Außer auf internationalen Laufstegen sieht man vermutlich nirgendwo so viele essgestörte Mädchen zwischen zwölf und siebzehn wie in einem englischen Mädcheninternat. Ich weiß nicht zuverlässig, wie viele es in meinem Jahrgang waren, aber mindestens die Hälfte. Bei vielen ging es nur temporär um ein paar Pfunde, und sie fingen sich irgendwann wieder. Die meisten, die richtige Probleme mit dem Essen hatten, versteckten diese auf die übliche Art. Kate versuchte, offensiv damit umzugehen, allerdings hatte sie zu dem Zeitpunkt schon vier Jahre gehungert. Als sie sechzehn war, konnte man mit einer Hand ihren Oberschenkel umfassen. Ungefähr da kamen ihre Eltern auf die Idee, sie in ein Therapiezentrum zu stecken, wo man sie eine Weile zwangsernährte. Als sie zurück ins Internat kam, glaubte sie, völlig in Ordnung zu sein und ein normales Verhältnis zu Lebensmitteln zu haben. Das normale Verhältnis bestand aus einem Teller Suppe am Tag, den sie mit Pfeffer zuschüttete.
Hannah machte sich über Kate lustig und nannte sie immer nur „die Dürre“. Als Hannah herausfand, dass Kate bei ihrer Mutter im Bett schlief, wenn sie in den Ferien zu Hause war, machte sie Kate zur Lachnummer der gesamten Schule. Kurz darauf verschwand Kate. Hannah behauptete, Kate sei nun endgültig in der Geschlossenen.
Keiner von uns wusste, dass Hannah gerade zu der Zeit, als sie am heftigsten über die dürre Kate herzog, schon bulimisch war. Hannah war immer schlank gewesen, irgendwann vielleicht etwas dünner als vorher, aber nicht so, dass es auffiel. Nie so dürr wie Kate. Niemand dachte sich deshalb etwas dabei. Vielleicht dachten auch alle, es läge am Prüfungsstress. Vielleicht ließ man sich aber auch von ihrer Art abschrecken, die sie begann, an den Tag zu legen: Lästerte über alles und jeden, beleidigte selbst ihre besten Freundinnen.
Es war diese Zeit, in der sich alle auseinanderentwickelten. Universitätsbewerbungen oder Gap Year, jede hatte mit sich selbst zu tun, die dürre Kate war nur noch Stoff für Schauermärchen. Ich war sowieso die Außenseiterin und hielt mich von den anderen fern, während Hannah dazugehörte. Hannah war ein richtiges Vorzeigemädchen mit unzähligen Freundinnen und noch unzähligeren Verehrern außerhalb der Internatsmauern. Die Welt wartete auf Hannah, das gab sie jedem ganz klar zu verstehen. Eines Tages ging mich Hannah so harsch an, dass ich danach keine Nerven mehr hatte, sie auch nur anzusehen.
Dreizehn Jahre vergingen, bis ich Hannah wiedersah: Sie konnte nur mit Mühe sprechen, bewegte sich wie ein Roboter in Schieflage und erinnerte sich nicht mehr daran, dass sie gerade noch mit mir gesprochen hatte, nachdem ich kurz auf der Toilette verschwunden war. Ein Medizinball hat sie unglücklich getroffen, behauptete die allgegenwärtige Mutter, die sie pflegte. Aber ich hörte auch andere Versionen, die meine Eltern aufgeschnappt hatten: ein Herzklappenfehler sei schuld, eine Entzündung, eine verschleppte Infektion.
Ich besuchte Hannah von da an, was ihrer Mutter nicht passte. Hannahs Mutter hatte schon immer sehr über ihr einziges Kind gewacht, hatte bestimmt, was sie anziehen sollte, welches Instrument sie zu spielen hatte, welche Kurse sie belegen musste. Oh, und wer guter Umgang war und wer nicht. Ich war keiner. Ich besuchte sie schließlich nicht mehr. Niemand, so erfuhr ich, besuchte Hannah mehr.
Ein paar Jahre später fand ich heraus, was mit Hannah wirklich passiert war. Ich erfuhr es von Lindsay, die ich zufällig auf der Straße traf. Lindsay, einst eine Freundin von Hannah, arbeitete nun in einem Londoner Krankenhaus. Hannah war eingeliefert worden, weil sie als Folge ihrer unbehandelten und therapeutisch nicht betreuten Bulimie Herzprobleme bekommen hatte. In der Notaufnahme noch bekam sie einen Herzinfarkt, und die Wiederbelebungsmaßnahmen dauerten fast eine Stunde. Eine Stunde, in der das Gehirn weitgehend ohne Sauerstoff war. Lindsay schlich sich fortan an Hannahs Mutter vorbei ins Krankenzimmer, um nach ihr zu sehen. Sie erlebte, wie Hannah kurz nach ihrer Rückkehr ins Leben, ohne Erinnerung an das, was gerade geschehen war und getrieben von Ritualen, die ihr über Jahre in Fleisch und Blut übergegangen waren, wie Hannah also die Tabletts der anderen Patienten regelmäßig leer aß. Wie sie sich in die Krankenhausküche schlich, um dort an Essen zu kommen. Wie sie anschließend alles wieder rauskotzte, so wie andere sich nach dem Essen die Hände waschen gehen. Hannah kannte nur noch essen und kotzen. Ihre Mutter sah nicht hin. Sagte dem behandelnden Arzt: Meiner Tochter geht es gut, sie isst mehr als vorher, das ist ein gutes Zeichen.
Das also war vor sieben Jahren. Es folgten die Geschichten über Medizinbälle und verschleppte Infektionen. Meinen Eltern erzählte ich, was mir Lindsay über Hannah gesagt hatte, und mit einem Mal fügte sich alles ganz logisch: Warum sie so über die magersüchtige Kate hergefallen war. Warum sie kurz vor den Prüfungen so seltsam geworden war. Über die Rolle ihrer Mutter kann sich jeder seine eigenen Gedanken machen.
Es ist nun gerade erst ein paar Wochen her, als mein Vater mich anrief und sagte: Hannahs Mutter hat uns besucht. Sie wollte uns sagen, dass Hannah wegen ihrer Bulimie so krank geworden ist. Ich fragte ihn: Warum erzählt sie es erst jetzt?
Weil ihr Therapeut ihr geraten hat, sich der Wahrheit zu stellen, antwortete mein Vater. Wir reden hier nicht von Hannahs Therapeut. Sie hat bis heute keinen. Wir reden vom Therapeuten von Hannahs Mutter.
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Hannah isst mehr.
August 6, 2008 · Kommentar schreiben
Kategorien: Magazinartikel
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