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Berlin, Kurfürstenstraße.

Dezember 26, 2008 · Kommentar schreiben

Interessanter Artikel über die Entwicklung des Straßenstrichs Kurfürstenstraße. Passt gut zu „Wenn es dämmert“ und zeigt, dass ich mir das nicht alles nur ausgedacht habe …

Kategorien: Diary · Roman
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Die Krimilady sagt was zu „Wenn es dämmert“

November 15, 2008 · 17 Kommentare

Das findet man hier. Ich weiß nicht genau, ob sie das wertend meint am Ende, wenn sie schreibt, die Männer seien alle ganz schön fies. Aber das ist nun mal das Geschlechterverhältnis, das herauskommt, wenn man Sachen wie organisierte Kriminalität, zu der die erzwungene Prostitution und Menschenhandel ingroßen Teilen gehören, recherchiert. (Hier der Hinweis – danke an Christian von sexworker.at -, dass freiwillige Sexarbeit an dieser Stelle nicht gemeint ist und keinesfalls diskriminiert, beleidigt oder herabgewürdigt werden soll.)

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob Literatur/Fiktion die Realität getreu nachzubilden hat. Hat sie nicht. Oder ob Literatur/Fitkion unbedingt gegen die Realität gehen soll. Soll sie nicht. Beides hat Berechtigung, und im Zentrum steht die Geschichte und wie sie sich am besten erzählen lässt.

Ich gebe zu, dass die Zeit der Recherche mich persönlich sehr mitgenommen hat. Nach vielen Gesprächen mit Prostituierten – ehemaligen Zwangsprostituierten wie Stricherinnen wie Edelhuren – gerät das ohnehin nicht sehr glorreiche Männerbild noch mehr in Schieflage. Doch, das gebe ich zu. Die Statistiken bei der Polizei sagen auch, dass die meisten Sexualverbrechen von Männern begangen werden. Nicht alle, aber fast alle. Dass Frauen sexuelle Gewalt ausüben, ist immer noch die Ausnahme. Mir ging es in dem Buch tatsächlich nicht darum, die Ausnahme zu erzählen, das Psychogramm einer sexuell gewalttätigen Frau aufzuzeigen. Mir ging es um realistische Hintergründe. Nicht zuletzt, weil das Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution nicht vergessen werden sollte. Seit der EU-Erweiterung in Richtung Osten hat sich auf dem Gebiet einiges verändert, was eine Geschichte wert ist.

Aber es geht mir auch um die Männer, die zu Prostituierten gehen und sich gar keine Gedanken darüber machen, in welcher Situation diese Frauen möglicherweise sein könnten – ob sie nun am Straßenstrich stehen oder ob sie in einem Edelbordell am Wörthersee zu finden sind.  Die befragten Männer sagten fast ausnahmslos, den Frauen hätte es Spaß gemacht, sie hätten ihnen gesagt, dass sie sich freuten, mal einen netten Mann als Kunden zu haben. Sind Männer wirklich so eitel und unreflektiert, dass sie nicht merken, wenn man ihnen einen Haufen Mist erzählt, nur damit sie wiederkommen und noch mehr Geld da lassen? Sie sind es, jedenfalls die, mit denen ich gesprochen habe.

Auch schockierend fand ich die Geschichte einer moldawischen Menschenhändlerin, die ich in „Wenn es dämmert“ nacherzähle. Eine rumänische Freundin übersetzte mir diese Geschichte, über die ich im Netz stolperte. Ich war auf der Suche nach Hilfsorganisationen für Frauen aus Nicht-EU-Ländern, die sich prostituieren. Heraus kam, dass viele Frauen genau wissen, worauf sie sich einlassen. Dass sie glauben, sie kämen als Schauspielerin, Model oder Putzhilfe groß raus, ist offenbar Vergangenheit. Sie wissen aber nicht, dass sie oft Jahre brauchen werden, um ihre Schulden für die falschen Papiere und die Reise abzuzahlen und dadurch in ungewollte Abhängigkeit geraten.

Diese Menschenhändlerin, die in einem anonymen Interview über ihre Arbeit berichtete, warf mich aus der Bahn: Eine Frau, die anderen Frauen so etwas zumutet. Sie sagte: Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer, und dann geht es den Mädchen viel schlechter. Darf man ihr dieses Gutmenschentum glauben? Sie sagte auch: Die Mädchen bekommen eine Woche Probezeit. Ich bringe sie in türkische Bordelle, und wenn es ihnen keinen Spaß macht, kommen sie wieder mit zurück. Aber es wollte noch nie ein Mädchen wieder zurück. Ist das wirklich so? Einige der Prostituierten, mit denen ich sprach, berichteten von den Verlockungen des Geldes, von den Pradaschuhen und den Guccihandtaschen, die sie sich wöchentlich kauften, um sich irgendwie aufzuwerten. (Ist das schon mal jemandem aufgefallen? Wer alles in den teuren Boutiquen einkauft? Die hübschen jungen Mädchen aus dem Osten haben nicht alle deshalb so viel Geld, weil sie die Schwester oder Ehefrau eines neureichen Russen sind.) Von dem vielen Geld, das sie ihren Familien zu Hause schickten. Von dem Stolz ihrer Familien, die dachten, sie seien Managerinnen. Von der Hoffnung, eines Tages von einem der reichen Kunden geheiratet zu werden. Manchmal klappt es. Eine durfte ich kennenlernen. Und die Geschichten von den Frauen, die deutlich weniger als 200 Euro für eine halbe Stunde (plus Eintritt ins Bordell plus Zimmermiete) bekommen, die noch einige Jahre arbeiten müssen, um wenigstens die Schulden, die sie bei den Menschenschmugglern haben, abbezahlen zu können … Ach, es steht ja alles in dem Buch.

Ich sprach mit Polizisten, von denen ich erfuhr, dass die Betreiber legaler oder auch illegaler Bordelle Freikarten an die Oberen Zehntausend ausgeben. Freier Eintritt, freie Getränke, freie Mädchen. Sie werden gefilmt und wenn es an der Zeit ist erpresst. Unter den Erpressten sind Politiker, Prominente, Polizisten.

Nach der Recherche ging es mir furchtbar schlecht. Ich wollte das Buch erst gar nicht schreiben. Ich hab es trotzdem getan, und jetzt bin ich froh darüber. Ich werde gefragt, ob das alles wirklich so stimmt, und ich muss jedes Mal „ja“ sagen. Daraufhin schweigen die Leute. (Die Männer. Doch.) Wenn es sensibilisiert, wäre das doch schön. Aber ein Mann sagte zu mir: Wozu hinter die Kulissen schauen? Ich will ja auch nicht wissen, wie es in der Küche eines Restaurants aussieht, solange es mir schmeckt.

Liebe Krimilady, ja, das Männerbild ist deutlich in Schieflage geraten, mal sehen, ob ich es wieder hinbekomme. Im nächsten Buch, das verspreche ich, wird alles anders. Ich danke für die ausführliche, differenzierte kluge Besprechung.

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