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Liebe und Tod

Juli 26, 2008 · Kommentar schreiben

(erschienen in Level47)

Sie sind immer so schön, diese Meerjungfrauen und Nixen, und sie eignen sich ganz wunderbar für Liebesgeschichten in Kinderbüchern (Arielle) und Liebesgeschichten in Komödien (Splash). Jedenfalls, wenn man mal die eigentliche Mythologie außer Acht lässt, was wir natürlich nicht tun werden:

Es fing an bei Homer mit den Sirenen. Sie sangen so hinreißend, dass die Seeleute nicht mehr richtig aufpassten und schwupp, Schiff versenkt. Sirenen waren betörend schöne Nixen, die sich in den Kopf gesetzt hatten, Menschen den Tod zu bringen. Ursprünglich halb Vogel halb Frau, später wurde der Vogelpart mit Fischigem ersetzt. So kennen und lieben wir unsere Nixen seit Jahrhunderten und denken zärtlich auch an die Loreley, die auf ihrem Felsen hockt, sich die Haare kämmt und, ganz wie ihre Sirenenschwestern, Seeleute absaufen lässt. Wunderbarer Stoff für Dichter. (Wenn sich mal die Gelegenheit ergibt, bitte den gleichnamigen Song von George Gershwin anhören. Sehr witzig. Besonders die Stelle: „I wanna bite my initials on a sailor’s neck“. Aber ich schweife ab, wie üblich.)

Zurück zu den Nixen. Im slawischen Sprachraum heißt das Nixenäquivalent übrigens Rusálka. Ebenfalls jung und schön und mit einem Fischschwanz versehen, hat auch sie vornehmlich den Tod anderer Menschen im Kopf. In Puschkins Rusálka-Gedicht lockt das schöne blonde Wasserweib den alten Mönch zu sich in die Fluten.

Dabei war eine Rusálka selbst einmal Mensch, eine ertrunkene Jungfrau beispielsweise, oder ein junges Mädchen, dass der dicke, hässliche Wassergeist Wodjanoi in sein Wasserreich entführte. Gewaltsam, versteht sich.

Die Rusálka in Dvořáks gleichnamiger Oper hat erstmal (erstmal!) gar nicht vor, jemanden zu töten. Sie ist einfach nur arg verliebt in den schönen Prinzen und will deshalb Mensch werden, was mit Seele bekommen einhergeht. Dazu lässt sie sich auf einen Handel mit einer Hexe ein: Beine gegen Stimme, sagt die Hexe, und das dumme Ding macht es. Prinz liebt sie, will sie heiraten, sie bleibt aber stumm, Prinz findet das doof, liebt fortan eine andere, Rusálka unglücklich, muss erlöst werden, geht nur, indem Prinz getötet wird. Durch einen Kuss auch noch.

Kommt einem bekannt vor? Klar: Undine von Friedrich de la Motte Fouqué, liegt auch als Oper von E.T.A. Hoffmann vor (nur, dass Undine hier wenigstens sprechen konnte). Oder Hans Christian Andersen: Die kleine Meerjungfrau. Ähnlich auch die altfranzösischen Melusinensagen. Wer eine Meerjungfrau heiratet, darf sie nicht beleidigen, sonst zieht er den Zorn der Wassergeister auf sich und verwünscht die Schöne. Untreue aber ist das Schlimmste: Die Meerjungfrau kann sich dann nur noch retten, indem sie den Angetrauten, wie gesagt, tötet.

Letztens, fällt mir dabei ein, las ich einem kleinen Mädchen eine offenbar gekürzte, Bilderbuch geeignete Meerjungfrauenversion vor: Schönes Wassermädchen rettet Prinz vorm Ertrinken, liebt ihn, will Mensch werden, fragt Hexe um Rat: Beine gegen Stimme, das dumme Ding machte es. Prinz liebt sie, will sie heiraten. Bis dahin kennen wir es. Nur, dass das Buch eben vermeintlich kleinkindgerecht aufgearbeitet war, mit Happy End und allem: Da war nichts mit Prinz findet es doof, dass sie nicht reden kann und so weiter, sondern: Prinz findet es super, dass sie ist, wie sie ist! Ach, ganz vergessen hatte ich: Sie hatte natürlich die schönsten Beine weit und breit bekommen. Was ist das für ein Frauenbild? Ich verbracht anschließend zwei Stunden damit, dem kleinen Mädchen zu erklären, dass das mit dem Sprechen können und eine eigene Stimme haben viel wichtiger sei als auf schönen langen Beinen über einen Laufsteg zu stolzieren. Sie wollte nämlich plötzlich unbedingt Model werden.

Dann doch lieber schön und gefährlich und die Männer in den Tod reißen, wie ursprünglich angedacht, statt schön und unglücklich und der Kerl betrügt einen. Aber da stand den Märchen und Sagen irgendwann der christliche Aspekt des Seelehabenwollens im Weg. Die Unsterblichkeit, die sich aus dem einfachen Wasserwesensein ergibt, reichte der holden Meerjungfrau nicht mehr. Die unsterbliche Seele musste es sein. Doch nicht nur die Religion, auch der Staat mischt sich manchmal korrigierend in die Sagenwelt ein: Die Existenz der Naturgeister wurde im kommunistischen Russland komplett verleugnet, die schönen Geschichten verbannt oder instrumentalisiert. Seit ein paar Jahren gräbt man wieder aus, was verloren ging, und entpolitisiert, was entsprechend verdreht wurde. Die Alten, heißt es, haben den Glauben an diese Wesen nie verloren. Die Jungen müssten diese Welt erst wiederentdecken. Undine findet übrigens noch eine interessante Fortsetzung im 20. Jahrhundert, mal abgesehen von Maurice Ravels wundervollem Klavierstück Ondine (der erste Satz von Gaspard de la Nuit). Ingeborg Bachmann hat sich des Stoffs angekommen in der Novelle Undine geht. Darin beklagt sich Undine – und wohl auch Frau Bachmann latent autobiographisch – über die Untreue der Männer. Stellvertretend für alle Männer geht es hier um einen Hans, was eine Anlehnung an das Theaterstück Undine von Jean Giraudoux ist, wo der untreue Ehemann eben auch Hans heißt und nicht von Undine selbst, aber immerhin von ihren Verwandten getötet wird. Diese Undine kann sich hinterher dankenswerterweise nicht mehr an ihren Hans erinnern, Bachmanns Undine hingegen sehr gut. Sie klagt also seitenweise ihr Leid, stellt fest, dass das mit den Frauen und Männern deutlich nichts ist und auch nichts sein kann, und geht. Zurück. Wo sie hingehört. Weg von den Männern. Also eigentlich kein Komödienstoff, so eine hübsche Meernixe? Ach klar, warum nicht. Ein bisschen mehr vom Zauber einer anderen Welt kann nicht verkehrt sein, die irdische Liebe hält doch auch nicht ewig. Und solange man den Meermädchen nicht wieder die Stimme nimmt, Beine hin oder her, ist doch alles im Rahmen.

Kategorien: Level47 · Magazinartikel
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