Zoe’s world of fiction in a fictional world.

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Manchmal gibt es das.

Mai 15, 2009 · 11 Kommentare

Da liest man einen Autor und ist völlig paralysiert von seinem Stil. Weiß, dass man das nicht kann, oder wenn, dann nur mit großer Mühe und viel Glück in ein paar Jahren. Dabei liest es sich so leicht, als hätte er es mal eben aufgeschrieben. Ich möchte ihn fragen: Wieviel Zeit verbringst du nur mit der Arbeit an deinem Stil? Und habe Angst, dass er sagt: Ach, das fließt einfach so aus mir raus, ich brauche viel mehr Zeit für den Plot und die Recherche.
Nach so einem Buch möchte ich nie wieder schreiben. Oder gerade doch schreiben. Ich weiß es nicht. Ich gehe dann zu Waterstone’s und nehme wahllos ein Buch in die Hand, lese darin herum und denke: No way, da ist n o c h jemand so verdammt gut. Was mach ich da eigentlich, mir einbilden, ich könnte sowas auch!
Ich erzähle P. davon, und sie sagt nur: Wenn ich in die Buchhandlung gehe und ein Buch aufschlage, denke ich zu 99%: Das hätte ich auch noch hinbekommen.
Gerate ich an das 1%? Liest sie anders? Wahrscheinlich. Und sie schreibt auch anders. Und sie lässt sich nicht so leicht beeindrucken.
Jedenfalls sitze ich wieder am Schreibtisch, verzweifle im Zwei-Minuten-Takt und schwöre, an meinem Stil zu arbeiten, aber nicht zu verbissen, und zwischen den Verzweiflungsarien frage ich mich, was die Zweisprachigkeit, der ständige Wechsel, die zwischenzeitliche Entfremdung von der Sprache, in der ich schreibe, wohl ausmachen.
Einen Grammatik-Duden habe ich mir schon mal aus München mitgebracht.

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Ich liebe übrigens Panoramio.

November 27, 2008 · Kommentar schreiben

Da findet man immer schöne Bilder.

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Die Krimilady sagt was zu „Wenn es dämmert“

November 15, 2008 · 17 Kommentare

Das findet man hier. Ich weiß nicht genau, ob sie das wertend meint am Ende, wenn sie schreibt, die Männer seien alle ganz schön fies. Aber das ist nun mal das Geschlechterverhältnis, das herauskommt, wenn man Sachen wie organisierte Kriminalität, zu der die erzwungene Prostitution und Menschenhandel ingroßen Teilen gehören, recherchiert. (Hier der Hinweis – danke an Christian von sexworker.at -, dass freiwillige Sexarbeit an dieser Stelle nicht gemeint ist und keinesfalls diskriminiert, beleidigt oder herabgewürdigt werden soll.)

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob Literatur/Fiktion die Realität getreu nachzubilden hat. Hat sie nicht. Oder ob Literatur/Fitkion unbedingt gegen die Realität gehen soll. Soll sie nicht. Beides hat Berechtigung, und im Zentrum steht die Geschichte und wie sie sich am besten erzählen lässt.

Ich gebe zu, dass die Zeit der Recherche mich persönlich sehr mitgenommen hat. Nach vielen Gesprächen mit Prostituierten – ehemaligen Zwangsprostituierten wie Stricherinnen wie Edelhuren – gerät das ohnehin nicht sehr glorreiche Männerbild noch mehr in Schieflage. Doch, das gebe ich zu. Die Statistiken bei der Polizei sagen auch, dass die meisten Sexualverbrechen von Männern begangen werden. Nicht alle, aber fast alle. Dass Frauen sexuelle Gewalt ausüben, ist immer noch die Ausnahme. Mir ging es in dem Buch tatsächlich nicht darum, die Ausnahme zu erzählen, das Psychogramm einer sexuell gewalttätigen Frau aufzuzeigen. Mir ging es um realistische Hintergründe. Nicht zuletzt, weil das Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution nicht vergessen werden sollte. Seit der EU-Erweiterung in Richtung Osten hat sich auf dem Gebiet einiges verändert, was eine Geschichte wert ist.

Aber es geht mir auch um die Männer, die zu Prostituierten gehen und sich gar keine Gedanken darüber machen, in welcher Situation diese Frauen möglicherweise sein könnten – ob sie nun am Straßenstrich stehen oder ob sie in einem Edelbordell am Wörthersee zu finden sind.  Die befragten Männer sagten fast ausnahmslos, den Frauen hätte es Spaß gemacht, sie hätten ihnen gesagt, dass sie sich freuten, mal einen netten Mann als Kunden zu haben. Sind Männer wirklich so eitel und unreflektiert, dass sie nicht merken, wenn man ihnen einen Haufen Mist erzählt, nur damit sie wiederkommen und noch mehr Geld da lassen? Sie sind es, jedenfalls die, mit denen ich gesprochen habe.

Auch schockierend fand ich die Geschichte einer moldawischen Menschenhändlerin, die ich in „Wenn es dämmert“ nacherzähle. Eine rumänische Freundin übersetzte mir diese Geschichte, über die ich im Netz stolperte. Ich war auf der Suche nach Hilfsorganisationen für Frauen aus Nicht-EU-Ländern, die sich prostituieren. Heraus kam, dass viele Frauen genau wissen, worauf sie sich einlassen. Dass sie glauben, sie kämen als Schauspielerin, Model oder Putzhilfe groß raus, ist offenbar Vergangenheit. Sie wissen aber nicht, dass sie oft Jahre brauchen werden, um ihre Schulden für die falschen Papiere und die Reise abzuzahlen und dadurch in ungewollte Abhängigkeit geraten.

Diese Menschenhändlerin, die in einem anonymen Interview über ihre Arbeit berichtete, warf mich aus der Bahn: Eine Frau, die anderen Frauen so etwas zumutet. Sie sagte: Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer, und dann geht es den Mädchen viel schlechter. Darf man ihr dieses Gutmenschentum glauben? Sie sagte auch: Die Mädchen bekommen eine Woche Probezeit. Ich bringe sie in türkische Bordelle, und wenn es ihnen keinen Spaß macht, kommen sie wieder mit zurück. Aber es wollte noch nie ein Mädchen wieder zurück. Ist das wirklich so? Einige der Prostituierten, mit denen ich sprach, berichteten von den Verlockungen des Geldes, von den Pradaschuhen und den Guccihandtaschen, die sie sich wöchentlich kauften, um sich irgendwie aufzuwerten. (Ist das schon mal jemandem aufgefallen? Wer alles in den teuren Boutiquen einkauft? Die hübschen jungen Mädchen aus dem Osten haben nicht alle deshalb so viel Geld, weil sie die Schwester oder Ehefrau eines neureichen Russen sind.) Von dem vielen Geld, das sie ihren Familien zu Hause schickten. Von dem Stolz ihrer Familien, die dachten, sie seien Managerinnen. Von der Hoffnung, eines Tages von einem der reichen Kunden geheiratet zu werden. Manchmal klappt es. Eine durfte ich kennenlernen. Und die Geschichten von den Frauen, die deutlich weniger als 200 Euro für eine halbe Stunde (plus Eintritt ins Bordell plus Zimmermiete) bekommen, die noch einige Jahre arbeiten müssen, um wenigstens die Schulden, die sie bei den Menschenschmugglern haben, abbezahlen zu können … Ach, es steht ja alles in dem Buch.

Ich sprach mit Polizisten, von denen ich erfuhr, dass die Betreiber legaler oder auch illegaler Bordelle Freikarten an die Oberen Zehntausend ausgeben. Freier Eintritt, freie Getränke, freie Mädchen. Sie werden gefilmt und wenn es an der Zeit ist erpresst. Unter den Erpressten sind Politiker, Prominente, Polizisten.

Nach der Recherche ging es mir furchtbar schlecht. Ich wollte das Buch erst gar nicht schreiben. Ich hab es trotzdem getan, und jetzt bin ich froh darüber. Ich werde gefragt, ob das alles wirklich so stimmt, und ich muss jedes Mal „ja“ sagen. Daraufhin schweigen die Leute. (Die Männer. Doch.) Wenn es sensibilisiert, wäre das doch schön. Aber ein Mann sagte zu mir: Wozu hinter die Kulissen schauen? Ich will ja auch nicht wissen, wie es in der Küche eines Restaurants aussieht, solange es mir schmeckt.

Liebe Krimilady, ja, das Männerbild ist deutlich in Schieflage geraten, mal sehen, ob ich es wieder hinbekomme. Im nächsten Buch, das verspreche ich, wird alles anders. Ich danke für die ausführliche, differenzierte kluge Besprechung.

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Ach, Berlin …

November 13, 2008 · 4 Kommentare

Nur hier gibt es so viel Kunst umsonst, denn nur hier wohnen so viele staatlich geförderte (mit Hartz IV-Stipendium ausgestattete) Künstler. Deshalb wohl klappt es schwer mit Lesungen, einiges lässt man sich sogar als veröffentlichter Autor vom Buchhändler gefallen: Mehrfache Terminverschiebungen, unbeantwortete Mails, ignorierte Anrufe, verweigerte Buchbestellungen, schließlich die endgültige, unbegründete Absage. Der Buchhändler, meinte einer meiner Verlagsvertreter, ist der natürliche Fressfeind des Autors, dabei sollten wir doch alle am selben Strang usw., jedoch: nein.

Andererseits gibt es hier, auch anders als anderswo, viele Förderer der Kunst, die zwar nicht zahlen können, dafür aber Bühnen stellen und Menschen herbeiholen. Es ist, denke ich, gut, wie es ist. Und statt wie angekündigt am Freitag zu lesen, fliege ich nach Schottland, meine Umzugskartons begutachten und auspacken. Bei Moira ist ein Zimmer frei.

Es war schon immer frei, aber sie wollte die Wohnung nicht teilen. Sie hat vier ZimmerKücheBad in einem großen schönen Jugendstilhaus in Stockbridge („Das ist das Schwabing von Edinburgh“, sagt sie immer, seit sie aus München zurück ist), aber jetzt braucht sie Geld, weil sie sich die Zähne hat machen lassen. Ich werde also bei Moira einziehen. Und dann jeden Tag zu Pippa flüchten, weil ich Moira nicht aushalte.

Pippa will mal mit nach Berlin. Sie ist Jüdin, und es gibt so viel, was sie sich ansehen will. Ihre Großeltern sind Deutsche, und sie versteht ein bisschen Deutsch. Moira sagt, sie würde lieber sterben als nach Berlin zu fahren, weil die Münchner immer über Berlin hergezogen sind. Berlin ist dreckig, sagt sie, und die Leute wissen nichts von Mode. Was nicht stimmt, protestiere ich und zeige ihr diese Seite, aber sie schaut schnell weg und erzählt von ihren Zähnen und wie teuer sie waren.

Pippa fragt, ob ich als nächstes eine Berlingeschichte schreibe. Ich bleibe vage und sage, was mir immer alle gesagt haben: Berlin geht nicht so gut. Warum weiß ich allerdings auch nicht, aber gemerkt habe ich schon, dass es in Berlin auch damit so sehr anders ist, als anderswo. In München, weiß ich von Moira, sind die Münchner furchtbar stolz, aus München zu sein. Und ich kenne so etwas auch von Köln oder Hamburg, oder Edinburgh oder Glasgow. Aber so sind die Berliner nicht, abgesehen davon, dass es schwierig ist, echte Berliner zu treffen. Die meisten sind zugezogen, aus allen Himmelsrichtungen. Und sie werden sofort zu Kleinstädtern, die ihr Revier nicht mehr verlassen: Wohnen sie in Friedrichshain, und jemand lädt nach Charlottenburg – sie bleiben lieber zu Hause, als diesen weiten Weg in die Fremde auf sich zu nehmen.

Es gibt kein Berlin, sagt meine Agentin, und ich sage es einer Berlinerin, einer echten, die dort geboren und aufgewachsen ist. Sie denkt nach und nickt, richtig, so hat sie es noch gar nicht gesehen. Was ist mit dem Mythos Berlin? Eben, nur ein Mythos. Es gibt ja auch kein London, irgendwie. Das liegt am Mythos und an der Größe und daran, dass Mensch letztlich doch Kleinstädter ist.

Moira schreibt mir, seit sie beschlossen hat, mich aufzunehmen, täglich E-Mails, in denen sie mir erklärt, wie schwer es ihr fällt, ihre Wohnung so tiefgreifend verändern zu müssen. Ich bekomme das, was einmal ihr Arbeitszimmer war. Ihr bleibt also noch SchlafzimmerEsszimmerWohnzimmer, aber sie atmet bereits jeden Tag mindestens eine Stunde panisch in eine Papiertüte, weil sie klaustrophobe Schübe hat.

Es wird eine tolle Zeit mit Moira. Warum wir trotz allem Freundinnen sind, weiß ich auch nicht. Wir sind es einfach.

Kategorien: Diary
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Die Buchmesse.

Oktober 21, 2008 · Kommentar schreiben

Kurz war sie für mich, aber nett. Es gab gutes Essen bei meiner Verlagsfeier, und mein Buch wurde am Publikumstag nur so vom Stapel weggestohlen, man kam kaum mit dem Nachlegen hinterher. Im Kopf bin ich aber schon beim nächsten Buch, „Diesseits der Dunkelheit“. Meine Lektorin wartet schon auf einen cleveren Klappentext …

Und nach Schottland muss ich in diesem Jahr doch auch noch. Zum Umziehen. David, mit dem ich das Haus teile, wandert nach New Mexico aus (irgendwas mit einer Sternwarte, aber ich habe ja noch nie so genau verstanden, was er eigentlich macht, wenn er nicht gerade für die halbe Nachbarschaft kocht – das werde ich am meisten vermissen), er hat schon alles in Kisten gepackt und meine Sachen bei Moira geparkt. She was not amused, obwohl sie bei der Größe ihrer Wohnung bestenfalls einmal im halben Jahr überhaupt bemerken wird, dass da Kisten stehen, die nicht zu ihr gehören.

Wenigstens war das Berliner Wetter heute in Ordnung, und ab jetzt fangen die Schreibnächte wieder an. Lasst mich nicht alleine, nach Mitternacht …

Kategorien: Diary · Roman
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Anobella fühlte sich sehr intelligent unterhalten.

Oktober 17, 2008 · 2 Kommentare

Von „Wenn es dämmert“. Hier. Anne Chaplets „Schrei nach Stille“ fand sie auch wunderbar. Auch, wie ich. Ein unglaublich atmosphärischer Roman, ja, mehr Roman als Krimi, mit intensiven Charakteren und fast schon greifbaren Ortsbeschreibungen. Bitte – lesen.

Kategorien: Diary · Roman
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„Alle Voraussetzungen vorhanden“,

Oktober 13, 2008 · 2 Kommentare

findet dpr auf Watching the Detectives und stellt „Wenn es dämmert“ kurz vor.

Kategorien: Roman
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Hexen in Pittenweem

September 27, 2008 · Kommentar schreiben

Eine Szene, die ich bei Lesungen gerne vorstelle, spielt in Pittenweem. Deshalb hier und heute ein bisschen mehr über das Nest:

Pittenweem ist ein nettes Fischerdörfchen am Firth of Forth mit zweieinhalb touristischen Attraktionen, darunter St Fillan’s Cave, eine Höhle, in der eben dieser St Fillan hauste, als er die heidnischen Fifer im 7. Jahrhundert zum Christentum bekehrte.
Der Ort ist nach seiner Höhle benannt. Pit bedeutet Platz, und weem ist die Höhle. Dort soll er gesessen haben, dieser St Fillan, Nacht für Nacht, und geschrieben. Was, weiß ich allerdings auch nicht. Schreiben konnte er in der dunklen Höhle deshalb so gut, weil sein linker Arm leuchtete. Heißt es.
Ungefähr 700 Jahre später buddelten Mönche einen Gang von der Höhle zum Kloster, das oben auf dem Hügel von Pittenweem steht. In dem Gang verschwanden sie, wann immer Piraten im Anmarsch waren. Die Mönche kamen eigentlich von der Isle of May, eine Insel im Firth of Forth, die man von Pittenweem aus gut sehen kann. Sie hatten im Ort aber so eine Art Zweitkonvent. Auf die Isle of May wurden von Fife aus unfruchtbare Frauen gerudert, um dort aus einem Brunnen zu trinken und zu St Adrian zu beten. Was allerdings mit ihnen passierte, wenn sie trotz Trinkens und Betens nicht schwanger wurden, weiß ich nicht. Pittenweem ist ansonsten noch berühmt für seine rührigen Hexenverfolgungen (einen belegten Zusammenhang mit den unfruchtbaren Frauen habe ich noch nicht finden können). Die letzte Hexe wurde 1705 hingerichtet, und das nicht mal offiziell, sondern vom wütenden Pittenweemer Mob. (Nein, nein, die Schweizer waren noch später, da wurde die letzte Hexe irgendwann in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts verbrannt. Aber die Schweizer brauchen ja immer etwas länger. Ich sag nur Frauenwahlrecht.)
Es heißt, in Pittenweem gab es einen auf Frauen nicht sonderlich gut zu sprechenden Herrn, der in so ziemlich jedem Rock Hexen zu sehen schien. Die von ihm zuletzt ausgerufene Hexe wurde vor Gericht gebracht und ins Gefängnis geworfen. Dann versuchte man erstmal drei Jahre lang, Beweise für ihre Hexerei zu sammeln. Als man nichts fand, ließ man sie wieder laufen.

Das wiederum passte dem Priester von Pittenweem nicht so richtig. Vermutlich hatte er gerade kein gutes Thema für die Sonntagspredigt, jedenfalls rief er seine Gemeinde dazu auf, das böse Weib seiner gerechten Strafe zuzuführen. Wo die Justiz zu schwach war, da musste Gott usw. Also rannte die Gemeinde los, zerrte die Frau an den Haaren aus ihrem Haus in den Hafen, band sie an einen der Anlegepflöcke und fing schon mal an, sie zu steinigen. Für den Fall, dass die hinterhältige Hexe das überlebt haben sollte und nur so tat, als sei sie tot, fuhr man anschließend mit dem Pferdewagen mehrfach über sie drüber. Das englische Wort witch kommt übrigens von dem altenglischen wicce, das deutsche Wort Hexe vom altdeutschen hagzissa. Mit dem gerade Erzählten hat das gar nichts zu tun, ich bin nur gerade so im Schwung.

1705, um da noch einmal drauf rumzureiten, hatte Hobbes zwar seinen Leviathan gute fünfzig Jahre vorher veröffentlicht, aber die Aufklärung brauchte noch ein bisschen. Bach feierte 1705 seinen zwanzigsten Geburtstag, Händel schrieb gerade „Almira“ fertig. Shakespeare war zu der Zeit knappe neunzig Jahre tot. Newtons Infinitesimalrechnung war schon ganz groß rausgekommen, außerdem gab es Spiegelteleskope, Rechenmaschinen und, ganz neu, Dampfmaschinen. Und in Pittenweem steinigten sie eine Hexe.
Aber es ist hübsch, dieses Pittenweem. Es hat den größten Fischmarkt in der Gegend, und die Kinder auf der Straße grüßen höflich die Fremden, auch wenn es rothaarige Frauen sind. Nur ein kleiner, etwa siebenjähriger Junge in Combatoutfit hat mir gegen das Schienbein getreten. Wirklich nur einer.

Kategorien: Roman
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Der Unfall mit der Tankstelle

September 25, 2008 · Kommentar schreiben

Tag 1: Ein verwirrter Schotte steuert seinen Wagen gegen drei Uhr nachmittags in die Zapfsäule der örtlichen Tankstelle von St Andrews. Die Feuerwehr hat endlich was zu tun. Die Polizei auch: Sie stehen mehrere Stunden diskutierend um die Säule und den Wagen herum. Der Unfallschotte weint ein bisschen.
Der Unfallort wird allmählich mit mehreren Kilometern Absperrband abgesperrt. Zwei Polizisten in Uniform halten fortan Wache, einer rechts von der Tankstelle, einer links. Jeder Passant wird ausführlilch über den Unfallhergang informiert – ob er will oder nicht – und auf die gegenüberliegende Straßenseite gebeten, damit er sich nicht in Gefahr begibt. Man hat in diesem Land sehr große Angst vor Feuer.
In der Kneipe neben der Tankstelle wird der Unfallhergang minutiös diskutiert, bis nach zwei Stunden kein Auto, sondern ein Laster nicht nur eine Zapfsäule, sondern gleich die Tankstelle plattgemacht hat.

Tag 2: Das Absperrband ist nur noch um die beschädigte Zapfsäule gewickelt. Der Tankwart erzählt jedem, was passiert ist. Die Tankstelle hat heute so viele Kunden wie nie zuvor. Das kaputte Auto wird abgeschleppt.

Tag 3: Sonntag. Ganz St Andrews ist mittlerweile zur Tankstelle gepilgert und hat den Schaden betrachtet. Die Zapfsäule ist immer noch eingewickelt.

Tag 4: Ein Mann in Schutzkleidung, vergleichbar mit einem Bombenräumkommando, läuft eine halbe Stunde mit Kennerblick um die eingewickelte, zerbröselte Zapfsäule. Dann zieht er seine Bombenräumhandschuhe noch ein wenig fester, nimmt sich Klebeband und klebt das Absperrband an der Zapfsäule etwas strammer.

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Tagebuch eines Phobikers

September 24, 2008 · Kommentar schreiben

Hier ist noch mal die Geschichte mit der Taube in St Andrews:

23:00. Gehen von Küche aus in den back garden, um uns frische Luft und Nikotin um die Nase wehen zu lassen. Die Sonne ist gerade mit Untergehen zugange, und es ist ein bisschen kühl. Auf der Fensterbank: eine dicke, aufgeplusterte Taube mit eingezogenem Kopf. Renne schreiend in die Küche zurück. (Bin Vogelphobiker. Patrick Süskind weiß, was ich meine.) Kann nie wieder in den back garden oder die Küche. Badezimmer im ersten Stock über der Küche geht gerade noch so, aber nur, wenn die Fenster zu sind. Victoria muss erst nachsehen und auch sonst im ganzen Haus alles fest verschließen.

3:00. Einschlafen verzögert sich dramatisch. Habe Horrorvisionen von aufgeplusterten Tauben unter dem Bett, im Kleiderschrank und neben dem Kopfkissen. Victoria muss überall nachsehen und befindet den Raum als komplett taubenfrei. Versuche zu schlafen.

6:00. Albträume von aufgeplusterten Tauben, die mich attackieren. Lese lieber Rankins Neuestes, statt weiterzuschlafen, und warte, bis Victoria wach ist, damit sie Bad und Küche kontrollieren kann.

10:30. Muss aufs Klo. Wecke Victoria zum Sicherheitscheck. Keine Tauben im Badezimmer.

11:30. Taube von Küchenfenster verschwunden. Mache Frühstück etc.

14:00. Komme von Morrisons. Schuhcreme und Bürsten gekauft, um unsere Schuhe von mehreren Zentnern Ackerland zu befreien, in dem wir gestern beim Fotografieren eingesunken waren. Plan: Schuhe in taubenfreiem back garden säubern.

14:05. Renne nach 10 Sekunden schreiend in Küche zurück und verbarrikadiere Tür. Renne schreiend in den Flur. Victoria sieht nach und entdeckt sie ebenfalls: Taube sitzt nun unter dem Küchenfenster und bewegt sich nicht. Tier muss krank sein. Verbiete Victoria, das Vieh anzufassen.
Ich sage: „Was mach ich, wenn die einfach stirbt? Dann liegt die da rum und ich kann nie wieder in den Garten! Und was mach ich mit dem Müll? Ich kann jetzt nie wieder den Müll rausbringen!“
Victoria sagt: „Hier sind so viele Katzen, die erledigen das mit der Taube schon.“
Ich: „Na prima, dann hab ich lauter Federn und Knochen und Innereienreste im Garten, und dann?“
Victoria: „Wenn es eine Katze ist, die dich besonders mag, beißt sie sie nur tot und legt sie dir vor die Tür.“

14:15. Kann Haus vermutlich nie wieder verlassen. Stelle mir vor, dass aufgeplusterte Taube nun auch vor der Haustür herumhockt und sich nicht bewegt. Sogar vom Wohnzimmer aus kann man, wenn auch nicht die Taube, dann doch Taubenfedern sehen. Sitze mit Schüttelfrost auf Sofa und überlege, wen man anrufen kann: Polizei, Sondermüllabfuhr, Fife Coucil irgendwas… „Du wirst verhungern“, sagt Victoria. „Irgendwann musst du raus.“ Ich suche jetzt Nummern von Pizzabringdiensten raus.

14:25. Victoria will raus, weil die Sonne scheint und es ihr letzter Tag ist. Flehe sie an, noch mindestens vier Wochen zu bleiben, um nach der Taube zu sehen.

14:45. Plan: Zettel für Gärtner, der hoffentlich in diesem Jahr noch mal auftaucht, an die Tür kleben mit dem Hinweis: „Please remove pigeon from back garden, dead or alive. Am phobic. Cheers.“

15:00. Victoria ruft Katzenalarm im back garden aus. Renne schreiend aus Wohnzimmer, weil Taube mittlerweile vor Terrassentür sitzt und sich nicht bewegt. Victoria versucht, zwischen Katze und Taube zu vermitteln. Nichts tut sich.

15:05. Sitze zitternd auf Treppe, einziger Platz ohne Fenster. Victoria zieht alle Vorhänge zu.

15:30. Trostlosigkeit macht sich breit. Victoria will sich aktuellen Stand zwischen Katze und Taube ansehen. Verbiete ihr, das Haus zu verlassen. Victoria zwingt mich, dreifachen Whisky zu trinken, damit wir endlich ins W-Lan-Café gehen können.

15:35. Victoria checkt Lage im back garden vom Badezimmerfenster aus. Katze lauert immer noch. Taube sitzt mittlerweile direkt vor Küchentür. Back garden damit nicht begehbar. Trinke nun freiwillig weiteren dreifachen Whisky, um Haus verlassen zu können.

15:40. Beschwere mich lallend über Taube vor Küchentür. Victoria wirbt für Verständnis für Taube, weil das Tier sterben wird. Ich sage: „Ja, entweder weil es krank ist, oder weil die Katze schneller ist. Aber warum in meinem Garten?“
V: „Glaubst du, das ist leicht für das Tier?“ Wirft mir Taubenrassismus vor.

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