Monatsarchiv: Juli 2009

Männer. Sachen.

Mein Bruder braucht ganz dringend eine Zeitung. Er will nicht Nachrichten sehen, er will nicht im Internet schauen, er muss eine Zeitung haben. Also gehen wir eine Zeitung kaufen.

Er findet sie, klemmt sie sich unter den Arm und liest sich noch an einem Sportmagazin fest. Die Verkäuferin vertieft sich in den Anblick ihrer Nägel. Jeder einzelne Nagel ein kleines buntes Schaubild, auf dem mindestens die ganze Welt zu sehen ist. Ich werde von ein paar Kunstmagazinen angesaugt, stocke sie mit Literaturzeitschriften auf, finde noch ein paar Wissenschaftsmagazine, alles Zeug, das ich nie lese, vielleicht auch nie lesen werde, aber man darf mit mir keine Zeitschriften kaufen gehen. Ich will dann immer alle haben.

An der Kasse treffen wir wieder aufeinander. Mein Bruder hat mittlerweile noch ein Eis auf seine Zeitung gelegt. Ich hieve meinen 100 Pfund-Stapel daneben. Wir zücken gleichzeitig die Kreditkarten.

“Zahlst du das?”, sagt er, weil er mir vorhin das Essen bezahlt hat.

Ich halte der Verkäuferin meine Karte entgegen. Sie nimmt sie vorsichtig zwischen ihre Bilderbuchnägel.

“Ich dachte, es muss umgekehrt sein”, strahlt sie. Sie kommt irgendwo aus Osteuropa, Polen vielleicht.

Mein Bruder grinst. Er weiß, was jetzt kommt. Oder nein, er weiß, dass ich drauf und dran bin, einen langen Vortrag darüber zu halten, dass Frauen ihr eigenes Geld verdienen, gerne auch mehr als so ein Dings. Mann. Ist ja nicht das erste Mal, dass sich jemand wundert, wenn ich bezahle und nicht er. Aber dann sehe ich auf ihre Fingernägel und denke: Sie hat Vorurteile, ich hab Vorurteile, was soll’s.

“Er hat sein Taschengeld schon aufgebraucht für diesen Monat”, flöte ich, und zu ihm: “Dein Eis zahlst du aber selbst, oder du musst es weglegen.”

Er versucht, nicht zu lachen, macht stattdessen eine beschämte Miene, um im Spiel zu bleiben.

“Wetten, jetzt ruft sie ihren Freund an und sagt ihm, wie sehr sie ihn liebt”, meint mein Bruder, als wir wieder draußen sind. Ich drehe mich um. Sie telefoniert wirklich, und sie macht dabei ein Flirtgesicht.

“Damit sie ihm kein Taschengeld geben muss?”, frage ich.

“Du hast ihr Angst gemacht”, wirft er mir vor.

Vielleicht das nächste Mal doch lieber der Vortrag über Frauen und Männer und Sachen. Der nervt nur, macht aber keine Angst.

Lichtscheu.

Gut, das bedient das Klischee: Autoren schreiben nachts. Dabei kenne ich viele, die morgens ihre beste Zeit haben und abends nichts mehr auf die Reihe bekommen. Einige sogar sehr berühmte sagen, sie stehen morgens um, weiß nicht, vier? fünf? auf, schreiben ein, zwei Stunden, dann haben sie ihre Tagesration und machen den Rest des Tages was anderes.

Das hört sich sehr praktisch an. Ich puzzle den Tag so vor mich hin und warte, bis meine Figuren, dieses lichtscheue Gesindel, endlich aufkreuzen. Sie kommen meistens wirklich erst so nach Einbruch der Dunkelheit. Weiß der Henker, was sie vorher machen und wo sie sich rumtreiben, den ganzen Tag. Nicht bei mir.

Jetzt gerade warte ich auf Ben, er wollte – sollte – Fiona mitbringen, die kenne ich noch nicht richtig, aber ich kann sie mir schon ein bisschen vorstellen. Wie eine von diesen Kunstszenebräuten, die Moira angeschleppt hat. So könnte Fiona sein. Wenn sie nur endlich mal auftaucht.

Manchmal.

Ich weiß dann auch nicht, was ich falsch mache. Gestern morgen zum Beispiel. Im Wartezimmer. Ich bin zum ersten Mal dort, alles sehr Stahl-Glas-Design, und in den Anmeldebogen muss man eintragen, ob man sich über neueste Kosmetikangebote informieren lassen möchte. Beim Arzt. Ich möchte nicht, und das nimmt man mir offenbar übel. Mieses Karma für den Rest des Tages, here we come: “Herr Beck, bitte.” Ich warte, ob ein Herr Beck aufsteht. Nichts passiert. “Herr Beck, bitte.” Ich räuspere mich und biete an, anstelle des verschollenen Herrn Becks zu kommen. In der Hoffnung, die Sprechstundenhilfe versteht, dass sie mich meint und etwas verwechselt hat. Sie versteht nicht. “Nein, Herr Beck ist jetzt dran.”
“Ich heiße auch Beck”, helfe ich ihr.
“Aber das ist jetzt der Herr Beck.”
“Den scheint es nicht zu geben, jedenfalls nicht hier und jetzt.”
“Das kann nicht sein, vielleicht ist er auf dem Klo.”
“Sehen Sie doch noch mal nach, Sie meinen bestimmt mich, weil, hier war keiner, der mittlerweile auf dem Klo sitzt.”
Sie will nicht nachsehen. Sie sucht weiter Herrn Beck, und irgendwann gehe ich einfach ins Arztzimmer und warte auf den Arzt, dem es hoffentlich egal ist, ob er Herrn oder Frau Beck beraten soll.
Da ich mich aber nicht für die Kosmetikangebote interessiere und kein Botox will, wirft man mich nach eineihalb Minuten mit einem Rezeptschein für Antihistaminika wieder raus.
“Darf ich Ihre Toilette benutzen, FALLS Herr Beck nicht mehr drauf sitzt?”, frage ich die Sprechstundenhilfe. Die versteht mich immer noch nicht, und na gut, vielleicht war ich ein bisschen gemein.
Das miese Karma bleibt gleich kleben. Ich bin verabredet, kurz nur auf eine Tasse Tee, und das Hotel ist ein richtig schickes Designhotel. Die Dame hinter der Bar findet auf den ersten Blick, dass wir keine Freunde werden, in keinem Leben mehr. Ich bin noch nicht richtig in der Bar, da fragt sie schon: “Suchen Sie was?”
Ich bleibe höflich und sage, ich suche eher wen, nicht was, und bin etwas früh dran. Sie schiebt mich aus dem Barbereich in den komplett verwaisten Nichtraucherbereich, ich kann mir nicht ganz erklären warum. In der Bar sitzen nur ein paar Geschäftsleute, die in schlechtem Englisch telefonieren, vielleicht denkt sie, ich sei … Ich überprüfe meine Kleidung und bin nicht der Meinung, irgendwie zweideutig auszusehen, aber na gut, wer weiß, ich setze mich allein in den gähnend leeren Nichtraucherbereich und fühle mich wie am Flughafenterminal, nachdem schon alle Flüge weg sind.
Vorsichtig versuche ich, mir Tee zu bestellen. Ich will normalen Tee, ohne irgendwas. Kein Brombeerdingsgeschmack, nur Tee. Selbstverständlich, sagt sie und knallt ihn mir eine Minuten später auch hin.
Vanillearoma benebelt mich. Also frage ich noch einmal sehr höflich nach, was denn so alles außer Tee im Tee sei. Sie höhnt, der Tee sei exakt der, den ich bestellt hätte, aber an Vanille kann ich mich nicht erinnern. Sie interessiert sich nicht dafür und kehrt mir den Rücken zu.
Immerhin redet meine Verabredung mit mir. Das ist schon mal viel wert. Danach bestelle ich mir an der Rezeption ein Taxi.
“Fünf Minuten”, sagt die Rezeptionsdame etwas harsch und mustert mich, wie sagt man, looking down her nose at me, und klar, eine halbe Stunde später stehe ich immer noch blöd vor dem Hotel, ohne dass auch nur eines der vielen Taxis für mich wäre. Ich kapere eins, das deutlich für jemand anderen vorgesehen war, und lasse mich schnell wegbringen, irgendwohin, wo das, was ich sage, auch genauso ankommt, wie ich es gerne hätte, aber dann denke ich, vielleicht muss ich ja für immer im Taxi bleiben, wenn der Fahrer ja auch nicht versteht, was ich sage. So kommt es auch fast, denn als ich sage, wir fahren da vorne besser rechts wegen der Baustelle, gibt er Gas und sagt nein, da gibt es keine Baustelle, das wüsste mein Navi.
Als wir dann zwanzig Minuten durch Einbahnstraßen irren, um die Baustelle, die es nicht gibt, zu umfahren, finde ich mich damit ab und überlege mir, hey, wer weiß, wozu es gut ist, dass Herr Beck heute nicht mit den anderen an der Bar sitzen und einfachen Tee trinken durfte, wenn er ja jetzt nicht mal nach Hause gebracht werden kann. Ich bitte den Fahrer, einfach anzuhalten. Ich laufe den Rest und rede mit niemandem mehr. Das hat auch was, manchmal.

Heute im ZDF: “Die Vorleser”

Gestern war ich dabei, als die Sendung aufgezeichnet wurde. Halb neun sollten wir dasein, in der Hamburger Speicherstadt, die sehr hübsch ist, übrigens, sehr sehr hübsch. Wir standen dann eine gute Stunde herum, bis man uns endlich reinließ. Aber ist ja auch mal nett, so in der Speicherstadt herumzustehen. Das tut man so selten.

Im alten Hauptzollamt zeichnen sie auf, durch eine Fensterwand schaut man über die Stadt und sieht die Spiegel-Gebäude, wie sie sich so vom dunkelblauen Himmel abheben. Auch das sehr hübsch. Die vorderen Plätze sind fast alle reserviert, fast, bis auf einen, und das ist der einzige, der noch frei ist, als ich komme. Eine Frau in schwarz rennt herum und schiebt Leute von einem Stuhl auf den anderen, sie sollen sich umsetzen, weil sie was Falsches anhaben, was die Kamera nicht mag, oder weil die Nachbarin nun mal einfach hübscher aussieht. Ein selbstbewusster Herr schüttelt die Hände der Damen neben mir. Sie hatten reservierte Plätze und machen bestimmt etwas Wichtiges, weshalb ihre Hände geschüttelt werden müssen, aber dann stellt er sich auch mir vor, und ich weiß nicht, was ich sagen soll, vielleicht: Nein, mich brauchen Sie nicht zu schütteln? Oder einfach: Angenehm, ich bin Zoe? Oder nur: Hallo? Ich sage: Hallo. Das reicht ihm, um zu merken, dass er fremdgeschüttelt hat. Schnell redet er wieder mit den wichtigen Damen.

Der Regisseur heizt die Leute nicht an, wie sie das sonst bei Comedy-Shows machen. Er macht nur ein paar lahme Witze über die Notausgänge. Und Sekt gibt es auch erst hinterher. Ich bin ja immer dafür, vorher Sekt zu geben, dann ist da Publikum gelöster. So sitzen doch alle nur herum und warten, dass die Kamera an ihnen vorbeifährt, weil sie im richtigen Moment interessiert schauen oder freundlich grinsen wollen.

Insgesamt sind wohl mehr Frauen da als Männer, oder es sieht nur so aus. Aber es kaufen ja auch mehr Frauen als Männer Bücher, heißt es immer. Amelie Fried und Ijoma Mangold, sagt der Regisseur, sind arg aufgeregt, und wir sollen freundlich zu ihnen sein. Sind wir auch, wir klatschen ganz arg, und dass sie aufgeregt sind, merkt man nicht. Nur ein bisschen bei Amelie Fried, aber nie, wenn die Kamera läuft. Wenn sie aus ist, dann schon.

Jemand hätte ihr noch sagen sollen, dass ihr Blazer nicht so schön ist. Das muss jemand vergessen haben.

Aber sonst, die Sendung ist gut geworden. An einer Stelle vergessen sie, den Buchtitel zu sagen, aber bestimmt ist das nachher im Fernsehen nicht so schlimm, da können sie die Bücher ja in groß zeigen und den Titel einblenden. Walter Sittler ist Gast, er sitzt irgendwo hinter mir und gibt jedem, der um ihn herum sitzt, artig die Hand. Er hat übrigens das Buch mitgebracht, von dem sie vergessen, den Titel zu sagen.

Den Scheinwerfer haben sie ein bisschen von mir weggedreht, wohl um Walter Sittler hinter mir besser zu beleuchten. Deshalb weiß ich nicht, ob man mich sehen wird. Wenn die Kamera mal in meine Richtung schaut, dann nur, weil auf der roten Couch Ijoma Mangold vor mir sitzt. Und nachher dann Walter Sittler. Vielleicht wird man einen halben Arm von mir sehen. Oder ein bisschen Haare. Um halb elf weiß ich mehr.

Und die Bücher? Um die ging’s ja eigentlich. Ach, eine nette Mischung, kaufen würde ich mir wohl keins davon, aber das liegt an meinen Interessen und nicht daran, dass sie ihre Sache da vorne auf den roten Sofas nicht gut gemacht hätten. Außerdem gehen Hardcover immer so ins Geld.

Hinterher Sekt für alle, Salzstangen auch, wir warten, bis der Wolkenbruch vorbei ist. Und werden heute abend alle um halb elf vorm Fernseher kleben, um zu sehen, ob wir auch zu sehen sind.

Schreib doch mal was über dich.

Sagte die Büchereule. Ließ nicht locker und wollte alles wissen. Hier also alles:

“Alles fing damit an, dass sich meine Geschwister einen Hund wünschten, meine Eltern der Einfachheit halber aber lieber noch ein Kind nachlegten. Babysachen hatten sie schon. Hundesachen noch nicht. Man war praktisch veranlagt, in den 1970ern.
Weniger praktisch fanden sie dann das, was sie sich mit mir ans Bein gebunden hatten: Ich schlug vollkommen aus der Art. (Nach längerem Recherchieren fand man heraus, dass ich zwei entfernte Cousinen habe, denen ich recht ähnlich zu sein scheine.) Statt Sandkuchenbacken setzte ich mich ans Klavier und malträtierte die Nerven meiner Eltern nicht mit Kindergebrüll, sondern mit Bach. Sie mochten Bach nicht besonders. Auch nicht das, was danach kam.
In der Pubertät gesellten sich zu meinen Chopin- und Ravel-Ausbrüchen New Model Army, Joy Division und Dead Can Dance auf der Stereoanlage. Um ihre Nerven wenigstens zeitweise zu schonen, hatten mich die geplagten Erzeuger zwar nach England verschickt, aber sie mussten einsehen, dass die Schule eindeutig zu nahe an London war, wo es viel zu leicht für mich war, taschengeldkompatibel an spitze Stiefel mit Fledermausschnallen und abgetragene Lederjacken zu kommen. Fanden sie nicht so klasse. Und die Zeit war auch noch nicht reif für klavierspielende Goths. Trotzdem zog ich die Sache durch, biss mich durch Wettbewerbe und riss Auftritte runter, spielte drei von fünf Beethovenkonzerten mit Orchester und erweiterte auch meinen populärmusikalischen Horizont, bis eines Tages der Punkt kam, an dem ich mich entschied, nach über zwanzig Jahren vielleicht doch mal was ganz anderes zu machen. Manchmal hat man solche Ideen.
Die Eltern atmeten auf und sahen mich schon als Ärztin, Anwältin oder doch wenigstens Professorin (egal welches Fach). Ich entschied mich einmal mehr für die sogenannte brotlose Kunst und liebäugelte mit Literatur. Das geht nun schon eine Weile so. Und ich habe mir sogar schon einen Brotkasten gekauft.”

Referrer

Die beiden Top-Suchbegriffe heute:

bordelle wörthersee

hilfsorganisationen für rumänische prostituierte

Moira, angedroht

Sie kommt am Wochenende, sagt sie. Für immer.
Es klingt wie eine Drohnung, was es auch ist, denn sie will nun bei mir einziehen. Natürlich besteht sie darauf, schließlich hätte ich eine Weile bei ihr gewohnt, das sei nur recht und billig.
Ich musste dir Miete zahlen, versuche ich es. Aber da hört sie schon nicht mehr zu.
Also mache ich das Gästezimmer klar. Es ist so klein wie ein Schuhkarton, und ich hoffe, dass es ihr nach eineinhalb Tagen zu eng wird.
Irgendwas ist wohl schiefgegangen in München, einerseits. Andererseits, sagt sie, hat sie einen Haufen Leute kennengelernt. Künstler, sagt sie und bekommt sofort diesen artsy Klang in der Stimme.
Du wirst sie lieben!, trällert sie.
Sie?, frage ich. Du hast doch nicht etwa Frauen kennengelernt? Was ist mit den Männern?
Irgendwie höre ich raus, dass Moiras neue Freundin bei den Männern nichts anbrennen lässt. Und dass die neue Freundin eine Freundin hat, die noch weniger anbrennen lässt. Da blieb wohl für Moira niemand mehr übrig. Ich frage mich, wie wohl Frauen aussehen, die es schaffen, Moira von den Männern fernzuhalten. Und umgekehrt.
Ich bringe sie mit, und die andere, ach, die vielleicht auch, sagt sie. Es klingt noch mehr wie eine Drohnung.
Aber die wohnen nicht auch noch hier?, blocke ich ab.
Die Verbindung wird schlecht und Moira will auflegen.
Brian hat mich angerufen, verrate ich ihr. Fast hätte ich tatsächlich Brian vergessen, obwohl der mittlerweile zweimal am Tag bei mir anruft und nach Moira schreit.
Oh!, ruft sie. Jetzt ist die Verbindung nicht mehr schlecht. Hoffnung quillt aus dem Hörer. Er hat nach mir gefragt?
Sicher nicht nach dem Wetter, sage ich.
Sag ihm nicht, dass ich am Wochenende komme!, haucht sie aufgeregt. Oder doch, du kannst ja was andeuten.
Andeuten, sage ich.
Nein, doch nicht. Oder doch. Nein. Was meinst du?
Ich richt’s ihm aus, sage ich.
Ach, nein, entscheidet sie sich um.
Dann bis Samstag, schneide ich sie ab und überlege, wo ich die Luftmatratze habe. Sie hasst Luftmatratzen.