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Ich, Twiggy

September 20, 2008 · 4 Kommentare

(für Level47)

Dauerirrtum vieler ansonsten gesunder und voll zurechnungsfähiger Frauen ist die Überzeugung, dass sie erst richtig glücklich sind, wenn sie richtig dünn sind: Dünne können sich die tollsten Klamotten kaufen und ziehen sabbernde Männertrauben hinter sich her. Die Chancen auf Traummann und Traumjob steigen mit dem Fallen der Pfunde. Die magische Größe 34, das X vor dem S, ist die Fahrkarte in die Glückseligkeit.

Ich bin ja schon immer sehr dünn, meiner Meinung nach zu dünn, aber die Glückseligkeit lässt auf sich warten. Im Leben von ungeplant dünnen Menschen gibt es nämlich einen Haufen Fallstricke. Zum Beispiel:

Restaurants: Die Bedienungen verwechseln immer die Bestellungen und wollen das Steak jemand anderem geben. Ich bekomme dann den übersichtlichen Salatteller. Wer sieht, wie viel ich in Wirklichkeit esse, behauptet sofort, ich sei bulimisch, obwohl ich zuletzt auf einer kurvenreichen Bustour vor über zehn Jahren durch die Dolomiten gekotzt habe. Wann immer es ums Essen geht, erzeugen Dünne feindliches Klima. Das macht wenig Spaß.

Klamottenläden: Viele denken, dass sie in irgendeinen modernen Fummel nicht reinpassen, weil sie zu dick für den Schnitt sind. Stimmt nicht. Ich kann die Sachen auch nicht anziehen und sehe in den meisten Trends völlig blöd und fehlproportioniert aus. Hosen kaufen ist sowieso eine Katastrophe. Und die Verkäuferinnen hassen einen, weil man zwar dünn ist, aber trotzdem zwanzig Sachen anprobiert und doch am Ende nichts kauft. Sie denken, man macht es, um sie zu ärgern.

Sporthallen: Früher im Sportunterricht haben sie mich ausgelacht, weil ich so dünn war. Das sitzt tief. Seitdem sind öffentliche Umkleiden mein Albtraum und ich meide Schwimmbäder und solche Sachen, um nicht wieder „Storch“ oder „Bachstelze“ gerufen zu werden.

Clubs und Partys: Dünne Menschen werden schlecht behandelt. Man macht ihnen keinen Platz, rennt sie um, rutscht nicht zur Seite, wenn sie sich setzen wollen, drängt sie von der Bar weg. Kaum ist man weg, wird hintenrum über einen getuschelt und darüber spekuliert, warum man wohl so dünn ist. Gerne unterstellt man Dünnen, sie seien absichtlich so dünn, um es den anderen mal so richtig reinzudrücken.

Männer: Hat man Größe 34, rennen sie einem nicht scharenweise die Bude ein, weil: Sie denken, man sei zickig, eingebildet und – Achtung! – unsinnlich. Welcher Mann hat schon Lust darauf, mit einer Frau zusammen zu sein, die dauernd Kalorien zählt? Und ich kann mich schlecht hinstellen und jedem erklären: Neinnein, ich esse normal, es ist der Stoffwechsel! Glaubt einem nämlich keiner.

Job: Dünne sind dünn, weil sie sich gesund ernähren und Sport treiben? Ha! Angeblich sind Dünne anfälliger für Krankheiten, leichter reizbar, weniger stressbelastbar. Der Albtraum der Personalabteilungen.

Und es geht noch weiter: Dünne Menschen darf man offenbar einfach mal so anfassen. Am Knie, an der Schulter, am Handgelenk, am Ellenbogen. Manchmal wird man in den Bauch gepiekt, fremde Leute legen einem ihre Hände auf die Rippen oder noch ganz woanders hin. Nicht aus einem unwiderstehlichen Lustgefühl heraus, sondern mit dem Hinweis: Du musst mal mehr essen, du bist ja so dünn. Geht irgendjemand zu einem dicken Menschen, fummelt rum und sagt: Boa ey, bist du fett, iss doch mal weniger!? Nein. Eben.

Ich muss mir auch dauernd anhören: Sag mal hast du abgenommen? Du darfst aber nicht noch mehr abnehmen, hörst du? Das ist bestimmt nicht gesund!!! Dabei wiege ich, seit ich vierzehn bin, genau dasselbe. Obwohl, stimmt nicht ganz. Zwei Kilo mehr sind es, und es sind zwei Kilo, auf die ich sehr stolz bin. Durch diese zwei Kilo hab ich so etwas Ähnliches wie Hüften und Hintern bekommen.

Ich habe eine Umfrage gemacht, warum man dauernd auf das Dünnsein angesprochen wird: Frauen tun es, weil sie selbst davon träumen, ohne zu wissen, wie blöd es in echt ist. Männer, weil sie es dann doch gerne lieber etwas kurviger hätten. „Zum Ankucken“, sagen die meisten Männer, „sind dünne Frauen ja manchmal ok, aber im Bett hätte man gerne auch was zum Anfassen.“ Das haben jetzt hoffentlich alle Frauen mit eingebildeten Gewichtsproblemen gelesen und verstanden. Unsinnlich war das Stichwort, ich wiederhole es gerne nochmal.

Um es kurz zu machen: Es macht nicht halb soviel Spaß, wie alle denken, wenn man dünn ist. Es gehört so viel mehr dazu, sich schön zu fühlen, als ein paar Kilo in die eine oder andere Richtung. Aber das zu verstehen, das gelingt den wenigsten Frauen. Mir auch nicht.

Anekdote zum Schluss: Meine Freundin Moira achtet sklavisch darauf, niemals mehr als 49 Kilo zu wiegen. Finde ich bei ihrer Größe von 1,70 m viel zu wenig. Einmal sprach mich ein Mann in einem Club auf sie an und fragte mitleidig: Sag mal, deine Freundin, ist sie magersüchtig? Ich erzählte es ihr in der Hoffnung, sie würde es sich anders überlegen und ein paar Kilo mehr zulassen. Aber nein, sie freute sich. Freute sich wie blöd darüber, dass man sie für magersüchtig hält. 

Kategorien: Level47 · Magazinartikel
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Hannah isst mehr.

August 6, 2008 · Kommentar schreiben

Außer auf internationalen Laufstegen sieht man vermutlich nirgendwo so viele essgestörte Mädchen zwischen zwölf und siebzehn wie in einem englischen Mädcheninternat. Ich weiß nicht zuverlässig, wie viele es in meinem Jahrgang waren, aber mindestens die Hälfte. Bei vielen ging es nur temporär um ein paar Pfunde, und sie fingen sich irgendwann wieder. Die meisten, die richtige Probleme mit dem Essen hatten, versteckten diese auf die übliche Art. Kate versuchte, offensiv damit umzugehen, allerdings hatte sie zu dem Zeitpunkt schon vier Jahre gehungert. Als sie sechzehn war, konnte man mit einer Hand ihren Oberschenkel umfassen. Ungefähr da kamen ihre Eltern auf die Idee, sie in ein Therapiezentrum zu stecken, wo man sie eine Weile zwangsernährte. Als sie zurück ins Internat kam, glaubte sie, völlig in Ordnung zu sein und ein normales Verhältnis zu Lebensmitteln zu haben. Das normale Verhältnis bestand aus einem Teller Suppe am Tag, den sie mit Pfeffer zuschüttete.
Hannah machte sich über Kate lustig und nannte sie immer nur „die Dürre“. Als Hannah herausfand, dass Kate bei ihrer Mutter im Bett schlief, wenn sie in den Ferien zu Hause war, machte sie Kate zur Lachnummer der gesamten Schule. Kurz darauf verschwand Kate. Hannah behauptete, Kate sei nun endgültig in der Geschlossenen.
Keiner von uns wusste, dass Hannah gerade zu der Zeit, als sie am heftigsten über die dürre Kate herzog, schon bulimisch war. Hannah war immer schlank gewesen, irgendwann vielleicht etwas dünner als vorher, aber nicht so, dass es auffiel. Nie so dürr wie Kate. Niemand dachte sich deshalb etwas dabei. Vielleicht dachten auch alle, es läge am Prüfungsstress. Vielleicht ließ man sich aber auch von ihrer Art abschrecken, die sie begann, an den Tag zu legen: Lästerte über alles und jeden, beleidigte selbst ihre besten Freundinnen.
Es war diese Zeit, in der sich alle auseinanderentwickelten. Universitätsbewerbungen oder Gap Year, jede hatte mit sich selbst zu tun, die dürre Kate war nur noch Stoff für Schauermärchen. Ich war sowieso die Außenseiterin und hielt mich von den anderen fern, während Hannah dazugehörte. Hannah war ein richtiges Vorzeigemädchen mit unzähligen Freundinnen und noch unzähligeren Verehrern außerhalb der Internatsmauern. Die Welt wartete auf Hannah, das gab sie jedem ganz klar zu verstehen. Eines Tages ging mich Hannah so harsch an, dass ich danach keine Nerven mehr hatte, sie auch nur anzusehen.
Dreizehn Jahre vergingen, bis ich Hannah wiedersah: Sie konnte nur mit Mühe sprechen, bewegte sich wie ein Roboter in Schieflage und erinnerte sich nicht mehr daran, dass sie gerade noch mit mir gesprochen hatte, nachdem ich kurz auf der Toilette verschwunden war. Ein Medizinball hat sie unglücklich getroffen, behauptete die allgegenwärtige Mutter, die sie pflegte. Aber ich hörte auch andere Versionen, die meine Eltern aufgeschnappt hatten: ein Herzklappenfehler sei schuld, eine Entzündung, eine verschleppte Infektion.
Ich besuchte Hannah von da an, was ihrer Mutter nicht passte. Hannahs Mutter hatte schon immer sehr über ihr einziges Kind gewacht, hatte bestimmt, was sie anziehen sollte, welches Instrument sie zu spielen hatte, welche Kurse sie belegen musste. Oh, und wer guter Umgang war und wer nicht. Ich war keiner. Ich besuchte sie schließlich nicht mehr. Niemand, so erfuhr ich, besuchte Hannah mehr.
Ein paar Jahre später fand ich heraus, was mit Hannah wirklich passiert war. Ich erfuhr es von Lindsay, die ich zufällig auf der Straße traf. Lindsay, einst eine Freundin von Hannah, arbeitete nun in einem Londoner Krankenhaus. Hannah war eingeliefert worden, weil sie als Folge ihrer unbehandelten und therapeutisch nicht betreuten Bulimie Herzprobleme bekommen hatte. In der Notaufnahme noch bekam sie einen Herzinfarkt, und die Wiederbelebungsmaßnahmen dauerten fast eine Stunde. Eine Stunde, in der das Gehirn weitgehend ohne Sauerstoff war. Lindsay schlich sich fortan an Hannahs Mutter vorbei ins Krankenzimmer, um nach ihr zu sehen. Sie erlebte, wie Hannah kurz nach ihrer Rückkehr ins Leben, ohne Erinnerung an das, was gerade geschehen war und getrieben von Ritualen, die ihr über Jahre in Fleisch und Blut übergegangen waren, wie Hannah also die Tabletts der anderen Patienten regelmäßig leer aß. Wie sie sich in die Krankenhausküche schlich, um dort an Essen zu kommen. Wie sie anschließend alles wieder rauskotzte, so wie andere sich nach dem Essen die Hände waschen gehen. Hannah kannte nur noch essen und kotzen. Ihre Mutter sah nicht hin. Sagte dem behandelnden Arzt: Meiner Tochter geht es gut, sie isst mehr als vorher, das ist ein gutes Zeichen.
Das also war vor sieben Jahren. Es folgten die Geschichten über Medizinbälle und verschleppte Infektionen. Meinen Eltern erzählte ich, was mir Lindsay über Hannah gesagt hatte, und mit einem Mal fügte sich alles ganz logisch: Warum sie so über die magersüchtige Kate hergefallen war. Warum sie kurz vor den Prüfungen so seltsam geworden war. Über die Rolle ihrer Mutter kann sich jeder seine eigenen Gedanken machen.
Es ist nun gerade erst ein paar Wochen her, als mein Vater mich anrief und sagte: Hannahs Mutter hat uns besucht. Sie wollte uns sagen, dass Hannah wegen ihrer Bulimie so krank geworden ist. Ich fragte ihn: Warum erzählt sie es erst jetzt?
Weil ihr Therapeut ihr geraten hat, sich der Wahrheit zu stellen, antwortete mein Vater. Wir reden hier nicht von Hannahs Therapeut. Sie hat bis heute keinen. Wir reden vom Therapeuten von Hannahs Mutter.

Kategorien: Magazinartikel
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