Denise Mina: Der letzte Wille

Glasgow, 1990. Die junge Journalistin Paddy Meehan bekommt Besuch von der Polizei, und sie weiß sofort, dass man ihr eine Todesnachricht überbringen wird. Doch anders als befürchtet handelt es sich nicht um einen nahen Verwandten, sondern um ihren Exfreund, den Auslandskorrespondenten Terry Hewitt. Der wurde nackt und erschossen an einer einsamen Straße außerhalb von Glasgow gefunden. Erste Gerüchte kursieren unter den Polizisten, die IRA stecke dahinter. Obwohl es dafür keine stichhaltigen Beweise gibt und die Fakten eher dagegen sprechen, wittert Paddy sofort eine Story: Schottland ist eigentlich neutral, und auf schottischem Boden wurden nie Anschläge der IRA verübt. Viele Sympathisanten leben dort, besonders in Glasgow. Eine Hinrichtung der IRA in Schottland wäre politischer Zündstoff.

Paddy schreibt eine schottlandweit bekannte und bliebt-berüchtigte Kolumne, aber letztlich ist es doch die echte journalistische Arbeit, die sie machen will. Reportagen, Seite 1-Aufmacher, Hintergrundstorys. Sie tut alles, um nicht in die Frauenecke abzurutschen und als Kummerkastentante zu enden. Und außerdem findet sie, dass sie es Terry irgendwie schuldig ist, seinen Tod aufzuklären, auch wenn sie ihn schon seit Monaten nicht mehr gesehen hat. Terry nannte sie in seinem Pass als nächste Angehörige und vermachte ihr sein gesamtes Erbe.

Die Polizei benimmt sich bei der Aufklärung des Falles seltsam, besonders DCI Knox, den Paddy schon seit Jahren für korrupt hält, es aber nicht beweisen kann, und die offizielle Version heißt rasch: Raubmord. Paddy will nicht daran glauben. Sie befragt Kevin Hatcher, einen Fotografen, mit dem Terry zusammen ein Buch veröffentlichen wollte. Gab es eine Geschichte, an der Terry vor seinem Tod dran war, die ihm Feinde eingebracht haben konnte? Kevin weiß von nichts. Doch wenig später wird auch er sterben, angeblich an einer Überdosis Kokain. Wieder glaubt Paddy der Polizei nicht, und wieder stößt sie auf Ungereimtheiten. Warum hat kein Glasgower Krankenhaus Unterlagen von Kevin, obwohl er beim Eintreffen der Polizei noch lebte? Was steckt hinter dem vermeintlich harmlosen Buchprojekt der beiden, einem Fotoband mit schottischen Auswanderern, die in New York leben? Als Paddy schließlich zu Hause von einem Unbekannten, der sich Michael Collins (wie der legendäre irische Unabhängigkeitskämpfer) nennt, massiv bedroht wird, versteht sie, dass sie die nächste auf der Todesliste ist und beschließt, nun allen Warnungen zum Trotz noch tiefer nach der Wahrheit zu graben.

„Der letzte Wille“ ist der dritte Band der Paddy Meehan-Serie von Denise Mina. Paddy hat während der in der Trilogie erzählten neun Jahre eine beachtliche Karriere hingelegt. Sie hat sich aus der Enge ihrer irisch-katholischen Familie befreit, zieht alleine ein Kind groß, verweigert feste Beziehungen. Und doch ist sie alles andere als eine strahlende Heldin. Sie quält sich durch den männerdominierten Journalistenalltag, steckt ununterbrochen Häme und dumme Sprüche weg und muss immer noch um Längen besser sein als ihre Kollegen, um sich zu beweisen. Ihrer Familie gegenüber hat sie ein permanent schlechtes Gewissen, und obwohl sie nicht gläubig ist, geht sie daher brav jeden Sonntag mit in die Messe. Und was ihr restliches Privatleben betrifft: Den Alltag einer voll berufstätigen, alleinerziehenden Mutter bewältigt sie nur, weil sie, wenn auch zähneknirschend, die Alimente des Kindsvaters akzeptiert und die Familie zum Babysitten einspannt. Paddy kämpft darum, die gleichen Chancen wie alle, oder eigentlich: wie die Männer zu haben. Ein immanenter Feminismus, wenn man so will, einer, der ganz ohne Rezeptionsgeschichte und Diskustheorie auskommt. Minderwertigkeitskomplexe nagen an ihr – weil sie aus armen, katholischen Verhältnissen kommt, und, ganz besonders, weil sie sich hässlich findet, zu fett. Weder Erfolg bei Männern noch in ihrer Karriere stimmen sie zufrieden. Sie bleibt eine Suchende, eine Fragende.

Und wohl deshalb hat sie sich genau diesen Beruf ausgesucht. Deshalb auch gibt sie nicht auf, wenn es darum geht, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Sie ist bereit, alles zu riskieren, letztlich sogar ihr Leben, wenn sie glaubt, das Richtige zu tun, und sie sorgt dafür, dass niemand außer ihr in die Schusslinie gerät. So oft Paddy auch schon mit ihrer impulsiven Art gegen die Wand gerannt sein mag – es scheint sie stark gemacht zu haben. Keine perfekte Wonderwoman, sondern eine mitnichten angstfreie Kämpferin, die bereit ist, immer wieder auf die Schnauze zu fallen und immer wieder aufzustehen, mit einem „Jetzt erst recht“ auf den Lippen.

Denise Mina weiß ihre Figuren präzise und überzeugend zu zeichnen und in ihre detailgetreuen Milieuschilderungen einzuarbeiten, wodurch den Lesern nicht nur ein unmittelbares Lebensgefühl, sondern dazu noch ein gutes Stück schottischer Zeitgeschichte nähergebracht wird, was dem Kriminalplot eine tiefere Dimension verleiht. Ähnlich wie Ian Rankin Edinburgh von der dunkelsten, dreckigsten und kaputtesten Seite zeigt, geht auch Mina dahin, wo es weh tut und die heile Welt Risse hat, die längst nicht mehr zu kitten sind. Sie zeigt den Einfluss der gesellschaftlichen Realität auf die Verfassung der Menschen, erzählt, wie weit sie bereit sind zu gehen, weil sie glauben, keine Wahl mehr zu haben.

„Der letzte Wille“ mag sich anfangs etwas in die Länge ziehen, weil das Figurentableau etabliert werden muss. Doch bald schon wird der Roman rasant spannend, nicht zuletzt auch durch den Nebenstrang um den jungen Callum, einem jugendlichen Kindsmörder, der nun aus dem Gefängnis entlassen wird und sich scheinbar wie eine tickende Zeitbombe durch den ihm vollkommen fremden Alltag bewegt. Paddy ist eine enge Freundin von Callums Familie, und ausgerechnet sie soll dafür sorgen, dass er von der Presse verschont bleibt.

Mina-Neulinge brauchen keine Berührungsängste zu haben, weil es bereits der dritte Teil ist. Im Gegenteil, „Der letzte Wille“ lässt sich ohne Vorkenntnisse lesen und macht dazu höchst neugierig auf die Vorgeschichte von Paddy mit den dazugehörigen Kriminalfällen. Ins Deutsche übertragen wurde der Roman von Conny Lösch, die Minas besonderen Sound sehr gut trifft und auch auf dieser Ebene hohes Niveau garantiert.

Originaltitel: The Last Breath (2007). Deutsch von Conny Lösch. München: Heyne Verlag, 2013. ca. 480 S., 9,99€.

Zum Buch.
Zur Autorin.
Interview mit Denise Mina.
Artikel (redaktionell bearbeitet) erschienen im Freitag.

 

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