
Mit Susy Schmid und Mitra Devi.
Das Wetter in München: Schneeregen, um die 0°. Das Wetter in Edinburgh: Sonne, um die 10°.
Zwei Monate, sage ich. Länger bleib ich nicht. Dann fahr ich wieder zurück.
Wo willst du dann wohnen?, fragt Moira, nicht ohne Spott. In Wirklichkeit, das weiß ich, rechnet sie die Münchner Miete gerade durch zwei, um zu sehen, ob sich die Wohnung dann noch halten lässt. Sie wirkt zufrieden.
Ich muss sowieso, wegen dem nächsten Buch, erkläre ich.
Wo soll es spielen?, will Moira wissen.
Ich zucke die Schultern. Ich habe nicht mal die Korrekturen von dem, was im August rauskommt, vom Verlag zurückbekommen, und schwafle schon vom nächsten. Ach, nicht so wichtig, murmele ich und packe weiter Kisten in meinen Käfer. Der hat ja zum Glück noch Winterreifen.
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Man hat sie ja mindestens so lange, wie man sie sich leisten kann. In dieser Finanzkrisenzeit aber überkommt mich oft die Panik, und ich frage mich, wie lange ich mir zumindest dieses eine noch leisten kann: Das zu arbeiten, was mir Spaß macht.
Gestern erwische ich mich bei dem Gedanken an R. Wir lernten uns im Studium kennen. Ich saß schon an meiner Doktorarbeit, er kämpfte noch um seinen B.A. in Classics, und litt entsetzlich darunter, dass er es nicht nach Oxford geschafft hatte. Tony Blair ist schuld, erklärte er jedem, Tony Blair hat dafür gesorgt, dass weniger Etonians und mehr von diesen Staatlichen nach Oxbridge kommen. Dass seine Noten nicht gereicht hatten, war zweitrangig. Eton, so fand er, musste doch reichen, hatte auch bei Vater und Großvater gereicht.
R. hatte eine Freundin, die sein Vater als nicht standesgemäß erachtete. Sein Vater, ein Bankier in London und mit einem Sir vorm Namen, erachtete vieles als nicht standesgemäß, weigerte sich aber gleichzeitig, R. eine Haushälterin zu spendieren. R. sollte ja auch was lernen, wenn er schon meinte, an die falsche Uni gehen zu müssen. Jedenfalls wuchs der Druck auf R. irgendwann besonders wegen der falschen Freundin, und die Drohung stand im Raum: Wenn du dir nicht eine andere suchst, mit der ich einverstanden bin, ist nach dem B.A. Schluss mit studieren.
R. suchte also eine andere. Die Verflossene machte diverse Szenen, drohte mit Selbstmord, rief Tag und Nacht an. R., das muss man dazu sagen, war eine gute Partie, was die finanzielle Versorgung anging. Viele andere Qualitäten hatte er leider nicht. Er bestand darauf, dass Madeira die Hauptstadt von Portugal sei, sah keinen Sinn in Opernbesuchen, weil man da nicht auf die Stoptaste drücken konnte, um sich eine neue flasche Wein zu holen, und dergleichen mehr. Ich war regelmäßig zu seinen freitäglichen Parties in seinem Haus eingeladen, und er fragte mich wochenweise sehr interessiert über meine Herkunft aus, bis er der Überzeugung war: Dagegen kann Papa nichts haben. (Er muss einiges missverstanden haben, dachte ich damals, weiß aber heute, dass mich Moira genussvoll in diese Jane Austen-Situation reingeritten hat, indem sie an das Vermögen meines Vaters eine Null hängte.) R. begann also, mich Unwissende auf das Landhaus der Familie einzuladen. Ich lehnte regelmäßig ab. Er legte es als vornehme weibliche Zurückhaltung aus und fuhr schwerere Geschütze auf. Dank Moira hatte er herausgefunden, dass ich an einem Wochenende meinen Bruder besuchen würde, ausgerechnet in Oxford, dem Dorn in R.s Seite. R. reiste mir hinterher und lauerte mir vor dem Haus meines Bruders auf, schwer pikiert darüber, dass ich den ganzen Morgen nicht an mein Handy, das ich ausgeschaltet hatte, gegangen war.
Verwirrt über seine Anwesenheit stimmte ich einem gemeinsamen Orangensaft zu. Wir gingen ins nächste Pub, und R. begann, mir Fragen zu stellen, wie ich mir meine Zukunft denn so vorstellte. Mit Klavierspiel ließe sich nichts verdienen, erklärte er mir, es sei aber zugleich eine wunderbare Eigenschaft in einer Frau: Sie könne, als Zierde des Haushalts sozusagen, bei Gesellschaften aufspielen und die Gäste beeindrucken. Außerdem den Kindern das Instrument beibringen, und überhaupt sei Klavier doch etwas sehr kleidsames bei verheirateten Damen.
Ans Heiraten und Kinderkriegen habe ich nie gedacht, drückte ich mich, ohne es zu wissen, etwas missverständlich aus. R. legte den Satz zu seinem Vorteil aus und erklärte mir, dass dieses ganze Getue mit der Doktorarbeit doch weit unter meinem Niveau sei. Ich hätte es doch wahrlich nicht nötig, mich so weit fortzubilden. Ich hätte doch alle Chancen. Gerade dachte ich darüber nach, ob ich nun ernsthaft im ausgehenden 20. Jahrhundert das Recht der Frau auf Bildung verteidigen musste, als er mir auch schon auseinandersetzte, wie herrlich meine Zukunft sein würde, wäre ich erst mit einem wohlhabenden jungen Mann verheiratet.
Ich platzte gleich heraus: Und was soll ich dann bitteschön machen? Von seinem Geld leben, statt zu arbeiten? Er nickte begeistert, diesmal meinen Ton missverstehend, und sprach von Kindern, die alle ein Kindermädchen haben würden, und davon, dass ich ausreichend Zeit hätte, mich ohne jeden finanziellen Druck den Dingen zu widmen, die mir wirklich Spaß machten. Die Ehefrau eines Bekannten zum Beispiel schrieb hin und wieder für eine Zeitung, ihr Mann sorgte dafür, dass es auch gedruckt wurde, denn er war im selben Herrenclub wie der Verleger. Romane schreiben sei auch eine beliebte Beschäftigung. Sich einem Instrument widmen. Malen. Oder, wenn der Dame gar nichts mehr einfiel, Charity.
Ich bin sicher, dass ich in der Lage sein werde, mein Geld selbst zu verdienen, gab ich verwundert zu bedenken, weil ich immer noch nicht verstanden hatte, was er meinte. Es folgte noch eine wenig erquickliche Diskussion darüber, dass doch auch etwas anderes als finanzielle Absicherung der Grund für eine Heirat sein sollte, und dass Heiraten nur romantische Verklärung und gar nicht mehr zeitgemäß war, bis er mir endlich erklärte, dass sein Vater mich gerne kennenlernen würde. Dass er im Grunde aber schon sein Einverständnis gegeben hatte. Dass er mich daher – und dann fiel er vor allen Leuten auf die Knie – fragen wollte, ob ich seine Frau werden würde.
R. schien gar nichts Ungewöhnliches daran zu finden, um die Hand einer Frau anzuhalten, mit der der intimste Körperkontakt ein Schütteln eben dieser Hand gewesen war. Es schien ihn auch nicht zu stören, dass er in erster Linie nur heiratete, um nach seinem Abschluss noch eine Weile weiter an der Uni bleiben zu können, finanziert von Papa, der auch das Eheweib finanzieren würde. Ich jedoch, voller Ideale, war schlicht entsetzt und teilte ihm dies auch in aller Lautstärke mit.
Warum ich heute manchmal an R. denke? Weil die Vorstellung, ohne finanziellen Druck das tun zu können, was man tun will, plötzlich sehr viel verlockender ist. Mir kommen all die Frauen der Jane Austen-Welt in den Sinn, die aus Liebe heirateten und sich dann Schweine fütternd in bitterer Armut mit zehn Kindern herumplagten. Ihren Töchtern sagten sie: Schau, was aus mir geworden ist, das passiert, wenn man Ideale hat! Natürlich war R. vollkommen indiskutabel, insgesamt auch Heiraten und Kinderkriegen, das sollen andere. Aber so ein Mäzenentum, um etwas von der Heirat abzurücken, wünschte ich mir dann schon in manch dunkler Stunde. Zum Glück gehen diese Gedanken auch schnell wieder vorbei. Aber ich kann nicht leugnen, dass sie manchmal da sind.
Und sie haben ihr Gutes: Man überprüft noch einmal seine Ideale auf Herz und Nieren und schaut ganz genau hin, wie weit man bereit ist zu gehen.
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Verschlagwortet mit Finanzkrise, Heiraten, Ideale, Klavier
“Wir wandern aus”, beschließt Moira. Ich finde diese Reaktion auf Brians Nichtanrufen etwas überzogen, aber sie scheint sich sicher zu sein. “Wir gehen zurück nach München.” Zurück kann es kaum für mich sein, aber für sie. Sie redet ja bis heute von nichts anderem als von ihrer unvergleichlichen Münchner Zeit.
“Was machen … wir … dann in München?”, frage ich sie und frage nicht, warum sie mich einplant, ohne vorher zu fragen. Ich will nämlich gar nicht nach München. Moira hat schon alles geregelt. Für sich natürlich. Sie kann als Assistentin der Geschäftsführung bei einer international operierenden Filmproduktionsgesellschaft anfangen, und als sie mir sagt, was sie verdienen wird, staune ich nicht schlecht. Aber was soll ich machen? Sie findet, dass es egal ist, wo ich mich herumtreibe, wie sie es nennt, aber ich habe keine Lust, zum zweiten Mal in so kurzer Zeit alles zusammenzupacken. Pippa sitzt mit offenem Mund vor uns und weiß gar nicht mehr, was sie sagen soll. Erstmal. Dann flüstert sie: “Ich will mit!” Moira rümpft die Nase, nickt dann aber, als ob sie es zu entscheiden hätte, wer mitkommt und wer nicht.
Keine zwei Tage später hat sogar Pippa einen Job in München gefunden: Sie wird in einer Kunstgalerie arbeiten. Aber was soll ich machen?, frage ich wieder und immer noch. “Komm einfach mit”, sagt Pippa nun in einem Ton, als hätte sie das alles schon vor Monaten entschieden.
Es geht alles viel zu glatt. Nicht nur, dass die beiden sofort neue Jobs gefunden haben – Pippa kann nicht mal genug deutsch. Sie haben auch eine große Wohnung, bezahlbar obendrein, und wie aus dem Nichts steht ein Nachmieter vor Moiras Wohnung, der Pippas Minibude gleich noch mit anmieten will, weil er etwas für seinen kleinen Bruder braucht.
Aber was soll ich machen? Es ist, als hätte ich nur noch diesen einen Satz zur Verfügung. Die beiden, seltsam vereint in ihrer Entschlossenheit, die Stadt zu verlassen, ignorieren mich immer penetranter. Bis ich verstehe, dass da etwas nicht stimmen kann. Dass da mehr dahinter sein muss, als eine Laune, aus der plötzlich mehr wurde.
“Brian”, sage ich zu Moira. “Brian ist mir ja klar, aber das ist nicht alles, richtig?” Moira zuckt die Schultern und murmelt was von “polizeilich verwarnt worden” und “ein bisschen blamiert vor allen Leuten”. Ich weiß nicht, ob ich Details wissen will. Allein der Gedanke, dass Moira eine Stalkerin ist. Aber das erklärt Pippas Verhalten noch nicht. Ich dränge auch sie in die Enge. “Gefeuert”, nuschelt sie, und ich verstehe Satzfetzen wie “Chef aus Wut Kaffee übergegossen” und “Sicherheitsbeamte wurden gerufen”. Scheinbar ging es um eine Expertise für ein Gemälde, von der Pippa nicht viel hielt, die allerdings von der Ehefrau ihres Chefs angefertigt worden war. Irgendwie schlecht, ausgerechnet dabei beweisen zu müssen, dass der eigene Sachverstand der bessere war.
Die beiden wollen also abhauen. Ihren Gespenstern aus dem Weg gehen. Straßenseite wechseln reicht ihnen nicht, die Stadt ist ihnen zu klein geworden, ach was, das ganze Land ist nicht groß genug für Moira und Brian (und seine Ehefrau und die Polizei), und für Pippa und ihren Chef (und dessen Ehefrau und irgendwelche Kunstfälschungen).
“Na gut, ich komme mit”, sage ich endlich, weil ich keine Lust habe, neue Mitbewohner zu suchen, und alleine kann man sich hier ja nichts leisten. “Aber gleich München”, jammere ich.
“Du wirst es mögen”, beteuert Moira. “Sie haben da eine ganz neue Synagoge”, strahlt Pippa, und ich packe schon wieder meinen Kram. Es fällt einem doch jedes Mal aufs Neue etwas auf, das man schon längst hätte wegwerfen können.
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Endstation Ostsee, Hg. H.P. Karr:
Wildes Wasser, blühende Landschaften. Die Ostseeküste samt Usedom und Rügen ist Schauplatz von stürmischen Mordgeschichten, cleveren Gaunerstories und wildromantischen Piratenkrimis.
Der Herausgeber H.P. Karr hat unter anderem Henrike Heiland und Petra A. Bauer nach Rostock geschickt, Zoe Beck nach Usedom, Peter Gerdes nach Stralsund, Anne Chaplet nach Bad Boltenhagen, Nina George nach Kühlungsborn, Birgit H. Hölscher auf den Darß, Hartmut Mechtel nach Warnemünde und hat am Ende ihre mörderische Ernte eingesammelt. Blutrot schlagen die Wellen an den Ostseestrand, tiefschwarz sind die Geschichten in diesem Band.
Erscheint im Mai, und kann man außer über den netten Buchhändler nebenan oder amazon.de auch direkt vom Verlag beziehen.
Die Veranstalterin hat ein ungewöhlich aufmerksames und gut vorbereitetes Publikum. Die Hälfte, so schien mir, kannte sich in Schottland bestens aus. Und der Rest war ausnehmend gut gelaunt, höflich und nett. Eine Frau lud mich sogar zu sich ein. Vielleicht schickt sie mir ja noch ihre Adresse. Sie kommt aus Ostfriesland und wohnt an der Küste, gegenüber von Wangerooge.
Als Kind war ich mal auf Wangerooge und fand es großartig, dass man von der Insel zum Festland laufen konnte, wenn Ebbe war. Was ich natürlich nicht gemacht habe. Ich war ja erst fünf. Außerdem erinnere ich mich daran, dass ein Schiff einmal bei Ebbe vor dem Nordstrand der Insel steckenblieb. Große Aufregung. Alle rannten vor, um zuzusehen. Die Macht der Gezeiten hatte eine Gruselfaszination für mich, doch.
Obwohl mein allererster Tag nicht so überragend war. Es stürmte, ich hatte die Fähre vollgekotzt (nachdem ich Papas Mercedes vollgekotzt hatte … travel sickness …), und als ich ins Wasser rannte, erwischte mich nach einer halben Minute eine Welle, die ungefähr doppelt so hoch war wie ich groß. Ich war ein sehr zartes Kind. Mein Vater musste mich aus der völligen Orientierungslosigkeit befreien. Den Rest des Urlaubs spazierte ich am Strand auf und ab und rannte eifrig vor dem anschwappenden Wasser weg.
Außerdem gab es (und gibt es sicher immer noch) das Café Pudding. Ich glaube, es hieß so, weil es ein riesiges rundes Gebäude war. Eben rund wie ein Pudding. Oder vielleicht hab ich es als Kind auch nur so gedacht. Sie hatten ein Kino auf der Insel, in dem die Filme ausfielen, wenn Nebel war, und im Kurhaus stand ein Flügel, auf dem man mich herumhacken ließ (Bach, sehr zum Unbill der Kurverwaltung, die sich auf Hänschen klein eingestellt hatten). An irgendeiner Querstraße gab es Pommes rot-weiß (auch eine absolute Neuentdeckung für mich, von den Eltern aus absolut verboten und deshalb von uns Kindern sehr begehrt), und sie spielten etwas, das hieß Cobigolf. Vielleicht hieß es auch ganz anders, jedenfalls nicht Minigolf.
Am allerschönsten fand ich das Naturschutzgebiet. Eine kleine Bahn fuhr vom Fähranläger daran vorbei ins Dorf. Die Strecke blieb mir in so wunderbarer Erinnerung wie ein Teil der Bahnstrecke von Cork nach Cobh (ich war fünf, da erscheint alles irgendwie viel größer). Es ist ja das Gefühl, das zählt. Ja, Wangerooge!
Ich weiß nicht, ob man als Erwachsene noch einmal hinfahren darf, ob es die Erinnerung nicht kaputt macht.
Aber auf einen Tee würde ich schon gerne mal vorbeikommen. Wenn sich die Dame meldet.
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Verschlagwortet mit Cobh, Cork, Gezeiten, Hamburg, Lesung, Ostfriesland, Urlaub, Wangerooge
Hier kann man das nachlesen. Viele andere sehr gute Beiträge findet man dort außerdem.
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Und natürlich schneit es schrecklich. Erkältung außerdem. Sie haben dort eine Mikrophonanalge, was gut ist. So muss ich nicht sechzig Leute anschreien.
Erkältet habe ich mich auf der Beerdigung eines entfernten Verwandten in Bromley. Alle trugen Pelzmäntel, außer mir. Ich war die einzige, die gefroren hat. Scheinbar hat Pelz einige Vorteile.
Im Grunde war es eine sehr vergnügliche Beerdigung. Es tauchte eine Tochter auf, von der niemand wusste, und nachdem der Priester alles gesagt hatte, was es gemeinhin zu sagen gibt, rannte jemand mit einem Ghettoblaster nach vorne, um den “Bolero” zu spielen. Der Verstorbene hatte es sich so gewünscht. Nun ist der “Bolero” nicht zwingend eine vergleichbar große Entgleisung im Werk Ravels, wie es “Für Elise” im Werk Beethovens ist. Aber sechzehn Minuten, von so leise, dass man es nicht hören kann, bis so laut, dass der Ghettoblaster fast platzt, bei schlechter Akustik und dreihundert Trauergästen, die an Bo Derek denken und das Gelächter als unkontrolliert entfahrene Schluchzer tarnen – ich hielt es zunächst für einen gelungenen Streich des Verblichenen, bis in einem Nachruf erklärt wurde, dass er diese Komposition als Abbildung seines Lebens begriff. Noch mehr unkontrollierte Schluchzer.
Drei Stunden später dreihunter volltrunkene lachende Gäste, die im schlechten Chor die “Bolero”-Melodie grölten.
Der Priester erklärte mir, dass er für die Friedhofskapelle als nächstes eine teure Soundanlage kaufen wollte. Ich schlug stattdessen eine Heizung vor, aber er bestand auf der Soundanlage. Seit Monaten muss er Ghettoblaster ertragen, aus denen “My Way” und ähnliches in schlechter Qualität dudelt, jetzt reicht es ihm. Sein Organist beteuert lallend, dass er “My Way” viel besser auf der Orgel spielen könnte und kann immer noch nicht verstehen, warum ihn keiner lässt. Irgendwann geht ein Zettel herum, in den jeder seinen Abschiedssong eintragen soll, und der Priester erzählt von seinem Freund, der mit dem Fahrrad auf dem Jakobsweg unterwegs war und kurz hinter der spanischen Grenze keine Lust mehr hatte und nach Hause gefahren ist.
Ist das nicht Stoff für eine Kurzgeschichte?, fragt die Veranstalterin, als ich ihr erkläre, wo ich meine Erkältung herhabe. Ich weiß nicht, sage ich. Wäre das nicht ein bisschen pietätlos?
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Moira sitzt jetzt seit Sonntag zu Hause. Sie geht nicht mal zur Arbeit. Wenigstens duscht sie ab und zu, aber nur, wenn ich ihr damit drohe, ihre sauteuren Biokaffeepads aus dem Gefrierschrank zu verbannen. Oder ihr Milch mit normaler Fettstufe unterzujubeln, ohne ihr was davon zu sagen. Dann hasst sie mich zwar, geht aber duschen.
Die Katastrophe, die ihr Leben ereilt hat, heißt Brian und ist natürlich verheiratet. Brian ist schon eine ganze Weile verheiratet, aber das hat ihn bisher nie wirklich gestört, außer wenn sie darauf bestand, auch mal ein Wochenende mit ihm zu verbringen. Dann war er immer ganz besonders verheiratet, und ach, die Kinder. Unter der Woche nicht so sehr. (Gut, außer, wenn sie wollte, dass er über Nacht bleibt.) Also eigentlich war er stundenweise mal nicht so sehr verheiratet, und dann wieder.
Aber Moira war sich sicher, dass er der Richtige ist. Wäre sie nur ein paar Jahre früher gekommen, jammerte sie immer dann, wenn er nicht bei ihr übernachten wollte. Dann hättest du jetzt zwei Kinder und ein Reihenhaus, schlage ich vor. Pah, nicht mit mir!, entrüstet sich Moira. Keine Kinder! Vielleicht wollte er welche, lege ich ihr nahe, aber sie schüttelt energisch den Kopf. Niemals! Alles Unfälle! Na gut, sie leidet ganz gerne, aber was sie seit Sonntag veranstaltet, das ist neu. Nicht zur Arbeit gehen ist ganz neu.
Ist denn nicht alles gut?, frage ich vorsichtig. Ich weiß ja, dass Brian am Wochenende bei ihr übernachtet hat. Frau und Kinder waren irgendwo anders. Weg eben. Sie antwortet nicht, sie brütet weiter vor sich hin, hält ihr Handy in der Hand (außer unter der Dusche, da liegt es dann auf dem Klodeckel) und glotzt aus dem Fenster. Auch, wenn sie zwischendurch geduscht hat – den Pyjama hat sie nicht gewechselt. Hat er die ganze Zeit mit seiner Frau telefoniert, oder was ist los?, will ich wissen. Sie schweigt beharrlich weiter und ich lasse sie in Ruhe, ich hab schließlich besseres zu tun, zum Beispiel noch mal das Manuskript durchlesen, das die Lektorin schon als vermisst gemeldet hat.
Irgendwann kommt sie zu mir ins Zimmer. Wenn er anruft, bin ich nicht da, sagt sie und legt ihr Handy auf meinen Schreibtisch. Also ob, denke ich, denn schließlich hat er seit Sonntag nicht angerufen. Sag mir, was los ist, versuche ich es nochmal, diesmal mit einem Gähnen, und sie fängt an zu heulen. Man versteht sie nicht so besonders gut, wenn sie heult und gleichzeitig versucht zu sprechen. Aber ich reime mir zusammen, dass Brian ihr wohl gesagt hat, er würde seine Frau für sie verlassen, und Moira muss ihn daraufhin aus der Wohnung geworfen haben. (Ohne seine Sachen, die warf sie ihm direkt auf den Parkplat vorm Haus. Wie schade, dass ich um diese Zeit geschlafen habe.) Du wolltest ihn doch für dich?, frage ich etwas verwirrt, und sie schaut mich an, als könne ich eins und eins nicht zusammenrechnen. Er will bei mir einziehen!, buchstabiert sie mir: Er hat Kinder! Was dachtest du, sage ich reichlich naiv, dass er die nie mehr wiedersieht? Du verstehst auch gar nichts, schnauft sie, tippt noch mal auf ihr Handy und befiehlt: Wenn er anruft, bin ich nicht da.
Bis jetzt hat er noch nicht angerufen.
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