Nur hier gibt es so viel Kunst umsonst, denn nur hier wohnen so viele staatlich geförderte (mit Hartz IV-Stipendium ausgestattete) Künstler. Deshalb wohl klappt es schwer mit Lesungen, einiges lässt man sich sogar als veröffentlichter Autor vom Buchhändler gefallen: Mehrfache Terminverschiebungen, unbeantwortete Mails, ignorierte Anrufe, verweigerte Buchbestellungen, schließlich die endgültige, unbegründete Absage. Der Buchhändler, meinte einer meiner Verlagsvertreter, ist der natürliche Fressfeind des Autors, dabei sollten wir doch alle am selben Strang usw., jedoch: nein.
Andererseits gibt es hier, auch anders als anderswo, viele Förderer der Kunst, die zwar nicht zahlen können, dafür aber Bühnen stellen und Menschen herbeiholen. Es ist, denke ich, gut, wie es ist. Und statt wie angekündigt am Freitag zu lesen, fliege ich nach Schottland, meine Umzugskartons begutachten und auspacken. Bei Moira ist ein Zimmer frei.
Es war schon immer frei, aber sie wollte die Wohnung nicht teilen. Sie hat vier ZimmerKücheBad in einem großen schönen Jugendstilhaus in Stockbridge („Das ist das Schwabing von Edinburgh“, sagt sie immer, seit sie aus München zurück ist), aber jetzt braucht sie Geld, weil sie sich die Zähne hat machen lassen. Ich werde also bei Moira einziehen. Und dann jeden Tag zu Pippa flüchten, weil ich Moira nicht aushalte.
Pippa will mal mit nach Berlin. Sie ist Jüdin, und es gibt so viel, was sie sich ansehen will. Ihre Großeltern sind Deutsche, und sie versteht ein bisschen Deutsch. Moira sagt, sie würde lieber sterben als nach Berlin zu fahren, weil die Münchner immer über Berlin hergezogen sind. Berlin ist dreckig, sagt sie, und die Leute wissen nichts von Mode. Was nicht stimmt, protestiere ich und zeige ihr diese Seite, aber sie schaut schnell weg und erzählt von ihren Zähnen und wie teuer sie waren.
Pippa fragt, ob ich als nächstes eine Berlingeschichte schreibe. Ich bleibe vage und sage, was mir immer alle gesagt haben: Berlin geht nicht so gut. Warum weiß ich allerdings auch nicht, aber gemerkt habe ich schon, dass es in Berlin auch damit so sehr anders ist, als anderswo. In München, weiß ich von Moira, sind die Münchner furchtbar stolz, aus München zu sein. Und ich kenne so etwas auch von Köln oder Hamburg, oder Edinburgh oder Glasgow. Aber so sind die Berliner nicht, abgesehen davon, dass es schwierig ist, echte Berliner zu treffen. Die meisten sind zugezogen, aus allen Himmelsrichtungen. Und sie werden sofort zu Kleinstädtern, die ihr Revier nicht mehr verlassen: Wohnen sie in Friedrichshain, und jemand lädt nach Charlottenburg – sie bleiben lieber zu Hause, als diesen weiten Weg in die Fremde auf sich zu nehmen.
Es gibt kein Berlin, sagt meine Agentin, und ich sage es einer Berlinerin, einer echten, die dort geboren und aufgewachsen ist. Sie denkt nach und nickt, richtig, so hat sie es noch gar nicht gesehen. Was ist mit dem Mythos Berlin? Eben, nur ein Mythos. Es gibt ja auch kein London, irgendwie. Das liegt am Mythos und an der Größe und daran, dass Mensch letztlich doch Kleinstädter ist.
Moira schreibt mir, seit sie beschlossen hat, mich aufzunehmen, täglich E-Mails, in denen sie mir erklärt, wie schwer es ihr fällt, ihre Wohnung so tiefgreifend verändern zu müssen. Ich bekomme das, was einmal ihr Arbeitszimmer war. Ihr bleibt also noch SchlafzimmerEsszimmerWohnzimmer, aber sie atmet bereits jeden Tag mindestens eine Stunde panisch in eine Papiertüte, weil sie klaustrophobe Schübe hat.
Es wird eine tolle Zeit mit Moira. Warum wir trotz allem Freundinnen sind, weiß ich auch nicht. Wir sind es einfach.