Zoe’s world of fiction in a fictional world.

Beiträge vom Juli 2008

Warum sie in Russland immer noch keine englischen Straßenschilder haben

Juli 31, 2008 · Kommentar schreiben

Wenn man mal so über Transportmittel und deren dramaturgische Möglichkeiten für, sagen wir, eine spannende Geschichte abseits der Flugzeugkatastrophe nachdenkt, bleibt nicht viel übrig und man landet schnell beim Kreuzfahrtschiff, zum Beispiel „Tod auf dem Nil“ von Agatha Christie. Überschaubare Anzahl an Protagonisten, die sich über Tage nicht so richtig aus dem Weg gehen können, und schon geht das Morden los. Oder Langstreckenzüge. Da gibt es „Zwei Fremde im Zug“ von Patricia Highsmith, verfilmt von Alfred Hitchcock, mit den beiden Männern, die sich gegenseitig ihr Leid klagen und beschließen, den Störenfried im Leben des anderen zu beseitigen. Und „Mord im Orientexpress“ (es gibt wohl kaum eine Idee, die Agatha Christie nicht auch schon hatte). Und vor kurzem den Film „The Darjeeling Limited“ von Wes Anderson: Drei Brüder fahren mit einem Zug quer durch Indien, um sich wieder näherzukommen. Was passiert, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Ach es gibt so viele Filme, die in Zügen spielen, weil es so schön ist, Züge zu filmen. Wenn sie ruckelig losfahren, ist das immer ein wichtiger Schwellenmoment für den Helden. Verfolgungsjagden in den engen Gängen kommen auch gut an. Früher sind sie gerne auf den Zugdächern herumgekrochen, und dann kam plötzlich der Tunnel. Zugrestaurantszenen sind absolute Klassiker, und dauerhaft schön: die Kennenlernszenen, wenn Neue ins Abteil kommen. Von den spektakulären Außenaufnahmen mal ganz zu schweigen. Und jetzt gibt es diesen Film von Brad Anderson (ja, der heißt auch Anderson), der in der Transsibirischen Eisenbahn spielt und folglich „Transsiberian“ heißt: Da fährt unter anderem ein amerikanisches Ehepaar mit, unterwegs auf einer Reise durch ein unbekanntes Land mit unbekanntem Ausgang, denn nicht nur der attraktive Spanier, der es auf die Frau abgesehen hat, bringt alles durcheinander, sondern auch, Achtung, Drogenschmuggel und Ben Kingsley als Oberbösewicht. Dazu gigantische Bilder von der endlos verschneiten Weite Sibiriens, und wir lernen – wie konnte ich das vergessen -: Russen sind böse. Mafia und so, aber das war ja klar.

Der attraktive Spanier und das amerikanische Ehepaar interessieren uns nun nicht so sehr. Viel wichtiger ist die Frage: Ist die Transsibirische Eisenbahn eigentlich nur so faszinierend, weil sie zufällig auf der längsten Eisenbahnstrecke der Welt fährt? Und: Wie böse sind Russen in echt?

Finden wir alles raus. Angefangen wird mit der Eisenbahn, vielmehr mit der Strecke. Die war im 19. Jahrhundert schon länger im Zarenreich Gesprächsthema, weil es quer durch Sibirien nur eine Poststraße gab, die nicht gerade zu den bequemsten Transportwegen der Welt zählte. Eigentlich sagten Zeitgenossen, es sei die schlimmste Straße der Welt. 1860 gründete man die Stadt Wladiwostok ganz im Osten des Reichs, und Zar Alexander II. fand nun wirklich, dass die Entfernung zur Hauptstadt Moskau etwas weit war. Aber erst mussten die blöden Amerikaner zwei Eisenbahnstrecken über ihren Kontinent spannen – davon eine quer durch Kanada – bis den russischen Plänen neidische Taten folgten. Mittlerweile war Alexander III. Zar, und der entschied endlich: Eisenbahntrasse bauen.

Der erste Spatenstich wurde von Zarewitsch Nikolai beaufsichtigt. Das war 1891 und dauerte bis 1904. Danach wurde noch hier und da weitergebaut, in Kriegen zerstört und wieder aufgebaut, aber 1904 konnte zum ersten Mal so richtig durchgefahren werden. Nikolai, zu dem Zeitpunkt Zar, erhielt von Fabergé ein „Transsibirische Eisenbahn-Ei“, sehr hübsch mit einer Minieisenbahn, die um das Ei herumfährt.

Damals war und heute ist sie die längste Eisenbahnstrecke der Welt mit 9297 Kilometern. Es gibt noch eine Nebenstrecke nach Nachodka für Ausländer, die nach Japan weiterreisen wollen. Zählt man diese, ist die Gesamtstrecke sogar 9438 Kilometer lang. In jedem Fall durchquert man acht Zeitzonen und wird eine gute Woche herumgerüttelt. Zwischendurch stoppt man auch mal und darf aussteigen, um seinen Gleichgewichtssinn für eine Weile wiederherzustellen, Fotos zu machen und sich ausrauben zu lassen. Was man eben so macht in diesem Russland. Damals wie heute. Und da wir Menschen Superlative lieben, lieben wir die Transsib.

Viele Leute träumen ja davon, mal mit der Transsib zu fahren, um die Landschaft hautnah zu erleben oder um einfach mal mitgefahren zu sein. Man darf eben nur nicht klaustrophobisch sein, denke ich, gutes Essen erwarten oder Ansprüche an Hygiene stellen. Oder auf medizinische Versorgung angewiesen sein. Soziophobie wäre auch keine gute Voraussetzung. Oh, und eine gewisse Kälteresistenz ist mitzubringen. Die Liste ist sicher noch länger. Es ist also was für echte Abenteurer. Die echten Abenteurer können den Trip auch relativ spontan buchen. Man darf frühestens 45 Tage vorher ein Ticket erstehen, so ist das geregelt. Dazu sucht man am besten ein Reisebüro auf, in echt oder virtuell. Wer des Russischen mächtig ist, kann direkt über russische Internetseiten oder in Russland selbst ein Ticket kaufen, das ist dann viel billiger als über ausländische Reisebüros. Und warum? Weil die Russen eine Mafia haben?

Die Mafia haben sie, aber inwieweit diese die Ticketpreise für die Transsib kontrolliert, konnte ich nicht herausfinden. Hingegen gibt es die Theorie, dass das mit dem Tourismus noch ein bisschen Neuland ist. In Moskau zum Beispiel beschweren sich die nichtrussischen Hoteliers, dass die Infrastruktur noch nicht so recht steht. Hm. Und da kommen wir der Mafiasache schon wieder ein bisschen näher. Manche Hoteliers sagen nämlich, es ist, weil die, die es zu entscheiden haben, ihre Entscheidungen von gewissen Geldern abhängig machen. Außerdem werden Touristen, so heißt es, nicht gerade belästigt, aber eben auch nicht richtig in Ruhe gelassen. Dauernd müssen sie ihre Ausweise vorzeigen oder werden ausgeraubt, so kann ja niemand in Ruhe mal ins Museum oder vor dem Kreml abhängen. Ach es ist kompliziert mit diesem Russland, weigern sie sich dort doch hartnäckig, auch mal Straßenschilder in lateinischer Schrift irgendwo aufzuhängen, damit sich die Ausländer nicht ständig verlaufen.

Also sind sie böse, diese Russen? Es passt so schön in diesen Film: unwirtliche Landschaft, unwirtliche Eingeborene. Und Sibirien ist sowieso ein Synonym für kalt und Zwangsarbeit. Bei dem Bau der Transsib starben in der Tat viele Zwangsarbeiter. Bei dem Bau diverser Kirchen in Europa starben viele Bauern, die auch nicht richtig freiwillig mitarbeiteten, wir erinnern uns am Rande. Aber was ist nun mit den Russen?

Ich weiß nicht. Vielleicht sind sie einfach nur anders, diese Russen, und müssen sich erst an uns gewöhnen. Wenn sie mal mehr Touris aus dem Westen reinlassen und uns schön auf deutsch, englisch oder französisch begrüßen, klauen sie sicher auch nicht mehr so viel, und die Jungs, die heute noch für die Mafia arbeiten, haben dann Jobs als Hotelportiers oder Taxifahrer. Dann wird alles gut, und auf der Strecke der Transsib fährt ein TGW, aus sechs Reisetagen werden zwei, und an Bord laufen Hollywoodblockbuster, wäre das nicht…! Eine Filmidee? „Russland – eine Utopie“. Oder ein Märchen. Aber was für eins, gut oder böse?

Gemordet werden kann ja dann auch immer noch. Es geht nur darum, auf welcher Seite der Held steht. Und welche Straßenschilder er lesen kann.

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Liebe und Tod

Juli 26, 2008 · Kommentar schreiben

(erschienen in Level47)

Sie sind immer so schön, diese Meerjungfrauen und Nixen, und sie eignen sich ganz wunderbar für Liebesgeschichten in Kinderbüchern (Arielle) und Liebesgeschichten in Komödien (Splash). Jedenfalls, wenn man mal die eigentliche Mythologie außer Acht lässt, was wir natürlich nicht tun werden:

Es fing an bei Homer mit den Sirenen. Sie sangen so hinreißend, dass die Seeleute nicht mehr richtig aufpassten und schwupp, Schiff versenkt. Sirenen waren betörend schöne Nixen, die sich in den Kopf gesetzt hatten, Menschen den Tod zu bringen. Ursprünglich halb Vogel halb Frau, später wurde der Vogelpart mit Fischigem ersetzt. So kennen und lieben wir unsere Nixen seit Jahrhunderten und denken zärtlich auch an die Loreley, die auf ihrem Felsen hockt, sich die Haare kämmt und, ganz wie ihre Sirenenschwestern, Seeleute absaufen lässt. Wunderbarer Stoff für Dichter. (Wenn sich mal die Gelegenheit ergibt, bitte den gleichnamigen Song von George Gershwin anhören. Sehr witzig. Besonders die Stelle: „I wanna bite my initials on a sailor’s neck“. Aber ich schweife ab, wie üblich.)

Zurück zu den Nixen. Im slawischen Sprachraum heißt das Nixenäquivalent übrigens Rusálka. Ebenfalls jung und schön und mit einem Fischschwanz versehen, hat auch sie vornehmlich den Tod anderer Menschen im Kopf. In Puschkins Rusálka-Gedicht lockt das schöne blonde Wasserweib den alten Mönch zu sich in die Fluten.

Dabei war eine Rusálka selbst einmal Mensch, eine ertrunkene Jungfrau beispielsweise, oder ein junges Mädchen, dass der dicke, hässliche Wassergeist Wodjanoi in sein Wasserreich entführte. Gewaltsam, versteht sich.

Die Rusálka in Dvořáks gleichnamiger Oper hat erstmal (erstmal!) gar nicht vor, jemanden zu töten. Sie ist einfach nur arg verliebt in den schönen Prinzen und will deshalb Mensch werden, was mit Seele bekommen einhergeht. Dazu lässt sie sich auf einen Handel mit einer Hexe ein: Beine gegen Stimme, sagt die Hexe, und das dumme Ding macht es. Prinz liebt sie, will sie heiraten, sie bleibt aber stumm, Prinz findet das doof, liebt fortan eine andere, Rusálka unglücklich, muss erlöst werden, geht nur, indem Prinz getötet wird. Durch einen Kuss auch noch.

Kommt einem bekannt vor? Klar: Undine von Friedrich de la Motte Fouqué, liegt auch als Oper von E.T.A. Hoffmann vor (nur, dass Undine hier wenigstens sprechen konnte). Oder Hans Christian Andersen: Die kleine Meerjungfrau. Ähnlich auch die altfranzösischen Melusinensagen. Wer eine Meerjungfrau heiratet, darf sie nicht beleidigen, sonst zieht er den Zorn der Wassergeister auf sich und verwünscht die Schöne. Untreue aber ist das Schlimmste: Die Meerjungfrau kann sich dann nur noch retten, indem sie den Angetrauten, wie gesagt, tötet.

Letztens, fällt mir dabei ein, las ich einem kleinen Mädchen eine offenbar gekürzte, Bilderbuch geeignete Meerjungfrauenversion vor: Schönes Wassermädchen rettet Prinz vorm Ertrinken, liebt ihn, will Mensch werden, fragt Hexe um Rat: Beine gegen Stimme, das dumme Ding machte es. Prinz liebt sie, will sie heiraten. Bis dahin kennen wir es. Nur, dass das Buch eben vermeintlich kleinkindgerecht aufgearbeitet war, mit Happy End und allem: Da war nichts mit Prinz findet es doof, dass sie nicht reden kann und so weiter, sondern: Prinz findet es super, dass sie ist, wie sie ist! Ach, ganz vergessen hatte ich: Sie hatte natürlich die schönsten Beine weit und breit bekommen. Was ist das für ein Frauenbild? Ich verbracht anschließend zwei Stunden damit, dem kleinen Mädchen zu erklären, dass das mit dem Sprechen können und eine eigene Stimme haben viel wichtiger sei als auf schönen langen Beinen über einen Laufsteg zu stolzieren. Sie wollte nämlich plötzlich unbedingt Model werden.

Dann doch lieber schön und gefährlich und die Männer in den Tod reißen, wie ursprünglich angedacht, statt schön und unglücklich und der Kerl betrügt einen. Aber da stand den Märchen und Sagen irgendwann der christliche Aspekt des Seelehabenwollens im Weg. Die Unsterblichkeit, die sich aus dem einfachen Wasserwesensein ergibt, reichte der holden Meerjungfrau nicht mehr. Die unsterbliche Seele musste es sein. Doch nicht nur die Religion, auch der Staat mischt sich manchmal korrigierend in die Sagenwelt ein: Die Existenz der Naturgeister wurde im kommunistischen Russland komplett verleugnet, die schönen Geschichten verbannt oder instrumentalisiert. Seit ein paar Jahren gräbt man wieder aus, was verloren ging, und entpolitisiert, was entsprechend verdreht wurde. Die Alten, heißt es, haben den Glauben an diese Wesen nie verloren. Die Jungen müssten diese Welt erst wiederentdecken. Undine findet übrigens noch eine interessante Fortsetzung im 20. Jahrhundert, mal abgesehen von Maurice Ravels wundervollem Klavierstück Ondine (der erste Satz von Gaspard de la Nuit). Ingeborg Bachmann hat sich des Stoffs angekommen in der Novelle Undine geht. Darin beklagt sich Undine – und wohl auch Frau Bachmann latent autobiographisch – über die Untreue der Männer. Stellvertretend für alle Männer geht es hier um einen Hans, was eine Anlehnung an das Theaterstück Undine von Jean Giraudoux ist, wo der untreue Ehemann eben auch Hans heißt und nicht von Undine selbst, aber immerhin von ihren Verwandten getötet wird. Diese Undine kann sich hinterher dankenswerterweise nicht mehr an ihren Hans erinnern, Bachmanns Undine hingegen sehr gut. Sie klagt also seitenweise ihr Leid, stellt fest, dass das mit den Frauen und Männern deutlich nichts ist und auch nichts sein kann, und geht. Zurück. Wo sie hingehört. Weg von den Männern. Also eigentlich kein Komödienstoff, so eine hübsche Meernixe? Ach klar, warum nicht. Ein bisschen mehr vom Zauber einer anderen Welt kann nicht verkehrt sein, die irdische Liebe hält doch auch nicht ewig. Und solange man den Meermädchen nicht wieder die Stimme nimmt, Beine hin oder her, ist doch alles im Rahmen.

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Hexen, heute wie schon immer

Juli 25, 2008 · Kommentar schreiben

(erschienen in Level47)

Wenn man so umgangssprachlich von Hexen spricht, meint man böse alte Frauen, die einem nichts Gutes wollen. Grimms Wörterbuch ist da etwas differenzierter: Es spricht neutral vom Waldweib, der Zauberin, aber auch vom „scheltwort für eine alte, widerliche frau, weil man sich die hexen verschrumpft und triefäugig denkt“. Und dann gar, in der nächsten Bedeutung, ist es ein Kosewort, nein: ein halbes Kosewort für ein „junges, geschwindes weib“. Kosewort?

Die Menschen im Mittelalter und noch eine Weile danach hielten nicht viel von der Kosewortdefinition: Sie verbrannten einfach alles, was nicht schnell genug im Wassergraben (zusammengeschnürt) unterging. Besonders die Deutschen waren gut dabei. Im europäischen Durchschnitt lagen sie mit 25.000 offiziellen Hexenverbrennungen ganz vorne. Hexen, das war ganz klar und zeigt sich auch in den Märchen und Sagen, Hexen waren böse, hässliche, alte Frauen. Die lebten im Wald und lockten besonders Kinder an, um ihnen Böses zu tun. Hänsel und Gretel, zum Beispiel, die nur blöderweise nicht schnell genug fett genug wurden, so jedenfalls dachte die dumme Hexe, die den Trick mit dem Stöckchen nicht kapierte. Die russische Baba Jaga war da teils etwas schlauer und verspeiste, im literarischen Durchschnitt gesprochen, deutlich mehr Kinder als ihre deutschen Kolleginnen. (Könnte auch daran liegen, dass die deutschen Märchen und Sagen gründlich bereinigt wurden. Sexuelle Anspielungen ließ man unter den Tisch fallen, was schade ist für Dornröschen und Schneewittchen und so weiter. Die haben in den Varianten anderer Länder deutlich mehr Pfeffer und vor allem Sex.)

Baba Jaga steht in vielen Märchen für Initiationsriten, für die Schwelle zum Erwachsenwerden: Die Kinder kommen zu ihr in den Wald, und nur, wer sich gemäß ihrer Regeln verhält, schafft es sicher wieder hinaus. Bei den in den Wald gesandten Mädchen kommt es darauf an, dass sie sich möglichst brav und wohlerzogen verhalten. Wer sich daneben benimmt, wird bestraft. Daneben benehmen sich, das kennen wir, natürlich immer die Töchter der bösen Stiefmutter. Die Jungs hingegen müssen mehr tun: Aufgaben bewältigen, beispielsweise, gerne mit Hilfe eines Werkzeugs, das stark phallisch anmutet. Der Wald Baba Jagas ist dem Totenreich nahe, die Jungs werden von ihr ausgeschickt, um sich in dieser Zwischenwelt zu behaupten, nur dann dürfen sie in die Welt der Lebenden zurück. Baba Jaga ist natürlich keine schöne junge Frau, wie man sich das pubertierenderdings für einen Initiationsritus erstmal wünsche würde, sondern, auch das kennen wir, eine alte hässliche Erscheinung. Eine Hexe eben. Sie ist noch triefäugiger und ekliger als die von Hänsel und Gretel, in manchen Versionen besteht ein Bein nur aus Exkrementen, sie hat Zähne aus Eisen, ach, und ihre Scham schäumt auch schon mal stinkend vor sich hin. Man könnte das noch fortsetzen, aber viele Leute essen ja beim Lesen.

Bei genauer Betrachtung hat die Entwicklung zum eindimensional bösen alten Weib nach der Christianisierung eingesetzt. Zuvor war sie zwar ebenfalls eine alte (Baba bedeutet u.a. Großmutter), aber weise Frau, die im Wald lebte. Mit dem Christentum kamen, ganz wie bei der deutschen Hexe, Besen, schwarze Katze und das Bündnis mit dem Teufel hinzu. Vergessen auch die heidnische Darstellung der Baba Jaga als Teil der dreifaltigen Göttin: Jungfrau, Mutter und altes Weib. Das alte Weib, Baba Jaga, ist für Tod und Wiedergeburt zuständig. Aber das heißt ja erstmal nichts Böses. Überhaupt muss man erstmal festhalten: Hexen oder Baba Jagas oder sonstige Gestalten mit Kräuterwissen und besonderen Fähigkeiten konnten heilen und helfen, sie konnten aber auch verfluchen und andere ins Unglück stürzen. Ganz, wie sie sich entschieden.

Die Christianisierung aber brachte erstmal klare Regeln in das bunte heidnische Figurendurcheinander. Die Kirche hatte schon sehr früh entschieden, dass „gute“ Magie gar nicht existierte, somit auch „böse“ war und kurzum wie alles, was den Kirchenvätern nicht in den Kram passte, vom Teufel kommen musste. Die organisierte Hexenverfolgung ließ noch eine Weile auf sich warten, wurzelt aber in dieser Überzeugung. Ausnahme waren die Wundern und die Marienerscheinungen und sowas, ganz klar. Es ging ganz simpel darum, wer einen Kranken heilt und wem sich eine Erscheinung offenbart.

Wenn sich eine Gruppe dazu aufschwingt, willkürlich zu entscheiden, was richtig und was falsch ist, und eine solche Entscheidung ist immer eine willkürliche, kommt es in Zeiten von wirtschaftlicher Instabilität, Epidemien, Kriegen und Naturkatastrophen gerne zum Erstellen eines Feindbildes. Ein Sündenbock muss her, um von eigenen Fehlern oder eigener Ohnmacht abzulenken. Die Kühe werden der Reihe nach krank und sterben? Die Pest sucht das Dorf heim? Sintflutartige Regenfälle zerstören die Ernte? Na, einer muss ja den Fluch ausgesprochen haben. Wen konnten wir noch nie leiden, wer war uns schon immer suspekt? Schon haben wir jemanden für den Scheiterhaufen. Das Konzept setzt sich leicht ins Private fort. Persönliches Unglück lässt sich der Nachbarin zuschreiben, die immer schief schaut und irgendwelche Kräuter zusammensucht. Fälle wurden bekannt, in denen Männer jene Frauen als Hexen anprangerten, die sich ihnen nicht hingeben wollten. Wurde ein Mann beim außerehelichen Beischlaf erwischt, schob er gerne schon mal zu seiner Verteidigung vor, sie habe ihn verhext, er sei von Dämonen besessen gewesen. Der Mann bekommt eine überschaubare Dämonenaustreibung verordnet, sie hingegen wird handlich zusammengeschnürt und in den Dorfweiher geworfen: sink or swim. Wer untergeht, war unschuldig, aber leider tot. Wer oben treibt, ist eine Hexe und gehört verbrannt.

Während die Deutschen mit sprichwörtlicher Gründlichkeit gegen die Hexen vorgingen, waren die Russen vergleichsweise zurückhaltend, verbrannten sie doch nicht mal hundert Frauen – und noch viel weniger Männer – offiziell. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland? Vielleicht. Die fleißigsten Hexenverfolger waren katholische Landesfürsten, was aber nicht heißt, dass in anderen katholischen Ländern der Scheiterhaufen ebenfalls so boomte. Der Calvinismus ließ den deutschen Feuereifer abkühlen, dies brauchte aber seine Zeit. Der Mensch, katholisch oder reformiert, liebt nämlich das Spektakel. Im schottischen St Andrews, einst katholische Hochburg des Nordens, 1560 durch John Knox reformiert, kannte man sich bestens mit Scheiterhaufen aus. Zwei Jahre zuvor noch verbrannte man die Protestanten, doch nachdem diese das Sagen hatten, suchte man sich Frauen, die der Heilkraft der Kräuter kundig waren. War das Feuer bis Dundee zu sehen, dann war es ein gutes Feuer.

Die letzte europäische Hexe wurde 1782 in der Schweiz hingerichtet. Was danach inoffiziell geschah, ist eher schlecht dokumentiert, aber wenn man bedenkt, dass die katholische Kirche heute noch Exorzisten ausbildet, braucht man nicht so richtig viel Phantasie.

Überhaupt: Heute. Der Hexenbegriff ist mehrfach umgedeutet worden, unter anderem durch die Frauenbewegung im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert. Selbst Kinderbücher nehmen die Angst vor der Hexe und stilisieren sie zu einem frechen, kecken Wesen. Im Zuge der Hinwendung zu alternativen Religionen und Glaubensgemeinschaften wurde das Hexenbild entsprechend angeglichen und versucht, den Begriff der Hexe als Synonym für die weise, kräuterkundige Frau einzuführen. Heute also ist es wieder so, wie es vielleicht ganz früher einmal war: Die Hexenkunde ist jedem zugänglich und erlernbar, und was der einzelne daraus macht, gut oder böse, bleibt jedem selbst überlassen.

Die neuen Hexen bemühen sich um ein positives Image und haben Homepages, auf denen sie erklären, warum es nichts Schlechtes ist, eine Hexe zu sein: Man braut ein paar Tees, man mischt Sälbchen, man denkt sich lustige Zaubersprüche aus, trägt Amulette, trifft sich mit gleichgesinnten Hexen, die man aus einem Forum oder über MySpace kennt, zwecks Austausch und führt ansonsten ein unfassbar normales Leben. Alexandra zum Beispiel nennt sich in ihrem Hexenalltag Sheerie. Sie lebt nach dem keltischen Jahreskreis und sehnt sich nach einem Leben irgendwo in Schottland oder Irland, auf jeden Fall näher an den Feen und Geistern, denn diese kann man dort noch spüren. (Ich muss es wissen, ich komme von dort: Da glauben alle an Feen und Geister.) In ihrem Alexandra-Alltag hat sie aber schon mal Probleme. Man verscheuchte sie aus dem Kindergarten, in dem sie als Erzieherin arbeitete, weil ein erzürnter Vater sie im Internet entdeckt hatte und sich nun sorgte, sie könnte dem Kinde einen Tee verabreichen. Das hatte sie natürlich schon die ganze Zeit getan: Hagebutte, Früchte, Kamille, was eben so anstand. Aber eine Hexe, da kommt der im Märchen verbreitete Archetypus der kleine Kinder fressenden Alten wieder durch. Eine Hexe gehört nicht in die Nähe von Kindern. Dann lieber Nonnen und Priester, richtig?

Alexandra hat ein Hexenforum gegründet, nun, es ist eines von vielen, aber nehmen wir es einmal exemplarisch her: Sie schreibt in ihren Netiquetten, dass jede Form von Hetze nicht geduldet wird, egal gegen wen. „Viele meinen, sie müssten über Christen herziehen“, sagt sie, „weil sie Hexen verbrannt haben. Aber damit stellt man sich auf dieselbe Stufe.“ Tu, was Du willst, aber schade niemandem, so lautet das Hexencredo, und schlechte Wünsche schaden nun einmal. Wer Schlechtes aussendet, bekommt es dreifach zurück, erklärt sie, und ich erinnere mich an kleine Geschenkbüchlein wie „Bestellungen beim Universum“, wo gesagt wird, man solle nur Gutes wünschen, sich und anderen, denn alles, was in das Universum hinausgeht, kommt zu einem zurück. Oder, wie es im Volksmund so schön heißt, „Wie es in den Wald ruft, so schallt es heraus.“ What goes around comes around.

Sucht man ein bisschen weiter in den Untiefen des Internets, stößt man auf tausende Bücher zum Thema und auf Hexenausbildungen, die man machen kann. Sie drehen sich um Tinkturen und Kräuterkunde, auch das ist nichts Neues, nichts, was nur den Hexen vorbehalten wäre. Ich muss an die Heilpraktikerin im Haus nebenan denken, die ich auch ohne ihre Kräuter als Hexe bezeichnen würde (aber das hat wohl andere Ursachen und gehört nicht hierher). Alles, was ich finde, kenne ich so oder ähnlich aus anderen alten Religionen, vom Schamanismus, von Indianerstämmen, woher auch immer. Uraltes überliefertes Wissen, hier und da angereichert mit Neuem, teils korrigiert aus der Erfahrung, oft vermischt mit Benachbartem. Offen einsehbar für jeden, der sich dafür interessiert, kein Geheimbund, und vor allem: Nichts davon tut irgendjemandem weh. Hexen auf Kuschelkurs?

Weh tut die Hexerei erst, wenn die Menschen dahinter entschlossen sind, anderen Schaden zuzufügen. Diese, sagt Alexandra, fliegen aus dem Forum raus. Erst versucht man, mit ihnen zu diskutieren. Sie sagen, sie haben Ärger mit dem Chef, dem Ex, dem Nachbarn, und wollen ihn verhexen. Manche lenken bald wieder ein, sobald der erste Zorn verraucht ist. Andere suchen sich Foren, in denen sie so etwas mit Gleichgesinnten besprechen können. Wenn es Foren für Selbstmörder und magersüchtige Mädchen gibt, Bauanleitungen für Bomben und Ankündigungen von Amokläufen, dann gibt es auch irgendwo Seiten für schwarze Magier. Nur eben nicht bei Alexandra. Es kommen übrigens immer mehr Männer in ihr Forum. Sie nennen sich auch Hexen, nicht Hexer oder Zauberer. Gleichberechtigung muss sein.

Mein Eindruck aber: Es sind in erster Linie junge Mädchen, die den Weg zum Hexendasein suchen, kaum, dass sie in die Pubertät gekommen sind. Im Grufti-Outfit markieren sie im schulischen Umfeld ihre Andersartigkeit, weil sie bei den typischen Durchschnittsschulschönheiten, die gut im Sport und beliebt bei den Jungs sind, irgendwie nicht mitmachen wollen. Sie kanalisieren ihre gesamte Pubertätsmelancholie, ihren Weltschmerz und ihre tiefe Sehnsucht, sich endlich verstanden zu fühlen, in der Magie. Sie malen ihre Träume, schreiben darüber Gedichte und geben sich phantasievolle Namen keltischen oder ägyptischen Ursprungs. Sie treffen auf welche, denen es ganz genauso geht, und sie blühen in dieser Parallelwelt auf. Was ist daran falsch? Nichts. Sie finden ihren Weg wie alle anderen. Ob sie später Hexen bleiben oder nicht, ist egal, denn es ist wie mit allem anderen: Solange sie sich entscheiden, niemandem, auch nicht sich selbst zu schaden, müssen sich ihre Eltern keine Sorgen machen. Dazu braucht es keine Diktion von oben, die besagt, wer gut und böse ist, denn viele wissen ganz von alleine, was gut und böse ist.

Ihren Weg mit der Hexerei macht auch Thea. Thea ist offenbar schon sehr bekannt, nicht nur in Hexenkreisen. Sie hat eine Internetfernsehsendung und eine Internetradiosendung zusammen mit einem Medium und einer Fee, schreibt viele Bücher, gibt Seminare und verkauft alles, was die junge Hexe nun so braucht oder auch nicht. Die Werbung eines großen Kaffeerösters, der jede Woche eine neue Welt präsentiert, stört irgendwie die Hexenaura, finde ich, und ich mag Thea eigentlich nicht anrufen, um mit ihr zu reden. Sie scheint sehr geschäftstüchtig zu sein, vielleicht will sie noch Geld, wenn ich mit ihr rede, und ich muss bei ihrer Webseite an einen Gemischtwarenladen denken, vielleicht liegt das aber auch an dem Werbebanner dieser Kaffeefirma. Ich wende mich – mit einem kühlen Schauer, weil sie mir wohl böse sein wird – wieder den anderen Seiten der Hexen zu, die alle ohne Werbung, dafür aber mit viel Enthusiasmus daherkommen. All die obersten Google-Treffer stellen als erstes klar, dass sie zu den Guten gehören: Weiße Hexen sind sie, die Natur lieben sie, und sie sind weder alt noch warzig noch hakennasig. Kleine Kinder scheinen sie auch nicht zu essen.

Was ist mit den netten Treffen am Brocken oder anderswo, überlege ich, wo sie im Fernsehen gerne Bilder von entrückt tanzenden Menschen zeigen? Alexandra erklärt, dass sich immer mal jemand findet, der auf Anraten der Redaktionen nackt ums Feuer springt. Sie selbst lehnt Aufforderungen dieser Art grundsätzlich ab. Jede seriöse Hexe lehnt sowas ab, betont sie, und ich denke an die Massen fernsehbegeisterter Menschen, die alles tun, um vor eine Kamera zu kommen. Also sind die neuen Hexen ganz normal? Scheint so, nur, dass sie eben nicht ernst genommen werden, offiziell schon gar nicht. Die heidnische Wicca-Bewegung ist seit über zehn Jahren in den USA eine anerkannte Religionsgemeinschaft. Davon ist man in Deutschland noch weit entfernt. Aber das sollte Hexen wie Thea wiederum zuspielen: Wer will sich schon von einer offiziell anerkannten Glaubensgemeinschaftsvertreterin die Karten legen lassen? Das passt nicht, da fehlt der Reiz des Verruchten. Damit spielt Thea, sie gibt sich erotisch mit langen schwarzen Haaren in einem schwarzen, figurbetonten Gewand, und auch die anderen Hexen lassen den Sex-Appeal nicht außen vor: Weg von der hässlichen Alten, hin zur schönen Verführerin, und ach, da sind wir doch fast bei der psychoanalytischen Deutung verschiedener Frauenbilder, nicht wahr? Wie viele Sagen gibt es um die hübsche junge Frau, die den unbedarften Mann verführt, um dann plötzlich als altes Weib über ihn herzufallen? Ach, diese Männer und ihre Phantasien. Freud hätte seinen Spaß an dieser Entwicklung.

Geändert hat sich in Wirklichkeit an den Hexen wohl kaum etwas. Es gibt nach wie vor das gesamte Spektrum: Die weißen und die schwarzen Magier, die, die es jeden wissen lassen, und die, die sich im Hintergrund halten. Die, die mit der Brechstange missionieren wollen, und die, die einfach leben und leben lassen.

Und verfolgt wird auch weiter: Erst kürzlich wollte man eine schwangere Frau in Papua-Neuguinea an den Galgen hängen. Aber sie befreite sich, gebar ihr Kind und plauderte mit der Presse. Wenn vorher nicht schon eindeutig bewiesen war, dass es sich bei diesem Weib um eine Hexe handelte (ihr Nachbar war nämlich gestorben, ooh!), spätestens nach dieser Aktion war es unwiderlegbar. Oder wie jetzt?

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Von großen Momenten, dem Tod und dem Mädchen

Juli 25, 2008 · Kommentar schreiben

(erschienen in Level47, Berlin)

Schubert kennt man vom Namen her, Schumann auch. Nur wer wer ist, weiß man meistens nicht so genau. Bei mir hat’s auch etwas gedauert, was daran liegt, dass mein Klavierlehrer immer sagte: „Alles, was mit Schu anfängt, spielen wir nicht.“ Irgendwann hatte ich mich heimlich ein wenig informiert und wusste: Einer heißt Franz, der andere Robert. Schubert ist dreizehn Jahre vor Schumann geboren, nämlich 1797, und dazu noch in Wien, nicht in Zwickau. Schubert war nie verheiratet, Schumann schon, mit Clara, auf die er fürchterlich neidisch war, weil sie besser Klavierspielen konnte als er und – so munkelt man – auch besser komponieren. Angeblich hat er hin und wieder seinen Namen auf ihre Kompositionen geschrieben. Schubert hat so viel selbst komponiert, dass er gar keine Zeit gehabt hätte, seinen Namen noch woanders draufzuschreiben, außerdem hatte er keine Ehefrau, er zog den Verkehr mit Professionellen vor. Was noch? Ah, beide hatten Syphilis. Schubert wurde deshalb nur 31 Jahre alt, Schumann entschied sich für das volle Programm: nahm noch den Wahnsinn mit und starb mit 46 in der Nervenheilanstalt. Ein Freund von mir sagt immer: „Diese Syphilis ist ja eine ganz abscheuliche Krankheit. Sie hat viel zu lange gebraucht, um die beiden dahinzuraffen.“ Er muss einen ganz ähnlichen Klavierlehrer gehabt haben.

Dabei hat Franz Schubert einiges in Gang gebracht mit seinen über 600 Liedern (aha, jetzt wissen wir: Schubert ist der mit den Liedern, genau). Schubert hat nämlich die Gattung des Kunstlieds entstaubt, bevor sie jämmerlich unterging. Vor Schubert vertonten die Komponisten, darunter auch gängige wie Mozart und Beethoven, Gedichte, indem sie sie mit einer Art netten Begleitmusik unterlegten, Strophe für Strophe immer schön dasselbe. Schubert machte etwas anderes: Er komponierte die Lieder durch. Orientierte sich an der Stimmung des Gedichtes, begleitete den Text, ließ ihn mit der Musik verschmelzen. Vielleicht nicht in allen seiner vielen hundert Liedern, eine Menge kommt noch arg behäbig daher, und ganz ausgelassen hat er das Strophenlied nicht, aber – er hat etwas verändert. Ohne ihn wäre das Kunstlied verschmäht, vergessen, verschwunden. Ohne ihn wäre Hugo Wolf nicht soweit gegangen, wie er ging, und ohne ihn würde Rufus Wainwright ganz andere Songs schreiben. Wir müssen ihm also schon dankbar sein, auch wenn ich höre, wie mein Klavierlehrer mit den Zähnen knirscht und mir beleidigt den Rücken zukehrt.

Für zwei seiner Liederzyklen ist Schubert besonders bekannt: „Die schöne Müllerin“ und „Die Winterreise“. Beide gibt es als recht ordentliche Aufnahmen in jedem gut sortierten Supermarkt für 5,99. Es gibt noch den nicht vollendeten Zyklus „Schwanengesang“ oder den weniger populären „Das Fräulein vom See“, der auf Sir Walter Scotts „Lady of the Lake“ zurückgeht. Diese und anderen Lieder verstreuen sich auf deutlich teureren CDs, und die allermeisten sind, seien wir ehrlich, in Vergessenheit geraten. Nicht zuletzt, da seit Mitte des 20. Jahrhunderts in den Konzertsälen die Manie vorherrscht, vollständige Liederzyklen aufzuführen, um sie in ihrer Gänze zu begreifen, statt fröhlich durchmischte Liederabende zu geben. Da kann schon mal was untergehen.

Die Frage drängt sich auf, warum Schubert so versessen darauf schien, ein Gedicht nach dem nächsten zu vertonen. Auftragsarbeiten? Geld? Nein, er hatte vielmehr Schwierigkeiten, seine Lieder unterzubringen, damit sie verlegt wurden, und auch mit öffentlichen Aufführungen sah es nicht sonderlich rosig aus. Man riss sich nicht gerade um ihn. Am Ruhm kann es somit auch nicht gelegen haben. So denn mal ein Lied von ihm veröffentlicht wurde – meint: als Notenblatt gedruckt – bekam er zwar durchaus auch wohlmeinende Kritiken. Aber so richtig in Fahrt kam die Karriere nicht.

Dabei war Franz Schuberts musikalisches Talent früh entdeckt worden. Mit sechs lernte er Geige, mit sieben Orgel, seine Lehrer weinten vor Begeisterung über das Wunderkind. Mit elf war er einer der Sängerknaben im kaiserlichen Konvikt in Wien. Mit dreizehn komponierte er schon Klavierstücke und Streichquartette, um dann mit sechzehn die erste Symphonie zu schreiben. Salieri – man kennt ihn zu Unrecht aus dem „Amadeus“-Film als mäßig begabten Mozart-Neider – war einer von Schuberts Lehrern, und dem jungen Wiener wurde von allen Seiten immer wieder Großes vorhergesagt. Na gut, er war kein Mozart, der fing mit allem ja schon viel früher an. Aber er war auf einem guten Weg.

Dass die Zukunft nicht ganz so groß ausfiel, mag daran gelegen haben, dass er anfangs nicht selbst auftrat, nicht im großen Rahmen, nicht in den großen Konzertsälen. Wer Erfolg wollte, musste präsent sein, mit den richtigen Leuten zur richtigen Zeit die richtigen Verabredungen treffen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Schubert mied beispielsweise den Kontakt mit dem gefeierten Beethoven, obwohl dieser sich durchaus lobend über ihn äußerte. Hinzu kam der Geschmack des Wiener Publikums: Es verlangte nach großen Werken wie Symphonien und Sonaten. Lieder hatten den Beigeschmack des Volkstümlichen. Einerseits riefen Kritiker nach der Erneuerung des Liedes. Andererseits ist das Publikum im Allgemeinen träge und braucht ein paar Jahre für neue Hörgewohnheiten. Der junge Schubert spielte also seine Lieder im kleineren Zirkel vor Freunden, von denen dann einer dazu sang. Aus diesen kleinen Zusammenkünften entwickelten sich erst mit den Jahren größere Schubert-Abende, die sich mit der Zeit als so genannte „Schubertiaden“ durchsetzten und immer weitere Kreise zogen, bis ein gewisser Bekanntheitsgrad erreicht war.

Vom verkannten Genie kann daher nicht die Rede sein. Die Kritiker verschmähten ihn nicht bösartig, die Zuhörerschaft rannte auch nicht aus dem Raum. Es reichte nur eben nicht zum großen Star, wie Beethoven einer war, und Geld kam auch keins rein. Sollte er sich nun einen anständigen Beruf suchen, um seine Schulden zu begleichen? Oder weiter komponieren und an seinem Talent arbeiten, ohne zu wissen, wann und ob es sich je auszahlen würde? Künstlerdilemma, typisch noch dazu. Schubert entschied sich für die Variante: Geld von Freunden pumpen, es abends in den Wiener Kneipen versaufen, Kater ausschlafen, eine Runde komponieren und später dann in geselliger Runde die Neuschöpfungen zum Besten geben. Künstlerleben, ebenso typisch.

Die gesellige Runde setzte sich weniger aus anderen Musikern, sondern aus Literaturinteressierten zusammen. Junge Dichter, die Eigenes vortrugen oder frisch Erschienenes wie bereits Etabliertes diskutierten, darunter die üblichen Verdächtigen Goethe, Schiller, Heine, Scott und natürlich auch Wilhelm Müller, dessen Gedichte die Grundlage der beiden bekanntesten Schubert-Zyklen sind. Schubert nutzte die umfangreichen Bibliotheken seiner Freunde auf der Suche nach ihm noch unbekannter Lyrik als Inspiration für seine Kompositionen. In Schuberts Briefen ist klar zu lesen, wie sehr er an seinen Freunden hing, wie wichtig ihm diese Zusammenkünfte waren. Deshalb also die vielen Lieder? Vielleicht hatte er Angst vor Veränderungen dieses Rituals und schrieb immer wieder neue. Vielleicht wollte er sich selbst schulen bis zur Perfektion. Vielleicht machte es ihm auch einfach nur Spaß.

Als er anfing zu komponieren, suchte er sich gerne düstere Gedichte aus – über den Tod, über unerfüllte Sehnsüchte, über die Nacht und die Verzweiflung. Schillers „Leichenphantasie“ vertonte er 1811. Goethes „Erlkönig“ gehört zu seinen wichtigsten Liedern, die erste Fassung entstand 1815. Später wurde die Auswahl breiter, offener – und was die Qualität der Gedichte angeht deutlich streitbarer. Das Verhältnis schlechter zu guter Lyrik in Schuberts Liedwerk mag bei 5:1 liegen, aber wo soll man auch auf die Schnelle so viele herausragende Gedichte herbekommen? Entscheidend ist, dass sich Schubert mit jedem neuen Text zu verbessern suchte. Er schrieb, heißt es, seine Liedkompositionen in einem Rutsch auf, an guten Tagen schrieb er drei, fünf, acht Lieder hintereinander. Seine erste Fassung bedurfte selten einer Korrektur. Wenn sie ihm nicht gefiel, schrieb er gleich alles neu. Teils am selben Tag, teils Monate oder Jahre später. Zu denken, er hätte seine Lieder in einem Anfall von Intuition rasch niedergeschrieben, wäre irreführend. Schubert durchdachte jeden einzelnen Notenwert, wählte jede Tonart mit größter Sorgfalt. Die Qualität der zugrunde liegenden Lyrik muss deshalb unabhängig von der Musik gesehen werden. Der Popularität aber hilft ein guter Liedtext, der somit zum Auswahlkriterium wird. Denn wer will sich schon intensiv mit 600 Liedern beschäftigen?

Nun, einer hat es getan: Dietrich Fischer-Dieskau wurde mit Anfang zwanzig als Schubert-Interpret bekannt. Nachdem er die „Winterreise“ für den RIAS zum Besten gegeben hatte, wurde er gleich vom Fleck weg für die Berliner Oper engagiert. Und da ihm Schubert so viel Glück beschert hatte, blieb er ihm während seiner gesamten Gesangskarriere treu. Schubert und Fischer-Dieskau, das gehörte im 20. Jahrhundert irgendwie zusammen. Der Berliner Sänger hat wohl jedes einzelne Schubert-Lied schon gesungen.

So auch „Der Tod und das Mädchen“, eine der herausragenden Kompositionen. Herausragend im musikalischen Sinne, aber – offen gesagt – herausragend vor allem wegen des Titels. 1817 vertonte Schubert das gleichnamige Gedicht von Matthias Claudius:

Das Mädchen:

Vorüber! Ach vorüber!

Geh, wilder Knochenmann!

Ich bin noch jung, geh Lieber!

Und rühre mich nicht an.

Der Tod:

Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!

Bin Freund und komme nicht zu strafen.

Sei guten Muts! ich bin nicht wild,

Sollst sanft in meinen Armen schlafen!

Schubert mochte die Idee vom Tod als des Schlafes Bruder. Der Tod als Freund, der das Mädchen sanft in seine Arme nehmen will. Entsprechend komponierte er die zweite Strophe auch: ruhig, getragen, verführerisch fast in seiner Dunkelheit, hypnotisch in seiner kaum durchbrochenen Gesangsmonotonie. Das Mädchen hingegen hektisch, angstvoll, verzweifelt. Kaum schöpft sie Atem, und so lassen viele Sänger ihre Stimme in der letzten Zeile, „und rühre mich nicht an“, ersterben, bevor der Tod zu Wort kommt und das Lied nicht in wildem Entsetzen, sondern in bittersüßer Melancholie endet.

Auch ohne Kenntnis des Inhalts sehen wir vor unserem vom kollektiven Gedächtnis gespeisten inneren Auge das schöne junge Mädchen, natürlich von vornehmer Blässe trotz niederer Herkunft, und den bösen, kalten, unerbittlichen Sensenmann. Sex, Tragik, Schock, es ist alles in diesem Bild vereint. Schuberts Umsetzung erweitert es noch um den antiken Topos des sanften, ruhigen Todes. In einer Gesellschaft, in der das Sterben nicht mehr zum Leben gehört, weil es verdrängt wird, ist die Lesart dieses Liedes weit dramatischer, als sie es noch zu Schuberts Zeiten war, in der das Sterben zum Alltag gehörte: Von Schuberts vierzehn Geschwistern überlebten nur fünf. Die Lebenserwartung lag deutlich niedriger, und man starb an Krankheiten, die heute mit Penicillin in fünf Tagen geheilt sind. Die Todessehnsucht eines jeden jungen Menschen, der durch seine Pubertät stolpert, und die in der Lyrik allgegenwärtige Todesreflektion besonders der Romantiker mögen bei der Auswahl und Umsetzung dieses Gedichts eine weitere Rolle gespielt haben.

Aus dem musikalischen Thema der zweiten Strophe entwickelte Schubert sieben Jahre später, gerade an Syphilis erkrankt, das gleichnamige Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“, oft interpretiert als Meilenstein seiner kompositorischen Weiterentwicklung. Er suchte über diese Form seinen Weg zur symphonischen Dichtung, zu den großen Werken, die Ruhm und Reichtum versprachen. Schubert versuchte sich mit der ein oder anderen Oper, mit Singspielen, sechs lateinischen Messen, acht Symphonien (darunter die „Unvollendete“, Nr. 7) plus vier Symphoniefragmenten, neun Ouvertüren, 21 Sonaten (davon 12 vollendet), 15 Streichquartetten und zahlreichen weiteren Kammermusikwerken.

So recht konnte er aber nicht im symphonischen Bereich Fuß fassen. Zu liedhaft blieb die Struktur seiner Kompositionen in der großen Form, was sie zerstört. Die musikalische Tiefe erreichte er hier nur in seltenen Momenten, und das Publikum hatte keine Geduld, auf diese Momente zu warten, nicht, wenn es, sagen wir, Beethoven direkt vor der Haustür haben konnte.

Welche Kompositionen die Jahrhunderte überleben und welche in Vergessenheit geraten, hat nicht immer was mit Qualität zu tun. Das nachfolgende Publikum ist nicht unbedingt schlauer oder experimentierfreudiger oder geduldiger als das zeitgenössische. Es rennt seinen eigenen Moden hinterher. Warum sich die „Forelle“ sowohl in Lied als auch in Quintettform überlebt hat, liegt nicht wenig an der heiteren, einfachen, ja volkstümlichen Grundmelodie. Der „Erlkönig“ ist auch deshalb noch bekannt, weil es eine bekannte Goetheballade ist. Und „Der Tod und das Mädchen“ – da hilft der vielversprechende Titel, sowohl das Lied als auch das Violinquartett am Leben zu halten. „Der Tod und das Mädchen“ ist und war schon zuvor ein beliebtes, dankbares Motiv in allen Künsten. Es bedient schauerromantische Albträume, morbide Sehnsüchte, verleugnete Sensationslust. Das Motiv wird seine Kraft noch einige Jahrhunderte behalten, denn der Tod und die Angst davor bleiben ewiger Bestandteil unseres Lebens. Wie viele Jahrhunderte Schuberts Werke noch Bedeutung haben werden, lässt sich nicht beantworten, aber solange es Künstler wie Rufus Wainwright gibt, die sich die Inspiration für ihre Songs aus dem Wiener Liedkomponisten ziehen, müssen sich Schubertanhänger keine Sorgen machen, dass der gute Franz aus dem Focus verschwinden könnte.

Ich sehe meinen Klavierlehrer vor mir, wie er mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe schlägt. All die Jahre hat er sich mit mir abgemüht, um mir nicht nur das Klavierspiel, sondern auch so etwas wie Geschmack beizubringen, und nun falle ich ihm derart in den Rücken. Aber – was soll ich sagen? Er hatte seinen Momente, dieser Schubert, da hilft alles nicht.

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