(für Level47)
Dauerirrtum vieler ansonsten gesunder und voll zurechnungsfähiger Frauen ist die Überzeugung, dass sie erst richtig glücklich sind, wenn sie richtig dünn sind: Dünne können sich die tollsten Klamotten kaufen und ziehen sabbernde Männertrauben hinter sich her. Die Chancen auf Traummann und Traumjob steigen mit dem Fallen der Pfunde. Die magische Größe 34, das X vor dem S, ist die Fahrkarte in die Glückseligkeit.
Ich bin ja schon immer sehr dünn, meiner Meinung nach zu dünn, aber die Glückseligkeit lässt auf sich warten. Im Leben von ungeplant dünnen Menschen gibt es nämlich einen Haufen Fallstricke. Zum Beispiel:
Restaurants: Die Bedienungen verwechseln immer die Bestellungen und wollen das Steak jemand anderem geben. Ich bekomme dann den übersichtlichen Salatteller. Wer sieht, wie viel ich in Wirklichkeit esse, behauptet sofort, ich sei bulimisch, obwohl ich zuletzt auf einer kurvenreichen Bustour vor über zehn Jahren durch die Dolomiten gekotzt habe. Wann immer es ums Essen geht, erzeugen Dünne feindliches Klima. Das macht wenig Spaß.
Klamottenläden: Viele denken, dass sie in irgendeinen modernen Fummel nicht reinpassen, weil sie zu dick für den Schnitt sind. Stimmt nicht. Ich kann die Sachen auch nicht anziehen und sehe in den meisten Trends völlig blöd und fehlproportioniert aus. Hosen kaufen ist sowieso eine Katastrophe. Und die Verkäuferinnen hassen einen, weil man zwar dünn ist, aber trotzdem zwanzig Sachen anprobiert und doch am Ende nichts kauft. Sie denken, man macht es, um sie zu ärgern.
Sporthallen: Früher im Sportunterricht haben sie mich ausgelacht, weil ich so dünn war. Das sitzt tief. Seitdem sind öffentliche Umkleiden mein Albtraum und ich meide Schwimmbäder und solche Sachen, um nicht wieder „Storch“ oder „Bachstelze“ gerufen zu werden.
Clubs und Partys: Dünne Menschen werden schlecht behandelt. Man macht ihnen keinen Platz, rennt sie um, rutscht nicht zur Seite, wenn sie sich setzen wollen, drängt sie von der Bar weg. Kaum ist man weg, wird hintenrum über einen getuschelt und darüber spekuliert, warum man wohl so dünn ist. Gerne unterstellt man Dünnen, sie seien absichtlich so dünn, um es den anderen mal so richtig reinzudrücken.
Männer: Hat man Größe 34, rennen sie einem nicht scharenweise die Bude ein, weil: Sie denken, man sei zickig, eingebildet und – Achtung! – unsinnlich. Welcher Mann hat schon Lust darauf, mit einer Frau zusammen zu sein, die dauernd Kalorien zählt? Und ich kann mich schlecht hinstellen und jedem erklären: Neinnein, ich esse normal, es ist der Stoffwechsel! Glaubt einem nämlich keiner.
Job: Dünne sind dünn, weil sie sich gesund ernähren und Sport treiben? Ha! Angeblich sind Dünne anfälliger für Krankheiten, leichter reizbar, weniger stressbelastbar. Der Albtraum der Personalabteilungen.
Und es geht noch weiter: Dünne Menschen darf man offenbar einfach mal so anfassen. Am Knie, an der Schulter, am Handgelenk, am Ellenbogen. Manchmal wird man in den Bauch gepiekt, fremde Leute legen einem ihre Hände auf die Rippen oder noch ganz woanders hin. Nicht aus einem unwiderstehlichen Lustgefühl heraus, sondern mit dem Hinweis: Du musst mal mehr essen, du bist ja so dünn. Geht irgendjemand zu einem dicken Menschen, fummelt rum und sagt: Boa ey, bist du fett, iss doch mal weniger!? Nein. Eben.
Ich muss mir auch dauernd anhören: Sag mal hast du abgenommen? Du darfst aber nicht noch mehr abnehmen, hörst du? Das ist bestimmt nicht gesund!!! Dabei wiege ich, seit ich vierzehn bin, genau dasselbe. Obwohl, stimmt nicht ganz. Zwei Kilo mehr sind es, und es sind zwei Kilo, auf die ich sehr stolz bin. Durch diese zwei Kilo hab ich so etwas Ähnliches wie Hüften und Hintern bekommen.
Ich habe eine Umfrage gemacht, warum man dauernd auf das Dünnsein angesprochen wird: Frauen tun es, weil sie selbst davon träumen, ohne zu wissen, wie blöd es in echt ist. Männer, weil sie es dann doch gerne lieber etwas kurviger hätten. „Zum Ankucken“, sagen die meisten Männer, „sind dünne Frauen ja manchmal ok, aber im Bett hätte man gerne auch was zum Anfassen.“ Das haben jetzt hoffentlich alle Frauen mit eingebildeten Gewichtsproblemen gelesen und verstanden. Unsinnlich war das Stichwort, ich wiederhole es gerne nochmal.
Um es kurz zu machen: Es macht nicht halb soviel Spaß, wie alle denken, wenn man dünn ist. Es gehört so viel mehr dazu, sich schön zu fühlen, als ein paar Kilo in die eine oder andere Richtung. Aber das zu verstehen, das gelingt den wenigsten Frauen. Mir auch nicht.
Anekdote zum Schluss: Meine Freundin Moira achtet sklavisch darauf, niemals mehr als 49 Kilo zu wiegen. Finde ich bei ihrer Größe von 1,70 m viel zu wenig. Einmal sprach mich ein Mann in einem Club auf sie an und fragte mitleidig: Sag mal, deine Freundin, ist sie magersüchtig? Ich erzählte es ihr in der Hoffnung, sie würde es sich anders überlegen und ein paar Kilo mehr zulassen. Aber nein, sie freute sich. Freute sich wie blöd darüber, dass man sie für magersüchtig hält.