„Ich will doch nur eine Geschichte erzählen …“

Im Moment geistern mal wieder diverse Reihenkonzepte heimlich durch die virtuelle Landschaft. Man kennt solche Konzepte vom TV, wenn zum Beispiel neue Autorinnen für eine bereits laufende Serie oder Reihe gebrieft werden oder eine neue Serie eben im Entstehen ist und sich Produzentin, Redakteur und andere beteiligte Menschen bereits einiges an Gedanken gemacht haben, um die Autoren einzunorden. Die Konzepte kennt man auch aus dem Bereich des Heftchenromans, denn auch, wenn immer derselbe Autorname draufstehen mag, steckt ein Pool dahinter, weshalb die Vorgaben der einzelnen Serien sklavisch genau ausgearbeitet sind und sich jeder exakt daran zu halten hat.

Die Reihenkonzepte, mit denen sich in den letzten Wochen einige meiner Kolleginnen konfrontiert sahen, sind für so etwas wie Heftchenromane, nur eben im eBook. Und damit möglichst viele Autorinnen ihr Glück versuchen können, sind die Vorgaben auch sehr deutlich. Verständliche Vorgehensweise, spart eine Menge Ärger und Mehrarbeit, und alle haben was davon. Als Autorin weiß man, was verlangt wird, und kann sich überlegen, ob man was bedienen kann und will oder nicht. Und oft genug sind nicht wenige auch gezwungen, unangenehme Aufträge zu erfüllen, weil das Konto sich beschwert und die Kinder gerne was zum Frühstücken hätten. Da schluckt man dann auch mal Vorgaben, die einem gegen den Strich gehen. Tut Dinge, mit denen man nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Dafür darf man seinen Beruf ausüben. Die Frage, wo die Grenze ist, muss sich jede selbst beantworten und soll hier auch nicht Thema sein, ich möchte das vorausschicken.

Mir ist an den grundsätzlich professionellen Konzepten, die mir die eine oder andere zwecks Meinungsbildung weiterleitete, etwas aufgefallen, über das wir möglicherweise auch dann zu wenig nachdenken, wenn wir frei darin sind, unsere Geschichten zu setzen. Meint: das englische setting, im weitesten Sinn. Die erwähnten Konzepte geben so einiges vor: Da es sich um das Genre Erotik handelt, sind die durchaus schwierig zu entscheidenden Begrifflichkeiten definiert, außerdem die Spielzeuge aufgeführt, die benutzt werden dürfen, ebenso die Praktiken. Gute Sache, da es unheimlich schwer sein muss, gute erotische Literatur zu schreiben. Ich zum Beispiel könnte das nicht. Dann allerdings: Die Figuren (m/w) müssen weiß, geistig und körperlich gesund, attraktiv, schlank, jung und heterosexuell sein. Wobei sich das meiste davon (möglicherweise darf aus praktischen Gründen auch mal eine Nebenfigur älter sein) auf alle Figuren bezieht, nicht nur die Hauptakteure. Homosexuelle Fantasien sind verboten. Selbst außerhalb des Schlafzimmers darf weit und breit niemand kränkeln oder gar eine Behinderung haben – nichts soll die Ästhetik der Gesamterzählung stören. Und natürlich – natürlich! – steht der Mann über dem Weib, nicht etwa buchstäblich und im Schlafzimmer, sondern bildlich im Leben. Für sie kann man Tätigkeiten wie Kopiermäuschen oder studentische Aushilfe im Minirock wählen, er ist: Boss. Ja, kennen wir, wissen wir, müssen wir jetzt nicht drüber reden, und was ich darüber denke, ist Menschen, die mich kennen, sowieso klar. Dem Produkt (meint: der daraus entwickelten Geschichte) ist die im Konzeptpapier deutliche Diskriminierung vorerst nicht anzumerken. Sie findet passiv statt.

Zurück zu den Dingen, die wir ohne diese engen Vorgaben schreiben, und ich wünsche jeder und jedem, dass der Großteil der Schreibarbeit frei gewählte Settings enthält. Auch, wenn die meisten sagen – man hört es ja immer wieder in Interviews –, dass sie „einfach nur Geschichten erzählen“ wollen: Machen wir uns doch mal bewusst, was mir mit der (unbewussten?) Wahl der Berufe, Familienstände, Hautfarben, Nationalitäten, sexuellen Orientierung, Einkommensverhältnisse, familiären Hintergründe, Bildungsabschlüsse, Wohnungseinrichtungen, politischen Haltung, Freundschaftsverhältnisse usw. usw. aussagen. Wir charakterisieren damit in unseren Krimis, Liebesgeschichten, Komödien etc. nicht nur die einzelnen Figuren, wir entwerfen auch ein Gesellschaftsbild. Wir zeigen eine Welt, die zu unserer Geschichte passt, aber darüber hinaus beeinflusst unsere Wahl des Settings und der Figuren letztlich die Wahrnehmung der Leserschaft, mal mehr, mal weniger subtil.

Ich verstehe das auf die Heftchen bezogen so: Für die erotischen Reihen der diversen Verlage sollen Leserinnen angesprochen werden, die weiß sind und es beruflich (noch) nicht sehr weit gebracht haben, die sich abgestoßen fühlen von Menschen mit Behinderungen, homosexuellen Lebensweisen (oder auch nur Fantasien), anderen Hautfarben, Übergewicht usw. Wenn sie selbst nicht zwingend schlank und jung sind, dann wünschen sie es sich so sehnlich, wie sie sich die beschriebenen sexuellen Praktiken wünschen. Tatsächlich? Ist das so?

Natürlich wird immer ein Markt bedient. Zielgruppen werden erforscht. Lässt sich da etwas gegen sagen, ist diese Art von Eskapismus verwerflich? Ja, doch, aber nennen wir es vorerst: bedenkenswert. Die nicht stattfindende Inklusion bewirkt, dass gewisse Menschen, die nicht dieser weißen, schlanken, gesunden Norm entsprechen, auf allen Ebenen ausgeklammert werden. Das erinnert an „not in my backyard“-Mentalität, oder wenn ein Familienvater sagt: „Ich hab nichts gegen Schwule, aber meine Söhne sollen mal Frauen heiraten.“

Der Einwand „Es ist doch nur Unterhaltung“ wirkt verharmlosend, weil eben Kalkül dahintersteckt, weil Manipulation stattfindet. Es ist eine Sache, was jeder einzelne attraktiv findet. Es ist eine andere, das vorgeben zu wollen, was jeder einzelne attraktiv zu finden hat. Siehe Werbung, siehe Frauenzeitschriften, siehe Film und TV. Die dicke Frau hat „trotzdem“ ein hübsches Gesicht, ist besonders witzig und hat dann noch ein großes Herz und andere Talente. Der Schwule muss der lustige, exaltierte beste Freund der Protagonistin sein, er darf nicht einfach nur schwul sein und dann auch noch alltägliche Sorgen haben. Der Behinderte ist immer ein Problemfall, er wird nie im Vorbeigehen einfach mal erzählt, sondern muss dramatisch thematisiert werden, um zu zeigen, wie wenig er in unserem Alltag zu suchen hat. (Ich meine hiermit nicht Geschichten, in denen eben diese Probleme und der gesellschaftliche Umgang damit im Vordergrund steht, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Ich meine tatsächlich die sogenannte „reine“ Unterhaltung.) Wie auch Menschen aus anderen Ländern, die dann allein durch ihr „Anderssein“ – Hautfarbe, Sprache, Kleidung, Gewohnheiten – als „exotisch“ gelten. Ich muss daran denken, wie sich letztens eine Studentin bei mir aufgeregt hat, weil sie von ihren KommilitonInnen ständig gefragt wird, woher sie kommt. Sie sagt dann: Frankfurt. Und die nächste Frage, unvermeidlich: Ja aber davor? Sie hat eine sehr dunkle Haut und schwarze Haare. Sie ist in Frankfurt geboren, wie auch schon ihre Eltern. Sie hat keine Lust, auf die Herkunft der Großelterngeneration reduziert zu werden, mit der sie sich nicht identifiziert. Sie ist Teil dieser unserer Gesellschaft. Oder wäre es gerne.

Es gibt SängerInnen, die wollen einfach nur singen und lassen andere Menschen die Songs schreiben. Das ist okay. Eine gute Stimme allein macht einen noch nicht zum begnadeten Songwriter. Aber auch da gilt es darüber nachzudenken: Will ich jeden Schwachsinn singen, was ist mir wichtig, such ich mir jemand anderen zur Zusammenarbeit. Letztlich geht es uns allen so. Wir müssen diese blöde Miete verdienen, und nicht wenige von uns haben noch ein paar andere Verpflichtungen, die Geld kosten. Dabei wollen wir einfach nur Geschichten erzählen, nicht unbedingt gleich noch die Welt retten, oder?

Na gut, vielleicht nicht gleich retten. Aber die Gesellschaft selbstverständlich abbilden, wann immer und wo es sich ergibt, wäre doch schon mal ein Anfang.

(erschienen bei culturmag.de am 14.9.2013)

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