Es wurde gerade erst hell, und der Hafen von Rosyth war noch nicht aufgewacht, als der Mann seinen Range Rover bis zu dem Gebäude der Zollbehörde fuhr und davor anhielt. Er liebte den Anblick der schlafenden Kräne und lächelte, als er sein Autoradio andrehte. Nikolai Tokarew spielte „La Campanella“ von Franz Liszt. Er ließ das Fenster einen Spaltbreit herunter und wartete darauf, dass sich die Beifahrertür öffnete.
Es dauerte nicht lange, bis der andere kam. Er drehte das Radio aus. „Setz dich“, forderte er ihn auf. „Schön, dich zu sehen.“
„Guten Morgen, Art, du bist früh dran.“
Art nickte. „Viel zu tun, Duncan. Bin gerade aus Newcastle hochgekommen. Aber ich wusste ja, dass ich dich hier treffe. Sag mal, mein Freund, wie war dein Kurzurlaub in Brighton?“
Duncans Grinsen war eine Meile breit. „Hervorragend. Hätte nicht besser sein können.“
Nun grinste auch Art. „Es hat die ganze Zeit geregnet, wenn man dem Wetterbericht für Südengland glauben darf! Ein Scheißwetter hattet ihr da unten an der Küste, mein Freund!“
„Keine Ahnung, ich war nicht ein einziges Mal vor der Tür.“
Beide Männer lachten.
„Dann war deine … Begleitung also ganz zu deiner Zufriedenheit?“
„Art, du weißt, wie du mich glücklich machst.“
Art nickte. „Nachher kommen drei LKWs aus Deutschland. Holzmüller International Transports, schwarze Schrift auf Gelb. Die Kennzeichen beginnen mit F, für Frankfurt. Musst du sonst noch irgendetwas wissen?“
Duncan schüttelte den Kopf. „Geht alles klar. Wie viele sind drin?“
Art sah ihn tadelnd an. „Keine Details, mein Freund, daran hat sich nichts geändert.“
Der andere Mann war mit den Gedanken schon längst woanders. Er fuhr nervös mit dem Zeigefinger eine unsichtbare Linie auf dem Armaturenbrett nach. „Sag mal, Art, ich hätte am Dienstag frei, meinst du, ich könnte wieder …“
Duncan unterbrach sich, weil Arts Handy klingelte. Art nahm den Anruf entgegen, hörte zu, steckte das Handy wieder weg, ohne ein Wort gesagt zu haben. Dann sah er Duncan an und legte Trauer, tiefer als Loch Ness, in seinen Blick.
„Das wird heute das letzte Mal sein“, sagte er und erkannte, dass Duncans Überraschung echt war.
„Was ist passiert?“
„Mir scheint, jemand ist unruhig geworden und will, dass deine Leute ab sofort gründlicher vorgehen.“
„Da… davon weiß ich nichts“, stotterte Duncan, und von dem Grinsen, mit dem er Art begrüßt hatte, war nicht einmal mehr ein Schatten übrig.
„Nein? Das hoffe ich für dich. Denn wenn heute einer von meinen Fahrern kontrolliert wird, sind wir keine Freunde mehr.“
„Was … willst du jetzt machen?“, fragte Duncan.
„Es gibt mehr als einen Weg auf diese Insel. Und immer dran denken, mein Freund: Neugier ist der Katze Tod!“
Duncan zögerte. „Also wird es nichts mit Dienstag.“ Es klang kleinlaut und war mehr Feststellung als Frage.
„Wenn heute alles glattgeht …“, begann Art.
„Das wird es! Verlass dich auf mich! Ich … ganz ehrlich, von mir hat niemand was erfahren.“
Art bedeutete ihm auszusteigen. Duncan gehorchte und trabte zurück in Richtung seines Büros.
Er wusste, dass Duncan nichts verraten hatte, weil er sonst alles verlieren würde. Nicht nur seinen Job, seine Frau, seine Kinder. Vor allem würde er nie wieder so ein Rendezvous haben, wie Art sie ihm vermittelte. Stattdessen würde er ins Gefängnis gehen, wegen Unzucht. Die Männer im Gefängnis würden nicht seinem Geschmack entsprechen. Sie würden alle um einiges zu alt für ihn sein.
Unzucht. Was für ein seltsames Wort, dachte Art, aber es passte zu Duncan, in dessen Keller sich die Leichen nur so stapelten. Nein, Duncan hatte nichts verraten.
Er sollte ruhig schwitzen, das schadete ihm nicht. Art würde herausfinden, wo das Leck war. Und keine Stelle war so undicht, dass er sie nicht flicken konnte. Außerdem hatte er einen konkreten Verdacht. Er öffnete sein Handschuhfach und kontrollierte den Inhalt. Ein kurzer Schlagstock aus Eisen. Eine Pistole. Pfefferspray. Ein Schlagring. Ein Klappmesser. Für jede Gelegenheit das Richtige. Zufrieden schloss er es wieder, startete den Wagen und verließ das Hafengelände.
Die Küstenstraße, dachte er. Das ist der beste Weg nach Leven − und in diesem Licht auch die schönste Strecke. Er ließ Hillend und Aberdour hinter sich und war kurz vor Kirkcaldy, als er Polizeisirenen hörte. Art sah in den Rückspiegel: Ein Streifenwagen war hinter ihm. Er blinkte links und hielt an.
Die beiden Polizisten stiegen aus und kamen auf seinen Range Rover zu. Einer blieb im Hintergrund, ging um das Auto herum, notierte sich das Kennzeichen und kontrollierte die Beleuchtung. Der andere beugte sich zu ihm hinunter.
„Officer, was kann ich für Sie tun?“, fragte Art liebenswürdig.
„Ihre Papiere bitte.“
Er gab sie ihm und wartete mit einem Lächeln.
„Haben Sie etwas getrunken?“
„Ich trinke nie.“
„Dann wären Sie mit einem Test einverstanden?“
„Natürlich.“ Art stieg aus und blies in das Testgerät. Null komma null. Er trank wirklich nie.
„Vielen Dank, Sir. Sie sind ein wenig zu schnell in die Kurve gefahren, deshalb haben wir uns Sorgen gemacht. Wir hatten gestern Nacht auf dieser Strecke einen schlimmen Unfall. Zwei Jugendliche sind gestorben.“
„Schrecklich“, murmelte Art. „Es ist aber auch eine vertrackte Kurve.“
„Fahren Sie bitte vorsichtig, Sir.“
„Das werde ich. Danke, Officer. Einen schönen Tag noch.“
Art ließ sich seine Papiere zurückgeben und stieg ein. Er startete den Range Rover. Da er nicht wusste, ob ihn die Polizisten beobachteten, fuhr er zunächst weiter in Richtung Kirkcaldy. Von dort aus würde er eine Straße nehmen, die ihn auf die Autobahn brachte.
Jetzt, da man ihn kontrolliert hatte, konnte er nicht mehr nach Leven fahren. Das musste er verschieben. Aber bei Art hatte noch jeder Verräter seine Strafe bekommen. Auf einen Tag kam es nicht an.
Eine Stunde später war er in seinem Haus in Corstorphine angekommen. In den klaren frühen Morgenstunden, wenn noch alles ruhig war, aber die ersten Sonnenstrahlen bereits über die Stadt krochen, konnte man die Tiere im Zoo besonders gut hören. Sie wachten gerade auf. Art liebte diese Geräusche.
Er fühlte sich wohl in dieser ruhigen Mittelklassegegend im Westen Edinburghs. Von hier aus war er schnell auf der Autobahn in Richtung Glasgow oder in die Highlands, schnell auf der Straße zur Forth Road Bridge, die ihn nach Fife brachte, schnell auf dem City Bypass, falls er nach England wollte. Und es gab keinen besseren Unterschlupf als zwischen Doppelverdienern – mit oder ohne Nachwuchs -, die in ihrem durchgeplanten Alltag keine Zeit hatten, sich um das Kommen und Gehen der Nachbarn zu kümmern.
Art schloss seine Haustür auf, erklärte der Alarmanlage, dass er wieder zurück war, und ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu kochen. Er schaltete das Radio ein und wartete auf die Fünf-Uhr-Nachrichten.
Die erste Meldung galt dem Tod des amerikanischen Spitzengolfers Matthew Barnes. Er war in dieser Nacht von einem oder mehreren unbekannten Tätern in seinem Haus in St. Andrews ermordet worden. Verwundert schüttelte Art den Kopf: Matt? Warum Matt? Wer würde denn ausgerechnet Matt …?
Er schaltete das Radio aus und seufzte kopfschüttelnd.
Ein sehr guter Kunde weniger.
Armer Matt.
Nun, es würden neue kommen.
