Bahnfahren, irgendwann mal im August.

Letztens so. Ich wollte nur mit dem ICE von Düsseldorf nach Berlin, was eigentlich ganz gut geht, theoretisch. Man steigt ein, arbeitet oder liest gute fünf Stunden, isst was, trinkt was, geht aufs Klo, steigt wieder aus und ist da. Ich aber darf nicht mal einsteigen, weil man mir sagt, dass der Zug überfüllt ist und ich keine Reservierung habe. Es ist Samstag, ich bin extra früh aufgestanden, aber irgendwas ist passiert. Ferienbeginn oder so. Ich warte auf den nächsten, den ich nicht nehmen kann, weil er nicht fährt, und der übernächste hat Verspätung und hält nicht in Düsseldorf und ob wir nicht bitte alle den Regionalexpress bis Hamm nehmen möchten, dort wartet der ICE, der hier nicht halten will, und nimmt uns mit. Zweieinhalb ICE-Füllmengen aus Düsseldorf mit Ziel Berlin bewegen sich zum Regionalexpress und entern ihn. Wir haben alle ICE-taugliche Gepäckmengen, und wir haben alle schlechte Laune. Wir stürzen den Regionalexpress ins innere Chaos und quetschen unser Gepäck neben uns auf die Sitze. Eine ältere Frau platziert ihren noch älteren Vater, der nur hebräisch spricht, neben mir. Er schiebt sich meinen Koffer unter die Beine. Ich sage nichts. Er hustet, ich versuche zu lesen. Er macht einen langen Hals und schaut auf meinen eBook-Reader. Zwischendurch spielt er an den Reißverschlüssen meines Koffers, zieht seine Schuhe aus, breitet sich aus. Dann sind wir in Hamm.

Dort wartet natürlich kein ICE auf uns, wir müssen eine Stunde warten, länger sogar, weil der nächste Zug Verspätung hat. Die Düsseldorfer ICE-Geschädigten mit Ziel Berlin gründen spontane Selbsthilfegruppen. Man teilt sich auf: Die einen bewachen das Gepäck, die anderen organisieren Essen. Ein kleines Grüppchen tritt den Toilettenerkundigungsgang an, ein anderes kesselt Menschen in Bahnuniform ein und fordert Informationen ein. Der Mann aus Israel und seine Tochter stehen hustend vor einer Reklametafel und frieren. Es ist kalt in Hamm, überall sonst in Deutschland sind es 30 Grad, aber in Hamm friert man. Der Essenstrupp verteilt belegte Brötchen. Der Toilettentrupp berichtet, welches Kleingeld man braucht und wie es da so aussieht. Es gibt deutlich ein Wir.

Irgendwie passt es zu unserer Stimmung und dem Wetter, dass sich der Hammer Bahnhof mit Polizeisturmtruppen füllt. Rechts gegen Links, sagt jemand, ein Raucher, und erklärt, dass die Rechten auf den Demos den besseren Kaffee haben. Unsere Notstandsgemeinschaft schaut geschlossen zu dem Mann aus Israel, der immer noch mit seiner Tochter vor der Reklametafel steht und sich am Arm kratzt. Wir stellen uns vor, dass es eine Tätowierung ist, die ihn gerade juckt. Wir spiegeln ihn und kratzen uns auch. Die Damen, die Erster Klasse fahren und Kaffee geholt haben, geben dem Raucher keinen Kaffee. Als der ICE endlich kommt, müssen wir alle auf dem Boden sitzen. Der Raucher klemmt sich neben mich und sagt, dass er kein Rechter ist. Er hat eine Katze, die eigentlich seiner Ex gehört. Er liest Perry Rhodan-Heftchen und den Landser, aber ich tue so, als würde ich das nicht bemerken. Er ist Lagerist und sortiert Getränke. Was ich denn so mache, fragt er. Ich sage, ich sortiere Wörter. Die Damen aus der ersten Klasse bringen wieder Getränke vorbei und entschuldigen sich dafür, dass sie Sitzplätze haben. Alle anderen Notstandsgruppen der Düsseldorf-Berlin-Opfer sind ebenfalls noch intakt, und der Mann aus Israel sitzt auf meinem Koffer und schaut den Lageristen böse an. Ich gebe ihm meinen eBook-Reader zum Spielen.

Wir sind in Magdeburg, als wir wieder aussteigen müssen, weil irgendwas mit dem Zug nicht stimmt. Wir siedeln in einen Regioirgendwaszug um, der Mann aus Israel setzt sich auf meinen Koffer und starrt den Lageristen weg. Die Damen aus der ersten Klasse haben wir verloren. Als der Zug losfährt, empört sich eine Frau, die nicht zu uns gehört, über Zigarettenrauch, der vom Klo kommt. Sie will es melden. Wir bringen sie zum Schweigen. Es läuft gerade so gut, und wir wollen nicht, dass die Fahrt unterbrochen wird, nur weil jemand auf dem Klo geraucht hat. Wir sind verzweifelt. Wir haben ein gemeinsames Ziel. Wir halten zusammen. Die Frau sieht, dass sie gegen uns nicht ankommt. Als der Lagerist vom Klo kommt, starren wir ihn aus dem Abteil.

Tatsächlich schaffen wir es diesmal bis nach Berlin. Wir stellen uns mit dem Gepäck in den Gang und schauen auf den Boden, starren auf die Türen, warten, dass der Zug hält. Es gibt kein Wir mehr. Manche sagen: Vielleicht bis mal wieder in einem Zug. Manche sagen: Schönen Tag noch. Die meisten sagen nichts, sind froh, wieder in ihrem Leben anzukommen. Der Mann aus Israel spielt jetzt mit den Reißverschlüssen am Koffer seiner Tochter, und ich bin fast ein bisschen beleidigt. Der Lagerist hat eine Kippe im Mund und zündet sie nach dem Aussteigen als erstes an.

Advertisements

2 Comments

  1. Schön geschrieben. Und es ist immer wieder faszinierend, wie schnell fremde Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen können, durch etwas Außergewöhnliches wie so ein Bahnchaos, oder ein Feuer oder die Fußball WM, und wie schnell sich die Gruppe wieder auflöst und entfremdet, wenn alles vorbei ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s