Mein Bruder braucht ganz dringend eine Zeitung. Er will nicht Nachrichten sehen, er will nicht im Internet schauen, er muss eine Zeitung haben. Also gehen wir eine Zeitung kaufen.
Er findet sie, klemmt sie sich unter den Arm und liest sich noch an einem Sportmagazin fest. Die Verkäuferin vertieft sich in den Anblick ihrer Nägel. Jeder einzelne Nagel ein kleines buntes Schaubild, auf dem mindestens die ganze Welt zu sehen ist. Ich werde von ein paar Kunstmagazinen angesaugt, stocke sie mit Literaturzeitschriften auf, finde noch ein paar Wissenschaftsmagazine, alles Zeug, das ich nie lese, vielleicht auch nie lesen werde, aber man darf mit mir keine Zeitschriften kaufen gehen. Ich will dann immer alle haben.
An der Kasse treffen wir wieder aufeinander. Mein Bruder hat mittlerweile noch ein Eis auf seine Zeitung gelegt. Ich hieve meinen 100 Pfund-Stapel daneben. Wir zücken gleichzeitig die Kreditkarten.
“Zahlst du das?”, sagt er, weil er mir vorhin das Essen bezahlt hat.
Ich halte der Verkäuferin meine Karte entgegen. Sie nimmt sie vorsichtig zwischen ihre Bilderbuchnägel.
“Ich dachte, es muss umgekehrt sein”, strahlt sie. Sie kommt irgendwo aus Osteuropa, Polen vielleicht.
Mein Bruder grinst. Er weiß, was jetzt kommt. Oder nein, er weiß, dass ich drauf und dran bin, einen langen Vortrag darüber zu halten, dass Frauen ihr eigenes Geld verdienen, gerne auch mehr als so ein Dings. Mann. Ist ja nicht das erste Mal, dass sich jemand wundert, wenn ich bezahle und nicht er. Aber dann sehe ich auf ihre Fingernägel und denke: Sie hat Vorurteile, ich hab Vorurteile, was soll’s.
“Er hat sein Taschengeld schon aufgebraucht für diesen Monat”, flöte ich, und zu ihm: “Dein Eis zahlst du aber selbst, oder du musst es weglegen.”
Er versucht, nicht zu lachen, macht stattdessen eine beschämte Miene, um im Spiel zu bleiben.
“Wetten, jetzt ruft sie ihren Freund an und sagt ihm, wie sehr sie ihn liebt”, meint mein Bruder, als wir wieder draußen sind. Ich drehe mich um. Sie telefoniert wirklich, und sie macht dabei ein Flirtgesicht.
“Damit sie ihm kein Taschengeld geben muss?”, frage ich.
“Du hast ihr Angst gemacht”, wirft er mir vor.
Vielleicht das nächste Mal doch lieber der Vortrag über Frauen und Männer und Sachen. Der nervt nur, macht aber keine Angst.