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Von einer, die auszog, Elfen zu finden

August 1, 2008 · Kommentar schreiben

„Elfen“, schreit die Chefredakteurin, „ich will Elfen! Russische! Vor Redaktionsschluss!“ So scheucht sie mich auf die Straße und knallt die Tür zu. Na gut, Elfen, das kann nicht so schwer sein, die gibt es überall. Sogar in Russland, muss ja.

Außerdem weiß ich jemanden, der die richtigen Kontakte zur Anderswelt hat und zu Leuten, die noch viel bessere Kontakte zur Anderswelt haben, sollten seine Kanäle mal nicht funktionieren. Eine kurze Nachricht auf Skype, und schon habe ich für den Abend einen Telefontermin mit einem russischen Experten.

„Ein russischer Elfenexperte!“, jubelt die Chefredakteurin am Telefon. Ich bereite mich schon mal vor und grabe mich durch Bücher über Elfen, von Elfen und für Elfen. Und dann weiß ich: In einem Satz zu sagen, Elfen seien soundso, das ist ungefähr, als würde man sagen, Menschen seien alle, sagen wir, groß. Oder klein. Oder werden achtzig Jahre alt. Oder tragen immer grüne Anzüge. Bin ich froh, dass mich nachher noch der Elfenexperte anrufen wird. Aber versuchen wir’s schon mal ohne ihn.

Erstmal: Elfen sind etwas anderes als Feen. Man verwechselt sie ja oft und gerne mit den zarten kleinen Kreaturen mit Flügelchen, die singend und tanzend über duftige Blumenwiesen schwirren. Feen sind aber auch nicht nur gut gelaunt und glückbringend. Denken wir kurz an Irland, wo Feen als Ureinwohner des Landes gelten, die sich, als sie von den Menschen verdrängt wurden, einfach unsichtbar machten und nun eine nicht immer friedliche Koexistenz mit ihnen führen. Deshalb stellen die Iren ja auch heute noch gerne ein Schälchen Milch vor die Tür, um ihre Hausfee bei Laune zu halten. Aber das, wie gesagt, sind Feen, die haben ihre eigene Geschichte.

Die erste bekannte Beschreibung von Elfen findet sich in der nordischen Mythologie, wo sie auf Altnordisch álfar heißen. Aber die Forscher sind sich sicher, dass so ziemlich alle germanischen Volksstämme Elfen kannten, nicht nur die alten Skandinavier. Naja, und nach dem Tod einer skandinavischen Persönlichkeit von Rang und Namen war es schon mal möglich, dass diese nicht einfach tot war, sondern stattdessen zum Elf wurde. Elfen waren menschengroße und menschengestaltige, jedoch besonders schöne und starke Wesen, die übermenschliche Fähigkeiten hatten. Die Skandinavier kannten eigene Elfengötter, Elfen konnten sich mit Menschen paaren, und dann gab es noch ein Reich irgendwo im heutigen Schweden, in dem die Bewohner Elfenblut hatten und folglich viel schöner waren als andere Menschen. Das Land nannte sich Alfheim, und der letzte König hieß, na? Gandalf. Ach.

Ganz klar, Tolkien hat sich ausgiebig der nordischen, keltischen, germanischen Mythologien bedient, und seine Elben heißen im Original elves. Wir müssen rasch einen kleinen sprachwissenschaftlichen Ausflug machen: Elves, so hat man sich im englischsprachigen Fantasybereich geeinigt, sind die menschenähnlichen Wesen, elfs hingegen die winzigen zarten Dingerchen, die man aus literarischen Epochen wie der Renaissance oder der Romantik kennt. Über die Jahrhunderte entwickelten sich die unterschiedlichsten Elfenbilder und vermischten sich mit den Sagen und Mythen über Feen, Gnome, Zwerge… Zurück zum Thema: In der deutschen Tolkien-Übersetzung heißen die elves eben nicht Elfen, weil wir sonst an die winzigen zarten Dingerchen denken würden, statt an das, was wir nun dank „Herr der Ringe“ unter Elben verstehen. Das darf so sein. Aus dem nordischen Wort álfar hatte sich nämlich irgendwann im Mittelhochdeutschen das Wort alb bzw. alp entwickelt, daher der Albtraum, der Plural heißt elbe. Genug jetzt davon.

Isländer, so finde ich dann heraus, haben großen Respekt vor Elfen. Sie gehen mit ihnen noch viel vorsichtiger um als die Iren mit ihren Feen. Das Bauamt in Reykjavík fragt erstmal bei der Klavierlehrerin Erla Stefánsdóttir nach, ob sich da, wo gebaut werden soll, auch ja keine Elfen, Trolle oder Gnome niedergelassen haben. Erla Stefánsdóttir ist nämlich, wenn sie nicht gerade am Klavier sitzt, ein Medium und weiß Bescheid in der Anderswelt. Der deutsche Erlkönig, der den armen kranken Jungen in sein Reich zieht, wird gerne als Elfenkönig ins Ausländische übersetzt, nur so als Beispiel, und natürlich gibt es noch viele englische, walisische und schottische Elfen, Elfenmärchen, Elfensagen, Elfenmythen, aber darüber soll ich ja gar nichts erzählen, sondern über russische.

Der russische Elfenexperte, sehe ich in einer Mail, ruft ein bisschen später an, und so beschäftige ich mich dann doch noch mit den modernen Elfen im Fantasybereich außerhalb von „Herr der Ringe“, es muss ja bei so einem dankbaren Thema noch was anderes geben als schöne blonde spitzohrige Orlando Blooms. Der Autor Bernhard Hennen hat sich unter anderem ausgiebig mit ihnen befasst und den Zyklus „Elfenritter“ geschrieben. Seine Elfen sind recht menschenähnlich, mal abgesehen davon, dass sie besonders gut aussehen, besonders lange leben und ein paar Kleinigkeiten können, die Menschen nicht können. Oh, und sehr kriegerisch sind sie, aber das unterscheidet sie nun nicht wirklich von uns.

Bleibt ein Blick auf die bereits erwähnten winzigen zarten Dingerchen, von denen einige Elfenexperten behaupten, sie seien so eine Art Vorstufe der Feen, da Feen schon viel weiter in ihrer Entwicklung sind und Elfen eigentlich auch beaufsichtigen. Diese Sorte Elfen ist bis zu dreißig Zentimetern groß, treibt mit den Menschen auch mal Schabernack und hüpft ansonsten durch den Wald. Ich finde sogar eine Anleitung, wie ich selbst ein paar Elfen zu Gesicht bekomme: Erstmal darauf vorbereiten, steht da. Nicht gestresst in den Wald rennen. Ein Beruhigungsbad nehmen oder sowas. Dann den Wald um Erlaubnis bitten, ob ich stören darf. Ich finde, dass ich völlig entspannt bin, renne über die Straße – da ist zufällig ein Wald – und frage kurz nach, höre zwar kein richtig lautes OK von den Bäumen, aber sie stürzen sich mir auch nicht gerade in den Weg. Erste Hürde genommen. Ich schaue wieder in das Büchlein mit der Anleitung. Da steht: Umarmen Sie einen Baum für mindestens zehn Minuten, um die richtigen Schwingungen zu erzeugen. Ähm… Tree hugger sagt man im Englischen zu einem, den man hier Öko nennt, und mal ehrlich, ich weiß nicht. Zehn Minuten? Die können lang sein. Hatte ich erwähnt, dass der Wald gleich neben einer gut befahrenen Straße liegt? Vielleicht ist es doch kein so guter Wald für Elfen. Ich verschiebe das Elfentreffen auf die Zeit nach dem Gespräch mit dem russischen Elfenexperten und auf einen anderen Wald.

Wieder zu Hause, werfe ich schon mal den Rechner an und starre noch eine Weile auf Bildchen von Elfen. Und Feen. Offenbar ist man sich da im Allgemeinen doch nicht so sicher, wer wer ist, und betitelt dasselbe Gemälde in unterschiedlichen Sprachen gerne mal so oder so. Dabei habe ich doch nun mühsam gelernt, dass es ein himmelweiter Unterschied ist, Elfe oder Fee. Ich bin verwirrt und mache einen Ausflug zu „Lady Cottington’s Pressed Fairy Book“. Lady Angelica Cottington war in ihrer Pubertät offenbar sehr phantasiebegabt und sah kleine Feen (oder Elfen?) um sich herumtanzen, die sie, wie andere Mädchen Blüten und Blumen, in einem Buch presste. Es wurde erst nach Lady Cottingtons Tod wieder ausgegraben, denn als 1907 die Fotografie von der kleinen Angelica veröffentlicht wurde, wie sie gerade eine Elfe (oder Fee?) mit ihrem Buch fing und – platsch – die Seiten zusammenklappen ließ, während sie dabei von anderen Feen (oder Elfen?) umringt war, wurde das Bild sogleich als Schwindel abgetan, und das Mädchen versteckte frustriert sein Büchlein. Sehr hübsch, denke ich, besonders die Illustrationen von Brian Froud, wie die erschrockenen gepressten Elfen (oder Feen?) einen so anstarren. Gerade finde ich auch ein Webportal über Elfen, als das Telefon klingelt und der russische Elfenexperte anruft. Er ist sehr wortkarg und ich rede mich schwindelig, weil er die ganze Zeit nichts sagt.

„Elfen?“, höre ich endlich, und er hat den russischsten Akzent, den man sich so vorstellen kann, selbst, wenn er nur ein Wort sagt. „Elfen?“

„Ja“, sage ich und warte ein bisschen, ob unser Gespräch vielleicht doch noch in Schwung kommt, also von seiner Seite aus.

„Diese kleine hibsche Tierchen wo tanzen um Blumenwiesen?“, fragt er noch mal nach. „Mit durchsichtige Fligelchen?“

„Mhm“, sagte ich und ahne Fürchterliches.

„Chaben wir nicht.“

„Ah nein?“ Es ist fürchterlich, ich hatte Recht.

„Nein. Chaben wir Wassergeister. Soll ich erzählen iber Wassergeister? Sind schreckliche Wassergeister!“ Er klingt selbst wie ein schrecklicher Wassergeist.

„Och“, sage ich und höre schon die Chefredakteurin vor Verzweiflung weinen. „Vielleicht das nächste Mal.“

Wassergeister. Keine russischen Elfen. Und dafür hätte ich fast vor allen Leuten einen Baum umarmt. Die ganze Recherche umsonst, nicht zu gebrauchen. Ich lösche meine Notizen und klappe die Bücher wieder zu. Keine russischen Elfen. Kein Artikel über Elfen. Basta.

Kategorien: Level47 · Magazinartikel
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