigt, ob er zu laut ist. Irgendwas in der Art. Aber er strahlt mich an und erzählt, wie froh er ist, endlich ein Haus gefunden zu haben, in dem er Musik machen darf. Der Makler hat ihm wohl gesagt, dass in unserem Haus viele musikbegeisterte Menschen wohnen, damit meinte er natürlich mich und die Sängerin weiter oben. Sonst, sagt der Nachbar, hätte man ihn immer mehr oder weniger aus seiner jeweiligen Wohnung rausgeworfen. Er fragt, ob ich reinkommen will und er mir was vorspielen darf. Ich nuschele was von einem dringenden Anruf und nur kurz Hallo sagen. Der Nachbar drückt mir die Hand zum Abschied, dann sagt er, und ich glaube, er hat dabei Tränen in den Augen: „Ich bin so glücklich hier.“ Ich nicke und merke, wie sich meine Kieferknochen ineinander verkeilen.

Mein Schreibtisch steht jetzt dauerhaft an dem Punkt der Wohnung, an dem man ihn am wenigsten hört. Hilft ja nichts.

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