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Hexen, heute wie schon immer

Juli 25, 2008 · Kommentar schreiben

(erschienen in Level47)

Wenn man so umgangssprachlich von Hexen spricht, meint man böse alte Frauen, die einem nichts Gutes wollen. Grimms Wörterbuch ist da etwas differenzierter: Es spricht neutral vom Waldweib, der Zauberin, aber auch vom „scheltwort für eine alte, widerliche frau, weil man sich die hexen verschrumpft und triefäugig denkt“. Und dann gar, in der nächsten Bedeutung, ist es ein Kosewort, nein: ein halbes Kosewort für ein „junges, geschwindes weib“. Kosewort?

Die Menschen im Mittelalter und noch eine Weile danach hielten nicht viel von der Kosewortdefinition: Sie verbrannten einfach alles, was nicht schnell genug im Wassergraben (zusammengeschnürt) unterging. Besonders die Deutschen waren gut dabei. Im europäischen Durchschnitt lagen sie mit 25.000 offiziellen Hexenverbrennungen ganz vorne. Hexen, das war ganz klar und zeigt sich auch in den Märchen und Sagen, Hexen waren böse, hässliche, alte Frauen. Die lebten im Wald und lockten besonders Kinder an, um ihnen Böses zu tun. Hänsel und Gretel, zum Beispiel, die nur blöderweise nicht schnell genug fett genug wurden, so jedenfalls dachte die dumme Hexe, die den Trick mit dem Stöckchen nicht kapierte. Die russische Baba Jaga war da teils etwas schlauer und verspeiste, im literarischen Durchschnitt gesprochen, deutlich mehr Kinder als ihre deutschen Kolleginnen. (Könnte auch daran liegen, dass die deutschen Märchen und Sagen gründlich bereinigt wurden. Sexuelle Anspielungen ließ man unter den Tisch fallen, was schade ist für Dornröschen und Schneewittchen und so weiter. Die haben in den Varianten anderer Länder deutlich mehr Pfeffer und vor allem Sex.)

Baba Jaga steht in vielen Märchen für Initiationsriten, für die Schwelle zum Erwachsenwerden: Die Kinder kommen zu ihr in den Wald, und nur, wer sich gemäß ihrer Regeln verhält, schafft es sicher wieder hinaus. Bei den in den Wald gesandten Mädchen kommt es darauf an, dass sie sich möglichst brav und wohlerzogen verhalten. Wer sich daneben benimmt, wird bestraft. Daneben benehmen sich, das kennen wir, natürlich immer die Töchter der bösen Stiefmutter. Die Jungs hingegen müssen mehr tun: Aufgaben bewältigen, beispielsweise, gerne mit Hilfe eines Werkzeugs, das stark phallisch anmutet. Der Wald Baba Jagas ist dem Totenreich nahe, die Jungs werden von ihr ausgeschickt, um sich in dieser Zwischenwelt zu behaupten, nur dann dürfen sie in die Welt der Lebenden zurück. Baba Jaga ist natürlich keine schöne junge Frau, wie man sich das pubertierenderdings für einen Initiationsritus erstmal wünsche würde, sondern, auch das kennen wir, eine alte hässliche Erscheinung. Eine Hexe eben. Sie ist noch triefäugiger und ekliger als die von Hänsel und Gretel, in manchen Versionen besteht ein Bein nur aus Exkrementen, sie hat Zähne aus Eisen, ach, und ihre Scham schäumt auch schon mal stinkend vor sich hin. Man könnte das noch fortsetzen, aber viele Leute essen ja beim Lesen.

Bei genauer Betrachtung hat die Entwicklung zum eindimensional bösen alten Weib nach der Christianisierung eingesetzt. Zuvor war sie zwar ebenfalls eine alte (Baba bedeutet u.a. Großmutter), aber weise Frau, die im Wald lebte. Mit dem Christentum kamen, ganz wie bei der deutschen Hexe, Besen, schwarze Katze und das Bündnis mit dem Teufel hinzu. Vergessen auch die heidnische Darstellung der Baba Jaga als Teil der dreifaltigen Göttin: Jungfrau, Mutter und altes Weib. Das alte Weib, Baba Jaga, ist für Tod und Wiedergeburt zuständig. Aber das heißt ja erstmal nichts Böses. Überhaupt muss man erstmal festhalten: Hexen oder Baba Jagas oder sonstige Gestalten mit Kräuterwissen und besonderen Fähigkeiten konnten heilen und helfen, sie konnten aber auch verfluchen und andere ins Unglück stürzen. Ganz, wie sie sich entschieden.

Die Christianisierung aber brachte erstmal klare Regeln in das bunte heidnische Figurendurcheinander. Die Kirche hatte schon sehr früh entschieden, dass „gute“ Magie gar nicht existierte, somit auch „böse“ war und kurzum wie alles, was den Kirchenvätern nicht in den Kram passte, vom Teufel kommen musste. Die organisierte Hexenverfolgung ließ noch eine Weile auf sich warten, wurzelt aber in dieser Überzeugung. Ausnahme waren die Wundern und die Marienerscheinungen und sowas, ganz klar. Es ging ganz simpel darum, wer einen Kranken heilt und wem sich eine Erscheinung offenbart.

Wenn sich eine Gruppe dazu aufschwingt, willkürlich zu entscheiden, was richtig und was falsch ist, und eine solche Entscheidung ist immer eine willkürliche, kommt es in Zeiten von wirtschaftlicher Instabilität, Epidemien, Kriegen und Naturkatastrophen gerne zum Erstellen eines Feindbildes. Ein Sündenbock muss her, um von eigenen Fehlern oder eigener Ohnmacht abzulenken. Die Kühe werden der Reihe nach krank und sterben? Die Pest sucht das Dorf heim? Sintflutartige Regenfälle zerstören die Ernte? Na, einer muss ja den Fluch ausgesprochen haben. Wen konnten wir noch nie leiden, wer war uns schon immer suspekt? Schon haben wir jemanden für den Scheiterhaufen. Das Konzept setzt sich leicht ins Private fort. Persönliches Unglück lässt sich der Nachbarin zuschreiben, die immer schief schaut und irgendwelche Kräuter zusammensucht. Fälle wurden bekannt, in denen Männer jene Frauen als Hexen anprangerten, die sich ihnen nicht hingeben wollten. Wurde ein Mann beim außerehelichen Beischlaf erwischt, schob er gerne schon mal zu seiner Verteidigung vor, sie habe ihn verhext, er sei von Dämonen besessen gewesen. Der Mann bekommt eine überschaubare Dämonenaustreibung verordnet, sie hingegen wird handlich zusammengeschnürt und in den Dorfweiher geworfen: sink or swim. Wer untergeht, war unschuldig, aber leider tot. Wer oben treibt, ist eine Hexe und gehört verbrannt.

Während die Deutschen mit sprichwörtlicher Gründlichkeit gegen die Hexen vorgingen, waren die Russen vergleichsweise zurückhaltend, verbrannten sie doch nicht mal hundert Frauen – und noch viel weniger Männer – offiziell. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland? Vielleicht. Die fleißigsten Hexenverfolger waren katholische Landesfürsten, was aber nicht heißt, dass in anderen katholischen Ländern der Scheiterhaufen ebenfalls so boomte. Der Calvinismus ließ den deutschen Feuereifer abkühlen, dies brauchte aber seine Zeit. Der Mensch, katholisch oder reformiert, liebt nämlich das Spektakel. Im schottischen St Andrews, einst katholische Hochburg des Nordens, 1560 durch John Knox reformiert, kannte man sich bestens mit Scheiterhaufen aus. Zwei Jahre zuvor noch verbrannte man die Protestanten, doch nachdem diese das Sagen hatten, suchte man sich Frauen, die der Heilkraft der Kräuter kundig waren. War das Feuer bis Dundee zu sehen, dann war es ein gutes Feuer.

Die letzte europäische Hexe wurde 1782 in der Schweiz hingerichtet. Was danach inoffiziell geschah, ist eher schlecht dokumentiert, aber wenn man bedenkt, dass die katholische Kirche heute noch Exorzisten ausbildet, braucht man nicht so richtig viel Phantasie.

Überhaupt: Heute. Der Hexenbegriff ist mehrfach umgedeutet worden, unter anderem durch die Frauenbewegung im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert. Selbst Kinderbücher nehmen die Angst vor der Hexe und stilisieren sie zu einem frechen, kecken Wesen. Im Zuge der Hinwendung zu alternativen Religionen und Glaubensgemeinschaften wurde das Hexenbild entsprechend angeglichen und versucht, den Begriff der Hexe als Synonym für die weise, kräuterkundige Frau einzuführen. Heute also ist es wieder so, wie es vielleicht ganz früher einmal war: Die Hexenkunde ist jedem zugänglich und erlernbar, und was der einzelne daraus macht, gut oder böse, bleibt jedem selbst überlassen.

Die neuen Hexen bemühen sich um ein positives Image und haben Homepages, auf denen sie erklären, warum es nichts Schlechtes ist, eine Hexe zu sein: Man braut ein paar Tees, man mischt Sälbchen, man denkt sich lustige Zaubersprüche aus, trägt Amulette, trifft sich mit gleichgesinnten Hexen, die man aus einem Forum oder über MySpace kennt, zwecks Austausch und führt ansonsten ein unfassbar normales Leben. Alexandra zum Beispiel nennt sich in ihrem Hexenalltag Sheerie. Sie lebt nach dem keltischen Jahreskreis und sehnt sich nach einem Leben irgendwo in Schottland oder Irland, auf jeden Fall näher an den Feen und Geistern, denn diese kann man dort noch spüren. (Ich muss es wissen, ich komme von dort: Da glauben alle an Feen und Geister.) In ihrem Alexandra-Alltag hat sie aber schon mal Probleme. Man verscheuchte sie aus dem Kindergarten, in dem sie als Erzieherin arbeitete, weil ein erzürnter Vater sie im Internet entdeckt hatte und sich nun sorgte, sie könnte dem Kinde einen Tee verabreichen. Das hatte sie natürlich schon die ganze Zeit getan: Hagebutte, Früchte, Kamille, was eben so anstand. Aber eine Hexe, da kommt der im Märchen verbreitete Archetypus der kleine Kinder fressenden Alten wieder durch. Eine Hexe gehört nicht in die Nähe von Kindern. Dann lieber Nonnen und Priester, richtig?

Alexandra hat ein Hexenforum gegründet, nun, es ist eines von vielen, aber nehmen wir es einmal exemplarisch her: Sie schreibt in ihren Netiquetten, dass jede Form von Hetze nicht geduldet wird, egal gegen wen. „Viele meinen, sie müssten über Christen herziehen“, sagt sie, „weil sie Hexen verbrannt haben. Aber damit stellt man sich auf dieselbe Stufe.“ Tu, was Du willst, aber schade niemandem, so lautet das Hexencredo, und schlechte Wünsche schaden nun einmal. Wer Schlechtes aussendet, bekommt es dreifach zurück, erklärt sie, und ich erinnere mich an kleine Geschenkbüchlein wie „Bestellungen beim Universum“, wo gesagt wird, man solle nur Gutes wünschen, sich und anderen, denn alles, was in das Universum hinausgeht, kommt zu einem zurück. Oder, wie es im Volksmund so schön heißt, „Wie es in den Wald ruft, so schallt es heraus.“ What goes around comes around.

Sucht man ein bisschen weiter in den Untiefen des Internets, stößt man auf tausende Bücher zum Thema und auf Hexenausbildungen, die man machen kann. Sie drehen sich um Tinkturen und Kräuterkunde, auch das ist nichts Neues, nichts, was nur den Hexen vorbehalten wäre. Ich muss an die Heilpraktikerin im Haus nebenan denken, die ich auch ohne ihre Kräuter als Hexe bezeichnen würde (aber das hat wohl andere Ursachen und gehört nicht hierher). Alles, was ich finde, kenne ich so oder ähnlich aus anderen alten Religionen, vom Schamanismus, von Indianerstämmen, woher auch immer. Uraltes überliefertes Wissen, hier und da angereichert mit Neuem, teils korrigiert aus der Erfahrung, oft vermischt mit Benachbartem. Offen einsehbar für jeden, der sich dafür interessiert, kein Geheimbund, und vor allem: Nichts davon tut irgendjemandem weh. Hexen auf Kuschelkurs?

Weh tut die Hexerei erst, wenn die Menschen dahinter entschlossen sind, anderen Schaden zuzufügen. Diese, sagt Alexandra, fliegen aus dem Forum raus. Erst versucht man, mit ihnen zu diskutieren. Sie sagen, sie haben Ärger mit dem Chef, dem Ex, dem Nachbarn, und wollen ihn verhexen. Manche lenken bald wieder ein, sobald der erste Zorn verraucht ist. Andere suchen sich Foren, in denen sie so etwas mit Gleichgesinnten besprechen können. Wenn es Foren für Selbstmörder und magersüchtige Mädchen gibt, Bauanleitungen für Bomben und Ankündigungen von Amokläufen, dann gibt es auch irgendwo Seiten für schwarze Magier. Nur eben nicht bei Alexandra. Es kommen übrigens immer mehr Männer in ihr Forum. Sie nennen sich auch Hexen, nicht Hexer oder Zauberer. Gleichberechtigung muss sein.

Mein Eindruck aber: Es sind in erster Linie junge Mädchen, die den Weg zum Hexendasein suchen, kaum, dass sie in die Pubertät gekommen sind. Im Grufti-Outfit markieren sie im schulischen Umfeld ihre Andersartigkeit, weil sie bei den typischen Durchschnittsschulschönheiten, die gut im Sport und beliebt bei den Jungs sind, irgendwie nicht mitmachen wollen. Sie kanalisieren ihre gesamte Pubertätsmelancholie, ihren Weltschmerz und ihre tiefe Sehnsucht, sich endlich verstanden zu fühlen, in der Magie. Sie malen ihre Träume, schreiben darüber Gedichte und geben sich phantasievolle Namen keltischen oder ägyptischen Ursprungs. Sie treffen auf welche, denen es ganz genauso geht, und sie blühen in dieser Parallelwelt auf. Was ist daran falsch? Nichts. Sie finden ihren Weg wie alle anderen. Ob sie später Hexen bleiben oder nicht, ist egal, denn es ist wie mit allem anderen: Solange sie sich entscheiden, niemandem, auch nicht sich selbst zu schaden, müssen sich ihre Eltern keine Sorgen machen. Dazu braucht es keine Diktion von oben, die besagt, wer gut und böse ist, denn viele wissen ganz von alleine, was gut und böse ist.

Ihren Weg mit der Hexerei macht auch Thea. Thea ist offenbar schon sehr bekannt, nicht nur in Hexenkreisen. Sie hat eine Internetfernsehsendung und eine Internetradiosendung zusammen mit einem Medium und einer Fee, schreibt viele Bücher, gibt Seminare und verkauft alles, was die junge Hexe nun so braucht oder auch nicht. Die Werbung eines großen Kaffeerösters, der jede Woche eine neue Welt präsentiert, stört irgendwie die Hexenaura, finde ich, und ich mag Thea eigentlich nicht anrufen, um mit ihr zu reden. Sie scheint sehr geschäftstüchtig zu sein, vielleicht will sie noch Geld, wenn ich mit ihr rede, und ich muss bei ihrer Webseite an einen Gemischtwarenladen denken, vielleicht liegt das aber auch an dem Werbebanner dieser Kaffeefirma. Ich wende mich – mit einem kühlen Schauer, weil sie mir wohl böse sein wird – wieder den anderen Seiten der Hexen zu, die alle ohne Werbung, dafür aber mit viel Enthusiasmus daherkommen. All die obersten Google-Treffer stellen als erstes klar, dass sie zu den Guten gehören: Weiße Hexen sind sie, die Natur lieben sie, und sie sind weder alt noch warzig noch hakennasig. Kleine Kinder scheinen sie auch nicht zu essen.

Was ist mit den netten Treffen am Brocken oder anderswo, überlege ich, wo sie im Fernsehen gerne Bilder von entrückt tanzenden Menschen zeigen? Alexandra erklärt, dass sich immer mal jemand findet, der auf Anraten der Redaktionen nackt ums Feuer springt. Sie selbst lehnt Aufforderungen dieser Art grundsätzlich ab. Jede seriöse Hexe lehnt sowas ab, betont sie, und ich denke an die Massen fernsehbegeisterter Menschen, die alles tun, um vor eine Kamera zu kommen. Also sind die neuen Hexen ganz normal? Scheint so, nur, dass sie eben nicht ernst genommen werden, offiziell schon gar nicht. Die heidnische Wicca-Bewegung ist seit über zehn Jahren in den USA eine anerkannte Religionsgemeinschaft. Davon ist man in Deutschland noch weit entfernt. Aber das sollte Hexen wie Thea wiederum zuspielen: Wer will sich schon von einer offiziell anerkannten Glaubensgemeinschaftsvertreterin die Karten legen lassen? Das passt nicht, da fehlt der Reiz des Verruchten. Damit spielt Thea, sie gibt sich erotisch mit langen schwarzen Haaren in einem schwarzen, figurbetonten Gewand, und auch die anderen Hexen lassen den Sex-Appeal nicht außen vor: Weg von der hässlichen Alten, hin zur schönen Verführerin, und ach, da sind wir doch fast bei der psychoanalytischen Deutung verschiedener Frauenbilder, nicht wahr? Wie viele Sagen gibt es um die hübsche junge Frau, die den unbedarften Mann verführt, um dann plötzlich als altes Weib über ihn herzufallen? Ach, diese Männer und ihre Phantasien. Freud hätte seinen Spaß an dieser Entwicklung.

Geändert hat sich in Wirklichkeit an den Hexen wohl kaum etwas. Es gibt nach wie vor das gesamte Spektrum: Die weißen und die schwarzen Magier, die, die es jeden wissen lassen, und die, die sich im Hintergrund halten. Die, die mit der Brechstange missionieren wollen, und die, die einfach leben und leben lassen.

Und verfolgt wird auch weiter: Erst kürzlich wollte man eine schwangere Frau in Papua-Neuguinea an den Galgen hängen. Aber sie befreite sich, gebar ihr Kind und plauderte mit der Presse. Wenn vorher nicht schon eindeutig bewiesen war, dass es sich bei diesem Weib um eine Hexe handelte (ihr Nachbar war nämlich gestorben, ooh!), spätestens nach dieser Aktion war es unwiderlegbar. Oder wie jetzt?

Kategorien: Level47 · Magazinartikel
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